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Reisen

Schweissschauer im Kolosseum

29.11.10

Kickboxen? Ein Zeitvertreib für Türsteher. Thaiboxen, Muay-Thai, hingegen ist die „Wissenschaft der acht Gliedmaßen“ – Fäuste, Ellbogen, Knie und Füße. Beißen gilt nicht. Tiefschläge sind tabu. Das sind die Regeln. Der Rest ist Vollkontakt.

Das Ratchadamnern-Stadion in Bangkok ist Thailands älteste Muay-Thai-Arena. Bewährte Brot-und-Spiele-Architektur wie im Kolosseum, um den Kampfring legen sich kreisförmig die Zuschauerränge über mehrere Etagen. Die teuersten Plätze befinden sich direkt am Ring, dort, wo es bei Kopftreffern Schweißtropfen auf die Zuschauer regnet.

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In den Katakomben ist der Kämpfersaal. Es riecht nach Herrentoilette zur Spargelzeit. Auf einer Holzpritsche liegt ein Thaiboxer, zwei Männer kneten ihm eine Salbe in den Körper, Muskelerhitzer. In der gegenüberliegenden Ecke ein anderes Lager, ein Kämpfer bekommt die Fäuste mit Bandagen umwickelt. Zwei Offizielle passen auf, dass unter dem Tapeverband nicht ein Hufeisen mitverpackt wird. Auf den Fluren wärmen sich die Gladiatoren mit Schattenboxen auf. In der Schiedsrichterkabine zwängen sich die Unparteiischen in ihre Anzüge, die an Siebziger-Jahre-Disco-Outfit erinnern. Promoter posen mit ihren Schützlingen für die örtliche Presse. An diesem Abend stehen insgesamt zehn Begegnungen auf dem Programm. Zehn Mal Rot gegen Blau.

Bevor die Kämpfer im Ring versuchen, sich gegenseitig in die Ohnmacht zu prügeln, vollziehen sie mit heiligem Ernst eine Respektszeremonie, das so genante Wai Kru. Sie schreiten den Ring ab, verneigen sich drei Mal, zu Ehren des Trainers, der Zuschauer und der Familie, gehen auf die Knie und tragen dabei als Glücksbringer dicke Stirnbänder. Kein Kämpfer, auch nicht die ausländischen, wagt es, das Protokoll es Wai Kru zu missachten.

Gekämpft wird fünf Runden á 3 Minuten. Es sei denn, ein Knockout besorgt den Schlussgong. Und das wollen die Zuschauer schließlich sehen, auch die Pazifisten, auch die Gewaltgegner, wer Eintritt zahlt will den K.O. erleben. Er ist wie die Tore beim Fußball. An diesem Abend fällt aber kein einziges Tor.

Vielleicht sind die Gegner, allesamt Thais, zu gleichwertig. Bei meinem ersten Besuch eines Muay-Thai-Kampfabends auf Koh Samui standen sich Thais und Ausländer gegenüber, die Knochen knackten und das Blut floss reichlich.

Vielleicht haben die Kämpfer in Bangkok auch mehr Geschäftssinn. Je länger ein Kampf dauert, desto höher steigt die Wettbörse. Und manche Kämpfer verdienen an den Wetteinsätzen mit. „Muay-Thai hat ein Problem“, erzählt mir ein Experte am Ring im Ratchadamnern, „90 Prozent der Zuschauer kommen nicht wegen des Sports, sondern wegen der Wetten“. Ich beobachte das Treiben auf der Tribüne: Es sind Szenen wie an der Wall Street, hunderte Thais rufen den umherflitzenden Wettpaten hektisch die Einsätze zu.

Kurzzeitig geht mein Glauben an Wai Kru und das ganze Gliedmaßen-Wissenschafts-Ding verloren. „Großer Beschiss?“, frage ich den Experten. „Nein, die Kämpfer wollen schon um jeden Preis gewinnen“, sagt er und zeigt auf einen Rollstuhl, der fahrbereit neben dem Ring steht. Und plötzlich regnet es Schweißtropfen.

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