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Syronics on Speed

Warum ich in Flughäfen zum Terroristen werde

Dann stürzt das Flugzeug ab. Und alle rufen: Der Syrer war's!

von Aboud Saeed
18 August 2016, 3:17pm

Der erste Flughafen, den ich je betreten habe, war Istanbul-Atatürk. Damals sagte ein Freund zu mir: "Schau mal, Bruder Aboud, heute wirst du zum Flughafen gehen. Der Flughafen ist groß. Und du bist zwar der Scheich der Schriftsteller, alles schön und gut. Aber im Flughafen bist du ein Esel!"

Ich war auf dem Weg nach Deutschland für eine Lesereise zu meinem Buch. Und jetzt, wo ich ein Schriftsteller war, musste ich auch irgendwie äußerlich darauf hinweisen. Was war also naheliegender, als mir einen Vollbart wachsen zu lassen? Machen das Schriftsteller nicht immer so?

Als ich dann in Berlin meine Unterlagen für den Asylantrag einreichte, trug ich diesen Kulturbart auch auf dem Foto, das man mir in den Pass klebte. So kam ich in den Besitz eines Reisepasses mit meinem Namen, meinem Bart und meiner Hautfarbe. Und dann ging es von Flughafen zu Flughafen, von Stadt zu Stadt. Doch mein Name, mein Bart und meine Hautfarbe blieben gleich—genauso wie die Passkontrolle.

Eigentlich ist es ja ganz schön in Flughäfen: Eleganz, Ordnung, Fünf-Sterne-Service und manchmal sogar kostenloses W-Lan. Aber dann kommt die Ausweiskontrolle. Wenn der Polizist dich etwas sorgfältiger überprüft als alle Anderen, wenn er skeptisch guckt und die Seiten deines Passes mehrmals hin- und herblättert, ist das gar nicht mehr schön. In dem Moment merkst du wieder mal, dass du anders bist. Ganz besonders, wenn dein Name auch noch Almohammad Aboud Saeed ist und du einen braunen Teint hast, auf den meine Mutter früher immer so stolz war. An Flughäfen bin ich einfach immer verdächtig.

Außer in Brasilien, da ist es anders. Ich war für ein Literaturfestival dort und die Menschen haben fast alle braune Haut, teilweise dunkler als meine. Ich gehe unter in ihrer Bräune. Sie wissen auch so gut wie nichts über arabische Namen und den Horror, der von ihnen ausgeht. In Brasilien ist alles möglich. Brasilien ist wie Syrien, nur ohne Bashar al-Assad.

Nachdem das Festival vorbei war, stand ich am Flughafen von Rio de Janeiro und rauchte noch schnell eine Zigarette vor dem Flug nach São Paulo. Meine Freundin stand mit unseren Pässen am Schalter. Als sie an die Reihe kam, fragte die brasilianische Angestellte, wo der Inhaber des anderen Passes sei. Meine Freundin zeigte in die Ferne und sagte: "Er raucht gerade da draußen!"

"Alles klar", sagte die Frau und stempelte unsere beiden Pässe ab. So einfach geht das in Brasilien! Nichts ist hier unmöglich.

Ich rauchte meine Zigarette auf, ließ den Zigarettenstummel in eine Bierflasche fallen, die am Gehweg stand, und ging ins Flughafengebäude. Plötzlich hielt mich ein Flughafenmitarbeiter an. Er redete unverständliches Zeug auf Portugiesisch, wollte aber wohl meinen Pass und mein Ticket sehen. Während ich ihm meine Papiere gab, dachte ich mir: "Sind die Brasilianer etwa doch im gleichen Kontrollwahn wie alle anderen?" Aber er verpasste mir nur einen Strafzettel dafür, dass ich meine Zigarette einfach so in die Flasche gesteckt hatte und nicht in einen der dafür vorgesehenen Aschenbecher.

Ja, aber bitte sehr, der Herr, herzlich willkommen! Tausend Strafzettel sind mir lieber als ein einziger misstrauischer Blick an der Passkontrolle!

Dann wartete ich am Gate aufs Boarding. Dabei musterte ich das Flugzeug, mit dem ich gleich fliegen würde. Mir fiel auf, dass der Lack an der Vorderseite der Maschine überall abgeplatzt war. Auch sonst sah sie ziemlich mitgenommen aus, an einigen Stellen war Rost zu sehen. Aus einem Fenster des Flugzeugs guckte der Kopf des Piloten heraus. Da fiel mir auf, wie zerknautscht sein Gesicht war. Ach du lieber Himmel, dieser Brasilianer war wohl gerade erst aus dem Tiefschlaf aufgewacht! Und jetzt wollte er ein Flugzeug steuern.

Ich habe mir vorgestellt, wie wir auf dem Weg nach São Paulo abstürzen, über dem Atlantik und aus irgendeinem völlig bescheuerten Grund—beispielsweise, weil plötzlich das Benzin alle ist. Und dann versuch mal einer, CNN, BBC und Al Jazeera davon zu überzeugen, dass es wirklich am Benzin gehapert hat!

Die erste Theorie über den Absturzgrund wird ganz sicher Terrorismus sein. Besonders solange die Blackbox verschollen ist. Sie werden zuerst einmal die Fluggäste unter die Lupe nehmen und schauen, wo sie herkommen. Dann stoßen sie auf Almohammad Aboud Saeed und seinen Bart. Der einzige Syrer unter den Fluggästen.

Ich habe ja, wie jeder andere Intellektuelle auch, immer davon geträumt, dass die Medien viel über mich berichten. So würde sich gleich die ganze Welt mit mir beschäftigen. Mein Name würde im Fernsehen auftauchen, im Radio und in Magazinen.

Das würde dann ungefähr so klingen: "Die abgestürzte brasilianische Maschine hatte Fluggäste verschiedener Nationalitäten an Bord, unter anderem einen Syrer namens Almohammad Aboud Saeed."

Renommierte Professoren würden über Flugzeugabstürze und über Terror sprechen. Und sie würden über mich reden. Der Verlag, bei dem mein Buch erschienen ist, wird eine Blütezeit erleben. Alle Kopien meines Buches werden innerhalb jener Woche verkauft, in der eifrig nach der Blackbox gesucht wird.

Sie werden auf mein Facebook-Profil gehen und Screenshots von Posts machen, die ich mal geschrieben habe, und sie anschließend mit dem Flugzeugabsturz in Verbindung stellen. Meine deutschen Freunde werden mich umgehend aus ihrer Freundesliste löschen, und alle Privatnachrichten, die wir einander je geschrieben haben, auch.

Meine Verwandten und Stammesmitglieder werden ein Trauerzelt aufstellen, die Trauernden empfangen und ihnen bitteren Kaffee servieren. Immer wenn einer "Wie ist denn Aboud Saeed gestorben?" fragt, werden sie irgendwo bei Facebook anfangen und mit Brasilien aufhören. Und einer meiner Cousins, eine absolute Niete in Geografie, wird jedes Mal, wenn jemand "Wo ist denn euer Verwandter Aboud Saeed gestorben?" fragt, seinen kleinen Sohn zu sich rufen.

"Los, sag Onkel Soundso, wo das Flugzeug abgestürzt ist."

"Das Flugzeug ist in Brasilien abgestürzt. Es war gerade unterwegs von Leonardo di Caprio nach Pater Paolo, aber dann ist es ins Meer gefallen."

Und kurz bevor endlich die Blackbox gefunden wird, tönt der Lautsprecher: "Letzter Aufruf für den Passagier Herrn Almohammad Aboud Saeed von Flug B76 nach São Paolo! Bitte begeben Sie sich umgehend zum Flugzeug!"

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