Wir haben mit jemandem gesprochen, der panische Angst vorm Schlafen hat

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Wir haben mit jemandem gesprochen, der panische Angst vorm Schlafen hat

Im ersten Moment klingt Hypnophobie vielleicht etwas albern, aber wenn du daran leidest, ist es der absolute Horror.
25.7.14

Titelfoto: Das ist nicht J., sondern ein Busfahrer in Mumbai. Foto: Pedro Elias 

Oft wird gesagt, das Schlafen neben Sex und Kacken eines der größten Vergnügen des Lebens ist. Aber was passiert, wenn Schlafen plötzlich nicht mehr cool ist, sondern zum einem Albtraum wird, aus dem du nicht mal aufwachen kannst?

J., der mir seinen vollen Namen nicht verraten wollte, leidet an Hypnophobie, die Angst vor dem Einschlafen. Der bloße Gedanke an Schlaf versetzt ihn in Panik—das war für unser Interview nicht gerade förderlich, denn jedes Mal, wenn er an seine Phobie dachte, musste er versuchen, einen Anflug von Angstzuständen zu unterdrücken.

VICE: Hi J. Kannst du uns erklären, was Hypnophobie ist?
J.: Hypnophobie ist die Angst vorm Schlafen. Das ist eine der speziellsten, intensivsten und am schwersten zu begreifenden Phobien, da sie nur sehr selten vorkommt, aber den körperlichen und geistlichen Gesundheitszustand der Betroffenen immens beeinträchtigt.

Wie beeinträchtigt es dich?
Es beeinträchtigt jeden Teil meines Lebens. Ich vermeide Schlaf unter allen Umständen, denn ich habe Angst, zu sterben—zum Beispiel durch einen Herzinfarkt oder einen tödlichen Unfall. Am nächsten Tag fühle ich mich dann total kraft- und hoffnungslos. Diese schreckliche physische und psychische Müdigkeit macht mir wirklich schwer zu schaffen. Jedes noch so kleine Detail deines Lebens wird davon beeinflusst; Dinge, die eine normale Person nicht verstehen würde.

Wodurch wurde die Phobie bei dir ausgelöst?
Alles begann mit einer Vermis-Verletzung [eine Verletzung am Gehirn, die Gleichgewichtsverlust und Schwindel verursacht]. Im August 2010 verlor ich eines Abends beim Essen und Fernsehschauen plötzlich für ein paar Sekunden das Bewusstsein. Ich bin von der Couch gefallen. Als ich alleine und ohne Hilfe wieder zu mir kam, bin ich sofort ins Krankenhaus gefahren.

Die Behandlung dort war sehr schlecht und die Doktoren dachten, dass mein Problem eine „Manie" oder eine „Erfindung" sei. Der Psychiater und der Arzt haben bei mir dann eine „Hypochondrie und ein psychosomatisches Problem" festgestellt. An diesem Punkt fing meine Hypnophobie an.

Was hast du als Nächstes gemacht?
Ich bin in viele öffentliche und private Kliniken gegangen und unzählige Doktoren haben unzählige Tests an mir vorgenommen. Dabei wurden alle möglichen Diagnosen getroffen: Krebs, Hirntumore, Ohrenprobleme—alles war dabei. Wie zu erwarten war, haben diese sich widersprechenden Diagnosen in mir die Angst hervorgerufen, dass mir jederzeit etwas zustoßen könnte. Man muss aber bedenken, dass dieser schwierige Prozess fast zwei Jahre gedauert hat, in denen ich neben den Schlafproblemen an einem permanenten Benommenheitsgefühl, Gleichgewichtsstörungen und schweren Kopfschmerzen litt. Mit der Zeit wurden meine Ängste immer schlimmer. Die Hypnophobie began und ich dachte, dass ich jetzt wirklich ernsthaft krank sei.

J. ist auch keiner von diesen Typen. Foto: Bruno Bayley

Du sagst, dass deine Phobie auf der Angst basiert, nicht mehr aufzuwachen, also der Angst vor dem Tod. Was sind deine Ansichten bezüglich dieses Themas?
Ich bin Atheist, ich glaube nicht an irgendeinen Gott. Ich glaube, dass alles vorbei ist, wenn wir sterben, und diesen Gedanken finde ich schrecklich. Ich denke, dass mich niemand darauf vorbereitet hat, weder meine Familie noch Fachleute. Niemand.

Du sagtest, dass du unter allen Umständen vermeidest, einzuschlafen. Wie gehst du da normalerweise vor?
Wenn ich mich auf's Schlafen vorbereite, dann werden meine Angstzustände schrittweise immer schlimmer. Mein Körper löst dann Panikattacken aus und täuscht ein Ersticken vor, um mich vom Schlafen abzuhalten. Das kann man nur schwer erklären, das muss man selber erleben: Mein Puls beschleunigt sich, ich zittere und weiß nicht, was ich tun soll. Man fühlt sich so machtlos. Die ganze Situation und dein Unterbewusstsein übernehmen die Kontrolle. Abgesehen davon stehe ich manchmal bewusst auf und mache mich dann draußen verzweifelt auf die Suche nach Hilfe. Ich bin schon in Psychiatrien gegangen, wo man meinen Zustand mit Pillen und Arzneimitteln aber nur noch verschlimmert hat, anstatt mir zu helfen. Ich habe auch schon daran gedacht, alles zu beenden, aber sagen wir mal so: Ich bin ein starker Mensch. Ich habe in mir drin eine Kraft, die mich davon abhält.

Wenn du letztendlich einschläfst, ist der Schlaf dann erholsam?
Wenn ich schlafe, dann nur, weil ich irgendwann einschlafen muss. Trotzdem spielt mir mein Gehirn noch Streiche, es setzt ein Selbstschutzmechanismus ein, der mein Bewusstsein sich entspannen und die Realität ausblenden lässt, damit ich erholsam schlafe. Ich glaube, dass das Gehirn abschaltet, weil es weiß, dass man komplett ohne Schlaf stirbt.

Wie viele Stunden schläfst du normalerweise pro Nacht?
Zwischen drei und fünf Stunden. Das kommt ganz auf den Tag an und wie intensiv die Panikattacken sind.

Behandelst du die Phobie irgendwie, jetzt wo eine richtige Diagnose gestellt wurde? Nimmst du Medikamente?
Es gibt keine pharmakologische Behandlung. Man muss die Schritte einer genau festgelegten psychotherapeutischen Behandlung befolgen. Es gibt einige wenige Einrichtungen, die diese Art Krankheit behandeln, aber die sind sehr teuer und deswegen keine Option für die meisten Leute mit meinem Problem. Ich versuche einfach, rauszugehen und mich abzulenken—ich laufe oder denke an andere Dinge, um die Auswirkungen der Hypnophobie zu minimieren.

Wie fühlst du dich, wenn du aufwachst und dir klar wird, dass dir nichts zugestoßen ist?
Wenn ich aufwache, bin ich sehr müde und erschöpft. Ich bin total antriebslos und natürlich auch schläfrig. Phobien kannst du nicht überwinden, du kannst sie nur beobachten und so gut es geht mit ihnen leben. Man muss aber immer im Hinterkopf behalten, dass sie nicht heilbar sind und jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

Wie beeinflusst die Hypnophobie dein gesellschaftliches Leben?
So etwas habe ich nicht. Meine Beziehungen zu anderen Menschen beschränken sich auf meine Familie … kein Kommentar. Niemand versteht, was ich durchmache und ich werde meistens als verrückt abgestempelt. Es ist mir auch nicht möglich, auf der Arbeit einen guten Job zu machen. Das Ganze hat meine Isolation, mein Misstrauen, mein Erscheinungsbild und meinen mentalen Gesundheitszustand nur verschlimmert.

Was denkst du dir, wenn dich Leute als „verrückt" bezeichnen?
Nun ja, die sind noch verrückter als ich, weil sie kein Mitgefühl besitzen.

Gibt es etwas, dass die Leute deiner Meinung nach über Hypnophobie wissen sollten?
Unterstützung ist dringend notwendig, aber wir leben in einer heuchlerischen Gesellschaft, in der Leute mit physischen und psychischen Behinderungen ausgestoßen oder von der kapitalistischen Gesellschaft ausgenutzt werden. Diese Phobien sollten erforscht werden—die Zahl der Betroffenen ist viel höher als wir denken. Und zum jetzigen Zeitpunkt sind die einzigen Lösungen die Privatkliniken, die sich Menschen, die normale Jobs haben, aber nicht leisten können.