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Sex

So sieht eine Abtreibung aus

Die Frau, die heimlich Fotos ihrer Abtreibung gemacht hat, sprach mit uns darüber, wie es ist, für etwas berühmt zu sein, das sonst ein Tabu ist.
12.7.12

Hättest du mich vorletzte Woche gefragt, wo man Fotos von einer Abtreibung herbekommt, wäre meine Antwort „keine Ahnung“ gewesen. Aber dann ging die Seite www.thisismyabortion.com online, auf der eine anonyme Frau mit ihrem Handy heimlich Fotos von ihrer Abtreibung machte. Kaum aufgetaucht, schlug die Sache im Internet große Wellen und war überall Thema, sei es auf Reddit, Twitter oder überall anders, wo Links geteilt werden. Die Frau, die sich „Jane Doe“ nennt, wurde plötzlich zu einer Berühmtheit und zum Motor der nie enden wollenden Abtreibungsdebatte. Sie hat einen Kommentar für den Guardian geschrieben und Interviewanfragen von wahrscheinlich sämtlichen Pressekanälen des Planeten abgegriffen, selbst das Wirtschaftsmagazin Business Insider war darunter. Ich hatte aber noch ein paar eigene Fragen an sie, also kontaktierte ich sie per E-Mail (sie gibt nämlich keine Telefoninterviews, weil sie um ihre Sicherheit besorgt ist). Sie sagte mir, dass sie fast schon schiele, weil sie die letzten Tage nur vorm Rechner gesessen hatte, trotzdem antwortete sie mir sofort.

VICE: Auf deiner Seite stellst du die Entscheidung, Fotos von deiner Abtreibung zu machen, so dar, als wäre es eine spontane Reaktion auf die Demonstranten gewesen, die draußen mit ihren schrecklichen Toter-Fötus-Schildern schwenkten. Stimmt das wirklich oder hast du dir schon vorher überlegt, das zu machen?
Jane Doe: Meine Entscheidung ist eindeutig als Antwort auf die Anti-Choice-Protestler vor der Klinik und ihre Banner mit toten Föten drauf zu verstehen. Die Bilder waren so extrem, explizit und grauenhaft. Ich hab das als eine so krasse Verletzung meines Rechts empfunden, meinen Frieden mit meiner persönlichen Entscheidung zu machen, und auch als Behinderung der Ärzte, die nur versuchen, ihren Job zu machen. Ich habe erst viel später entschieden, meine Fotos öffentlich zu machen. War es schwierig, die Abtreibung zu fotografieren?
Die Fotos zu machen und das geheim zu halten, war in der Tat schwierig. Ich habe um eine geringe Dosis Schmerzmittel gebeten, was den gesamte Prozess erschwert hat. Ich habe schon vorher Fotos vom Behandlungsraum gemacht, ein paar Fotos von dem eigentlichen Eingriff, aus dem Blickwinkel brustabwärts, und dann noch welche, nachdem der Eingriff abgeschlossen war. Die kann man auf thisismyabortion.com ansehen.

Ich hab sehr darauf geachtet, dass niemand vom Personal auf einem der Bilder zu sehen ist, aus Respekt vor ihrer Privatsphäre und zu ihrer Sicherheit. Ich hab die Kamera auch vor den Ärzten versteckt. Ich war nicht sicher, ob sie mir die Kamera abnehmen würden. Findest du, die Pro-Choice-Bewegung sollte sich mehr mit den Details des Eingriffs befassen als bisher? Ich glaube nicht, dass ich weiß, wie genau eine Abtreibung abläuft—es gibt diesbezüglich ein richtiges Vakuum, aber darum geht es ja.
Absolut. Ich finde, beide Parteien, Pro-Choice und Anti-Abortion, stehen in der Verantwortung, der Öffentlichkeit die Fakten zur Abtreibung auf eine faire und ausgeglichene Weise zu präsentieren. Die Leute brauchen den Zugang zu so viel Faktenwissen wie möglich, damit sie eine bewusste Wahl für ihren Körper treffen können und sich gut mit der Entscheidung fühlen. Niemand möchte gerne entscheiden, ob er eine Abtreibung machen lässt oder nicht. Aber wenn man es tut, dann muss die Möglichkeit bestehen, und diese Frauen und Männer müssen auf von einem medizinischen Standpunkt aus gut recherchierte Informationen zu den Pros und Kontras des Eingriffs Zugriff haben. Wie fühlt es sich an, für sowas eine Lanze zu brechen?
Es ist sehr anstrengend! Ich habe seit fast einer Woche nicht mehr in meinem eigentlichen Beruf gearbeitet. Ich habe kaum geschlafen und starre seit gefühlten 10 Millionen Stunden auf meinen Computer. Ich habe einen Tick im Auge bekommen und ernähre mich von Fertiggerichten. Aber davon abgesehen ist es mir eine Ehre und gibt mir auch ein Gefühl von Macht. Welche Reaktionen hast du bisher bekommen?
Was Mails und Kommentare angeht, waren die Reaktionen bisher gemischt, wie du dir denken kannst. Aber alles in allem überwiegen die Dankesbriefe und Unterstützerschreiben verglichen mit den negativen Reaktionen. Während des Projekts haben ich wunderbare, ehrliche E-Mails von Männern und Frauen aus aller Welt bekommen, die mit mir ihre ganz persönlichen Geschichten über Schwangerschaft, Abtreibung, Vergewaltigung , Schändung, Elternschaft und so weiter geteilt haben. Es ist, als hätte die Öffentlichkeit nur darauf gewartet, einen Ort zu haben, an dem solche Dinge geteilt werden können und man mit Gleichgesinnten in Kontakt treten kann. Abtreibungen sind ein solches Tabu, dass viele Leute gar nicht in der Lage waren, sich zusammenzuschließen und auszutauschen. Es ist ziemlich traurig, diese Isolation zu erleben.

War die Aufmerksamkeit in erste Linie positiv?
Übers Wochenende wurde ein Artikel auf der Startseite von catholic.org und ein paar scheinbar gut besuchten Pro-Life-Blogs veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt tauchten die Mails von radikalen Christen und auch Hassmails auf. Ich habe einen Kommentar auf der Seite gehabt, der sich auf die Seite thisismyabortion.org bezog. Ich hatte das Bedürfnis, das in den Kommentaren zu teilen: „Hallo zusammen, ich habe viele solcher Kommentare in den letzten 24 Stunden erhalten, was keine große Überraschung ist: ‚DU BIST JÄMMERLICH; ZU SCHADE, DASS DEINE MUTTER DICH NICHT ABGETRIEBEN HAT, DANN KÖNNTEST DU JETZT NICHT DIESE JUNGEN MÄDCHEN DAZU BRINGEN, ÜBER EINE ABTREIBUNG NACHZUDENKEN … ‘ Und diesen hier: ‚Du bist eine kranke, kranke Schlampe.‘ Und viele in diesem Ton: ‚Vielleicht weißt du nicht, dass es Gott gibt oder dass Abtreibung eine Sünde ist? Ich bete für dich!‘ Ich denke zwar, dass jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat, aber das ist kein öffentliches Forum, in dem Platz ist für Hass, das Einflößen von Angst oder die Darstellung von Fanatismus. Meine Absicht ist, mit dieser Seite einen sicheren Raum zu bieten. Kommentare wie diese haben in den Konversationen keine Platz.
Thisismyabortion.com wurde ins Leben gerufen, um eine informative und lehrreiche Perspektive darauf zu bieten, wie eine Abtreibung aussehen kann, und um den allgemein bekannten Bildern von toten Föten etwas entgegen zusetzten. Hassmails jeglicher Art und Variationen der oben gezeigten Beiträge haben auf Websites wie thisismyabortion.org ihren Platz. Diese bieten andere Perspektiven auf die Abtreibungsthematik und eigenen sich besser für Meinungen dieser Art. Es sieht so aus, als würde die Seite E-Mails annehmen, aber keine öffentlichen Kommentare.“ Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es mir ist, dass die Seite ein sicherer Ort bleibt, an dem Männer und Frauen ihre Geschichten teilen können, ohne sich verurteilt oder verdammt zu fühlen. Selbst zu hören, dass jemand „für mich betet“, ist in diesem Kontext erniedrigend und bedrohlich. Es gibt da draußen schon genug Hass und Panikmache, die den Leuten entgegen schlagen. Glaubst du, es gibt einen Weg, die Leute, die vor Abtreibungskliniken protestieren, davon zu überzeugen, dass das, was sie tun, falsch ist? Oder ist das ein Thema, das für eine permanente Spaltung in den USA sorgen wird?
Ich denke, dass Menschenrechte institutionalisiert werden müssen, bevor sie akzeptiert und beachtet werden. Der Gesetzgeber muss eingreifen und ein Gesetz verabschieden, das die Rechte der Frau schützt, die Wahl zu haben, und das Kliniken zu sicheren Orten macht. Es muss Gesetze geben, die regulieren, in welchem Radius um die Kliniken Demos stattfinden dürfen. Alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Ich habe eine E-Mail von einer katholischen Frau bekommen, die mir sagte, sie persönlich sei Pro-Life, aber jeder solle die Wahl haben. Sie verurteilt niemanden oder will anderen ihre Entscheidung diktieren. Sie wollte mir sagen, wie sehr sie sich für ihre Gemeinde, und wie diese andere behandelt, schämt. Sie lebt in Frieden in Gemeinschaft mir ihrem Gott und verspürt nicht den Drang, Anderen ihre Werte und ihren Glauben aufzuzwingen. Sie war sehr inspirierend, weil sie mir gezeigt hat, wie man gleichzeitig mit seiner eigenen Wahl und der Wahl Anderer in Frieden leben kann. Wir leben in einem Land, das reich ist an religiöser Vielfalt. Es gibt viele Beispiele dafür, wie Menschen mit ihrem Glauben verbunden sein können. Ich glaube, dass wir eine echte Veränderung herbeiführen können, wenn Leute aller Glaubensrichtungen zusammenkommen und die Rechte der Frau als Menschenrechte unterstützen. Letzten Endes ist die Möglichkeit, einen Glauben frei zu wählen, dasselbe wie das Recht eines Menschen, frei zu bestimmten, was mit seinem oder ihrem Körper geschieht.