Die Geschichte hinter dem Fake-Artikel des 'Tagesanzeigers'

Wenn ein fingierter Artikel nicht einmal von Journalisten des eigenen Medienhauses erkannt wird, wie soll ihn dann ein Leser erkennen?
2.12.16
Ein Screenshot des Fake-'Tagesanzeiger'-Artikels

Was der Journalist Constantin Seibt schreibt, wird gelesen. Der preisgekrönte Tagesanzeiger-Journalist gilt in der Schweizer Medienszene als Edelfeder und geniesst eine hohe Glaubwürdigkeit: Ihm gelingt es immer wieder, auf amüsante und leicht verständliche Weise, Themen wie Russlands Politsystem, die Finanzkrise oder das Phänomen Trump einem breiten Publikum zu erklären.

Am Dienstag war es wieder soweit. Ein von Constantin Seibt verfasster Artikel flutete die sozialen Netzwerken. Er generierte allein auf Facebook über 1.300 Likes, Shares und Kommentare. Auch zig Journalisten verschiedener Medienhäuser teilten ihn. Das Thema des Artikels war dieses Mal Gewalt an Frauen. Er rief dazu auf, dass Männer Frauen im Kampf für Gleichberechtigung endlich unterstützen sollten.

Begeisterte Leser gratulierten Seibt zum gelungen Wurf. Es gab nur ein kleines Problem: Da wo Seibt drauf stand, war nicht Seibt drin. Der Beglückwünschte weilte gerade in den Ferien und teilte am Nachmittag mit, dass er den Artikel gar nicht geschrieben habe.

In den Ferien. Handy eingestellt. Und gesehen, dass ich was geschrieben hab, was ich gar nicht geschrieben hab. Das: — Constantin Seibt (@ConstSeibt)November 30, 2016

Stück für Stück kam ans Licht, was es mit dem Artikel auf sich hatte. Die URL gehörte bei genauer Betrachtung nicht dem Tagesanzeiger: dem Medium fehlte im Link das zweite "A". Die Seite, auf der der Artikel gehostet war, sah nur so aus, als gehöre sie zum Online-Auftritt der Zeitung. Bald kursierte auf Twitter der Name des Inhabers der Domain. Sie konnte Dimitri Rougy zugeordnet werden.