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The Issue That Cares

Die Geschichte hinter dem Happy-Holocaust-Grill

Eine Exkursion dorthin, wo die NPD gerade mit sechs Prozent in den Landtag eingezogen ist.
4.10.11

NPD-Landesvorsitzender von Mecklenburg-Vorpommern Stefan Köster und Betreiber des rechten Infoportals MUPInfo David Petereit vor dem Thinghaus in Grevesmühlen Die kleine Siedlung Jamel in Mecklenburg-Vorpommern liegt ziemlich genau zwischen Lübeck und Rostock und hat seit den 90ern immer wieder eher rechts gesinnte Zeitgenossen angezogen. Abrissunternehmer Sven Krüger, der momentan wegen Hehlerei und unerlaubtem Waffenbesitz im Knast sitzt, scharrte Gleichgesinnte um sich und tat gleichzeitig sein Bestes, diejenigen zu vertreiben, die nicht so viel Freude daran hatten, den Weg zu Hitlers Geburtsort auszuschildern. Krüger wollte aber nicht nur die perfekte Nazi-Utopie aufbauen, sondern hat sich auch in der Lokalpolitik engagiert, indem er auf dem Gelände seines Abrissunternehmens in Grevesmühlen ein Bürgerbüro der NPD einquartierte. Spätestens als er das Gebäude mit der alten schwarz-weiß-roten Flagge und seinem Firmenlogo dekorierte, das so aussieht, als würde ein Davidstern von einem Bauarbeiter zertrümmert, dürften die letzten Zweifel bezüglich seiner Ansichten verpufft sein. Gerüchte über Kinder, die Fremde mit „Heil Hitler“ grüßen, und die systematische Einschüchterung der nicht rechten Einwohner von Jamel verhalfen der kleinen Enklave zu landesweiter Medienpräsenz. Gerüchte hin oder her, die Berichte lenken aus gutem Grund unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass rechte Ideologien und ihre Verbreitung beziehungsweise Förderung in Deutschland noch längst nicht der Vergangenheit angehören, vor allem nicht in den neuen Bundesländern. Als ich das angebliche Nazidorf Jamel sah, war ich irgendwie enttäuscht. Eine kleine Siedlung bestehend aus acht Häusern, die entlang eines nicht mal geteerten Rundweges gebaut sind, den du in weniger als sechs Minuten umrundet hast. Keine ordentlichen Vorgärten. Keine deutschen Flaggen. Keine Bordsteine, in die man Einbrecher hineinbeißen lassen könnte. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass dieses Dorf das Zuhause von 37 Menschen ist, von denen weit über die Hälfte eine rechte Gesinnung teilen, Spaß haben an Wandgemälden, die so wirken, als würden sie gerade so an der Grenze zur Verfassungswidrigkeit liegen, und zudem mit ultra-rechter Gewalt in den frühen 90ern in Verbindung gebracht werden, hätte das Dorf ziemlich idyllisch und friedlich auf mich gewirkt. Uwe Wandel, der Bürgermeister von Grevesmühlen, drehte eine Runde mit uns. Ich fragte ihn nach Fällen von rechter Gewalt und er sprach von den frühen 90ern. Das war lange bevor die Lohmeyers auf die Presse zugingen, von ihren Neonazi-Nachbarn erzählten und quasi über Nacht zum Vorzeigepaar des Widerstands gegen Rechts wurden. Sie gewannen damit nicht nur dieses Jahr den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage, sondern auch staatliche Unterstützung für ihr Musikfestival, das sich offiziell der „Toleranz und Demokratie“ verschrieben hat. Dieser Grill mit der Inschrift „HAPPY HOLOCAUST“ steht im Hinterhof des Thinghauses, bewacht von zwei kaukasischen Schäferhunden. In letzter Zeit aber ist das Schlimmste, was hier passiert, vor allem die Umweltverschmutzung durch eine illegale Bauschuttdeponie. Laut Wandel ist das besonders frustrierend, weil alle wissen, wer dafür verantwortlich ist, aber völlig ahnungslos tun und man somit niemanden dafür belangen kann. „Wenn man mal sieht, was Sven Krüger mit seinem Abrissunternehmen aus diesem Ort gemacht hat. Wenn man in das Gutshaus geht, die Bauschuttdeponie die da angelegt wurde … Die wissen ganz genau, wer das hingeschüttet hat, da waren sie alle mit dabei“, stellt er hilflos fest. Den eventuellen Zusammenhang zwischen Abrissunternehmen und Bauschuttdeponie traut sich aber niemand direkt anzusprechen. „Man löst das Problem Rechts nicht von heute auf morgen, das ist ein langwieriger Prozess. Und man wird es nie ganz lösen, weil es immer Menschen geben wird, die diesem Gedankengut anhängen, ich hab da auch nichts dagegen. Das ist immer die Frage des Andersdenkenden. Warum soll nur meine Freiheit gelten? Auch der hat das Recht. Solange die sich im Rahmen des Gesetzes bewegen, können sie machen, was sie wollen, aber sobald sie diesen Rahmen überschreiten, da muss der Staat und da muss die Öffentlichkeit einschreiten und das hat über Jahre nicht funktioniert. Es ist eine positive Entwicklung, dass das im Moment zumindest anders ist“, sagt Wandel, bevor er spezieller auf Krügers Einfluss zu sprechen kommt. Krügers Familie war schon immer rechts und sie machten sich die allgemeine Verwirrung der Jahre nach der Wende zu nutze, um Verbindungen zu anderen Gleichgesinnten zu knüpfen. Jamel bot sich durch seine überschaubare Größe und abgelegene Lage an, um hier eine Gemeinschaft nach ihrem Geschmack aufzubauen. Ihre Absichten? „Den deutschen Staat abschaffen, die Bundesrepublik abschaffen. Das Dritte Reich errichten“, sagt Wandel. Wenn man sich auf der Homepage von MUPinfo umschaut, einem ortsansässigen NPD-verbundenen Infoportal, findet man dort den „gleichen Rassenhass und Rassenwahn wie ’33“, ergänzt er. Wahlerfolge der NPD korrelieren zwar oft mit hohen Arbeitslosenquoten, aber, gibt er etwas ratlos zu, „da muss man sich ja nur einige Burschenschaften und die studentischen Bewegungen anschauen, es sind nicht alle arm und alle ungebildet, die einem ähnlichen Gedankengut nachhängen. Also damit allein können wir es nicht erklären.“ Dieses Spielpolizeiauto steht in Jamel und stellt einen von zwei Spielplätzen für die zehn Kinder im Dorf dar, von denen uns, während wir dort waren, keines mit „Heil Hitler“ begrüßt hat. Mein nächster Termin war in Grevesmühlen in nur knapp 300 Meter Entfernung zu Uwe Wandels Mercedes-Autohaus, und zwar in Sven Krügers „Thinghaus“, in dem das Thing für die germanische „Volksversammlung“ stehen soll. Laut MUPinfo soll das Thinghaus auch ein „Hort der Freiheit“ sein, den meisten deutschen Medien zufolge erinnert es aber optisch eher an ein KZ. Die folgenden zwei Stunden waren die direkteste Erfahrung mit Rassisten, die ich bis zu diesem Tag gemacht hatte. Ich war froh, dass ich bei der Begrüßung meinen Nachnamen genuschelt und nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf meine polnische Herkunft gelenkt hatte. Mit David Petereit, dem Betreiber von MUPinfo, und Stefan Köster, dem NPD-Landesvorsitzenden, zu sprechen, war in etwa genauso schockierend wie der Blick über den Zaun auf der Rückseite des Thinghauses, wo ein Grill mit der Inschrift „HAPPY HOLOCAUST“ stand. Petereit war oberflächlich freundlich und versuchte irgendwie so etwas wie Nähe aufzubauen, weil wir ja schließlich beide etwas mit Medien machen. Köster erinnerte mich an Sigmar Polke, nur in böse. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch seine Version eines Vorfalls, bei dem er auf eine am Boden liegende Frau eintrat. Seiner Meinung nach war sie vermummt und „als Frau nicht zu erkennen“. Ihr findet online ein Video davon, wenn ihr euch selbst ein Bild machen wollt. Beide denken jedenfalls, dass eine gigantische demografische Katastrophe auf uns zurollt, in der Migranten das gute deutsche Volk verdrängen werden, und dass es doch viel besser für alle wäre, wenn alle in ihren eigenen Ländern bleiben und na ja, der Begriff Gastarbeiter schließlich auch impliziere, dass Gäste „irgendwann wieder gehen sollten“. Ich wollte wissen, wen sie eigentlich so hassen, angesichts des eher irrelevanten Migrantenanteils von gerade mal zwei Prozent in dieser Gegend. „Leipzig soll mittlerweile einen Ausländeranteil von über acht Prozent haben. Das sind Entwicklungen, die irgendwann auch hier ankommen werden, und wir wollen das nicht. Das hat nichts mit den Ausländern zu tun, dass wir die hassen. Die Großstädte zeigen es uns ja, dass das gesamte Sozialgefüge total durcheinander gewirbelt wird. Ich möchte nicht, dass Jugendliche auf Bahnhöfen abgestochen werden. Das ist in Hamburg fast tagtäglich so und das möchte ich auch nicht. Vielleicht sind wir hier sehr vorausschauend“, sagt Köster. Dieses Wandgemälde ist das Wahrzeichen von Jamel und zeigt das rechte Ideal der guten deutschen Familie mit drei Kindern, sowie das Motto von Jamel: frei—sozial—national. Vielleicht ist eben jener „vorausschauende“ Charakter der Grund dafür, dass die NPD sich nicht nur bei Arbeitslosen beliebt macht, indem sie ihnen bei Bürokratiekram und rechtlichen Problemen zur Seite steht—man könnte auch sagen, sie so geschickt zur Wahlurne lockt—sondern auch ziemlich viel Mühe in die Rekrutierung von Jugendlichen und sogar Kindern steckt. Die Bandbreite reicht dabei von Broschüren mit niedlichen Cartoon-Fischen bis hin zu Schulhof-CDs. Letztere wurden neulich erst verboten, was Petereit völlig ungerechtfertigt fand. Seiner Meinung nach war es schließlich wahnsinnig weit hergeholt, das Textstellen wie „Stiefel hallen durch Berlin“ sich auf die SS beziehen sollen und stattdessen auf alles und jeden anspielen könnten, von Napoleon über die Russen bis zur NVA. Im Vergleich mit dem NPD-Bürgerbüro wirkte Jamel, dessen Einwohner sich nicht groß für den Rest der Welt zu interessieren scheinen, also ziemlich harmlos. Gabriele Hünmörder leitet den örtlichen Jugendclub und hat schon vor der Wende mit Jugendlichen in dieser Gegend gearbeitet. Sie hat alles gesehen, von der massiven Neonazi-Welle der 90er bis hin zum Abflachen des Ganzen, was bei den meisten einfach damit zusammenhing, dass sie Beziehungen eingingen oder Familien gründeten und das Interesse an der rechten Szene verloren. Sogar Sven Krüger, die treibende Kraft hinter der Jamel-Utopie, ist ihrer Meinung nach ein ziemlich gutes Beispiel für dieses Phänomen, bei dem persönlicher Frust sich politisch entlädt: „Sven Krüger kommt wiederum auch nach seinem Vater, der hat mehr Schläge gekriegt als zu essen. Der wurde mit der Peitsche gedrillt. Irgendwo ist es immer die Familie oder die Ersatzfamilie“, sagt Hünmörder. Trotz der Bemühungen der Bewohner von Jamel, so weit es geht, unter sich zu bleiben, mischen sich die beiden Kinder von Sven Krüger gelegentlich unter die anderen Kinder aus der Umgebung und Hünmörder denkt, dass es wichtig ist, sie mit einzubinden. Manche Kindergärten weigern sich, Kinder mit Hintergründen wie in Jamel aufzunehmen, aber Hünmörder meint, dass so etwas genau wie Verbote nur den falschen Effekt habe. Stattdessen sollten gerade diese Kinder in die Gemeinschaft integriert werden und es sei wichtig, ihnen Alternativen zu zeigen zu dem, was sie zu Hause erleben. Auf der Rückseite des Thinghauses schirmt ein Palisadenzaun mit Wachturm und gehisster Reichsflagge den „HAPPY HOLOCAUST“-Grill vor neugierigen Blicken der Passanten. Während wir in ihrem mit indianischer Kunst tapezierten Büro saßen, kamen zwei „ihrer Kinder“, die jetzt junge Erwachsene sind. Der ältere von beiden gehörte früher zur Wiking-Jugend, flüsterte sie uns zu, als sie uns herumführte und das Gebäude zeigte. Sie erzählte, dass er mit der Szene gebrochen hat, die ihm als Gegenleistung den Kiefer gebrochen hat. Während seiner Zeit in der Wiking-Jugend trainierte er Kinder aus der Gegend im Gehorsam, was in etwa heißt, dass er immer eine kleine Gruppe höflicher kleiner Anhänger um sich scharrte, die seine Tasche trugen und auf Befehl stillstehen konnten. Das Ganze dürfte ein weiteres Beispiel dafür sein, dass diese Kinder keine Mini-Neonazis waren, sondern einfach nur nach irgendjemanden gesucht haben, der ihnen sagt, was sie machen sollen in der orientierungslosen Nachwendezeit. „Das ist wie in Sekten. Die haben eine Strategie, die können das“, sagt Hünmörder. Zu ihrer eigenen Überraschung ist die rechte Szene in den letzten Jahren geschickter geworden und hat die alte Springerstiefel-und-Skinhead-Ästhetik längst an den Nagel gehängt, zugunsten von wesentlich attraktiveren Kultfiguren wie Che Guevara und Dolores Ibárruri. Das heißt, sie benutzen für rechte Propagandazwecke mittlerweile so ziemlich die gleichen Sprüche, wie man sie in Berlin eher auf Bannern von Antifaschisten sieht, zum Beispiel „Lieber stehend sterben, als auf Knien leben.“ Auch wenn Jamel also ein abgelegener Ort ist, der sich gut für Versammlungen eignet, ist die rechte Szene weit darüber hinaus aktiv und weiß ganz genau, mit welchen Botschaften sie auf Wählerfang gehen muss, sei es mit „härteren Strafen für Kinderschänder“ bei Eltern und Großeltern oder „der Abschaffung des Euro“ bei all denen, die ihre persönliche finanzielle Situation gerne auf die schwächeren Staaten im Euro-Verbund schieben. Fotos von Martin Fengel