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Hamburgs Punks kämpfen für ihre Schießanlage

Das Hamburger Gefahrengebiet ist passé. Für die Punks, die eine ehemalige Schießanlage der Polizei besetzt haben, hat der wirkliche Ärger mit „denen da oben“ jedoch erst begonnen.

von Elena Ochoa Lamiño
11 Februar 2014, 2:03pm

Im Flur riecht es nach Getränkemarkt, der Boden ist schmutzig vom Matsch des Hofes und die Wände sind voller Kritzeleien, Parolen und Tags. Vor mir steht ein verschlafener Punk namens Pinky in Unterhose und Shirt, sein großer Nasenring ist das erste was an ihm auffällt—außer vielleicht noch sein Höschen. Ich bin zu Besuch bei ein paar Punks, die seit Anfang des Winters in einem Clubhaus auf der alten Schießstandanlage der Polizei Hamburg wohnen. Es ist früh am Nachmittag, einige der 20 Bewohner sind unterwegs, die meisten aber—so wie Pinky—bevorzugen noch die Wärme ihres Bettes. Er schlurft in die Gemeinschaftsküche, um einen wachen Ansprechpartner für mich zu finden.
Bisher haben sie im sogenannten „Punkdorf“ auf einem brachliegenden Grundstück an der Stresemannstraße gewohnt, aber weil der Eigentümer das nicht mehr wollte und der Bezirk Altona Angst hatte, die obdachlosen Bewohner könnten im Winter erfrieren, sind sie jetzt hier

Ein Teil dieser Wohnfläche soll gefördert und ein weiterer extra für Studenten angeboten werden, aber es soll auch Raum für Gewerbetreibende entstehen. Aus diesem Grund dürfen die Punks wahrscheinlich nicht mehr zurück auf das Gelände, wenn ihre Unterbringung in der Schießanlage vorbei ist. Den Schießstand lässt der Bezirk als Winternotquartier laufen, aber zum 30.4. muss die Gruppe die neue Anlage wieder verlassen—vermutlich.

Franky kommt, um sich mit mir zu unterhalten. Pinky schlurft wieder zurück ins Bett. „Die meisten hier sind eher Nachteulen“, sagt Franky, unter dessen Mütze grüne Haare zu sehen sind, und führt mich in sein Zimmer. Auf dem Weg dorthin muss ich meinen Kopf einziehen, um nicht gegen die frisch gewaschene Kleidung zu laufen, die unter der Decke auf einer Leine hängt. Sein Zimmer ist eines der größten hier im Haus. Hier schlafen derzeit vier, manchmal fünf Personen auf Feldbetten. „Die kommen vom Bezirksamt. Auch die Spinde haben sie uns zur Verfügung gestellt“, erzählt mir der 43-jährige und setzt sich auf die Kante seines Bettes. Am Kopfende steht ein großer grüner Tresor – ein Überbleibsel der Polizei, der aber vermutlich leer ist. Genau weiß es keiner, aufbekommen haben sie ihn noch nicht, sagt er. Ich setze mich auf eine alte Ledercouch. Um die einzelnen Schlafplätze sammeln sich die persönlichen Sachen: Tassen, Zahnbürste, Tabak, Dildos, Schokolade, Bücher, Kartoffeln, ein Antiseptisches Spray, ein Autoreifen—was sich eben so anhäuft. Insgesamt leben hier 18 Männer, 2 Frauen und 11 Hunde. „Der jüngste Bewohner ist 16 Jahre und der Älteste ist 53“, sagt mir Franky und dreht sich eine Zigarette: „Aber im Schnitt sind die hier 20 bis 30 Jahre alt.“

Um als richtige Gemeinschaft anerkannt zu werden, haben sie einen Verein gegründet: Der Wildwuchs Welt e.V. Jeden Montag um eins gibt es eine Plenarsitzung, in denen wichtige Dinge, wie etwa die derzeitige Wohnungssituation, gemeinschaftlich besprochen werden. „Die Behörden reden auch lieber mit einer juristischen Person, als mit einem Haufen Obdachloser“, sagt Franky. Für einen Verein kann der Bezirk mehr erreichen als für eine lose Gruppe von Menschen. Manchmal kommen zu den Plenarsitzungen auch Politiker aus der Bezirksversammlung, wie etwa Robert Jarowoy, Vorsitzender der Linken in Altona. „Er hat uns in den letzten Monaten sehr unterstützt“, sagt der Punk: „aber auch viele andere aus dem Bezirk.“

Eigentlich ist Franky ausgebildeter Industriekaufmann, hat aber nicht lange in diesem Beruf gearbeitet, dafür dann in einem Call-Center. Der Stress begleitete ihn auch nach Feierabend. „Man muss wissen, ob man das will. Ich muss es auf Dauer nicht haben“, sagt Franky. Als dann auch noch seine Beziehung zu ende ging, beschloss er im Mai 2013 von Nordhorn an der Niederländischen Grenze nach Hamburg zu gehen. Ein paar Bekannte von ihm machten Platte, wie er sagt, das heißt, sie lebten auf der Straße. So landete er bald auf dem Grundstück an der Stresemannstraße, baute sich hier mit anderen eine Hütte und fand, was er in Nordhorn nicht mehr hatte—eine Familie. Mit seiner eigenen habe er nicht mehr viel zu tun.

Im Punkdorf hatten sie einen guten Draht zu den Nachbarn, die sich zu ihnen an das Lagerfeuer setzten oder eine Kiste Bier vorbei brachten. Auch hier in der Schießanlage gibt es eine gute Verbindung zu den benachbarten Schrebergärtnern. Erst hatten sie Angst, aber jetzt spenden sie Möbel oder bieten den Punks sogar an, bei Glatteis für sie einkaufen zu fahren. „Sogar die Vorsitzende, die sich vorher noch kritisch geäußert hat, hat etwas gespendet“, erzählt Franky, der sich sehr über diese Geste zu freuen scheint: „Wir sind hier sehr zufrieden und können auch mal die Musik lauter aufdrehen. Das stört hier keinen.“ Wenn man einfach mal ein Stück aufeinander zugeht, würde es sehr gut klappen.

Auch im Gemeinschaftsraum mit Bar finden sich gespendete Sachen: Sofas, ein alter Fernseher, ein Kicker, einige alte Spielkonsolen. Hier feiern sie ab und zu eine Party, oder entspannen sich gemeinsam. Auf dem Tisch steht eine Bong. Härtere Drogen sind aber nicht erlaubt, versichert mir der 43-jährige, darauf achten sie schon. Es sei nicht schön, wenn sich hier jemand eine Spritze setzen würde.

„Wir haben ziemlich viel Unterstützung aus dem Viertel bekommen“, erzählt Holger, 53, der auf einem abgewetzten Sessel sitzt, als wir zurück in Frankys Zimmer gehen. In Altona in einer Fußgängerpassage stellten sie ein Schild auf mit den Dingen, die sie in ihrem zukünftigen Quartier brauchen würden: Geschirr, Kaffeemaschine, Schlafsäcke – was im Haushalt eben so anfällt. Sie haben alles bekommen. „Ich war sehr überrascht, dass das allgemeine Publikum so hilfsbereit war“, sagt Holger. 

Seit September letzten Jahres ist Holger mehr oder weniger auf der Straße. Jahrelang habe er in einer Baumschule gearbeitet, aber irgendwann war sein Kreuz kaputt, zwei Jahre mehr und er würde im Rollstuhl sitzen. Und da fing auch sein Dilemma an, eine neuen Job wollte ihm keiner geben: „Zu alt. Zu viel Erfahrung. Zu teuer. Das habe ich so oft gehört“, erzählt er. Seine 800 Euro für seine Wohnung damals konnte er mit ALG I und Flaschensammeln noch halten, dann kam Hartz IV, das Amt wollten die teure Wohnung nicht mehr zahlen. Während Holger erzählt, kommen immer wieder Bewohner ins Zimmer, sagen hallo, trinken Kaffee, holen Dinge aus dem Zimmer. Die Punks werden langsam munter. Auch Pinky trägt jetzt eine Hose.

Zusammen mit dem Bezirk versuchen die Punks einen Weg zu finden, in der Schießanlage länger als bis Ende April bleiben zu dürfen. „Das ist unser Ziel“, sagt Franky: „Wir fühlen uns hier wohl, es gibt fließend Wasser und Strom.“ Damit die Gruppe hier wohnen darf, zahlen sie monatlich 4000 Euro Miete. Eigentümer ist hier die Stadt Hamburg, verwaltet wird das Grundstück aber von der Sprinkenhof AG, einer Tochter der Stadt. Die haben das Gebiet an den Bezirk Altona vermietet und diese an den Verein Wildwuchs Welt e.V. „Die AG hat kein großes Interesse daran, dass wir hier sind“, erzählt Franky. Sie müssten nur ihr Okay geben, sagt er. Die Sprinkenhof AG selber sagt aber, dass sie keine Entscheidungsgewalt haben würden, sie führe nur den Auftrag der Stadt aus.

Seebär kommt rein und setzt sich im Schneidersitz zu uns auf den Boden. Auch er ist barfuß, sein Kopf ist halb rasiert, halb mit blonden Zotteln bedeckt. Der 29-jährige scheint mir eher der Nomade unter den Bewohnern zu sein. Bevor er hier im Dezember an die Tür klopfte und nach einer Unterkunft fragte, lebte der Mecklenburg-Vorpommer in Chemnitz auf der Straße und schloss sich in Leipzig einer Bewegung gegen rechte Politik an. Aber auch in Spanien tingelte er knapp drei Jahre lang von Kommune zu Kommune. „Ich bin mit meiner besten Freundin nach Barcelona gefahren und dort haben wir einen Typen gefragt, ob er einen Platz zum Pennen kennt“, erzählt Seebär, der eigentlich Sebastian heißt. Er nahm sie mit in eine Straße, deren Häuser alle besetzte waren. Am besten gefiel ihm aber die Kommune in Beneficio: „Da musst du mal hin. Ich saß mit einem Fischer in seinem Boot, aber seine Angel war bloß ein langer Stock.“

Mit seinen Eltern hat er noch Kontakt. „Die sind voll lieb, ich kann immer wieder zurück – aber sie verstehen mich nicht“, erzählt er. Sie würden ihn wahnsinnig machen, wenn er versucht ihnen sein Verständnis von Leben zu erklären. Für Seebär braucht es keinen 100 cm Flachbildschirm, um glücklich zu sein: „Wenn man versucht mit dem was man hat glücklich zu sein, ist man viel dankbarer.“ Ihm fällt es schwer länger an einem Ort zu bleiben, aber hier gefällt es ihm. Ein Bewohner kommt rein und holt ihn zum Haare färben ab.
Nächste Woche wird der Bezirk sich wieder zusammensetzen und über die Zukunft der Punks verhandeln. Ob sie dann Ende April hierbleiben dürfen, oder auf eine der beiden Alternativflächen umziehen müssen, wird sich dann hoffentlich klären. Die Alternativen wären ein alter Tennisplatz und ein Gelände mit einem viel zu kleinen Pförtnerhaus. Für den Verein steht fest, es muss nun eine längerfristige Lösung her, eine mit Perspektive.

Fotos: Phillip Gätz

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