So bekommst du ein Stipendium, obwohl du nichts drauf hast

Es gibt tatsächlich deutsche Stiftungen, die dich dabei unterstützen, nach dem zehnten Semester dein Philosophiestudium abzubrechen um durch Asien zu radeln.

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27 Oktober 2016, 8:08am
Titelfoto: Oli R | Flickr | CC BY 2.0

Es stimmt nicht, dass Stipendien nur was für Einser-Studenten sind, die am Wochenende bei UN-Simulationen mitmachen. Das Gute: Das glauben trotzdem alle. Und bewerben sich deshalb nicht. Laut der Allensbach-Studie im Auftrag des Reemtsma Begabtenförderungswerks bewirbt sich nur jeder fünfte Student überhaupt jemals für ein Stipendium. Dabei gibt es neben den 13 großen Studienförderwerken noch mehr als 2300 Stipendienprogramme mit insgesamt mehr als 610 Millionen Euro. Viele Stiftungen bleiben sogar auf ihrer Kohle sitzen. Also einfach abholen bitte.

Und nein, du musst wirklich nicht unbedingt Top-Noten haben. Um aufzufallen, und sich von anderen Unternehmen und Stiftungen abzuheben, vergeben viele Geldgeber Stipendien ausgerechnet an ungewöhnliche Bewerber. "Ihr Motto ist: tu Gutes und sprich darüber", sagt Mira Maier von mystipendium.de, der Stipendien-Suchmaschine, die gemeinsam mit privaten Studienstiftungen ungewöhnliche Studienprogramme schafft, wo Noten, Studienfortschritt und ähnliches keine Rolle spielen. "Wir wollen Stipendien für die Massen schaffen. Sie sollen nicht mehr assoziiert mit Eliten sein, sondern zugänglich für alle, wie Bafög."

Für Freaks

Für viele Stipendien, die bei mystipendium.de zu finden sind, gilt: je verrückter der Bewerber, desto besser. 377.000 Euro wurden schon insgesamt über die Stipendium-Suchmaschine vergeben.

Zum Beispiel vergibt die Institution "Education New Zealand" das "Dream New"-Stipendium. Wer es bekommt, kann an einer Uni in Neuseeland studieren und kriegt noch 7.500 Euro obendrauf. Nötige Qualifikation: "Jeder denkt, dass Du verrückt bist, weil du vom Unmöglichen träumst".

Wer lieber nach Kanada möchte, kann sich die Zeit dort vom AIFS (American Institute For Foreign Studies) bezahlen lassen. Voraussetzung: "ungewöhnlicher Lebenslauf im Zickzack-, Spiral– oder Pendelkurs". Jura studieren und nebenbei einen marxistischen Lesekreis gründen, gilt genauso wie der dreijährige Goa-Aufenthalt, der einen für das Mathematik-Studium erleuchtet hat. Das AIFS hat ein noch spaßigeres Stipendium, das "Gute Laune-Stipendium". Studenten, die "ihre Lebenseinstellung kreativ zum Einsatz bringen" können sich hier um ein Semester in Südafrika bewerben. Und für die Normalos gibt es das Sprachkurs-Stipendium für Durchschnittsstudenten von Eurocentres. Dieses Stipendium fördert Menschen "abseits der Eliten", also solche, die sich weder besonders gut noch besonders schlecht schlagen.

Für die richtig entspannten

Viele glauben, dass man nur als Studienanfänger eine Chance auf ein Stipendium hat. Dabei bevorzugen viele Stiftungen sogar Studenten höherer Semester, weil so schon mal die aussortiert werden, die durch die Prüfungen im ersten Semester fallen. Für die richtig Entspannten gibt es auch was. Auch hier belohnt das AIFS unstreberhafte Lebensläufe mit Auslandsaufenthalten. Beim Entschleunigungs-Stipendium werden Studenten und Abiturienten gefördert, die Tempo aus ihrem Alltag nehmen oder ungewöhnliche Entspannungsmethoden für sich gefunden haben. Sie bekommen ein Auslandssemester in Kalifornien, sowie Unterkunft und Verpflegung im Wert von insgesamt 10.400 Euro.

Die Uni Witten/Herdecke zahlt mit dem "Pfad.finder-Studium" Abiturienten ein Jahr Selbstfindungs-Trip vor dem Studienbeginn, damit sie an einem persönlichen Projekt arbeiten können. Nur: Das Vorhaben muss zu den Grundwerten der Uni passen. Die Hanfplantage ist also nicht drin.

Für Exoten

Viele Stipendien sind auf einzelne ungewöhnliche Studiengänge oder Abschlussarbeitsthemen ausgerichtet. Wenn du also ein Exotenfach studierst, lohnt es sich im Netz zu schauen. Je spezieller die Ausrichtung, desto weniger Konkurrenz. Die Yak-Kamel-Stiftung zum Beispiel vergibt Forschungsstipendium für die Arbeit über wilde Yaks und Kamele. Und wer seine Master-Arbeit über Wohnraumkultur schreibt, kann sich bei der Ikea-Stiftung bewerben und 500 Euro monatlich abkassieren. Andere Stipendien achten auch ganz spezifisch auf deine Herkunft. Vielleicht hast du ja Glück und findest genau den Deckel, der auf deinen Topf passt. Bei der Parcham'schen Stiftung können sich zum Beispiel Studenten aus Lübeck bewerben, die in Berlin studieren. Töchter bayerischer Beamter sind bei der Emilie Porzerschen-Siftung gut aufgehoben.

Für Gutmenschen

Das haben wir ja schon geahnt: Es gibt einen eigennützigen Grund, warum manche Kommilitonen in ihrer Freizeit im Obdachlosenheim Suppe ausgeben und am laufenden Band Patenschaften für herrenlose Tiere, Kinder und Rentner übernehmen. Wenn die Geldgeber nicht in die Noten gucken, ist ihnen oft das soziale Engagement wichtig. Sowohl bei den 13 großen deutschen Studienförderwerken als auch beim Deutschlandstipendium wird darauf geschaut, ob sich die Bewerber in ihrer Freizeit engagieren. Das Junge-Helden-Stipendium richtet sich zum Beispiel an junge Menschen, die einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten oder geleistet haben. Ob man Jugendtrainer im Fußballclub ist, oder einmal die Nachbarskatze vom Baum gerettet hat, ist für die Bewerbung egal. Um das Stipendium im Wert von 4.500 Euro zu bekommen, musst du aber erstmal in einem amerikanischen Ferienlager arbeiten.

Für Loser

Auch wer scheitert, kann ein Stipendium bekommen: Zum Beispiel vergibt Eurocentres "Sprachkurs-Stipendien für Orientierungslose" an Schüler und Studenten, die den Mut haben, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen. Zum Beispiel solche, die ein BWL-Studium abgebrochen haben, weil sie gemerkt haben, dass sie doch lieber Journalismus studieren.

Auch das"Anti-Streber-Stipendium" der Zeppelin-Universität fördert Menschen mit ungeraden Lebenswegen, die dort studieren wollen. Bewerben können sich Ausbildungsabbrecher, Bachelor-Anfänger über 30, Gründungspleitiers, Nerds und Sitzenbleiber. Und die Austauschorganisation Travelworks fördert mit dem "Schwächen-Stipendium" Studenten, die offen zu ihren Schwächen stehen und trotzdem ihr Ziel verfolgen. Zum Beispiel Legastheniker, die Journalismus studieren, oder Stotterer, die bei ihrer Uni-Theatergruppe mitmachen. Und wenn dein Fehler Schiss vor Prüfungen ist, kannst du dich beim "Prüfungsangst-Stipendium" bewerben und einen Sprachkurs im Wert von 4.000 Euro abkassieren.

Trau dich also. Es sind nicht unbedingt die besten, schlausten Studenten, die Stipendien bekommen. Sondern die, die sich bewerben.

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