Warum unsere Empörungskultur (nicht nur) im Internet scheinheilig ist
Collage: VICE Media
Popkultur

Warum unsere Empörungskultur (nicht nur) im Internet scheinheilig ist

Die Empörung im Netz ist zu einem kollektiven Erlebnis geworden. Kaum jemand überträgt das, wofür er im Netz eintritt, jedoch ins "echte" Leben.
19.10.16

Erinnert ihr euch noch an das Café Prückel? Ja, das tut ihr wahrscheinlich, denn es ist gut möglich, dass ihr in den letzten Monaten dort einmal einen Kaffee getrunken und einen Schinken-Käse-Toast gegessen habt. Und ihr erinnert euch vermutlich auch noch daran, als Anfang 2015 jeder furchtbar empört über die vermeintlich homophobe Besitzerin war, die ein schmusendes lesbisches Pärchen des Lokals verwiesen hat.

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Die Empörung war groß, das Internet hat getobt, unzählige schlechte Lokal-Bewertungen wurden geschrieben und vor dem Café versammelten sich 2000 Menschen, um ihre Solidarität mit dem Pärchen zu zeigen und ein Zeichen gegen Homophobie zu setzen. Nicht gerade wenige haben damals beteuert, dort nie wieder einen Fuß hinein zu setzen. Man wollte ja das eigene Geld schließlich keiner Homophobie-Oma in den Rachen stecken.

Heute scheint davon nicht mehr viel übrig geblieben zu sein. Menschen, die sich damals furchtbar aufgeregt haben, posten heute wieder #Foodporn-Bilder aus dem Prückel. Fragt man bei diesen Menschen nach, heißt es, man würde eh jedes Mal, wenn man dort ist, daran denken und wisse eh, dass man inkonsequent sei. Schlimm fand man jedenfalls trotzdem, was im Jänner 2015 dort vorgefallen sein soll. Aber halt nicht schlimm genug, um aus dem Vorfall Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen. Wir alle kennen das.

Der Prückel-Fall beschreibt das Wesen der Online-Empörung, die uns in regelmäßigen Abständen einholt, ziemlich gut. Empörung ist zu einem Event geworden, bei dem wir alle dabei sein wollen, zu dem wir alle unseren kleinen Beitrag leisten wollen. Wer sich damals nicht über das Café Prückel empört hat, der war feig, langweilig, unwichtig, unsichtbar oder rechts—zumindest in der konkreten Debatte und zumindest dann, wenn man der gängigen Internet-Logik folgt.

Als im August 2015 der Höhepunkt der Flüchtlingskrise erreicht war, forderte die Westbahn aufgrund eines Geschäftsrückganges durch die Flüchtlinge einen Gebührennachlass von den ÖBB, worauf sich diese entsetzt darüber zeigten, dass die Westbahn aus der Flüchtlingskrise Kapital schlagen wollte.

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Unter dem Posting, mit dem die Westbahn die Sache damals klarstellen wollte, finden sich ebenso wie beim Café Prückel viele Äußerungen verärgerter Kunden, die meinten, sie würden ab sofort nur noch die ÖBB nutzen. Auf Nachfrage bei der Westbahn erfahren wir von Pressesprecherin Ines Volpert, dass die Empörung rund um das Thema schnell wieder abgeflaut ist—und im Endeffekt wohl keine langfristigen Konsequenzen für das Unternehmen entstanden sind.

Bei Shitstorms mitzumachen ist Teil einer Positionierung. Menschen werden zu Mitläufern.

"Ein Shitstorm birgt im Nukleus immer die Gefahr, zu einer Bedrohung zu werden", erklärt Volpert. "Im konkreten Fall wird es sicher Kunden gegeben haben, die aus moralischer Entrüstung beschlossen haben, künftig die Westbahn nicht mehr zu nutzen. In signifikantem Ausmaß konnten wir dies allerdings nicht verzeichnen."

Und nein, Prückel und Westbahn sind beides keine Einzelfälle. In Braunau am Inn äußerte sich ein Lokalbesitzer vor zwei Jahren dahingehend, dass in seinem Lokal nur Deutsch gesprochen werden dürfe. Als er von den Oberösterreichischen Nachrichten damit konfrontiert wurde, sagte er: "Bei mir wird nur Deutsch gesprochen, sonst bekomm' ich es mit der Angst zu tun. Das könnten ja Terroristen sein." Erst im August diesen Jahres bekam der Wirt wieder Medienaufmerksamkeit, weil er aufgrund eines Facebook-Postings wegen Verhetzung angeklagt wurde.

Nach dem ersten Vorfall im Jahr 2014 veröffentlichte die Initiative "braunau gegen rechts" einen Aufruf mit dem Titel "Kein Bier bei Rassisten!" und forderte die Braunauer auf, "auf eine gastfreundliche Bar auszuweichen". Allzu viele dürften diesem Aufruf wohl nicht gefolgt sein, denn wie immer war die Aufregung nur von kurzer Dauer.

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Zumindest aus wissenschaftlicher Sicht wäre das auch im genannten Fall nur wenig verwunderlich. Forscher der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln haben herausgefunden, dass sich Shitstorms nicht auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens auswirken. Ihren Untersuchungen zufolge bringt ein Shitstorm kaum Umsatzverluste oder langfristigen Verlust an Glaubwürdigkeit mit sich.

So auch im Fall von Spar. Im Dezember 2015 kam es zu einem Shitstorm gegen den Lebensmittelriesen—zuerst von Tierschützern, dann von rechts und schließlich von links. Spar bot Halal-Fleisch an, was einige selbsternannte Verteidiger des Abendlandes nicht dulden wollten und konnten. Kurzerhand wurde zum Boykott aufgerufen, woraufhin Spar eingeknickt ist und Halal-Fleisch aus dem Sortiment genommen hat.

Kaum jemand traut sich mehr zu sagen, dass er zu einem Thema keine Meinung hat.

Das hat schließlich dazu geführt, dass Spar auch von linker Seite in der Kritik stand. Nicole Berkmann, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit bei Spar, erklärt auf Anfrage von VICE, dass auch der Halal-Shitstorm—ähnlich wie der Refugee-Shitstorm gegen die Westbahn—keine langfristigen Folgen für den Konzern hatte. Zum Beispiel kam es zu keinen spürbaren Gewinneinbußen. Inkonsequenz kennt offenbar keine politische Einstellung.

Unsere Kommunikationschefin bei VICE Austria, Judith Denkmayr, wird vielerorts als Social-Media-Expertin zitiert und erzählt uns zum Thema Online-Empörung im Gespräch: "Shitstorms sind der Inbegriff von Slacktivism. Nimm zum Beispiel den Fall von Kony2012: Das war ein extrem rührseliges Video, es war überall in unseren Timelines. Das Package mit den Stickern und Plakaten haben sich noch viele bestellt und dann war plötzlich nichts mehr davon zu sehen. Das ist ein Paradebeispiel für diesen kurzfristig angestoßenen Aktivismus, bei dem man mitmacht, weil es grad lässig ist. Das hat dann im Endeffekt aber alles keinen Bestand."

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Bei Online-Aktivismus und der dazugehörigen Empörung gehe es viel um Selbstinszenierung, so Denkmayr: "Hinter solchen Dingen steckt oft ein egoistischer Hintergrund. Bei Shitstorms mitzumachen ist Teil einer Positionierung. Menschen werden zu Mitläufern. Kaum jemand traut sich mehr zu sagen, dass er zu einem Thema keine Meinung hat oder ihm noch zu wenige Fakten vorliegen, um sich eine bilden zu können."

Die Empörung im Netz ist zu einem kollektiven Erlebnis geworden. Es ist, als würden alle Beteiligten gemeinsam eine Serie schauen und nur darauf warten, dass etwas Neues passiert.

Alle wollen wissen, wer den nächsten Fehler macht, etwas vermeintlich Dummes zum Thema sagt und wen man als nächstes beschuldigen kann. Jeglicher Sinn und Zweck hinter der kollektiven Aufregung ist verloren gegangen—falls er denn jemals vorhanden war. Die Tatsache, dass meinungsstarke Menschen auch außerhalb der Social Media-Blase etwas bewegen könnten, scheint jeder vergessen zu haben. Ein Versuch wird meist nicht einmal gewagt.

Warum nicht im "echten" Leben so handeln, wie man es im Internet groß ankündigt?

Nach jedem Shitstorm wird sich gegenseitig auf die Schulter geklopft. Menschen schreiben der Westbahn "not in my name!" auf die Pinnwand und sagen, sie würden ab sofort nur noch ÖBB fahren. Das Prückel wurde kurzerhand zur No-Go-Area erklärt. Spar wird von allen Seiten für seine Produktwahl oder sein Einknicken vor der Kritik der anderen kritisiert.

Das sind nur ein paar Beispiele von Dienstleistungen, deren Boykott unsere Lebensqualität nicht im Geringsten einschränken würde und der sich eigentlich konsequent durchziehen lassen sollte. Und dennoch ist es bereits kurz nach der großen Aufregung allen egal, wie es mit den vermeintlichen Übeltätern weiter geht—Hauptsache, man war dabei beim öffentlichen Anprangern und Schimpfen und die eine "gute Tat" ist für diesen Tag abgehakt. Mehr kann man schließlich nicht tun.

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Aber rein theoretisch könnte man doch. Man könnte es zumindest versuchen. Man könnte nicht nur große Töne zu spucken und online auf jeden Zug aufzuspringen, sondern endlich verstehen, dass das Internet und das echte Leben mittlerweile keine zwei getrennten Welten mehr sind.

Geht es zum Beispiel um das große Thema Hass im Netz, kommen viele mit genau diesem Argument: Wir müssen aufhören, das Internet als rechtsfreien Raum zu sehen, aufhören, es vom "echten" Leben abzugrenzen und endlich verstehen, dass das Internet ein Abbild des echten Lebens ist und umgekehrt. Warum dann hier eine Ausnahme machen? Warum nicht im "echten" Leben so handeln, wie man es im Internet groß ankündigt?

In Wien gibt es bekanntlich viele traditionelle Kaffeehäuser mit grantigen Kellnern und Stuck an der Decke. Manche davon unterstützen sogar Alexander van der Bellen, nur so nebenbei gesagt. Und es gibt die ÖBB, es gibt Fernbusse, es gibt Mitfahrgelegenheiten. Zwei Euro Preisunterschied sind jedoch sicherlich Grund genug für die meisten von uns, um die Westbahn, die man noch vor einem Jahr als die Ausgeburt des bösen, seelenlosen Kapitalismus sah, den ÖBB, die sich in der Flüchtlingskrise ziemlich vorbildlich verhalten haben, im Zweifelsfall vorzuziehen.

Das ist traurig, aber auch verständlich—und wahrscheinlich nur menschlich. Wir alle sind faule Gewohnheitstiere und unsere Bequemlichkeit steht meist an erster Stelle. Aus zwei Optionen die weniger naheliegende zu wählen, könnte man wahrscheinlich als irrational bezeichnen. Aber nur, weil es menschlich ist, heißt es nicht, dass wir nichts daran ändern sollten.

Verena auf Twitter: @verenabgnr