Menschen

Wie ich von der Stadt in die Wildnis zog und vollkommen scheiterte

Vor dem zweiten Winter flehte unsere Tochter uns an, wieder in ein ordentliches Zuhause zu ziehen.
24 Januar 2020, 10:45am
Eine Frau auf ihrem Grundstück in idyllischer Natur
Foto: bereitgestellt von der Autorin

Ich wollte einfach nur möglichst weit weg. Weg von den geteerten Straßen und der Umweltverschmutzung, rein in die pure Natur. Mein Partner, ein guter Handwerker mit entsprechendem Werkzeug, war dabei mein Ritter in dreckigen Arbeitsstiefeln. Aber es gibt Träume – und es gibt die Realität. Drei Jahre lang abseits der Gesellschaft in einem Wohnmobil zu leben, hat mir gezeigt, wie weit sie auseinander liegen können.

Ein Freund bot uns ein riesiges Stück Land in der Idylle des US-Bundesstaats Ohio zu guten Konditionen an. Das war für meinen Freund und mich der Wink des Schicksals. Schon bald gehörten die gut 280.000 Quadratmeter voll mit Ahornbäumen, Eichen, Kiefern, Hügeln und kleinen Tälern uns. Wir tauften sie auf den Namen "Serenity" und waren wie verzaubert von der fantastischen Aussicht und dem kleinen Bach, der sich durch das Grundstück schlängelte. Es gab sogar einen kleinen Badeteich, und ich malte mir schon aus, wie wir uns darin nach der anstrengenden Gartenarbeit abkühlten. Vor langer Zeit hatte man auf dem Stück Land bereits zwei natürliche Gasquellen freigelegt, die unser geplantes Haus mit Energie versorgen sollten.

Auf dem Grundstück gab es bis dahin allerdings weder irgendeine Art von Unterkunft, noch eine Zufahrtsstraße, noch einen Anschluss an das Stromnetz. Aber genau das machte das Projekt für uns so spannend. Wir würden unser Traumhaus selbst bauen – mit Bäumen von unserem eigenen Stück Land. Und bis wir uns den Schotter für die Zufahrtsstraße leisten können, würden es ein Off-Road-Fahrzeug oder unsere Füße schon tun.


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Unsere Kinder waren noch nicht so alt, um sich für Dinge wie die eigene Privatsphäre und Anpassung an die Gesellschaft zu interessieren. Was uns an Infrastruktur und Wohnraum fehlte, machten wir mit unserem Wunsch nach Freiheit mehr als wett. Wir wären nicht mehr länger Sklaven des Systems, sondern standhafte, moderne Pioniere, die sich einen Dreck um ein Abwassersystem oder elektrisches Licht scheren. Das war zumindest unsere perfekte Vorstellung.

Wir verpassten ständig Termine, weil unser Auto wieder im Graben lag

Wir parkten unser Wohnmobil oben auf einem der Hügel, gut eineinhalb Kilometer von der nächsten Straße entfernt. Hier befand sich eine der Gasquellen, hier sollte unser zukünftiges Zuhause stehen. Der Sommer verlief ganz gut: Wir konnten bis vor die Tür unseres Wohnmobils fahren und barfuß auf der harten Erde herumrennen, die unser Garten war. Den Rest des Jahres sah es jedoch anders aus, wir lebten quasi mitten in einer dickflüssigen, braunen Suppe, aus der es kein Entkommen gab. Unser Grundstück verwandelte sich in eine Schlammhölle.

Wir fuhren den Hügel nicht mehr hoch, wir rutschten nur noch. Es bildeten sich große Spurrillen und Krater, unsere Fahrzeuge mussten einiges mitmachen. Wenn wir es wieder nicht hoch schafften, wurden alltägliche Dinge wie Einkaufen oder Wäschewaschen zu Strapazen. Wir mussten alles in überladenen Handkarren durch den Matsch zum Wohnmobil ziehen. Außerdem verpassten wir ständig Termine und Treffen, weil unser Auto mal wieder im Graben lag.

Nach einem Jahr gingen wir kaum noch aus, weil ich nicht mehr länger die Energie dazu hatte, mich jedes Mal durch den Schlamm zu kämpfen. Ich hatte von mehr Freiheit geträumt, hatte jetzt aber weniger denn je. Ich hasste es, mich ständig auf meinen Partner verlassen zu müssen, weil er als einziger die Allradfahrzeuge fahren und uns damit aus dem Matsch befreien konnte. Apropos Matsch: Er war überall, es gab kein Entkommen. Am Anfang waren wir noch stolz auf unsere schmutzigen Klamotten und das dreckige Auto. Ab dem zweiten Jahr schämten wir uns dafür. Weil ich mental so ausgelaugt war, machte sich langsam eine Bitterkeit in mir breit.

Überall drang Wasser ein: in den Van, in den Schuppen, irgendwann auch ins Wohnmobil

Anfangs wohnten wir alle zusammen in einem etwa zehn Meter langen Wohnmobil mit Vordach. Dieses Fahrzeug war unser Schlafzimmer und mein Arbeitsbereich, während die Kinder in unserem 1980-Chevy-Van schliefen. Ein alter Werkzeugschuppen bot uns noch etwas zusätzlichen Stauraum. Wir versuchten, unser Hab und Gut so trocken wie möglich zu halten. Wir scheiterten.

Überall drang Wasser ein, egal ob in den Van, in den Schuppen oder irgendwann auch ins Wohnmobil. Mit der Zeit wurde alles, was wir liebten, nass und ging kaputt – zum Beispiel meine Lieblingsbücher oder die antike Pistolensammlung meines Freunds. So lernten wir, zu keinen Gegenständen mehr eine emotionale Bindung aufzubauen. Wir versuchten, uns davon zu überzeugen, dass das ja "nur Krimskrams" sei. In Wahrheit aber litten wir sehr darunter.

Am Frühlingsanfang kamen wir uns vor wie Minenarbeiter, die man aus einem verschüttetem Stollen gerettet hatte.

Im ersten Sommer dachten wir wirklich, dass wir unser Haus bis zum Winter fertig gebaut hätten. Aber während mein Freund die nötigen Skills und Werkzeuge dafür besaß, fehlte es uns an Zeit und Geld. Als dann die Wintermonate kamen, saßen wir immer noch im Wohnmobil. Also besorgten wir uns einen Holzofen und machten alles winterfest. Es gab auch gemütliche Tage voller guter Bücher, schönen Ausblicken auf den verschneiten Wald, Schlittenfahrten und heißem Kakao. Es gab aber auch andere Tage.

An diesen anderen Tagen erdrückten mich die Schneestiefel, die Wintermäntel, das Spielzeug und der Rest der Dinge in unserem Wohnmobil. An diesen anderen Tagen weinte ich, weil ich keinen Platz für meine Kunst hatte. An diesen anderen Tagen wollte ich allein sein, konnte aber nirgendwo hin. Ich wollte duschen, ohne dafür zu einer Freundin fahren zu müssen. Ich wollte die Toilette benutzen, ohne dass mir meine Familie dabei zuhören konnte. Und ich kam nicht aus dem Bett, weil ich einfach nicht mehr konnte.

Aber wir überstanden diesen ersten Winter und kamen uns am Frühlingsanfang vor wie Minenarbeiter, die man aus einem verschütteten Stollen gerettet hatte. Wir schworen uns: nie wieder.

Weil nichts voranging, machte ich meinen Partner zum Sündenbock

Der Frühling zog vorbei. Dann der Sommer und der Herbst. Und schon stand der zweite Winter vor der Tür. Unser Haus war immer noch nicht fertig. Dafür hatten wir jetzt einen Brunnen ausgehoben, das Fundament für unser Haus gelegt und eine provisorische Scheune für unsere Ziegen und Hühner gebaut. Wir kauften uns ein zweites Wohnmobil, wodurch es mir mit etwas Umräumen wieder möglich war, mich meiner Kunst zu widmen. Wir konnten uns dank eines kleinen Bads jetzt auf engem Raum kalt duschen – so lange der Wassertank nicht einfror. Wir konnten jetzt wieder zusammen an einem Tisch essen. Immerhin etwas.

Trotzdem war unsere Situation weiter ziemlich schlimm. Das Wohnmobil für unsere Kinder war kalt und feucht. Vor allem unsere älteste Tochter hatte keine Lust mehr. Sie sehnte sich nach einem eigenen Zimmer, nach Freundinnen, nach einem normalen Leben. Sie flehte uns an, in ein ordentliches Zuhause zu ziehen.

Es fehlte uns weiterhin an Platz. Wir konnten nirgendwo einen Weihnachtsbaum hinstellen oder Geschenke anrichten. Und wenn wir rausgehen und die Gegend erkunden wollten, ging das manchmal nicht, weil unsere Zufahrt zugefroren oder verschlammt war. Wir träumten von unserem Haus, von warmen Bädern und von viel Platz. Dann kam der Frühling. Wir hatten einen weiteren Winter überstanden.

Wenn mein Partner mal eine Pause brauchte, versteckte er sich, um nicht meinen wütenden Blicken ausgesetzt zu sein.

In den warmen Monaten machten wir wieder mehr Fortschritte: Wir zogen Außenwände hoch und bauten Querbalken und Fenster ein. Aber nichts wurde komplett fertig. Das war schlecht, denn Wohnmobile sind nicht darauf ausgelegt, permanent darin zu leben. Deswegen – und wegen der langen Winter draußen – fielen unsere beiden Wohnmobile genau wie die Autos quasi auseinander. Wenn mein Freund also nicht gerade arbeitete oder an unserem Haus weiterbaute, reparierte er irgendeines unserer Fahrzeuge.

Wenn mein Partner mal eine Pause brauchte, versteckte er sich, um nicht meinen wütenden Blicken ausgesetzt zu sein. Ich gab ihm die Schuld an unserem Elend. Ich fühlte mich von ihm abhängig. Allein konnte ich nicht am Haus weiterbauen, ich konnte nur den Garten pflegen und dabei rumnörgeln. Ich hatte mir vom Kauf unseres Stück Lands Ruhe und Gelassenheit versprochen. Stattdessen war ich von Trucks, Werkzeugen und Schlamm umgeben.

Bei jedem neuen Problem und bei jedem verpassten Etappenziel lies ich meinen Frust an meinem Freund aus. Die Last auf seinen Schultern hätten jeden anderen Mann wohl in die Knie gezwungen. Er aber knickte nicht ein.

Ohne wirkliche Alternativen und mit einer gewissen Sturheit entschieden wir uns dazu, dem Ganzen noch einen weiteren Winter zu geben. Dieses Mal überstanden wir die kalten Monate sogar etwas besser als in den Jahren zuvor. Aber trotz einer letzten Anstrengung, das Haus fertigzustellen, wurde irgendwann klar, dass das nicht klappen würde. Also schworen wir uns erneut: nie wieder. Wie sich herausstellte, meinten wir es diesmal ernst.

Unseren Traum vom Eigenheim in der Idylle aufzugeben, brach uns das Herz, war gleichzeitig aber eine richtige Erleichterung. Wir alle hatten die Schnauze gestrichen voll.

Vom Wohnmobil ging es direkt in die Kirche

Wir schmiedeten einen neuen Plan: Serenity wurde vorerst auf die lange Bank geschoben, stattdessen suchten wir nach einem Grundstück mit renovierungsbedürftigem Haus, in dem wir während der Reparaturen wohnen können. So stießen wir auf eine 200 Jahre alte, umgebaute Kirche mit Privatfriedhof. Zwar ist das dazugehörige Stück Land nur gut 4.000 Quadratmeter groß, aber dafür grenzt es an die großflächigen Farmen einer ländlichen Community. Für mich etwas zu ländlich, denn bis zum nächsten Supermarkt oder Café fahren wir jetzt 40 Minuten. Aber das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dafür wieder ein richtiges Bad und ein normales Schlafzimmer habe.

Außerdem kann ich mich bei der Renovierung der Kirche mehr mit einbringen und auch mal alleine eine Wand einreißen oder Farbe wegkratzen. Und da mein psychisches Wohlergehen nicht mehr ständig durch eine einengende Wohnsituation gefährdet wird, können wir uns Zeit lassen und wieder Spaß als Familie haben. Der Druck ist weg. Endlich.

Und Serenity ist ja noch nicht komplett aufgegeben. Wir können jederzeit dorthin zurück, wenn wir wollen. Vielleicht machen wir das auch eines Tages. Ich vermisse die Bäume und das schiere Potenzial des Grundstücks. Was ich allerdings absolut nicht vermisse, sind der ständige Kampf und der verdammte Matsch. Unterm Strich haben wir unseren Frieden mit dem Projekt geschlossen: Es war ein Abenteuer, an das wir uns manchmal mit Schrecken zurückerinnern, das uns aber auch dankbarer und kompetenter gemacht hat. Und das uns gezeigt hat, dass wir doch ganz schön was aushalten.

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