Interviews

Wie du reich wirst, ohne dafür zu arbeiten

Wir haben mit vier Menschen gesprochen, die einen Haufen Kohle bekommen haben—und zwar ohne dafür großartig einen Finger krumm zu machen.
2.12.16

C.R.E.A.M. | Foto: Rex Roof | Flickr | CC BY 2.0

In unserer Kultur haben Fleiß und harte Arbeit hohe Priorität. Von klein auf bekommen wir immer wieder eingebläut, dass auch wir irgendwann reich und erfolgreich sein werden, wenn wir nur ordentlich ranklotzen und keine Zeit verschwenden.

Wir wissen aber auch alle, dass das Schwachsinn ist. Jeder hat doch irgendeinen Kumpel, der sich die Hände wund arbeitet, aber dann trotzdem nicht genügend Geld hat, um sich am Freitagabend in der Kneipe ein zweites Bier zu bestellen. Gleichzeitig hört man immer wieder von irgendwelchen Menschen, die Unmengen an Kohle anhäufen, obwohl sie im Grunde nur Däumchen drehen.

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Wir haben mit vier solcher Menschen gesprochen, um herauszufinden, wie auch wir reich werden, ohne wirklich dafür zu malochen.

Dan, Sparfuchs und Apple-Investor

VICE: Wie kamst du zu deinem Reichtum, Dan?
Dan: Ich habe schon als Kind mit dem Sparen angefangen und mir eine anti-materialistische Denkweise angeeignet—so nach dem Motto "Was soll ich mir denn schon kaufen?". Vom Essensgeld, das mir meine Mutter in die Schule mitgegeben hat, habe ich auch immer etwas abgezwackt. Ich bin eben noch nie der große Geldverschwender gewesen. Mit 22 hatte ich mir um die 2.000 Dollar angespart. Das war jetzt nicht viel, aber immerhin etwas. Ich versuchte dann, mich mit der Theorie der Börsenspekulation auseinanderzusetzen, aber die dafür nötige Geduld fehlte mir. Irgendwann dachte ich mir einfach: "Es gibt nur einen Weg, das alles zu verstehen: Ich muss in irgendetwas investieren."

Damals lebte ich mit meiner Familie in Japan und eines Tages erblickte ich auf dem Cover des Time-Magazins das erste iPhone. Bis zum Release des Smartphones dauerte es jedoch noch eine Weile. Ich war begeistert, weil ich durch meinen Vater schon mit Apple-Produkten in Kontakt gekommen war. Auch ein Kumpel wirkte total überzeugt. Eins führte zum anderen und ich rief schließlich bei meinem Vater an und ließ ihn ein Broker-Konto für mich einrichten. Von den 2.000 Dollar wollte ich dann ein Drittel in Apple investieren, aber mein Vater gab mir den Tipp, da etwas mehr reinzubuttern.

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Dein Vater scheint ein kluger Mann zu sein.
Ja, deshalb habe ich auch auf ihn gehört. Ich fuchste mich dann ins Börsengeschäft rein und hielt mich immer auf dem Laufenden. Eine Faustregel beim Investieren besagt, dass eine jährliche Rendite von 10 Prozent richtig gut ist. Mein Apple-Investment inklusive Dividenden ist um 1.000 Prozent nach oben geschossen. Das sind im Durchschnitt über 100 Prozent pro Jahr. Und so wurden aus 2.000 über 30.000 Dollar.

Was hat dir dein Geld alles ermöglicht?
Ich kann viel reisen. Ich mag es aber auch gar nicht, pleite zu sein. Wenn meine Investments nicht wären, würde ich deswegen auch mehr arbeiten. Da ich jedoch die finanziellen Rücklagen habe, kann ich mir meine Arbeitszeiten und Jobs selbst aussuchen.

Auf welches Pferd sollte man setzen, wenn man selbst das große Geld machen will? Was verursacht bei dir gerade dieses "Apple-Gefühl"?
Da wir derzeit einen Start-up-Boom erleben, ist das schwierig. Man sollte einfach auf sein Bauchgefühl hören: Wenn man irgendetwas entdeckt, das allgemein sehr gut ankommt und noch nicht überall zu finden ist, dann sollte man da investieren. Man muss eben das sehen können, was andere Leute nicht sehen. Apple ist und bleibt aber trotzdem ein solides Investment: Das Unternehmen ist unterbewertet, macht immer noch viel Geld und zahlt einen guten Dividendensatz. Einen so exponentiellen Wachstum wie vor ein paar Jahren wird es allerdings nicht mehr geben.

Mary*, Lotto-Gewinnerin

Mary will lieber anonym bleiben. Deswegen hat sie uns auch nur ein Foto von ihrem Haus zugeschickt

VICE: Wie kam es zu deinem Lottogewinn und wie hast du reagiert?
Mary: Im November 1994 wurden hier in Großbritannien zum zweiten Mal die Lottozahlen beim National Lottery gezogen. Mein Mann kaufte einen Lottoschein und kreuzte einfach irgendwelche zufälligen Zahlen an. Für uns war das eigentlich eher eine Möglichkeit, für einen guten Zweck zu spenden. Wir hatten uns zu keinem Zeitpunkt irgendwie ausgemalt, da wirklich etwas zu gewinnen.

Deshalb haben auch nur unsere Kinder ganz enthusiastisch die Ziehung der Zahlen verfolgt und sie mit unserem Schein verglichen. Nach einer Weile meinten sie dann zu uns: "Hey, wir haben Geld gewonnen!" Wir bremsten sie erstmal ein wenig, aber als wir dann selbst die Nummern verglichen, wurde uns klar, dass wir fünf Richtige inklusive Superzahl hatten. Ohne zu wissen, wie viel Geld uns das jetzt bringt, riefen wir bei der Lotterie an und waren dann richtig geplättet, als man uns sagte, dass wir da ein ansehnliches Sümmchen gewonnen hatten.

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Anschließend riefen wir alle unsere Freunde an und schmissen eine ordentlich Hausparty. Am darauffolgenden Montag holten wir im Lottobüro unseren Scheck ab. Dort bot man uns auch finanzielle Ratschläge und Beratungen an, aber wir wollten lieber anonym bleiben, um keine Bettler anzulocken.

Inwiefern hat die Summe euer Leben verändert?
Der Gewinn reichte aus, um unser Leben wirklich zu verändern, war gleichzeitig aber nicht genug, um unsere Jobs kündigen und durch die Welt reisen oder teure Autos kaufen zu können. Ein Großteil des Geldes ging für unser Haus drauf. Dann haben wir unsere Kreditschulden abbezahlt, für mich ein kleines Auto gekauft, Urlaub in Afrika sowie Neuseeland gemacht und dann hier und da noch etwas verschenkt.

Wie viel habt ihr gewonnen?
Über 200.000 Pfund [knapp 240.000 Euro]. Wir haben aber trotzdem versucht, unser Leben so normal wie möglich weiterzuführen. Wie gesagt, es hat sich hier und da schon etwas verändert, aber für gewisse Dinge wie etwa weitere Urlaube oder Autos für die Kinder mussten wir trotzdem sparen.

Spielt ihr heute immer noch Lotto?
Mein Mann spielt mit seinen Kumpels tatsächlich noch in einer Tippgemeinschaft. Ab und an gewinnen sie auch etwas—aber das wird dann sofort in der Kneipe versoffen.

Jonathan, Schmerzensgeld-Empfänger

VICE: Hey Jonathan! Was genau ist dir passiert?
Jonathan: Ich war 15 und brachte meine damalige Freundin nach Hause. Plötzlich tauchte eine Gruppe von ungefähr 15 gleichaltrigen Typen auf. Sie umkreisten uns und warfen mir vor, "Scheiße über sie erzählt" zu haben. Ein paar von ihnen kannte ich aus der Schule und deswegen konnte ich die Situation erstmal beruhigen. Eine Minute später kamen uns drei von den Typen jedoch nachgerannt und stressten wieder rum. Einer von ihnen schlug mich schließlich hinterrücks nieder—voll in die Fresse.

Die nächste Sache, an die ich mich erinnern kann, sind die Notärzte, die mir irgendwelche Fragen stellten. Ich konnte jedoch nicht antworten, weil meine Zähne richtig zerstört waren. Als sie dann meinen Mund untersuchten, hatte eine Sanitäterin einen richtigen "Ach du Scheiße!"-Gesichtsausdruck drauf. Sie meinte dann auch: "Wenn du keine Zahnspange tragen würdest, wären deine Zähne jetzt überall auf dem Boden verteilt." Insgesamt war das kein schöner Abend.

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Klingt wirklich ziemlich scheiße.
Zum Glück konnte mein Gebiss gerettet werden und die Polizei hat den Typen, der mich niedergeschlagen hat, auch schnell dingfest gemacht. Da man ihn wegen schwerer Körperverletzung verurteilte, stand mir Schmerzensgeld zu. Ich hatte vorher nicht mal gewusst, dass es sowas überhaupt gibt.

Wie viel Schmerzensgeld hast du bekommen?
Insgesamt waren es knapp 4.500 Euro.

Was hast du mit dem Geld angestellt?
Ich bin ziemlich vernünftig damit umgegangen. Einen kleinen Teil habe ich für Dinge ausgegeben, die ich schon lange haben wollte. Der Rest ging auf ein Sparkonto. Eigentlich wollte ich damit unter Umständen anfallende Zahnarztkosten bezahlen, aber letztendlich half mir das Geld während des Studiums. Außerdem konnte ich damit die Miete während eines Praktikums bezahlen, das mich extrem weitergebracht hat. Vom Rest habe ich mir dann noch mein erstes Auto gekauft. Im Grunde habe ich alles für eine Karriere ausgegeben, die ich liebe. Und das ist doch eine gute Sache.

Also hat es sich gelohnt, auf die Fresse zu bekommen?
Um ehrlich zu sein, hat mir das ziemlich lange stark zugesetzt. Der Typ, der mich niedergeschlagen hat, ging dann sogar auf die gleiche Uni wie ich. Als ich das herausfand, traute ich mich kaum mehr aus dem Haus. Das war nicht so schön.

Heutzutage kann ich deine Frage mit Ja beantworten, weil mir das Schmerzensgeld wirklich weitergeholfen hat. Damals hätte ich dir jedoch gesagt, dass du dich verpissen sollst.

Olly, Bonzenkind

VICE: Hey Olly. Du wurdest in eine reiche Familie hineingeboren. Wie kamen deine Eltern zu ihrem Geld?
Olly: Mein Vater ist schon immer ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Mit 16 hat er angefangen, am Marktstand meines Opas Geschäfte zu machen, und mit 18 konnte er sich schon sein erstes Haus kaufen. Nachdem er bei mehreren großen Firmen als Commercial Director gearbeitet hat, leitet er heute sein eigenes erfolgreiches Unternehmen.

Wie hat sich das alles auf dich ausgewirkt?
Eigentlich ist mir erst heute richtig klargeworden, was mir in meiner Kindheit alles zur Verfügung stand. Wir lebten in einer Riesenvilla mit Swimmingpool, Heimkino, Aufnahmestudio und vier großen Garagen, die trotzdem nicht für alle Autos reichten. Wir haben ständig Geld für teure Uhren, Designerklamotten und die neuesten elektronischen Geräte ausgegeben—und das fand ich damals schon richtig sinnlos. Ich habe seit meinem Auszug auch nichts von dem vermisst, was manche Leute wohl als "Traumleben" bezeichnen würden. Mein Leben damals war nämlich alles andere als perfekt.

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Hast du damals den Druck verspürt, ebenfalls erfolgreich sein zu müssen?
Diesen Druck habe ich mir selbst auferlegt—aber nicht, weil ich meine finanziell sorgenfreie Kindheit jetzt als Erwachsener nochmals durchleben will, sondern weil ich es als professioneller Musiker schaffen will. Mein Vater wies mich immer an, das zu tun, was am meisten Gewinn bringt. Für mich hat es jedoch immer wichtigere Ziele gegeben. Seit meinem Auszug vor zwei Jahren habe ich auch so gut wie keinen Kontakt zu meinem Vater mehr. Heute lebe ich zusammen mit meiner Freundin in einem kleinen Häuschen auf dem Land. Ich habe gelernt, Erfolg nicht am Einkommen zu messen, sondern daran, wie glücklich man mit seinem Leben ist.

Schon klar. Aber hat es dir dein finanzielles "Sicherheitsnetz" nicht auch ermöglicht, deine Ziele ohne irgendwelche Sorgen im Hinterkopf zu verfolgen?
Obwohl ich der Meinung bin, dass man kein Geld braucht, um erfolgreich und glücklich zu sein, kann auch ich nicht verneinen, dass Geld dennoch eine wichtige Rolle spielt. Ich habe dieses Jahr sehr lange Vollzeit gearbeitet und obwohl mein Gehalt relativ ordentlich ist, musste ich mir trotzdem Geld leihen, um das Häuschen anmieten zu können, in dem ich jetzt lebe. In diesem Moment war ich dann doch sehr dankbar dafür, dass mir meine Mutter aushelfen konnte.

Wärst du heute ein anderer Mensch, wenn die Umstände deiner Kindheit anders ausgesehen hätten?
Das weiß ich nicht. Zwar gibt es für mich noch viele Dinge zu entdecken, aber ich kann mich trotzdem glücklich schätzen, schon jetzt zufrieden mit meinem Leben zu sein. Und vielleicht hätte ich niemals gewusst, wie glücklich ich überhaupt sein kann, wenn ich nicht schon während meiner Kindheit erfahren hätte, für wie viel Ärger Geld sorgen kann.

Ich habe das Gefühl, jetzt so zu leben wie jemand, der nicht in eine reiche Familie hineingeboren wurde. Mein altes Leben mit Swimmingpool im Garten und teuren Restaurantbesuchen liegt weit hinter mir. Ich mache jetzt Musik in meinem kleinen Heimstudio in meinem kleinen Häuschen—und ich könnte nicht glücklicher sein.

*Name geändert