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Leichte Beute: Wie manche Männer psychisch kranke Frauen ausnutzen

Was tun, wenn du dich in einer Beziehung mit einem Partner befindest, der deine Krankheit als deine attraktivste Eigenschaft sieht?
28.9.16
Illustration: Tiana Dunlop

Titelillustration: Tiana Dunlop

"Sieh's mal so", schreibt der User JPD0414 auf der Dating-Plattform PlentyOfFish. "Wenn du ein Mädchen hast, das schon glücklich und selbstbewusst ist, dann kannst du nicht viel verbessern und nicht so viel Einfluss auf ihr Leben nehmen. Aber wenn sie depressiv ist und ein beschissenes Familienleben hat, dann hast du die Chance, einer der wenigen Lichtblicke in ihrem Leben zu sein, und sie wird dich mehr mögen."

Dieser anonyme "Nice Guy" erklärt weiter, dass er so richtig auf Mädchen mit psychischen Krankheiten wie Angststörungen und Depressionen abfährt. Warum das, fragst du? Na, weil ihre psychischen Leiden ihm Vorteile bringen, natürlich! Der Ritter in strahlender Rüstung kann einmarschieren und sie vor den Untiefen ihrer eigenen Psyche retten. Denn das ist sein spezielles Talent. Er ist ein besonderer Mann mit einer echten Leidenschaft dafür, Frauen zu manipulieren.

Daraufhin reagieren mehrere Nutzer mit Zustimmung und verkünden: "Verrückte Schnallen sind im Bett am wildesten!"

Wenn du als Frau schon mal eine langfristige psychische Krankheit hattest, dann kennst du vielleicht diese Art von Mann, die gerne Frauen benutzt, um ihre White-Knight-Fantasie zu befriedigen. Wenn nicht, musst du dich nur einmal kurz im Internet umsehen, um reichlich Beweise zu finden. In diversen Foren stellen männliche Teenager Fragen wie "Warum finde ich selbstmordgefährdete Mädchen heiß?" und junge Frauen fragen sich: "Warum baggert mich dieser Typ mehr an, wenn ich traurig bin?"

Es gab sogar 2012 eine Studie an der University of Texas at Austin, die ergab, dass Männer allgemein eher Frauen nachstellen, die "psychisch labil" wirken—allerdings nur für kurzfristige Interaktion, sprich: Sex.

Aber was tun, wenn du dich in einer Beziehung mit einem Partner befindest, der deine Krankheit als deine attraktivste Eigenschaft sieht?

Das Problem ist natürlich, dass eine solche Beziehung selten offensichtlich unter diesem Vorzeichen beginnt. Anfangs gibt es dir vielleicht ein Gefühl der Sicherheit, dass er deiner psychischen Krankheit Aufmerksamkeit schenkt. Es kann schon fast erleichternd sein, wenn jemand sagt, er fände deine Depression "faszinierend", denn wenigstens deutet das darauf hin, dass er dich nicht ignorieren oder verlassen wird, nur weil du krank bist—wofür du ja absolut nichts kannst.

"Ich hatte das Gefühl, akzeptiert zu werden", sagt Rachel über ihren ersten Freund, Chad, der ihre Depression fetischisierte und sie aufforderte, sich als Liebesbeweis zu ritzen. "Ich dachte, es ist unmöglich, jemanden zu finden, der mir nicht wegen meiner psychischen Probleme den Rücken zukehrt, vor allem damals mit 17. Anfangs sah ich in ihm jemanden, der mich so akzeptiert, wie ich bin, mit all meinen Fehlern. Dass er meine Fehler attraktiv fand, gab mir das Gefühl, wir hätten eine tiefergehende Verbindung."

Aber in Wirklichkeit ist die Verbindung sehr oberflächlich. Wie die Frauen, mit denen ich mich unterhalte, betonen, existiert dein psychisches Leiden nur dazu, dem Mann das Gefühl zu geben, sein Leben habe Sinn und Tiefgang—und genau das ist es, was er möchte. Außer natürlich, du stellst tatsächliche Ansprüche oder er muss sich so richtig um dich kümmern.

"Letzten Endes war Chad ein Narzisst, wie er im Buche steht", erklärt Rachel. "Ich denke, er fühlte sich zu Mädchen mit psychischen Problemen hingezogen, weil das ein Spiegelbild seiner selbst war. Er ließ auch oft und gerne männliche Dominanz heraushängen, also suchte er nach kaputten Bräuten, die er nach seinen Vorstellungen verbiegen konnte. Ich glaube nicht, dass diese Typen uns retten wollen—sie wollen einfach nur, dass wir am Boden bleiben, damit sie über uns stehen."

Ich versuche zu begreifen, warum manche Männer sich so verhalten, und kontaktiere die Psychologin und Therapeutin Eliana Barbosa.

"Es ist schwierig, das komplett zu verstehen, denn es variiert von Fall zu Fall", sagt sie. "Aber ich denke, dieses Verhalten lässt sich in zwei Gruppen aufteilen. Einmal gibt es die Männer, die sadistisch sind, denen es also Vergnügen bereitet, wenn eine Frau leidet. Und dann sind da Männer, die kulturelle Aspekte der Misogynie bedienen und das geringe Selbstvertrauen der Frauen ausnutzen, um sich selbst Bestätigung und Dominanz zu verschaffen. Depressionen können einem die eigenen Wünsche und Begierden rauben, und Mädchen, die damit zu kämpfen haben, unterwerfen sich letztendlich vielleicht den Wünschen einer anderen Person, nur um überhaupt eine Art Begehren zu empfinden. Es ist keine bewusste Entscheidung seitens der Mädchen, oder auch Jungs, die in manipulativen Beziehungen landen. Diese Männer nutzen etwas aus, das diesen Menschen im Leben fehlt."

Lisas Beziehung mit ihrem Ex fing ganz normal an. Sie waren eine Zeit lang glücklich, Lisa erzählte ihm von den Traumata ihrer Vergangenheit und von ihrem Kampf gegen Depressionen und Angststörung. Er wirkte teilnahmsvoll und betonte, er würde aufgrund seiner reichlichen Erfahrung auf diesem Gebiet immer wissen, was zu tun sei, wenn sie eine depressive Episode oder Panikattacke erlitt. Das stellte sich als glatte Lüge heraus.

"All seine Ex-Freundinnen waren psychisch krank", sagt Lisa über ihren Ex. "Er gab nicht direkt damit an, aber er stellte es immer so dar, als wären sie alle noch irgendwie in ihn verliebt und als hätte die Trennung die Psychen dieser Mädchen nur noch weiter zerstört. Er deutete sogar an, dass es einer von ihnen nach der Trennung so viel schlechter ging, dass ihr tödlicher Motorradunfall wahrscheinlich Suizid seinetwegen gewesen sei. Später erfuhr ich, dass sie gar nicht am Lenker saß und dass sie zu dem Zeitpunkt eine neue Beziehung hatte."

Eine Person, die aktiv psychische Kranke sucht, weil sie "leichte Beute" darstellen, die sich mühelos manipulieren lassen, will sich offensichtlich mächtig fühlen. Wenn die Beziehung dann weiter fortschreitet, üben sie oft leider extrem viel Kontrolle über ihre Partnerinnen aus. Eine Trennung kann der Frau dann besonders schwer fallen, aber einigen gelingt es doch.

"Wenn eine Frau Schluss machen kann, dann kann sie noch gewisse Grenzen ziehen", sagt Barbosa. "Egal wie viel Missbrauch sie erleidet, irgendwann kommt der Punkt, an dem sie sagt: 'Nein, jetzt reicht's!' Das bedeutet, dass sie zumindest noch einen Rest Kraft hat."

Lisas Freund missbrauchte sie, indem er ihre psychische Krankheit erwähnte, sobald sie eine negative Emotion zeigte. "Er fing oft per SMS Streit an und mehrmals sagte er: 'Such dir endlich Hilfe.' Aber auf eine abfällige Art. Dabei hat er mich ja selbst immer überredet, nicht zu meinen Therapie-Terminen zu gehen", sagt sie. "Wann immer ich ihm sagte, dass ich ihn lieb habe, nannte er mich Lügnerin. Einmal trennte ich mich von ihm und dadurch verstärkte sich der emotionale Missbrauch. Ich konnte kein Wort sagen, ohne dass es gleich hieß, ich sei eine verrückte, hysterische, lieblose Bitch."

Nachdem eine gute Freundin ihr von ihrer eigenen Missbrauchserfahrung erzählte, beendete Lisa die Beziehung endgültig.

Es ist nie einfach, eine psychische Krankheit mit einer Beziehung zu vereinbaren, aber heute sind Lisa und Rachel in Beziehungen mit Menschen, die sie als Partnerinnen respektieren und sie in schweren Zeiten unterstützen, ohne sie zu verletzen oder auszunutzen. Und, wer hätt's gedacht, das ist auch absolut machbar, solange man seine Partnerin als tatsächliche Person sieht, und nicht einfach nur als ein praktisches Werkzeug für die eigenen Ziele.

"Der Unterschied zwischen meinem Ex und einigen anderen Typen, die psychische Krankheiten fetischisieren, ist der, dass er wollte, dass es mir noch schlechter geht", sagt Lisa. "Die meisten von diesen Fetischisten glauben, dass sie die Heilung, die Lösung für alle Probleme sind. Und die missbrauchen einen dann nur noch mehr, wenn sie merken, dass das nicht stimmt."

Rachel hat einen wichtigen Rat für alle Frauen, die sich gerade in Beziehungen mit solchen Männern befinden, oder die merken, dass ihr Freund möchte, dass es ihnen schlechter geht, damit er sich besser fühlen kann.

"Diese Typen werden dich ganz unauffällig nach und nach verschlingen, bis nichts mehr von dir übrig ist, und du wirst es nicht einmal merken, wenn alles weg ist", sagt sie. "Es ist wichtig, dass du die Aspekte an dir vor Augen hältst, die deiner Meinung nach Aufmerksamkeit verdient haben. Dann denk darüber nach, warum er nicht hinsieht. Meist liegt es daran, dass er zu sehr damit beschäftigt ist, auf sich selbst zu schauen. Sei stark, such dir Unterstützung, und dann mach dich verdammt nochmal einfach vom Acker."

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