Politik

Warum die Idee einer Herdenimmunität einfach nicht totzukriegen ist

In Großbritannien hat man sie schnell wieder verworfen, in Schweden rückt man davon ab. Forschende wollen dennoch mit 1,3 Milliarden Indern das Experiment wagen.
SJ
Mumbai, IN
Eine junge Frau mit Schutzmaske
Symbolfoto: Polina Tankilevitch / Pexels


Es ist eine Diskussion, die die Corona-Krise so sehr prägt wie keine andere: Wie schnell und sicher aus der Krise herauskommen? Wissenschaftler arbeiten mit Hochdruck an einem Impfstoff und einem Heilmittel gegen das Virus. Verschiedene Länder haben strenge Ausgangssperren verhängt, um die Bevölkerung vor COVID-19 zu schützen. Aber es gibt auch eine andere Strategie: die Herdenimmunität.

Letzteres ist ein kontroverser Lösungsansatz, der vorsieht, einen Großteil der Bevölkerung sich mit dem Coronavirus anstecken zu lassen, damit sich die Leute wieder davon erholen, Antikörper entwickeln und gegen das Virus resistent werden – und diesen Zustand nennt man Herdenimmunität. Großbritannien hat konkrete Pläne für diese Maßnahme direkt wieder verworfen, in Schweden aber hat man sie teilweise wirklich durchgezogen, trotz des hohen Risikos von vielen Todesfällen. Doch inzwischen will die Regierung den lockeren Kurs ändern. Die Idee der Herdenimmunität ist damit aber noch nicht tot.

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Denn Forschende der Princeton University und der Non-Profit-Organisation Center for Disease Dynamics, Economics and Policy (CDDEP) sagen jetzt, dass die umstrittene Strategie in Ländern wie Indien tatsächlich funktionieren könne. Dort leben nämlich überdurchschnittlich viele junge Menschen. Bei denen ist die Wahrscheinlichkeit, wegen des Coronavirus ins Krankenhaus zu müssen oder gar daran zu sterben, nicht so hoch.

"Kein Land kann es sich leisten, so lange im Lockdown zu leben – am allerwenigsten ein Land wie Indien", sagte Jayaprakash Muliyil, ein berühmter indischer Epidemiologe, gegenüber Bloomberg. "Es ist vielleicht möglich, eine Herdenimmunität zu erreichen, ohne dass sich zu viele alte Menschen anstecken." Wenn die Herdenimmunität ausreichend sei, würde sich das Virus nicht weiter verbreiten, denn resistente Menschen tragen es nicht weiter. Und dann seien auch alte Menschen sicher, so Muliyil. Der Epidemiologe und andere Forschende gehen von folgendem Szenario aus: Wenn man das Virus sich kontrolliert unter der Bevölkerung Indiens ausbreiten lässt, könnten bis November mindestens 60 Prozent der Inderinnen und Inder immun sein.

Zwar wird bei dieser Prognose keine Zahl an Todesfällen geschätzt, aber man nimmt an, dass die Sterberate des Virus automatisch abnehme, weil weniger als neun Prozent der indischen Bevölkerung 65 oder älter sind. Zum Vergleich: In Deutschland liegt ihr Anteil bei 21 Prozent. Außerdem weisen die Forschenden darauf hin, dass in Ländern wie Indien oder Indonesien Social-Distancing-Maßnahmen kaum umzusetzen seien – wegen der hohen Bevölkerungsdichte, weil es oft keinen Zugang zu Corona-Tests gibt und weil ein Lockdown verheerende sozioökonomische Folgen hätte. Also sei eine radikale Strategie wie die Herdenimmunität vielleicht unumgänglich.

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Im Sinne dieser Theorie empfehlen Forschende von Princeton und CDDEP der indischen Regierung, ihren strengen Lockdown aufzuheben. Eigentlich soll dieser bis zum 3. Mai anhalten. Menschen unter 60 sollten den Experten zufolge zur Normalität zurückkehren, dabei aber große Menschenansammlungen vermeiden, weiter Social Distancing betreiben und Gesichtsmasken tragen. Im Zuge der Öffnung müsse aber auch verstärkt getestet, Patienten schnell identifiziert und isoliert werden. Ältere Menschen sollten weiterhin in Quarantäne bleiben und bevorzugt getestet und behandelt werden. Dass die Älteren oft mit den Jüngeren im selben Haushalt leben, wird bei diesem Szenario offensichtlich nicht berücksichtigt.

Kritiker weisen darauf hin, dass die indische Regierung, obwohl sie die Empfehlung noch nicht übernommen hat, ohnehin auf ein solches Szenario zusteuert: Zu gering seien die aktuellen Testkapazitäten. Das Hauptargument für eine Öffnung ist der Schutz der Wirtschaft, die durch den Lockdown extrem strapaziert wird. Bereits jetzt leiden viele Wanderarbeitende Hunger. Zahlreiche Menschen wurden entlassen oder beurlaubt. "Wir stehen hier vor einer Abwägung gegen Hunger, Not und all diesen anderen Sachen", sagte Ramanan Laxminarayan, Direktor des CDDEP und Dozent in Princeton. Nach dieser Rechnung würden durch das Virus weniger Menschen sterben als durch lockdown-bedingte Insolvenzen von Unternehmen, die ihrerseits wieder zu Hunger und Selbstmorden führen könnten.

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Ob diese Rechnung aufgehen würde, ist zumindest anzuzweifeln. Großbritannien hatte seinen Versuch, die Herdenimmunität zu erreichen, relativ schnell abgebrochen, als klar geworden war, dass die vielen Behandlungsfälle das ohnehin schon angeschlagene Gesundheitssystem strapazieren würden. In einem extrem dicht bevölkerten Land wie Indien ist das erst recht zu erwarten. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass das Virus dort noch viel verheerender wüten könnte: Das Immunsystem vieler Inder ist durch die starke Luftverschmutzung bereits beeinträchtigt, Bluthochdruck und Diabetes weit verbreitet.

Am Ende stellt sich die Frage, ob man Menschenleben aufs Spiel stellen sollte, um die Wirtschaft zu retten. Die Weltgesundheitsorganisation, WHO, warnt zumindest explizit davor, aus gutem Grund: Aktuell wüssten wir immer noch nicht genug über das Virus, um eine so riskante Strategie wie Herdenimmunität umzusetzen.

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