Der Opferhund

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Der Opferhund

Wir besuchten eine Chihuahua-Zucht in Brandenburg und erfuhren dabei, dass Nuttenhamster zum Größenwahnsinn neigen und sogar auf Rottweiler losgehen.
3.10.12

Seit sechs Jahren betreiben Tina und Jörg Rosen schon ihre Chihuahua-Zucht in Brandenburg: „Es ist wie eine Sucht“, sagt Tina über ihre Liebe zu den Hunden. Leben kann sie nicht davon, obwohl ein Welpe locker um die 700 Euro kostet. Und dann kommt ja noch das Futter dazu. Rosens Chihuahuas bekommen wie echte Wölfe, von denen sie ja irgendwie abstammen, rohes Fleisch. Dazu gibt es Buttermilch, Magerquark, geraspelte Möhre, Apfel, Walnuss- und Leinöl. Chihuahuas haben einen sehr hohen Energieverbrauch, dazu Tina: „Was die oben reinstecken, kommt unten zeitnah wieder raus.“ Chihuahuas neigen zum Größenwahnsinn und gehen sogar auf Rottweiler los, wenn das Rudel bedroht ist. Das letzte Mal, dass Rosens so etwas passiert ist? „Tagtäglich, wenn Fremde am Zaun sind. Die gehen ab wie Glenn. Er stammt ja genauso vom Wolf ab wie alle anderen Hunde.“ Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Im Internet steht, dass der Chihuahua vermutlich ein Opferhund war und auf dem Speiseplan irgendwelcher verrückter Hundegourmets stand. Selbst Tina gibt zu, dass sie sich vorstellen kann, dass der Chihuahua aus der Pfanne lecker war. Irgendwie liegt es ja nahe, kleine Tiere zu essen, die sich nicht wehren können. Ich bin mir sicher, dass es auch genau dieses arrogante Überlegenheitsgefühl ist, das Menschen dazu bringt, Chihuahuas „Ratten“ zu nennen: „Ach, behaarte Roulade, Nuttenhamster, Trethupe, Bachstelze, ist mir Latte. Muschilecker—die Schiene find ich voll ätzend.“ Tina findet, dass der Chihuahua eher als Therapiehund geeignet ist: „Gerade so im Hospiz für sterbende Kinder oder gebrechliche, ältere Menschen ist das natürlich eine andere Nummer, als wenn da so ein Golden Retriever von 30 Kilo ins Bett gepackt wird.“ Tina hat mir versichert, dass der Wurf inzuchtfrei ist. Es ist ja bekanntermaßen auch nicht förderlich für die Gesundheit der Hunde. Wenn ein Chihuahua dann doch einmal anfällig sein sollte, sind Probleme an den Kniescheiben typisch. Tina: „Stufe eins ist noch Kinderkacke. Dann gibt‘s Stufe zwei und drei, dann muss man schon operieren.“ Ich spielte nach diesem wundervollen Besuch ganz kurz mit dem Gedanken, mir selbst einen Chihuahua zuzulegen, doch irgendwie wurmte mich die Sorge um die Gesundheit meines potenziellen Zuckerstückchens. Also habe ich mit Dr. Bonhuis, einem Tierarzt gesprochen. VICE: Wirkt sich die kleine Größe des Chihuahuas negativ auf seine Gesundheit aus?
Dr. Bonhuis: Sicherlich, ja klar, das sind dann eben die genetischen Mängel. Erstmal das ganz Allgemeine, was die kleinen Rassen haben, und dann gibt es beim Chihuahua noch andere Krankheiten, für die sie besonders anfällig sind. Welche denn?
Beim Herz-Kreislauf-System haben wir einen persistierenden Ductus arteriosus [Verbindung zwischen Hauptschlagader und Lungenarterie schließt sich nicht nach Geburt]. Dann sind sie anfällig für eine chronische Herzschwäche, eine Klappenerkrankung. Dann Pulmonalstenose, dass die Arterie vom Herz zur Lunge zu eng ist. Knochen natürlich: Durch dieses Kleinzüchten tritt es mal auf, dass die Speiche beim Hund nicht vollständig angelegt ist oder dass am Ellenbogen das Gelenk zu schwach ausgebildet ist, sodass es da zu Verstauchungen kommt und zu Luxationen [Ausrenkungen]. Die Kleinen haben Partella Luxation, da sitzt die Kniescheibe nicht ordentlich fest. Es ist genauso bekannt, dass es zu schwach ausgebildeten Schultergelenken kommt. Der Hydrocephalus [Wasserkopf] kommt vor. Augenerkrankungen, dass das Auge weit vortritt. Das führt oft auch zum Glaukom [grüner Star] oder auch dazu, dass die Linse aus ihrer Halterung gerissen wird, wenn sie mal einen kleinen Unfall haben. Dann kann es sein, dass sie eine Fontanelle haben, dass die Schädelknochen nicht vollständig angelegt sind und das Gehirn also nicht völlig geschützt ist. Eine kollabierende Luftröhre bei Chihuahuas, das ist aber grundsätzlich bei den Kleinen so. Gebissanomalien, dadurch können Zähne fehlen oder nicht in einer Reihe stehen. Die Verbindung zwischen Augen und Nase, wo die Tränenflüssigkeit durchfließt, ist infolgedessen nicht richtig angelegt. Durch das Kurzzüchten der Nase fließen die Tränen nicht durch den Gang ab, sondern das läuft über das Auge außen entlang, das kann zu Hautreizungen führen. Das klingt ja, als wären Sie nicht der größte Chihuahua-Fan.
Ich bin kein Fan von kleinen Rassen. Sind alle Chihuahuas überzüchtet?
Grundsätzlich ist so eine Zucht nicht „normal“. Es wird auf die Größe gezüchtet, man achtet nicht darauf, dass andere Organe auch geschädigt werden. Das Internet sagt, dass auch Tiere bis 500 Gramm gezüchtet werden, ist das nicht Tierquälerei?
Das würde sicherlich schon in Richtung Qualzucht gehen, ja. Aber man kann nicht sagen, dass das Züchten von Chihuahuas generell unter Qualzucht fällt?
Nein, aber Extremzucht sicherlich. Wie sieht denn ein total überzüchteter Chihuahua im Vergleich zu einem „normalen“ aus?
Man wird nie einen sehen, der alles hat. Das Auffälligste sind Schädelmissbildungen, die kurze Schnauze. Das Rückenmark kann im oberen Bereich freiliegen. Das passiert dann, wenn man sagt: Der soll beige sein und so und so groß sein und der Rest ist dann nicht so wichtig. Welche Rolle spielt Inzucht bei der Chihuahua-Zucht?
Das ist ein grundsätzliches Problem. Züchter vom Zuchtverband werden drauf achten, dass das nicht passiert. Jeder, der einen Chihuahua ohne Papiere kauft, riskiert das. Hm. Das klingt nicht so, als wenn es eine gute Idee ist, sich einen Chihuahua zu kaufen.
Ich würde mir keinen Chihuahua kaufen, generell keinen kleinen Hund. Ich würde mir auch keinen Hund kaufen, der 60, 70, 80 Kilo wiegt. Das Risiko, dass es zu Fehlern in der Zucht kommt, ist zu groß. Alles, was extrem ist, ist für genetische Fehler prädestiniert. Es gibt auch gesunde Chihuahuas, aber es sind viel weniger als bei Hunden in einer Standardgröße.