Eine junge, nackte Frau wird mit einer Flüssigkeit bespritzt - sie lacht; symbolisch für weibliche Ejakulation
Foto: imago images | Westend61
Sex

Warum der Papst früher noch wollte, dass Frauen abspritzen

Stephanie Haerdle hat ein Buch übers "Spritzen" geschrieben und wir haben sehr viele Fragen.
15 April 2020, 7:31am

Eine Tasse voll Squirt, das war die Voraussetzung für die Teilnahme an der letzten heiß diskutierten Studie zur weiblichen Ejakulation. Die erste Debatte ums Squirten gab es in Deutschland aber schon in den 1980ern und die ersten Bilder und Gedichte über squirtende Frauen sind um einiges älter als die Bibel.

Stephanie Haerdle hat 20 Jahre lang alles gesammelt, was ihr zum Thema weibliches Ejakulieren in die Hände fiel. Seit genauso unfassbaren zehn Jahren schreibt sie an einem Buch darüber. Vor Kurzem ist es erschienen und heißt: Spritzen. Geschichte der weiblichen Ejakulation. Hauptberuflich betreut Stephanie Studierende für ein Begabtenförderwerk.

Stephanies Buch enthält sehr viele, sehr lustige historische Beschreibungen von Ejakulat, die man eher nicht im Sauna-Ruheraum in Brandenburg laut vorlesen sollte. Aber man kann. Zum Beispiel die vom indischen Gelehrten Kokkoka aus dem 11. Oder 12. Jahrhundert, der Frauen danach klassifizierte:

**"**Die yoni der hastinī ist 'derb, rothaarig, grausam', ihr Ejakulat 'ein stark nach Elefantenbrunstsaft riechendes Wollustsekret'". Nicht zu verwechseln sei sie mit der vāḏāvā (Stutenfrau). Die "hat nicht nur starke, längliche Ohren, 'üppige, pralle Brüstekrüge', ein unbeständiges Herz, sondern auch einen 'zu Anfang und zuletzt überreichen Samenstoff, wohlriechend wie Sesambrei und gelblich'."

Stephanie hat uns ihre Lieblings-Schaubilder von Klitorides gezeigt ("Die hier sehen aus wie fliegende Vögel") und erklärt, ob du noch ejakulierst oder schon squirtest. Außerdem ist sie der Meinung, dass die allermeisten Bücher im Medizinstudium lügen: Du hast definitiv eine Prostata. Egal, ob darüber auch ein Penis ist oder nicht.

Foto: Rebecca Rütten

VICE: In deinem letzten Buch ging es um Zirkusartistinnen. Wie kamst du jetzt aufs Squirten?
Stephanie Haerdle: Ich saß Ende der 90er im Kino mit Freundinnen und habe gesehen, wie eine Frau über die ganze Breite der Leinwand ejakulierte. Ich dachte: Frauen spritzen? Warum weiß ich nichts darüber? Das hat mich erschüttert.

Ist Squirten überhaupt das richtige Wort?
Die neuere Forschung sagt, dass es zwei Flüssigkeiten gibt. Eine weißliche, dickflüssige, die in kleineren Portionen – ein paar Tropfen oder ein Teelöffel voll – aus der weiblichen Prostata kommt. Und eine dünnflüssige, die Frauen in großen Mengen verspritzen. Die kommt wahrscheinlich aus der Blase und enthält Kreatinin und Harnstoff – ist aber kein Urin. Manche nennen das Erste Ejakulieren und das Zweite Squirten.

Ein paar französische Forscher haben für eine kleine Studie Ultraschall-Untersuchungen gemacht und sind sich ziemlich sicher, dass Squirten ein Mythos ist – und manche Frauen beim Kommen eben einfach pinkeln.
Nein, das ist nicht so einfach. Frauen pinkeln nicht, wenn sie squirten. Ich sage übrigens einfach spritzen.

Also nochmal: Warum ist Spritzen denn so politisch?
Weil es mit der Mainstream-Vorstellung, die wir von Frauen haben, bricht. Es zeigt, dass Männerkörper und Frauenkörper sich einfach sehr ähnlich sind. Wo ziehen wir da die Grenze – und ist das überhaupt sinnvoll, eine zu ziehen? Ist Spritzen nicht ein Hinweis darauf, dass wir uns wahnsinnig ähnlich sind und diese Geschlechtskategorien wenig Sinn machen?


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Du schreibst, dass es in Sanskrit – der Originalsprache des Kamasutra – nur ein Wort für Sperma und weibliches Ejakulat gibt …
śukra

… beide Flüssigkeiten sollen zusammen ein Kind zeugen. Wie soll das gehen?
Die Idee des weiblichen Samens gab es bis ins 18. Jahrhundert. In Indien, aber auch im mittelalterlichen Europa und der griechisch-römischen Antike war das total gängig. Man sah, dass Kinder sowohl ihren Müttern als auch ihren Vätern ähnlich sehen. Bei den Männern hatte man irgendwann die Verbindung hergestellt zwischen Zeugung und dem cremigen Saft. Bei Frauen musste das was Ähnliches sein. Also dachte man: Diese beiden Samen ergeben das Kind. Selbst die katholische Kirche hat bis ins 18. Jahrhundert gesagt, dass die Frau auch zum Orgasmus kommen soll, weil dann der weibliche Samen freigesetzt wird, der nötig für die Fortpflanzung ist.

Foto: Rebecca Rütten

Und die Entdeckung der Eizelle hat alles kaputtgemacht?
Noch nicht gleich. Die Samenzelle und das, was man damals für die Eizelle hielt – heute wissen wir, es war das Eibläschen – , wurden im 17. Jahrhundert entdeckt. Dann hat es noch ziemlich lange gedauert, bis man verstanden hat, dass die Eizelle nicht beim Orgasmus springt, sondern zyklusbedingt freigesetzt wird. Als das klar war, musste die Frau nur noch da liegen und ihren Eisprung haben. Ab da war weibliche Lust überflüssig.

Und heute gibt sogar die Cosmopolitan Anleitungen zum Squirten und man kann in jeder großen Stadt einen Kurs buchen. Ist das Empowerment oder kapitalistischer Bullshit?
Ich finde das positiv. Und wenn jemand damit Geld macht, ist das auch in Ordnung. In den 90ern und 00ern hätte das niemanden interessiert und jetzt haben manche Vulva-Watching-Kurse reißenden Absatz. Hast du diese Gwyneth-Paltrow-Doku auf Netflix gesehen?

Nee ...
Ich hab mir die Folge angeschaut, in der es um weibliche Lust und Sex geht. Das ist der Hammer! Betty Dodson, die seit den frühen 70ern in New York Masturbationskurse gibt, erklärt Gwyneth Paltrow, dass sich jede Frau mal zwischen die Beine gucken und möglichst viel masturbieren sollte. Und Paltrow scheint das ziemlich befremdlich zu finden, 50 Jahre nach dem Beginn der feministischen Frauengesundheitsbewegung.

Aber es gibt doch sowieso krass viel Druck auf Frauenkörper. Und jetzt muss ich beim Sex auch noch spritzen?
Im Mainstreamporno ist Spritzen schon in den 2000er Jahren angekommen. Das sehe ich auch kritisch, weil das oft gefakte Ejakulation ist. Das kann Angst machen und verunsichern. Und es gibt ja auch Frauen, für die das Ejakulieren unangenehm ist. Die sagen: Das brennt, fühlt sich nicht gut an und hinterher muss ich das Bettzeug wechseln.

Hat Spritzen mit Emotionen zu tun und ist es das Tor zu meiner Seele oder ist es einfach ein richtiger Handgriff und knallharte Biologie?
Ejakulieren wird immer mit Bedeutung und Geschichten aufgeladen. Es gibt ein italienisches Tantra-Paar, die schreiben, in der G-Fläche seien ganz viele Traumata abgespeichert und es sei wichtig, die zu lösen, um zu einer tiefen Weiblichkeit zu finden. Ich bin da skeptisch. Die Künstlerin und Professorin Shannon Bell würde sagen, es geht nicht um Gefühle, sondern um Politik. Spritzen ist etwas, womit sie die Männer angreift: Ich spritze mehr und weiter als ihr! Ich finde, das kann jede Frau für sich selbst herausfinden.

Du zitierst Autorinnen, die glauben, dass die Unkenntnis der weiblichen Ejakulation Beziehungen zerstören kann. Glaubst du das auch?
Nehmen wir einen Extremfall: Eine Frau ejakuliert und weiß nicht, was das ist, denkt, dass sie nicht gesund ist, dass sie pinkelt oder anders ist. Dann stell ich mir vor, fühlt sie sich beim Sex nicht besonders wohl, ist angespannt und hat vielleicht überhaupt keine Lust mehr darauf. Das belastet eine Beziehung schon.

Foto: Rebecca Rütten

Und heute? Du schreibst, dass das Spritzen zum Beispiel in Medizinbüchern eher nicht vorkommt.
Manche schreiben ein bisschen was, manche gar nichts, und nirgendwo ist die weibliche Prostata als vollwertiges, funktionierendes Organ beschreiben. Das ist absurd, weil 2002 die FICAT, deren Ziel die Festlegung einer international einheitlichen, verbindlichen medizinischen Terminologie ist, bestimmt hat, dass es "female prostate" heißt. Nicht "Skene-Drüsen" oder "Harnröhrenschwellgewebe" oder sowas. Das hat sich aber noch nicht durchgesetzt – total verrückt. Wusstet ihr bis gerade eben, dass Frauen eine Prostata haben?

(Kopfschütteln bei Autorin und Fotografin)

Eben. Und wenn man das nicht weiß, kann man auch nicht drauf achten. Die sitzt in der dicken Wand zwischen Vaginalkanal und Harnröhre. Könnt ihr ja mal drauf achten.

Hast du mal deine Gynäkologin nach dem Spritzen gefragt?
Die wusste nichts darüber. Ich stelle mir immer vor, was zu anderen Zeiten passiert wäre. In den 50ern hätte man gesagt: Gibt's nicht, kann nicht sein, vielleicht ist was mit Ihrem Beckenboden, eine Blasenschwäche, vielleicht muss man operieren? Um 1900 hätte der Gynäkologe gesagt: Wir nennen das Pollution, kann schon passieren. Ist nicht schlimm, machen Sie sich keine Sorgen – aber lesen Sie vielleicht keine aufregenden Romane mehr, bevor Sie Abends ins Bett gehen.

Foto: Rebecca Rütten

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