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Sascha Malzev ist der einzige männliche Synchronschwimmer Russlands

Wasserballett ist was für Mädchen und alte Säcke, wie die deutsche Synchronschwimmergruppe „Synchro Libido“.
24.9.10

Wasserballett ist was für Mädchen und alte Säcke, wie die deutsche Synchronschwimmergruppe Synchro Libido.“ Ausnahmen gibt es da eher selten. Aber manchmal gibt es sie eben doch. So ist es im Fall des 15 jährigen Sascha Malzev aus St. Petersburg. Er ist nicht nur der einzige männliche Synchronschwimmer seines Vereins. Sondern seiner Stadt und sogar des gesamten Landes. Und Russland ist bekanntlich riesig.

Wir haben mit Sascha telefoniert und nachgefragt, was einen pubertierenden 15 jährigen antreibt, sich freiwillig in einen palettenbestickten Badeanzug zu zwängen und anschließend mit unzähligen halbnackten Badenixen Kunstformationen zu bilden.

Vice: Hallo Sascha. Du gehst ja noch zur Schule, oder?

Ja. In die neunte Klasse.

Was sagen deine Schulkameraden, dass du beim Wasserballett bist?

Synchronschwimmen ist die richtige Bezeichnung. Wasserballett sagt man nicht mehr.

Sorry, ich dachte es wäre das Gleiche. Geschickt abgelenkt, zurück zu meiner Frage.

Früher bin ich gehänselt worden, mittlerweile wissen alle in der Schule, dass ich das mache. Manche finden es gut, einige weniger, weil es Mädchensport ist.

Hast du schon mal deshalb ein paar aufs Maul bekommen?

Nein. Zum Glück noch nicht. Ich bekomme blöde Bemerkungen zu hören. Jetzt nicht mehr so viele, aber früher war es ziemlich schlimm.

Was sagen sie denn immer so?

Ist doch egal. Gemeines Zeug halt.

Was denn so?

Sie sagen, dass ich schwul bin, eine Sissi, Weichei und solche Sachen.

Und bist du es?

Nein. Natürlich nicht. Es ist eine sehr anstrengende Sportart und erfordert viel Zeit und Disziplin.

Wie lange machst du schon Synchronschwimmen?

Es ist mittlerweile das achte Jahr. Ich war sieben als ich angefangen habe. Also schon ziemlich lange. Mittlerweile bin ich in der ersten Erwachsenen-Klasse.

Was gefällt dir an Synchronschwimmen?

Ich mag die Choreographien, die Akrobatik und die Kraftübungen. Durch das Training bleibe ich stark und gelenkig. Und in der Mannschaft macht es auch Spaß.

Das kann ich mir vorstellen. Deine Mannschaft besteht nur aus Mädchen.

Wie jede andere Mannschaft auch. Ich bin der einzige Junge in ganz Russland, der Synchronschwimmen macht.

Und wie ist es so zwischen all den Badenixen?

Gut.

Du bist ja quasi im Paradies. Du bist der einzige Hahn im Korb und du hast all die süßen Schwimmerinnen um dich herum.

Ja.

Ja?

Ja.

Hast du schon eine Freundin?

Nein. Aber die meisten Mädchen sind ganz nett zu mir.

Benutzt ihr die gleiche Duschkabine?

Nein. Es gibt separate Duschkabinen und Umkleideräume für Jungs. Es ist ja ein normales Schwimmbad.

Du trainierst jeden Tag mit den Mädchen zusammen. Machen wir uns nicht vor, du befindest dich gerade in einem Alter, wo dir ständig einer abgehen müsste. Wie oft passiert dir das?

Es sind meine Kameradinnen. Ich meine, wir kennen uns schon so lange. Da passiert nichts.

Wie nichts?

Ich sage doch, wir sind Kameraden und normale Freunde. Also passiert da gar nicht.

Klar. Okay. Nächste Frage: Wie bist du auf die Idee gekommen mit dem Synchronschwimmen anzufangen?

Meine Mutter hat mich in einen speziellen Schwimmverein eingeschrieben, als ich überhaupt nicht schwimmen konnte und sogar Angst vor dem Wasser hatte. Als ich es gelernt habe, hatte ich verschiedene Optionen, was ich innerhalb des Wassersports machen könnte. Ich habe mich für das Synchronschwimmen entschieden.

Hat es dich gar nicht irritiert, dass du der einzige Junge warst?

Damals waren noch ein paar andere Jungs dabei. Sie haben aber schon längst aufgehört.

Hat dein Verein an Wettbewerben oder Meisterschaften teilgenommen?

Jedes Jahr nehmen wir an Wettbewerben teil. Aber wir sind nicht so gut. Was heißt nicht so gut, mittelmäßig. Letztes Jahr habe ich in der Solodisziplin bei den russischen „Hoffnung für Olympia“ Kindermeisterschaften sogar Silbermedaille gewonnen. Auch sonst habe ich schon ziemlich viele Auszeichnungen.

Musst du auch so einen bunten Badeanzug mit Paletten tragen?

Nein. Ich habe bunte Badeshorts.

Mit Paletten?

Ja.

Du weißt schon, dass es ziemlich schwul ist?

Es gehört zum Sport dazu. Diese Shorts trage ich nur bei Auftritten.

Ich habe gehört, dass bei den Olympischen Spielen Männer nicht teilnehmen dürfen.

Es war schon ein Kampf in die russische Nationalmannschaft reinzukommen. In den Regeln steht es immer „Synchronschwimmerin“ und zeigt, dass Schwimmer dort nicht verloren haben. Das internationale Olympische Komitee beschäftigt sich jetzt mit dieser Frage. Denn 2012 findet in London die nächste Olympiade statt. Aber dann kommen solche Meldungen, dass Synchronschwimmen überhaupt als Olympiadisziplin ausgeschlossen werden soll.

Hast du noch andere Hobbys außer Synchronschwimmen?

Nein.

Nichts? Vielleicht Playstation zocken oder Fußball?

Nein. Ich komme aus der Schule, esse was, mache meine Hausaufgaben und gehe dann zum Training. Danach bin ich meistens recht kaputt und gehe wieder nach Hause.

Trainierst du jeden Tag?

Jeden Tag außer Sonntag. Immer so um die zwei Stunden im Wasser. Und dann auch noch Choreo, Dehnen und solche Sachen im Sportsaal. Aber es wird jetzt immer weniger. Meine Trainer wollen nicht dass ich weitermache.

Warum das denn?

Sie haben mich zu den schwächsten Schülerinnen gesteckt. Unsere Lehrerin kommt frisch aus der Uni und sie unterrichtet uns. Auch im Verein wollen sie nicht, dass ich weiter mache. Sie sagen sie dürfen keine Zeit verlieren.

Mit welcher Begründung?

Weil Männer in diesem Sport nichts zu suchen haben und so lange ich dabei bin, werden sie von den größeren Wettbewerben ausgeschlossen. Und verlieren ihre Zeit. Sie geben mir immer schlechtere Noten und ich habe jetzt weniger Trainingsstunden als früher.

Chauvinistenschweine.

Meine Trainer haben nicht gedacht, dass ich so lange durchhalte. Jetzt wissen sie nicht, was sie mit mir machen sollen, da sie noch nie so einen Fall hatten. Physisch bin genau so gut wie die anderen Mädchen und sogar noch besser, weil ich kräftiger bin.

Aber du machst doch weiter, oder?

Ich will den Meister in Synchronschwimmen machen. Das ist wohl das Mindeste. Dann werde ich weitersehen. Aber ich möchte diese Sportart nicht aufgeben. Mein Traum wäre natürlich zu den Olympischen Spielen zu kommen. Es dürfen schließlich Frauen Fußball und Hockey spielen. Also warum nicht Männer im Synchronschwimmen?

Wenn du die Wahl hättest ein Formel-1 Pilot, Profifußballer oder Wasserballerina, pardon, Synchronschwimmer zu werden, was würdest du wählen?

Na, Synchronschwimmer natürlich.

Warum?

Weil es die schönste Sportart ist und ich schon so weit bin.

Das nenne ich Liebe zum Sport! Ich wünsche dir viel Erfolg. Ich glaube aber trotz dem, dass dir bei den süßen kleinen Schwimmerinnen einer abgeht.

Nein, wirklich nicht!