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DIE TRUE CRIME ISSUE

Hooligans

In der Ukraine existierten Dutzende Hooligan-Gruppen, die sich ganz unabhängig von Fußballvereinen organisiert haben. Man kann es Jugendbewegung nennen, was da entstanden ist und sich an Deutschland und England orientiert. Immer wieder sterben Menschen...
3.10.14

In der Ukraine existierten Dutzende Hooligan-Gruppen, die sich unabhängig von Vereinen organisiert haben. So ist eine Jugendbewegung entstanden, die sich an deutschen und englischen Fans orientiert. Immer wieder sterben in England Teilnehmer an Kugeln oder Messerstichen, während Schlägereien mit gegnerischen Clubs. In der Ukraine war die Bewegung noch klein, als ich sie begleitet habe, deswegen waren die Verluste geringer, aber nicht weniger traurig. Faschisten und Antifaschisten rotteten sich jeweils in eigenen Gruppen zusammen (sie nennen sie Firmen) und ihr Antrieb war der Hass gegeneinander.

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Ich habe die Szene monatelang über Freunde und Bekannte beobachtet und kam irgendwann in Kontakt mit den Anführern. Nach Verhandlungen, die wieder einige Monate dauerten, durfte ich anfangen, sie zu fotografieren. Trotzdem war es schwierig. Es hat locker vier Monate gedauert, bis ich mich frei bewegen konnte und nicht mehr unter Beobachtung stand. Von September 2012 bis August 2013 war ich ständig mit ihnen unterwegs. Ich war oft bei Schlägereien dabei, aber habe glücklicherweise nie was abgekriegt, meine Ausrüstung hat ab und zu gelitten, aber sie haben es fast immer respektiert, wenn ich ihnen gesagt habe, dass ich ein Journalist bin und sie nur fotografieren will. Nach dem politischen Aufruhr und der Annexion der Krim durch Russland, ist es momentan unklar, was mit der Szene passieren wird.

Es gab große Konkurrenz zwischen den verschiedenen Gruppen und viele der Mitglieder waren nicht mal 17 und wurden direkt von den Schulhöfen und aus Box- und Kampfsportschulen rekrutiert. Sie kamen oft aus guten Familien und rutschten durch Freunde in diese Szene. Der erste Schritt waren Klamotten, Musik und natürlich der Fußball. Und gleichzeitig wurden sie auf unterschwellige Art mit Nationalismus indoktriniert. Über den Sport wurde ihnen erzählt, dass sexuelle Minderheiten unterdrückt gehören und das Land und die Nation an erster Stelle kommen. Dann kamen sie in die Kampfgruppen. Zuerst gab es nur Testkämpfe und wenn du gut warst, durftest du mit in andere Städte. Die eigentliche faschistische oder antifaschistische Gesinnung der Firmen war vage, am Ende ging es auf beiden Seiten nur um Stolz auf die Club-Fahne, gegen die Gegner zu kämpfen und eben einer Ideologie zu folgen, ohne sie zu hinterfragen.

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Auf den ersten Blick wirkte das Leben dieser Jungs merkwürdig romantisch, aber eigentlich ging es auch hier nur um Geld. Sie waren die kleinsten Räder in einem großen Getriebe und gleichzeitig Kanonenfutter. Während der Fußballspiele wurde in der Fankurve Geld für die Hooligans gesammelt, was wiederum in die Eröffnung von Fanshops und Bars investiert wurde, außerdem wurden damit auch die Fahrtkosten gezahlt, die anfielen, wenn die Hooligans in andere Städte reisen mussten, um sich dort zu prügeln. Die Stärksten kämpften für ihre Fahnen mitten in den Städten oder arrangierten Treffen auf neutralem Territorium. Das alles lief über soziale Netzwerke, wo auf den einzelnen Seiten auch genau festgehalten und ausgewertet wurde, wie sich die einzelnen Firmen geschlagen haben.

Wie die Fußballspieler hatten auch diese Typen Karrieren. Die meisten fingen bei Clubs in der zweiten Liga an. Ihre Firmen hatten keine Namen und keinen Status. Wenn sie sich bewiesen hatten, wurden sie von den großen Firmen aus der ersten Liga abgeworben. Es gab Altersklassen, ein 18-Jähriger würde nicht gegen einen 15-Jährigen kämpfen. In jeder Kampfgruppe waren zwischen 6 und 15 Jungs. Mit etwa 19 oder 20 hörten die meisten auf, regelmäßig zu kämpfen. Die Älteren befassten sich eher mit der Planung und der Verteilung des Gelds, sie wurden zum Management und traten dann nur noch bei Schlägereien an, bei denen es darum ging, dass eine Firma beleidigt wurde. Dann mobilisierte man wirklich alle gegen die andere Firma.

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Während der Schlägereien hielten sie sich an einen Fairness-Kodex, sie benutzten keine Waffen, nur Schläge und Tritte. Wenn sich spontan Schlägereien entwickelten, meistens unmittelbar nach einem Spiel, sah das aber auch mal anders aus. Dann konnte es gut sein, dass auch Steine, Flaschen oder Stöcke benutzt wurden. Das passierte aber echt selten, weil alle verstanden, dass das gefährlich werden konnte. Wenn jemand schwer verletzt wurde, zwang das die Polizei dazu, gegen alle zu ermitteln. Während meiner Zeit mit den Hooligans ist sowas tatsächlich passiert und ein Junge wurde sehr schwer verletzt, die Ärzte mussten seinen Kopf praktisch neu zusammensetzen. Die Gruppe, die ihn zusammengeschlagen hat, hat daraufhin Geld für seine Behandlung gesammelt. Am Ende ist es gut ausgegangen.

Aber alle hatten schon mal mehr oder weniger schlimme Gehirnerschütterungen, blaue Flecken, gebrochene Gliedmaßen, gebrochene Nasen oder angerissene Ohren. Die Schlägereien fanden Dutzende Male im Jahr statt und die meisten gingen mit ihren Verletzungen nicht ins Krankenhaus, sondern kurierten sich bei Freunden aus. Sie erzählten ihren Familien nichts von ihrem Hobby.

Diese Angst vor den Eltern und ihr Mut auf dem Schlachtfeld ist natürlich paradox. Sie verkürzten ihr eigenes Leben mit den Schlägereien. Obwohl sie noch so jung sind, haben einige schon Gedächtnisschwierigkeiten, andere Herzprobleme. Deswegen kamen sie auch immer wieder zurück auf die Straße; für sie gab es nichts Wichtigeres als die Ehre ihrer Firma und ihrer Fahne, auch wenn das alles von außen wie ein sehr, sehr langsamer Selbstmord aussah.

Ein Hooligan mit Bengalo unterwegs ins Stadion von Sewastopol.

Bei einem Spiel in Simferopol.

Eine Gruppe in Sewastopol feiert den Sieg ihres Clubs mit dem Hitlergruß.

Hooligans heizen in Sewastopol die Fans an. Hunderte wiederholen hinter ihnen die Gesänge und die Beleidigungen der Gegner.

Zwei Hooligan-Gruppen treffen in Bachtschyssaraj aufeinander. Man verständigt sich im Vorfeld auf eine gleiche Menge an Kämpfern und macht so lange weiter, bis alle Mitglieder einer Gruppe am Boden liegen und nicht mehr aufstehen.

Ein Kampf zwischen zwei Gruppen in Nova Kachowka.

Berkut-Einheiten versuchen in Saporischschja Hooligans von einem Zaun abzuhalten, der sie von einer gegnerischen Gruppe trennt.

Eine Massenschlägerei zwischen zwei Gruppen konkurrierender Hooligans in Cherson

Maxim nach einem verlorenen Kampf in Krywyj Rih.

Alexander nach einem verlorenen Kampf in Krywyj Rih.

Unterwegs zu einem Treffen mit Gegnern in Simferopol.

Nach einem verlorenen Kampf in Mykolajiw sind die Hooligans auf dem Heimweg.