Nutzen Behinderungsfetischisten Menschen mit Behinderungen aus?

Sogenannte "Devotees" fetischisieren eine ganze Reihe an verschiedenen Behinderungen. Ich sitze im Rollstuhl und betrachte diese Menschen mit gemischten Gefühlen.

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28 November 2016, 5:00am

Illustration: Deshi Deng

Als ich vor Kurzem mit einer Freundin über meinen letzten Artikel sprach, fragte sie mich, warum ich mich denn nicht einfach mit Frauen treffe, die auf Behinderungen stehen. "Du wärst für die doch so eine Art Ryan Reynolds", meinte sie.

Menschen mit einer solchen Vorliebe bezeichnet man auch als "Devotees". Ihr Fetisch sind eine ganze Reihe an verschiedenen Behinderungen. Ich hatte von diesem Phänomen zwar schon mal etwas gehört, aber nie wirklich darüber nachgedacht. Nach dem Gespräch mit meiner Freundin war meine Neugier jedoch wieder geweckt. Deshalb wandte ich mich zu Hause auch direkt an meinen guten alten Freund Google.

So stieß ich auf mehrere Artikel, Foren und YouTube-Videos—sowohl von Devotees als auch von Menschen mit Behinderung. In den Kommentaren gehen die Meinungen auseinander: Manche vergleichen die Vorliebe mit Pädophilie, während andere sie als eine vollkommen zulässige und einvernehmliche Aktivität zwischen zwei Erwachsenen ansehen.

Ich selbst stehe bei diesem Thema mehr auf der konservativen Seite. Ich habe Freunde, die es schon mal mit Devotees probiert haben. Und das ist auch ihr gutes Recht. Es macht ihnen Spaß und das ist vollkommen in Ordnung. Ich hingegen nutze meinen Rollstuhl als Mobilitätshilfe im Alltag und finde ihn kein bisschen sexy. Ich definiere mich nicht über meinen Rollstuhl und ich will nicht mit einem Menschen zusammen sein, dem es ausschließlich um meine Behinderung und meine Hilfsgeräte geht. Nein, ich will lieber eine Frau, die mich aufgrund meiner Persönlichkeit mag und mich nicht nur auf meinen Rollstuhl reduziert. Ich bin nämlich kein riesiger Vibrator auf Rädern.

In einem der angesprochenen Videos geht es um eine Frau, die behinderten Menschen gerne beim Ankleiden zusieht. In einem anderen brauchte eine Frau einen Rollstuhl im Zimmer, um geil zu werden. Die unterschwellige Botschaft solcher Filmchen: Die Hilflosigkeit von Menschen mit Behinderungen hat etwas Erregendes an sich. Da ich täglich Hilfe beim Aufstehen und beim Anziehen benötige, macht es mich richtig wütend, dass es manchen Leuten Vergnügen bereitet, Menschen wie mir beim Kampf mit eigentlich banalen Aufgaben zuzusehen.

Obwohl Devotees immer wieder betonen, dass sie mit ihrem Fetisch niemanden ausnutzen, geben sie nur selten ihre wahre Identität preis. Wahrscheinlich haben sie Angst oder sie schämen sich.

Was meine Freunde angeht, die sich mit Devotees treffen: Ich weiß nicht, ob ich mich für sie freuen oder Angst um sie haben soll. Es hat zwar auch schon erfolgreiche Beziehungen mit Devotees gegeben, aber mein Ding ist das nicht. Es scheint so, als ob Menschen mit Behinderung als eine Art Trophäe gelten und für einen körperlichen Aspekt objektiviert werden, den sie selbst nicht attraktiv finden. Und trotzdem spielen sie mit. So heißt es in einem Kommentar unter einem Video auch: "Ich bin chronisch untervögelt und mir ist es egal, ob man mich für einen Fick zum Objekt macht."

Irgendwie habe ich für eine solche Ansicht auch Verständnis. Wenn man mich vor ein paar Jahren mit der Devotee-Sache konfrontiert hätte, dann wäre ich dem Ganzen wohl viel offener gegenübergestanden. Damals wollte ich aber auch noch um jeden Preis flachgelegt werden. Heutzutage bevorzuge ich hingegen eine Partnerin, die mich für meine Kraft und meine Fähigkeiten bewundert anstatt für das, zu dem ich nicht in der Lage bin.

Ich wurde mit Zerebralparese geboren. Es war nicht einfach, aber mit der Zeit lernte ich, mich anzupassen und mir so die bestmögliche Lebensqualität zu erhalten. Ich bin in der Lage, alleine zu kochen und alleine aufs Klo zu gehen. Ich finde es traurig, dass es da draußen Menschen gibt, die meine Schwierigkeiten erotisch finden, während mich andere dafür ablehnen. Ich hoffe, dass es hier irgendeinen Mittelweg gibt—einen Mittelweg, auf dem man mich einfach als witzig, klug, sexy und selbstbewusst ansieht. Eben wie Ryan Reynolds.

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