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Sind Retorten-Vereine doch mehr als nur Geldmaschinen?

Bei diesem Spiel ging es um vieles: Tradition gegen Moderne, Leidenschaft gegen Geld. Am Ende siegte Union, aber auch die RB Fans gewannen irgendwie an Sympathie.
22.9.14

Wir wissen es alle: Fussball ist mehr als bloßer Sport. Für die Fans ist es Lebensfreude pur, für einige von ihnen fast schon Religion, für viele Funktionäre ist es ein Geschäft und wenn WM-Austragungsorte an Katar oder Russland vergeben werden, wird Fußball spätestens dann zum Politikum.

Und weil das so ist, geht das Aufeinandertreffen bestimmter Vereine über die sportliche Rivalität und den gewöhnlichen Lokalpatriotismus hinaus. Da prallen Philosophien aufeinander.

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Es gibt die „Traditions- und Kulturvereine" wie St. Pauli oder Union Berlin, die mit relativ begrenzten Mittel und viel Herz im Profifußball zu überleben suchen.

Und dann gibt es Phänomene wie z.B. die TSG Hoffenheim. Ein Verein, der in den 90ern noch auf Dörfern rumdümpelte, bis Mäzen und SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp mit seinen Millionen kam und den ganzen Haufen von Liga zu Liga boxte. Seit 2008 spielte Hoffenheim in der 1. Bundesliga.

Ein noch viel krasseres Beispiel ist vielleicht RB Leipzig. Überhaupt erst 2009 auf Initiative von Red Bull Milliardär Dietrich Mateschitz gegründet, überrollt der Verein die Ligen regelrecht. Als Startpunkt diente Red Bull der Oberligist SSV Markranstädt. Dieser wurde teilweise assimiliert und zu RB Leipzig umbenannt—so musste man sich nicht von ganz unten hocharbeiten.

Der Rest ist schnell erzählt: 2010 Aufstieg in die Regionalliga Nord, 2013 Aufstieg in die 3. Liga, 2014 Aufstieg in die 2. Bundesliga. Mit einem Investitionsbudget von 100 Millionen und fünf Spieltage in der 2. Liga später steht RB Leipzig auf Tabellenplatz 2, was natürlich wieder ein Aufstiegsplatz ist. Verständlich, dass viele Vereinen und ihre Fans nicht gut auf diesen Club zu sprechen sind.

So auch Union Berlin, die dieses Wochenende in ihrem Stadion RB Leipzig empfangen mussten. Als Tabellenvorletzter sahen sie sich vor die Mammutaufgabe gestellt, dem sächsischen Großmarkthändler für Koffein in Flüssigform einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und noch viel wichtiger: Laut Medienaussage hat sich Union eine besondere Protestaktion für ihre Gegner einfallen lassen. Das alles wollte ich nicht verpassen und begab mich ins Stadion zum Kampf der Systeme. Und tatsächlich: Noch vor den Toren der Alten Försterei wurden die Besucher von ausgewählten Fans mit Flyern abgefangen und über die bevorstehende Aktion aufgeklärt:

Tod von König Fußball also; wir sollten Zeichen setzen und Trauer tragen. Spätestens ab dem Moment war ich endgültig eingestimmt. In meinem Kopf war RB Leipzig die Verkörperung des Bösen. Ich erwartete Spieler mit Hörnern auf dem Köpfen und Muskelbergen wie Tim Wiese. Angefeuert würden sie von gleichgeschalteten Chor-Robotern als Fans im Rücken, denen bei jeder Hymne Feuer aus den Mäulern zischt und kaltes Öl durch die Adern pumpt. Zu dem Zeitpunkt konnte man ja nur Vermutungen anstellen, wie sie alle aussehen würden, denn die Polizei hatte die Leipziger Fans bestmöglich isoliert. Ich war mir sicher, dass mindestens elektrische Viehtreiber zum Einsatz kamen, um diese Biester auf dem Weg ins Stadion in Schach zu halten.

Meine Einstellung gegenüber Leipzig wollte ich mit den Berlinern weiter kultivieren. Mit einem Gefühl der Brüderlichkeit steuerte ich noch vor Anpfiff auf eine fünfer Gruppe Union Fans zu und fragte die in der Ticketschlange Wartenden: „Jungs, sagt mir: was haltet ihr von dem Kunstprodukt RB?" „Verpiss dich, du Idiot." OK, das war ein klassischer und verdienter Fehlstart meinerseits. Nach einigen Anläufen aber kam ich mit den Leuten ins Gespräch—und was mich als erstes überraschte, waren die Union Fans selbst.

Eisern Union.

Neben denjenigen, die tatsächlich RB Leipzig als Verein insgesamt nicht anerkannten, gab es auch jene, die zumindest den Leipziger Fans etwas Verständnis entgegenbrachten: „Die haben dort sonst keinen höherklassigen Verein." Ebenso freute mich zu hören, dass kaum ein Fan eine besondere Genugtuung aus einem potenziellen Sieg gegen Leipzig ziehen wollte: „Drei Punkte sind drei Punkte!" Es ging nicht um eine Niederlage für Leipzig, sondern einen Sieg für Union.

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Die Zeit drängte allmählich, bald war Anpfiff und ich wollte die geplante Aktion auf keinen Fall verpassen. Freundlicher Weise bekam ich von Union eine Pressekarte und konnte mich überall im Stadion frei bewegen. Zum Spielbeginn wollte ich mich zu den Leipzigern setzen, um hautnah ihre Reaktion auf den Protest zu erleben. Als ich in ihren Block kam, erwartete mich die nächste Überraschung: Sie hatten alle gar keine Hörner! Ebenso war ich erstaunt, derart viele Familien und auch ältere Menschen anzutreffen, die zusammen mit den restlichen Fans einen völlig friedlichen Eindruck machten.

Aus der Kurve der Leipziger konnte ich nicht genau sehen, ob wirklich alle Union-Fans sich die schwarzen Leibchen anzogen, aber der absolute Großteil war es bestimmt. Dann ging es los, die Mannschaften standen bereit, der Schiri griff zur Pfeife, blies und tatsächlich: Stille. Davon ging ich zumindest aus, denn ich saß zwischen den Leipzigern. Sie nahmen die ganze Angelegenheit eher sportlich und nutzen die ihnen gebotene Stille für ihre eigenen Fangesänge.

Die Zeit verstrich, das Fußballspiel nahm einen gewohnten Lauf, bis plötzlich ein Knall ertönte. Klar, da war doch was. Minute 15 ist angebrochen! Was tot war, lebte umso heftiger auf, das Stadion bebte, Union blies zu ihren Fangesängen.

Keine Frage, wer hier Herr im Haus war. Trotzdem mussten sich die Leipziger nicht verstecken. In der Halbzeitpause sprach ich mit einigen von ihnen und fragte, wie sie solche Aktionen empfinden: „Da brauchst du ein dickes Fell; aber das haben wir. Wie die gesamte Stadt," erklärte mir Frank aus Leipzig.

Frank. Kein typischer Problemfan.

Auch schien sich das Verständnis von der Union-Fans gegenüber RB zu bestätigen: „Wir sehnten uns in Leipzig nach einem erfolgreichen Fussball." Und zwar einen, den man als Fan ohne Bedenken besuchen kann—denn viele alternative Vereine in ihrer Region haben leider immer noch mit einem Gewalt- und Naziproblem zu kämpfen.

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Für die zweite Halbzeit machte ich mich wieder auf zur Union-Tribüne. Dort angekommen, wurde der Zwiespalt, den RB Leipzig bei den Anderen provoziert, selbst an den Sitzplätzen sichtbar. Dort nämlich waren die besagten Leibchen angebracht, die als Protest zu Spielbeginn angezogen werden sollten. Während die Fans ihre Sitze verließen, um in der Halbzeit Wurst und Pils nachzutanken, ließ sich erkennen, wessen Leibchen noch unangetastet an den Sitzen kleben geblieben war.

Aber trotz aller Unentschiedenheit—über eines waren sich alle Union Fans einig: „Investitionen schön und gut, aber nicht um jeden Preis!" Es geht vor allem darum, zumindest als Fankollektiv ein Mitbestimmungsrecht beim Verein zu haben. Ob das in Leipzig möglich ist, bleibt zugegeben fraglich.

Sicher aber ist, dass erfolgreicher Fussball die Leipziger Sehnsucht stillt. Und das weckt ihre Leidenschaft, ohne die tatsächlich kein Verein bestehen kann. An diesem Tag zeigten die Leipziger Leidenschaft. Bis zur 90 Minute und sogar darüber hinaus. Sie feierten ihr Mannschaft selbst dann noch an, als feststand, dass sie sich den Jungs von Union mit 2:1 geschlagen geben musste. Und für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass während dieses ehrlich geführten Zweikampfes so etwas wie Akzeptanz und Respekt auf Seiten der Union-Fans entstand.

Ja, man kann argumentieren, dass die 100 Millionen den Wettbewerb verzerren, man kann sich aber ebenso vor Augen führen, dass ein nicht unerheblicher Teil des Geldes der Region und den Menschen dort zugutekommt, weil Fußball eben mehr als bloß ein Spiel zwischen 22 Mann ist.

So oder so: Die Fußballwelt wird sich damit abfinden müssen, dass RB Leipzig fortan dazu gehört. Nun ist die Frage, wie damit umgegangen wird. Aktionen wie an dem Tag von Union sind wichtig und schärfen das Bewusstsein für bestehende Probleme. Aber wer, wenn nicht die altehrwürdigen Vereine könnten es schaffen, mit gutem Beispiel und etwas Nachsicht voranzugehen, damit Leipzigs eingeschlagener Weg dort mündet, was Union heute schon verkörpert: Fussball- und Fankultur in Reinform. Jede Tradition hat ihren Anfang.