Die Rebellion in Cherán, Mexico

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Die Rebellion in Cherán, Mexico

Vor etwa einem Jahr erhoben sich die Einwohner von Cherán in einer bewaffneten Rebellion und schmissen die Holzfäller, die Kartelle und die korrupte Lokalregierung raus.
26.7.12

Cherán ist eine mexikanische Stadt mit 16.000 indigenen Purépecha im westlichen Bundesstaat Michoacán, etwa 300 km entfernt von Mexico City. Jahrelang haben illegale Holzarbeiter, von Bewaffneten des Drogenkartells geschützt, die Wälder der Region verwüstet und einige Städter ermordet. Als die Bewohner von Cherán ihre Kommunal-, Landes- und Bundesbehörden um Hilfe baten, taten diese nichts, sodass die Gemeinde die Gerechtigkeit selbst in die Hand nahm. Vor etwa einem Jahr erhoben sich die Einwohner von Cherán in einer bewaffneten Rebellion und schmissen die Holzfäller, die Kartelle und die korrupte Lokalregierung raus. Seitdem haben sie eine auf traditionellen Bräuchen basierende Selbstregierung eingesetzt. Sie verteidigen die Grenzen der Stadt mit Gemeinde-Patrouillen. Heute gibt es in Cherán keine politischen Kampagnen, keine Stimmzettel, keine politischen Parteien, keine Wahlen und keinen Alkohol. Isoliert inmitten der regnerischen, kalten Michoacán-Wälder wird es nachts um Cheráns Barrikaden heiß. Die Feuer sind Treffpunkte für die Bürgerinnen und Bürger, um sich zu organisieren und sich selbst zu regieren. Während der letzten Reise zur rebellierenden Gemeinde sprach VICE Mexiko mit Serafin, einem jungen Purépecha-Fotografen, der die letzten Jahre damit verbracht hat, über den Konflikt zu berichten:

VICE: Wo kommst du her?
Juan Jose: Mein Name ist Juan Jose Estrada Serafin. Ich bin aus der Gemeinde Turicuaro und ich bin Korrespondent der Zeitung El Cambio de Michoacán [Die Veränderung von Michoacán]. Ich berichte aus drei Gemeinden: Paracho, Cherán und Nahuatzen. Welchen Eindruck hat der Aufstand auf dich gemacht?
Andere Gemeinden wie Sevina und Turicuaro haben ihre Wälder wie Cherán verteidigt, aber der Konflikt in Cherán war wegen der Anwesenheit des organisierten Verbrechens anders. Es ist ähnlich wie bei Comachuen und Sevina. Sevina beschuldigte Comachuen, illegal ihren Wald abzuholzen. In Wirklichkeit haben die Leute den Nachbarwald abgeholzt, weil sie keine Ressourcen mehr hatten. Wie hast du dich dem Fotografieren von Cherán angenähert?
Ich hatte schon immer ein Interesse an dieser Art von Konflikten, also hat Cherán natürlich meine Aufmerksamkeit erregt. Aber am Anfang war es sehr schwer, Zugang zu der Gemeinde zu gewinnen. Am dritten Tag des Konflikts gelang es mir, mich in die Gemeinde zu schleichen. Alles passierte sehr schnell und unter großer Anspannung. Ich schickte der Zeitung, für die ich arbeitete, ein paar Bilder, aber sie sagten mir, sie seien zu schockierend und könnten nicht veröffentlicht werden. Sie beschwerten sich, dass die Bilder zu drastisch seien: Typen mit Macheten, die Lastwagen am Straßenrand anhalten, aber es war genau das, was meine Kamera festhielt. Danach bekam ich einen Kontakt, der mir half, mich mit den an der Bewegung beteiligten Leuten vertraut zu machen, sodass ich mehr Bilder machen konnte. Ich traf dort ein paar alte Leute und sie begannen, mir Fragen im Purépecha-Dialekt zu stellen. Als ich antwortete, sagte sie: „Ja, er kann Purépecha und hat einen guten Akzent.“ Danach ging ich hinauf in den Wald, um zu sehen, was los war. Der Wald war zerstört. Ich ging mit einer Brigade von etwa 70 bewaffneten Leuten hinauf. Mit meinen Bildern hatten sie einiges an Material, um den Behörden zu zeigen, was in ihrer Stadt los war. Ich sagte den Einheimischen, sie bräuchten irgendeine Art eigener Medien, weil mir nach dem Lesen der anderen Zeitung klar wurde, wie falsch informiert alle über die Situation waren. Durch die Hilfe eines Freundes wurde eine Webseite namens micheran.com ins Leben gerufen, die schließlich aufgrund fehlender finanzieller Mittel geschlossen wurde.

Du sagst, es kam zu Fehlinformationen auf Seiten einiger Mainstream-Medien. Was haben sie geschrieben?
Über das Ganze wurde berichtet, als ob es sich um ein internes Problem handele und einige Regierungsbeamte begannen, über das Thema zu reden, als ob es nicht um ein Abholzungsproblem ginge. Mit der Zeit begriffen sie, dass es ein riesiges Problem mit den Kartellen und der Abforstung gab. Die verursachten Schäden wurden offensichtlich. Auf dem Weg von Cherán nach Carapan konnte man am helllichten Tage illegale Holzfäller bei der Arbeit sehen. Wurdest du also im Nachhinein Teil der Bewegung, die du dokumentiert hast?
Ich war definitiv involviert. In gewisser Weise half ich den Menschen, indem ich ihnen Ideen und Ratschläge dazu gab, was getan werden könnte. Ich studiere jetzt interkulturelle Kommunikation und wir sehen uns diesen Fall nun von einem akademischen Standpunkt aus an. Ich bin Purépecha und ich weiß, dass unsere Botschaft niemals als relevant betrachtet werden wird, wenn wir keinen Platz haben, um uns auszudrücken. Meiner Meinung nach ist es wichtig für uns, unsere eigenen Medien zu haben, damit wir unsere eigene Stimme haben. In diesem Land gibt es viele Kommunikationskanäle, aber wer hat die Stimme? Politiker sind es, die dafür bezahlen. Wir als Eingeborene sollten unsere eigenen Medien haben, damit wir alle informieren können; von innen, über das, was vor sich geht, was wir tun.

Funktioniert die autonome Form der Regierung in Cherán?
Nun ja, es funktioniert. Jeder in der Gemeinschaft ist beteiligt, anstatt dass nur ein paar Menschen all die Gespräche führen. Vom Lagerfeuer und von den Straßenecken teilen ganze Familien ihre Meinungen dazu mit, wie alles laufen sollte. Diese Ideen erreichen die Gemeindeversammlungen, wo die allgemeinen Vereinbarungen getroffen werden. Jede Kommission trifft Entscheidungen, um zu sehen, was in ihren eigenen Gebieten durchgeführt werden soll, aber die allgemeinen Entscheidungen werden in den Gemeindeversammlungen getroffen. Die Gemeindeversammlung ist das oberste Organ. Was willst du mit deinen Fotos machen?
Es ist sehr schwierig, einen Platz zu finden, um die Bilder auszustellen, weil die meisten Leute Dinge sagen wie: „Klar, ich werde dich einladen, aber du musst dich um die Ausstellung kümmern und die Abzüge bezahlen.“ Bisher habe ich mein Material nach Chiapas, dreimal nach Morelia, Mexico City und nach Puebla zu einem Treffen der indigenen Kommunikatoren gebracht. Ich denke, ich sollte die Ausstellung nicht in zu weit entfernte Orte bringen, da das Problem sich genau hier befindet. Es geht darum, sie zu den Gemeinden selbst zu bringen, sodass sie lokal wirken kann. Man lässt sie für zwei oder drei Tage an einem Ort und bringt sie dann zu einer anderen Gemeinde. Es ist aufgrund der wirtschaftlichen Situation schwierig. Ich habe dieses Projekt, aber es werden Mittel benötigt, um sich zu bewegen und niemand ist wirklich bereit, dazu beizutragen.

Fotos: Juan José Estrada Serafín