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Kein schöner Wald: Wie BILD das „Deutsch-Sein“ erklärt

Pünktlich zum Tag der deutschen Einheit stopfte BILD mit 42 Millionen (!) kostenfreien Zeitungen eine Definition des Deutschseins in die Briefkästen der Nation.

von Thomas Vorreyer
05 Oktober 2015, 12:50pm

Foto: Imago/teutopress - Alle Jahre wieder beglückt die Bildzeitung Millionen von deutschen mit Gratisausgaben. Letztes Jahr pünktlich zum Mauerfall, dieses Jahr zum Tag der deutschen Einheit.

Der teutsche Erklärbär geht dieser Tage um. Mitten in die Debatte um die Aufnahme der Refugees und eine neue Willkommenskultur fiel nicht nur die Implosion der Volksmarke Volkswagen, sondern auch der Tag der Deutschen Einheit. Und wer dieser Tage mal in die Zeitung oder ins Netz geguckt hat, muss unweigerlich feststellen, dass zahlreiche Medien das vor allem für eine Antwort auf folgende Frage nutzen: Was ist eigentlich „deutsch"? „Wir sind die Neuen!", titelt etwa DIE ZEIT und porträtiert zahlreiche Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens nach Deutschland gekommen sind. Neue Deutsche eben, aber keine sogenannten „Biodeutsche".

Für letztere gibt es aber ja noch immer die gute alte BILD-Zeitung. „Happy Birthday Deutschland!", plärrte es am Samstag vom Titel jenes Mediums, das sich sonst öffentlich mit Bushido battelt und Franz Josef Wagners Ersatzmutti mimt. Der Anlass: der „25. ,Geburtstag' des wiedervereinigten Deutschlands."

Zwar hatte—wie immer—niemand den Springer-Verlag darum gebeten, doch der ließ es sich natürlich trotzdem nicht nehmen, das Land mal wieder mit einer Sonderausgabe in buntem Papier zu ertränken. Zwangsernährung für arme deutsche Briefkästen, die sich ja nicht wehren können und denen selbst am Feiertag keine Ruhe gegönnt wird. Insgesamt 42 Millionen Exemplare der sogenannten „Gratis-BILD" sollen ausgeliefert worden sein—und das in einer Jahreszeit, wo man sie weder als Grill- noch als Kaminanzünder so wirklich gebrauchen kann.

Nun will BILD an so einem schönen Tag natürlich ausnahmsweise mal nicht zündeln, aber das ideale Moment für einen identitären Ringelpiez darf man sich nicht entgehen lassen. In Zeiten, in denen nun auch manche Grünen (War ja nur eine Frage der Zeit ...) sich einen „positiven Patriotismus" herbei wünschen und in denen in den internationalen Medien gerade das Bild vom hässlichen, grimmigen Deutschen, der dem Griechischen Staat sein Spardiktat aufzwingt, und die „besorgten Bürger" in Heidenau oder Dresden von den Fotos aus dem Münchener Hauptbahnhof überstrahlt werden—auch wenn die Applausspaliere, die die HelferInnen dort für die ankommenden Refugees bilden, wieder einmal den unbedingten deutschen Drang zum Feierlichen offenbaren.

In so einer Gemengelage kann man also einmal ganz wunderbar „unverkrampft" erklären, was der eigenen Meinung nach „deutsch" ist. Niemand fühlt sich dazu eher berufen, als die auflagenstärkste Zeitung der Bundesrepublik, die ja stets im penetranten „Wir"-Duktus zu formulieren pflegt. Und wer „Wir" sind, wird dabei immer wieder gerne je nach Bedarf justiert. Eine deutsche Muslima mit Eltern aus dem Libanon ist eben manchmal Teil davon, manchmal nicht. Stefan Müller aber, der brave, weiße, heterosexuelle Steuerzahler mit Festanstellung aus der Vorstadtsiedlung ist es aber immer. So viel ist sicher.

Für die Sonderausgabe dürfen aber erst mal alle Deutsche bzw. „Wir" sein und sich an ein paar Listen erfreuen. Eine mit deutschen Kirchen etwa, die man unbedingt mal besichtigt haben sollte. Gebet optional. Unter der Überschrift „Was mir Freude macht, wenn ich an Deutschland denke" führt Bundesfinanzminister Wolfang Schäuble einen interessanten Mix auf: Grundgesetz, Deutsch-Amerikanische Freundschaft, Moscheen, Reichstag, Paulskirche, 1-Euro-Münze usw. Nur die Currywurst bleibt ungeküsst. Und nahezu ausschließlich weiße, biodeutsche Comedians dürfen 25 ziemlich deutsche, weil extrem fade Witze erzählen, wobei BILD selbst die noch nicht mal versteht: „Kommt ein Zyklop zum Augearzt" (sic), feixt Micky Beisenherz ursprünglich, nur haben die korrekten Spaßbremsen aus dem Lektorat im schön wieder den „Augenarzt" rein gesetzt. Dü-düm.

Außerdem erfährt man, dass Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting bei einem morgendlichen Espresso im deutschen Heim, anfängt „kreativ zu denken"—was angesichts von bisherigen Ausfällen à la „Wenn der Diskus auf dem Rasen aufspringt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen." (zu einer Aktion, bei der ein Dopingopfer-Verband Pappbrillen im Leichtathletikstadion verteilt hatte) die eigene Hirnakrobatik mächtig auf Touren bringt. Dass am 3. Oktober 1990 geborene Deutsche davon träumen, Staus zu besiegen, Shisha-Bars zu eröffnen oder gleich ganz in die USA auszuwandern. Dass Schlagerstar Andrea Berg am liebsten unter ihren Fans, den „Traumpiraten", ist, und dass BILD selbst nicht von der vermeintlichen Rückzahlung der Griechenland-Hilfen und des Ost-Solis träumt, sondern auch von der Schlagzeile „Nach Homo-Ehe: Erster Minister fordert Einschwulung!" (sic)

Den Vogel, oder eher: den deutschen Adler abgeschossen hat aber ein gemeinsames Interview, welches Alexander von Schönburg (Adel verpflichtet!) mit den Schauspielerinnen Veronica Ferres und Maria Furtwängler geführt hat. Eben unter dem großen Titel „Was ist deutsch?" Und wo? Klar, im schönen deutschen Wald, aus dem, wie man gleich erfahren wird, „Wir" ja alle herkommen. Wie so oft bei BILD kommt man nicht drumherum, den ganzen Wahnsinn wörtlich zu zitieren:

„Was heißt es, deutsch zu sein? Darüber wollen wir reden. Aber wo tut man das? Auf einer Burg? Am Rhein mit Blick auf die Loreley? ES MUSS IM WALD SEIN!" Kühler Schatten für kühle Gedanken, versteht sich von selbst. Von Schönburg erklärt auch, warum: „Unseren Vorfahren war der Wald heilig, sie glaubten an Yggdrasil, den Weltenbaum, für sie war der Wald eine Art grüner Tempel. Hier enstanden unsere Mythen. Und die Märchen. Hänsel und Gretel, Rotkäppchen." Was waren das noch Zeiten, wo Märchen nicht in Redaktionsräumen entstanden. Aber damit will sich die Germanen-Zeitung nicht lange aufhalten, schließlich sollen ja zwei Frauen zu Wort kommen, die „die für eine sehr deutsche Weiblichkeit stehen." Kartoffelhändlertochter Ferres nämlich und Bildungsgroßbürgerin Furtwängler. Zwei hochgewachsene, schlanke Blondinen mit fester Mine, die von BILD hochhackig in Lack-Leder-und-Fransen-Montur zwischen die Bäume gestellt werden. Odins neue Töchter also in passender, spätromantischer Nachtschattengewächstarnkleidung. Das ist also das deutsche Idealbild für BILD. So als hätte bei „Germanys next Topmodel" stets nur Lena Gercke gewonnen—und nicht Sara Nuru, als hätten Steffie Jones und Célia Šašić nie ein einziges Tor für die deutsche Nationalmannschaft geschossen, als wären alle Z-Promis plötzlich vor Nazan Eckes sicher. Von Schönburg: „Die Heimat ist schließlich etwas Weibliches." Aus Mutters blassen Schoße stammen wir alle.

Und Mutti wie Vati und Töchterchen, Omi und Opi soll nun noch einmal klar gemacht werden, nicht was „deutsch" ist, sondern was „typisch deutsch", ja sogar, „urdeutsch" ist. O-Ton Ferres: „Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnung und Trotz." Offener Ausländerhass, Vetternwirtschaft—wie bei der CSU—, oder Betrug—wie bei VW—werden unter den Laubboden gekehrt. Aber ja, Trotz. Weil Luther war doch trotzig. Und Hermann der Cherusker, der in der Varusschlacht aus dem Hinterhalt des Waldes heraus, die römischen Legionen vernichtend besiegte. Das ist allerdings mehr als 2.000 Jahre her. Hermann hat das national berauschte Deutsche Reich des 19. Jahrhunderts zahlreiche Denkmäler gewidmet. Ebenso dem Kreuzfahrerkaiser Barbarossa. Das all das dann über Umwege wieder einmal im dunklen Wald rund um Buchenwald und Auschwitz endete, wird hier allerdings verschwiegen. Lieber wird Tacitus zitiert: „Frauen stehen in dem Glauben der Germanen den Göttern näher." Ferres verwandelt die nächste romantisierende Vorlage: „Wir (Frauen) sind ja auch stärker, weil wir Intuition haben. Es gibt nichts Stärkeres als die weibliche Intuition. Das ist die moderne Übersetzung von ‚den Göttern näherstehen'." Nur DAX-Vorstände sind bis heute götterlose Orte geblieben, da müsse, so Furtwängler—richtigerweise—, deutlich nachgeholt werden, aber von Schönburg ist da im Kopf bereits beim deutschen Schwarzbrot, bei Schäferhund und Kirchturmläuten. Am Ende geht es auch noch um die Flucht. Deutschland hätte da ja zahlreiche Erfahrungen und meistert die neuen Anforderungen sicherlich gerne. Die Ankömmlinge sollen sich willkommen fühlen und sich aber auch möglichst schnell integrieren. Nur wie soll das so recht funktionieren? Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus, geht ein sehr deutsches Sprichwort. Und die Schreihälse von BILD halten bis heute an der immergleichen Botschaft vom fleißigen, blonden, weißen Deutschen fest. Immer lauter werden sie, je weiter die tatsächlich verkaufte Auflage sinkt. Den „Anderen" hält man die Bratwurst nur vor und zieht sie im richtigen Moment stets wieder weg. Zumal, wo soll es hinführen, wenn man nun schon wieder beginnt, sich wieder auf die alten Germanen zu berufen, mit denen wir nach Jahrtausenden von Menschheitsgeschichte doch genetisch wie historisch lediglich ebenso viel gemeinsam haben, wie mit Attila, dem Hunnenkönig? BILD leistet so lediglich dem rechten Ruf nach einem unverkrampften, „befreiten" Bezug auf die deutsche Geschichte Vorschub.

Übrigens: Die BILD-Zeitung wird nach eigenen Angaben zu 41% auf Papier aus „deutschem" Holz gedruckt. Ehrensache. „Für seine Holzlieferanten hat Axel Springer sechs verbindliche Waldnutzungsstandards festgelegt: ... 5. Ureinwohner: Der Papierhersteller nimmt auf Ureinwohner Rücksicht (z.B. die Sami in Nordskandinavien)." Noch lieber macht man sich aber um das deutsche Waldmenschentum verdient. Weidmannsheil!