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Elend, Krawalle und Dreck: Die Zeltstadt von Idomeni

Alles, was die Lebensqualität steigert und die Familien wenigstens ein bisschen trockener und wärmer hält, wird genutzt und verbaut. Hauptbestandteil dabei sind graue Wolldecken, die es zu Tausenden im Lager gibt und von einer Hilfsorganisation...

von Gil Bartz
12 April 2016, 4:00am

Das kleine unscheinbare Dorf Idomeni in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien ist seit mehr als 50 Tagen Schauplatz einer der größten humanitären Katastrophen Europas und das Sinnbild eines riesigen Versagens in der Flüchtlingspolitik.

Seit Mazedonien die Grenze dicht gemacht hat, sitzen mehr als 10.000 Menschen in Idomeni und Umgebung fest. Sie können nicht vorwärts und wollen auch nicht zurück. Zu groß sei die Angst, wieder in die Türkei abgeschoben zu werden. Aus dem Notlager mit ein paar einfachen Igluzelten und grauen Wolldecken ist eine mit viel Geschick und Kreativität entstandene Zeltstadt herangewachsen. Alles, was die Lebensqualität steigert und die Familien wenigstens ein bisschen trockener und wärmer hält, wird genutzt und verbaut. Hauptbestandteil dabei sind graue Wolldecken, die es zu Tausenden im Lager gibt und von einer Hilfsorganisation ausgegeben werden. Im Zelt dienen sie fünffach übereinandergelegt als Matratze und doppelt übereinander als Schlafdecke. Dann werden mehrere Decken zu einer langen Rolle gedreht, um nachts als Kopfkissen und tagsüber als Sitzbank zu dienen. Die restlichen Wolldecken werden zu allem verarbeitet, was sonst noch so die katastrophale Lage im Camp erträglicher macht.

Oft steht man länger als eine Stunde an, um duschen oder sich waschen zu können. Daher haben sich einige Familien aus Wolldecken ein eigene Duschkabine gebaut. Einzelne Zelte wurden zusammengelegt, ausgebaut, erweitert und umfunktioniert. Es gibt Schlafzelte, Wohnzelte, Vorratszelte, Feuerholzzelte und sogar Spielzelte für Kinder. Über die Wochen haben sich kleine Wohngemeinschaften gebildet, deren Mittelpunkt eine gemeinsame Koch- und Feuerstelle ist.

Die folgenden Fotos stehen sinnbildlich für den unfassbar drückenden Stillstand in den Lagern und zeigen zugleich, mit welcher Kraft und Ausdauer die Gestrandeten von Idomeni sich ihrem Alltag entgegenstellen.

Auch wenn diese gerade entstanden Aufnahmen wie ein unendlich andauernder Zustand wirken mögen, so brodelt unter der Schwere des Nichts-Passierens doch ständig ein Feuer. Die Situation im Lager ist unter ständiger Spannung. So eskalierte Sonntag nach langer Zeit der Ruhe die Lage im Camp, nachdem ein Flugblatt dazu aufgerufen hatte, gemeinsam über die Grenze nach Mazedonien zu marschieren.

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