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Schlecht geschlafen? Dafür könntest du bald gefeuert werden

Neue Apps können Stresslevel, körperliche Fitness und Schlafverhalten von Angestellten messen—und geben die Daten jetzt schon an Arbeitgeber weiter.

von Matern Boeselager
23 April 2015, 2:28pm

Eigentlich sollten die Regeln ziemlich klar sein: Wenn du einen Vertrag mit einem Arbeitgeber unterschreibst, verkaufst du ihm für einen gewissen Preis einen gewissen Teil deiner Lebens- und Arbeitszeit. Was du außerhalb dieser Zeit tust, geht den Arbeitgeber genau so viel an wie deine sexuelle Orientierung, die SS-Karriere deines Großvaters oder die Tatsache, dass du in He-Man-Bettwäsche schläfst. Sollte man meinen.

Dass die permanente Erreichbarkeit durch Smartphones die Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit immer weiter aufweicht, ist längst keine Neuigkeit mehr: Schon 2012 fühlten sich Arbeitnehmer von ihren Chefs außerhalb der Arbeitszeit dermaßen belästigt, dass die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen „Funkstille" nach der Arbeit forderte. Was damals aber keiner ahnen konnte: Das reicht unseren Arbeitgebern noch lange nicht.

Mittlerweile haben Personalabteilungen auf der ganzen Welt nämlich das enorme Versklavungs-Potenzial entdeckt, das in den Smartphones ihrer Angestellten schlummert. Sehr bald werden Arbeitgeber so ziemlich alles darüber wissen, wie fit ihre Unterlinge gerade sind: Ihre Blutzuckerwerte, wie gestresst sie gerade sind, wie viele Schritte sie an einem Tag gegangen sind—sogar wie gut sie letzte Nacht geschlafen haben.

Die Bundeskanzlerin hat wohl nicht so gut geschlafen. Foto: Imago/Seeliger

„Wearables" (diese hässlichen Armbänder) und Fitness-Apps, die solche Informationen sammeln, gibt es schon eine Weile. Neu ist, dass immer mehr App-Entwickler jetzt gezielt Angebote für Arbeitgeber entwickeln: zum Beispiel die Firma Jawbone. Die hat ein Programm „Up for groups" entwickelt, mit dem Informationen von den Fitness-Armbändern der Angestellten vom Arbeitgeber gesammelt werden können. Dazu gehört einerseits die Aktivität tagsüber, andererseits auch, wie gut die Leute nachts schlafen.

Besonders hervorgetan hat sich dabei auch eine Münchner Firma: Soma Analytics. Mit dem Slogan „Evidence-based mobile programmes to increase employee emotional resilience" (zu deutsch: „Wir machen eure Angestellten belastbarer, indem wir sie rund um die Uhr überwachen") vertreiben die Münchner eine App, die nicht nur den Schlaf, sondern auch die motorischen Fähigkeiten und die Stimmlage der Nutzer aufzeichnet und analysiert. Richtig: Die App hört euch beim Telefonieren zu und entscheidet dann, ob ihr gerade gestresst seid oder nicht. Und sie registriert, wie oft der Benutzer seine Nachrichten checkt—könnte ja auch ein Zeichen für Stress sein. Die Informationen werden natürlich allesamt an den Arbeitgeber übersandt.

Everyone benefits?

Das Interesse der Wirtschaft an dieser Technologie ist groß: In England hat die App von Soma Analytics bereits Anwaltskanzleien, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Beratungen und Telekommunikationsunternehmen als Kunden. Firmengründer Huber erklärte gegenüber der Berliner Zeitung, warum das so ist: „Der Arbeitgeber kann zum ersten Mal verstehen, wie sich Leute in der Firma fühlen."

Cem Özdemir würde auch gerne ein Nickerchen machen. Foto: Imago/Sven Simon

Aber warum will der Arbeitgeber das wissen? Weil er sich um die Produktivität seiner Mitarbeiter sorgt, natürlich! Denn gesunde, ausgeschlafene Arbeitnehmer sind seltener krank, und weniger Krankheitstage können Firmen Milliarden Euro einsparen. Auf ihrer Webseite behauptet Soma Analytics: „Everyone benefits", alle profitieren. Aber was haben Arbeitnehmer davon? In den Worten des Europa-Vizepräsidenten des Konkurrenten Fitbit, Gareth Jones: „Es motiviert sie zusätzlich, ein effektiver Kollege zu sein, indem sie gesünder leben."

Sagen wir es mal so: Wenn man jemand ist, der selbst ein großes Interesse daran hat, sein Leben bis zur letzten Minute so zu optimieren, dass man zu jeder Zeit die maximale Leistung für seinen Arbeitgeber bringen kann, während man mit einem Auge immer auf den körpereigenen Mineralhaushalt schielt, dann sind diese Apps super. Echt super.

Steinbrück kann auch nicht mehr. Foto: Imago/Metodi Popow

Wenn man aber ein normaler Mensch ist, der schon mal eine echte Emotion hatte oder sonst in irgendeiner Form von diesem Roboter-Dasein abweicht, dann ist das alles ein riesiger Albtraum; der logische Endpunkt einer Entwicklung, die mit dem Taylorismus schon einen schrecklichen Anfang genommen hat. Während wir noch überlegen, wie wir uns vor der NSA schützen können, schaffen coole Münchner Apps mit freshen Namen einfach mal komplett die Privatsphäre ab—allerdings nicht im Auftrag des Staats, sondern der Wirtschaft. Hätte man sich eigentlich denken können.

Natürlich bestehen alle Beteiligten darauf, dass die totale Überwachung total „auf freiwilliger Basis" geschieht. Also ungefähr so freiwillig, wie alle Berater Anzüge tragen—man muss es nur dann tun, wenn man den Job haben möchte. Und wenn das gerade eingeführt wird, kann man sich natürlich weigern, sich so ein Ding anzuziehen. Sieht dann natürlich nur irgendwie so aus, als habe man was zu verbergen—hat man vielleicht ein bisschen zu viel Cholesterin, um ein wirklich guter Mitarbeiter zu sein? Brave New World. (Übrigens ist „Soma" auch der Name der Droge, die in Huxleys Buch alle glücklich, dumm und gefügig macht.)

Diese faule Sau hätte es heute nicht mehr zum reichsten Mann der Welt gebracht! Foto: Imago/Action Pictures

Wenn das Realität werden sollte, wird die Arbeitswelt endgültig zum Inneren Kreis der Hölle gehören. Und deshalb sollten wir dagegen kämpfen, solange noch Zeit ist. Denn: Ist es nicht das unumstößliche Recht des deutschen Arbeitnehmers, sich Montagmorgens mit einem brutalen Kater ins Büro zu schleppen und über den Tag mehrmals heimlich auf dem Klo einzuschlafen?

Muss man in Zukunft damit rechnen, dass man sich am Mittwochmorgen mit der Personalchefin zusammensetzen muss, weil man am Dienstag einen Burger mit zwei Bier gegessen und sich dann mit seiner Freundin gestritten hat? Wie wird dich der Abteilungsleiter anschauen, wenn du ihm vorstammelst, die S-Bahn sei nicht gekommen—er aber an den Blutdruckdaten genau ablesen kann, dass du erstens zu lange im Bett gelegen und zweitens dann auch noch masturbiert hast (motorische Fähigkeiten, nicht vergessen)?

Aus all diesen Gründen dürfen sich diese Technologien niemals durchsetzen. Es gehört zur demokratischen Pflicht jedes einzelnen Arbeitnehmers, seinen Chef lange und laut auszulachen, wenn der ihm so ein Armband ansetzen will. Wenn der Chef weiter darauf besteht, muss man es dankend annehmen und dann einem Hund umbinden. Und wenn die Personalabteilung das immer noch verlangt, dann ist es vielleicht Zeit, dem Kapitalismus mit Fackeln und Mistgabeln für immer den Garaus zu machen. Hauptsache, man stresst sich nicht zu sehr dabei.