Coronavirus

Exklusiv: 'Bild' empfiehlt dubiose Corona-Test-Firma, gegen die jetzt ermittelt wird

VICE-Recherchen zeigen: Hinter den Wattestäbchen für 249 Euro stecken ein Like-Verkäufer und ein ehemaliges Playmate.

von Theresa Locker und Thomas Vorreyer
30 März 2020, 1:52pm

Jessica Czakon darf am 16. März ihre Testkits bei 'Bild.de' präsentieren | Screenshot von bild.de | bearbeitet

Es sind gute Nachrichten in miesen Zeiten, die die Bild-Moderatorin am 16. März verkündet: "Man kann sich jetzt Corona-Tests nach Hause liefern lassen und dann innerhalb von 48 Stunden ein Ergebnis bekommen", sagt die Moderatorin im Video auf Bild.de. So solle klar werden, "ob man sich selber isolieren muss oder tatsächlich gesund ist".

Zugeschaltet ist eine Frau im seriösen Business-Look, weiße Bluse, schwarze Brille. Jessica Czakon heißt sie und soll die Mitgründerin von "Medi.Lab" sein, einer Plattform, die im Internet Corona-Tests per Post anbietet. Früher arbeitete sie als Playmate, aber dazu später mehr. Jetzt jedenfalls sagt sie, ihr Unternehmen liefere "sehr steril" verpackte Wattestäbchen und eine Trägerflüssigkeit. Die Kunden sollen zu Hause selbst einen Abstrich aus dem Rachen nehmen und die Proben per Post an Labore weiterschicken. Welche Labore das sind, verrät Czakon im Bild-Interview nicht. Doch der Service hat seinen Preis: 249 Euro.

Bild.de packt das Interview mit dem Titel "Das müssen Sie beachten! So funktioniert der Corona-Schnelltest für zu Hause" auf ihre Startseite. Als Nachricht wohlgemerkt – nicht als Werbung gekennzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt sind in Deutschland bereits 13 Menschen am Virus gestorben, 6.012 weitere sind als infiziert gemeldet. Während die Fallzahlen noch exponentiell ansteigen, Gesundheits-Hotlines überlastet sind und die Angst in der Bevölkerung wächst, scheint Czakons Angebot auf Bild vermeintlich ganz einfach Gewissheit für jeden Einzelnen zu schaffen.

VICE-Recherchen zeigen jedoch, dass das Unternehmen nur eins sicher will: mit der Unsicherheit der Menschen Geld verdienen. Nach unseren Recherchen ergibt sich das Bild einer höchst dubiosen Firma, auf die man sich bei Gesundheitsfragen nicht verlassen sollte. Wichtige Infos fehlen auf der Website, die Fotos sind zu großen Teilen aus dem Netz zusammengeklaut, das Angebot ändert sich mehrmals innerhalb weniger Tage und die Gründer haben zwar sehr interessante Biografien, aber keinerlei Erfahrung mit Medizinprodukten. Mittlerweile hat Bild das Video von seinem YouTube-Kanal kommentarlos gelöscht, doch auf Bild.de darf Czakon weiter ihre teuren Wattestäbchen anpreisen. (Update 30.03.2020, 17:41 Uhr: Inzwischen, nach der Veröffentlichung unseres Artikels, hat Bild das Video auch von der Seite gelöscht. Update 30.03.2020, 20:15 Uhr: Das Video ist auf Bild.de wieder verfügbar, außerdem ist das Video in einer längeren Bild-Livesendung auf YouTube verfügbar.)

Die Moderatorin hebt im Video-Interview mit Czakon die Vorteile klar hervor: "Das heißt, man muss sich nicht mehr ins Wartezimmer stellen mit vielen anderen, die vielleicht auch krank sind", sagt sie und fragt nach, wie es das Unternehmen schaffe, die Ergebnisse binnen 48 Stunden zurückzuliefern. Czakon erklärt, sie arbeite eben "mit den Laboren zusammen, die Kapazität haben". Die könnten "demnach dann wahrscheinlich schneller die Ergebnisse zu den betroffenen Patienten schicken".

Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels kann die Firma nicht glaubhaft darlegen, wie ihre Tests eigentlich funktionieren sollen – und wer sie auswertet. Medizinische Labore äußern erhebliche Zweifel an der Seriosität des Angebots oder bestreiten eine Zusammenarbeit. Nach unserem Hinweis recherchierte zunächst die Gewerbeaufsicht, nun hat sie den Fall an die Staatsanwaltschaft Hannover abgegeben. Unsere mehrfachen Bitten um Stellungnahme blieben von "Medi.Lab" inhaltlich unbeantwortet.

Corona-testen.com: Was ist hier echt – und was nicht?

Kaufen kann man die Wattestäbchen von "Medi.Lab" auf der Website corona-testen.com. Und auch corona-abstrich.de, test-corona.online und noch ein Dutzend weitere ähnliche URLs haben sich die Anbieter bereits reserviert. Die Seite wirkt auf den ersten Blick wie ein unkomplizierter Webshop, sie ist in neun Sprachen verfügbar. "Es wird zu wenig getestet!", behauptet "Medi.Lab" gleich auf der Startseite. "Schaffen Sie Gewissheit!"

Interessierte werden mit einem Chatfenster begrüßt und ein Siegel in Schwarz-Rot-Gold verspricht, hier handele es sich um einen "echten PCR Labortest in Deutschland". Alles "sofort lieferbar, Versand am gleichen Tag".

Die Tests, die "Medi.Lab" auf corona-testen.com anbietet, sind die derzeit gängigen PCR-Tests. Bei einem PCR-Test wird ein Abstrich entnommen, etwa im Rachen. Die im Probenmaterial enthaltenen Erbsubstanzen werden anschließend in einem Labor chemisch vervielfältigt. So lässt sich selbst eine geringe Viruslast nachweisen.

Corona-testen.com
So präsentiert 'corona-testen.com' den 249-Euro-Corona-Test für zu Hause | Screenshot der Website

Die Alternative sind Schnelltests auf Antikörper gegen das jetzige Coronavirus. Die funktionieren ähnlich wie ein handelsüblicher Schwangerschaftstest und geben binnen Minuten ein Ergebnis. Doch erst Anfang März haben Berufsverbände von Medizinlaboren und Virologen vor eben diesen Schnelltests gewarnt: zu unzuverlässig. Das PCR-Verfahren, schreiben sie in einer Stellungnahme, gelte hingen als “Goldstandard" und bleibe "das Mittel der Wahl".

"Medi.Lab" behauptet, dafür nicht nur ein Probenstäbchen, Reagenzröhrchen samt Trägerflüssigkeit und einen Tupfer an die Kunden zu schicken. Im Paketpreis enthalten seien auch ein frankierter Rücksendeumschlag und ein Fragebogen, den die Kunden selbst ausfüllen sollen, und die sie mit der Probe an ein Partnerlabor von "Medi.Lab" schicken sollen. Das Labor teile den Kunden dann ihr Ergebnis mit.

Zusammengesuchte Infos und vage Angaben: Das ist an corona-testen.com verdächtig

Schaut man sich die Website und den Instagram-Kanal von "Medi.Lab" genauer an, fällt zunächst auf, dass die Fotos der Testkits nicht einheitlich sind. Mit einer Bilder-Rückwärtssuche wird zum Beispiel deutlich, dass einvermeintliches Foto von verfügbaren "Medi.Lab"-Testkits offenbar aus einem taz-Artikel über eine andere Firma übernommen wurde, die Corona-Tests herstellt.

Ebenfalls auf Instagram zeigt "Medi.Lab" Ausschnitte des mutmaßlichen Fragebogens, der mit den Tests geliefert werden soll. Der Text stimmt mit einem Dokument der Berliner Charité überein, einem sogenannten Anforderungsschein, den eigentlich Ärzte ausfüllen müssen. Auf mehreren Bildern wurde offenbar das Logo des an der Charité angesiedelten Labor Berlin einfach durch das von "Medi.Lab" ersetzt.

Die Virologie-Abteilung am Labor Berlin wird von dem derzeit sehr gefragten Virologen Dr. Christian Drosten geführt. Auf Anfrage von VICE erklärt das Labor Berlin, man stehe in keinem geschäftlichen Verhältnis zum Angebot von "Medi.Lab". "Wir gehen von einer betrügerischen Verwendung von Materialien, Logos und Anforderungsscheinen von Labor Berlin aus", schreibt die Pressestelle.

Zwischenzeitlich verlinkte "Medi.Lab" neben dem PCR-Test auch noch einen sogenannten Antikörper-Schnelltest. Die Produktseite ist bis heute abrufbar und enthält zwar die Produktinfos für einen solchen Test US-amerikanischer Herkunft, das Produktfoto selbst zeigt aber den Test eines chinesischen Unternehmens mit anderen Leistungsdaten. Der verlangte Preis für einen Test entspricht zudem einer Zehnerpackung des US-Tests auf anderen Webseiten. "Medi.Lab" selbst nennt keinen Hersteller.

Eine Liste von angeblichen "Tipps & Wissenswertem" rund um das Virus, die Ende der vierten Märzwoche zur Website hinzugefügt wurde, findet sich wortgleich online beim Krankenhausriesen Helios – und nur da. Was auffällt: Auf corona-testen.com findet sich nur die erste Hälfte dieser Liste, ab der Frage "Wer sollte auf SARS-CoV-2 getestet werden?" finden sich alle weiteren Punkte nicht mehr auf der Website.

Die Unternehmenskommunikation von Helios erklärt auf Anfrage von VICE: "Das sind unsere Inhalte, aber wir haben dafür nie eine Genehmigung erteilt." Man lasse die Sache nun rechtlich prüfen.

Die "corona-testen.com"-Webseite ist zudem voller Rechtschreibfehler, Angaben wurden wiederholt geändert – oder widersprechen sich. So heißt der PCR-Test auf der Website mal "Labor Test Kit", mal "Schnelltest".

Mitte März hieß es sowohl im Bild-Interview als auch auf der Webseite, ein Testergebnis würde binnen 48 Stunden vorliegen. Mittlerweile ist die Information von der Produktseite verschwunden. Dafür steht auf der Startseite: "Wir übernehmen keine Garatie für die schnelligkeit der Labore" – Rechtschreibfehler inbegriffen. Die Bearbeitungszeit nach Eingang liege zwischen 24 und 72 Stunden.

Ob die Proben – sollten sie nach Zahlungseingang überhaupt verschickt werden – in einem Labor ankommen und dann noch brauchbar sind, ist unklar. Das Robert-Koch-Institut schreibt, dass Proben von Verdachtsfällen zum Nachweis von SARS-CoV-2 auf der Verpackung als "Biologischer Stoff, Kategorie B" der UN-Nr. 3373 gekennzeichnet werden müssen. Die Verpackung soll aus drei Komponenten bestehen, wobei die zweite und dritte Hülle stabil sein müssen. Bei "Medi.Lab" gibt es keinen Hinweis auf die Versandbestimmungen oder auf einen Karton für die 249 Euro, sondern laut Website nur einen Rücksendeumschlag – der erfüllt diese Anforderungen nicht. Sollte die Probe beschädigt werden, kann sich das Virus also schlechtestenfalls sogar auf dem Postweg weiter ausbreiten.

VICE hat "Medi.Lab" gefragt, wie ihr Angebot die Transportvorgaben erfüllt. Auch darauf hat das Unternehmen nicht geantwortet. Am Abend unserer Anfrage besuchen wir die Website und schreiben mit dem Service-Chat. Auf die Frage, ob alles "sicher verpackt sei", antwortet der: "Sie erhalten von uns das Test-Kit von uns mit Rücksendeschein und Sicherer Rücktransport Box nach rki Standard ans Labor". Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung werden auf der Website weder diese Vorgaben erwähnt noch ist eine sichere Rücktransportbox in einem der zahlreichen Instagramposts zu sehen, die "Medi.Lab" zu seinen Paketen gepostet hat.

Im Bild-Interview sagt Jessica Czakon, die Kosten für ihr Produkt seien "etwas höher als bei der Praxis", weil man eben anbiete, dass der Test "privat und sicher zu Hause" durchgeführt werden könne. "Etwas höher" ist allerdings untertrieben: 249 Euro kostet der Test auf corona-testen.com. In der Praxis ist der Test für die Patienten selbst meist kostenlos. Das bestätigt VICE auch eine Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung. "Wenn ein Arzt oder eine Ärztin den Test anordnet, werden die Kosten von 59 Euro vom Gesundheitsamt beziehungsweise den Krankenkassen übernommen", schreibt sie.

Warum Laborkapazitäten nicht für jeden da sind

Dass sich in Deutschland nicht jeder unkontrolliert und "einfach von zu Hause" testen lassen soll, ist Absicht. "Dass Labore in Deutschland gerade freie Kapazitäten für solche Tests haben, kann ich mir nicht vorstellen", sagt Roland Geisel aus der Geschäftsführung der Medizinischen Laboratorien Düsseldorf.

Viele Labore hätten untereinander bereits funktionierende Kommunikationsstrukturen etabliert. Eine Vermittlung freier Kapazitäten durch Dritte wäre dementsprechend nicht notwendig. "Ein Angebot, das ein Testergebnis binnen 48 Stunden verspricht, kann nicht seriös sein", sagt er.

"Unsolidarisch, unethisch und auch vollkommen unnötig."

Zwar seien Patienten sehr wohl in der Lage, ihre Symptome selbst anzugeben, "die Indikationsstellung sollte aber möglichst beim Arzt bleiben", sprich: Nicht ein Laie selbst, sondern medizinisches Fachpersonal soll entscheiden, ob ein Test überhaupt notwendig ist. Die Testkapazitäten seien schließlich "sehr limitiert".

Evangelos Kotsopoulos, Vorstand des Berufsverbands "Akkreditierte Labore in der Medizin", hält den Medi.Lab-Preis von 249 Euro für "unsolidarisch, unethisch und auch vollkommen unnötig". In der Corona-Testung dürfe es keine wirtschaftlichen Barrieren geben, ein Test müsse für jedermann zugänglich sein. "Daher wurde bereits vor Wochen die sehr gute Entscheidung getroffen, dass der Test für alle Kassenpatienten vollständig vergütet wird und niemandem zusätzliche Belastungen entstehen." Warum bei corona-testen.com dann sogar noch der Tarif der Gebührenordnung für Ärzte um über 100 Euro überschritten werde, sei "nicht erklärbar", so Kotsopoulos.

Auch den als einfach und sicher beworbenen Workflow kritisiert der Laborleiter: "Wenn es fünf Tage oder mehr dauert, bis ein Patient sein Ergebnis zurückerhält, gibt es auch keinerlei Zeitgewinn. Eher im Gegenteil: der weit überwiegende Anteil an Patienten erhält auch über die normalen Wege sein Testergebnis innerhalb von 1-2 Tagen zurück."

Noch wichtiger sei aber die Sorge um den Umgang mit positiv getesteten Patienten: "Welcher verantwortliche Arzt kümmert sich in Home-Testing-Modellen um die sofortige Kommunikation mit dem Patienten und in wessen Verantwortung liegen die weitere Betreuung, Identifikation von Kontaktpersonen und die gesetzliche Meldepflicht?", fragt Kotsopoulus.

Hinter den Wattestäbchen für 249 Euro stecken ein Ex-Playmate und ein Pilot

Erstaunlich ist, dass die Macher der Website scheinbar selbst nicht genau wissen, wie ihr Unternehmen heißt. Auf der Website ist mal von "Corona Testen", mal von "Medilab Solutions" und mal von "Medi.Lab" die Rede. Ganz unten auf der Website steht "Copyright © 2020 CORONA Test / COVID 19 Express Test". Ein zwischenzeitlich sichtbares Logo mit dem Schriftzug "Medi.lab Corona - Covid 19 Testlabor" verschwand wieder.

Im Impressum findet sich keiner dieser Namen. Stattdessen ist dort die "rp Logistik und Dienstleistungs GmbH" mit Sitz in Langenhagen, Niedersachsen, verzeichnet. Die Geschäfte führt seit dem 9. Juli 2019 ein gewisser Gennaro Piro. Der Hannoveraner Piro, laut öffentlich verfügbaren Finanzunterlagen 1956 geboren und gelernter Pilot, ist ein umtriebiger Geschäftsmann. Unter der Web-Adresse Rocketboost.de verkauft seine Firma zum Beispiel auch Follower für Instagram. Vor ein paar Jahren half er laut Correctiv!-Recherchen Geschäftspartner Marco Russo, Firmen in Deutschland und Luxemburg aufzuziehen. Italienische Ermittler jagen den verurteilten Finanzbetrüger Russo seit Jahren.

Wie Piro kann auch die von Bild als "Mitgründerin" vorgestellte Jessica Czakon offenbar keine Erfahrungen im medizinischen Bereich vorweisen. Ihr Name taucht auch nicht im Handelsregister auf. Das ehemalige Playmate, nebenbei auch Laiendarstellerin bei Vox, ist laut ihrem Xing-Profil Geschäftsführerin eines B2B-Onlinehandels für Mode.

Als VICE "Medi.Lab" am 18. März zum ersten Mal kontaktiert, ruft uns ein Mann zurück, der sich als Gennaro Piro vorstellt. In dem Telefonat erzählt er größtenteils das gleiche wie Jessica Czakon bei Bild. Das Team hinter "Medi.Lab" stamme aus dem Onlinehandel und wolle nur die Infektionsgefahr beim Testen in Arztpraxen reduzieren. Piro meldet sich auf schriftliche Nachfragen bis zu unserer Veröffentlichung nicht wieder zurück.

"Wir haben die Firma aufgesucht, aber rein gar nichts gefunden. Noch nicht mal ein Schild."

Auch Czakon macht sich rar. Zunächst versichert sie am 20. März schriftlich: "Wir möchten Ihnen gerne Frage und Antwort zum Thema Medi.Lab stehen", auch wenn sie "aktuell natürlich viel zu tun" habe. Am 24. März kündigt sie noch einmal an, etwas zu schicken. Doch sie schickt nichts. Und auch als wir sie mit den Ergebnissen unserer Recherchen konfrontieren, antwortet sie nicht.

Parallel recherchiert auf unsere Anfrage hin das zuständige Gewerbeaufsichtsamt Hannover der rp Logistik und Dienstleistungs GmbH hinterher. "Wir haben die Firma an der Impressums-Adresse in Langenhagen aufgesucht, aber dort rein gar nichts gefunden. Noch nicht mal ein Schild”, sagt Uwe Licht-Klagge von der Gewerbeaufsicht zu VICE.

Die Firma sei recht neu hier. Nach mehreren Zwischenstopps in Berlin und dem ländlichen Hemmingen wurde sie 2019 in Niedersachsen angemeldet und sei bislang weder bekannt noch irgendwie aufgefallen. "Wir haben jetzt Unterlagen angefordert – zum Beispiel eine Konformitätserklärung für das Testkit oder vergleichbare Nachweise nach dem Medizinproduktegesetz, aber keine Antwort erhalten", so Licht-Klagge weiter. "Also haben wir den Fall an die zuständige Staatsanwaltschaft abgegeben wegen Anfangsverdacht auf Betrugsversuch."

Werbung statt Einordnung: Die Rolle von Bild

Corona-testen.com mit ihrem Test auf der Startseite von Bild.de
So präsentierte Bild.de das Video am 17. März auf seiner Website | Screenshot via Wayback Machine

Nicht alle, aber viele dieser Ungereimtheiten waren bereits ersichtlich, als Bild Jessica Czakon interviewt hat. Bild.de war laut Messdienst IVW im Februar das meistgenutzte deutsche Nachrichtenangebot im Internet. Die Februar-Zahlen hat Bild.de im Corona-März bereits nach drei Wochen übertroffen. Millionen Menschen informieren sich hier tagtäglich über das neuartige Virus.

Umso wichtiger ist es, dass sich sie Besucher auf die dort präsentierten Informationen verlassen können. Der Axel Springer Verlag schreibt über das Bild Corona Spezial, das Bild auch bei Sat1 im Fernsehen ausstrahlt, es biete "wichtige Einordnung in unsicheren Zeiten". Das Video über Corona-Schnelltests bietet allerdings keine Einordnung oder gibt offizielle Empfehlungen wieder, sondern wirkt wie Werbung. Ohne Widerspruch oder kritische Nachfragen darf Czakon ihr Produkt vorstellen. VICE hat die Moderatorin schon am 23. März gefragt, wie sie oder ihre Redaktion die Informationen verifiziert haben, jedoch keine Antwort erhalten.

Auf dem YouTube-Kanal der Bild wurde das Video kommentarlos gelöscht. Auf Bild.de ist es weiterhin zu finden. Die Springer-Pressestelle hat unsere Nachfragen zum Video bislang nicht beantwortet.

Fazit: Vielleicht Betrug, wahrscheinlich Wucher, ganz sicher unethisch

Mit welchen Laboren "Medi.Lab" zusammenarbeitet, verraten die vermeintlichen Gründer nicht. Weder persönlich noch auf der Website.

Ob und wie viele Menschen für das Angebot von "Medi.Lab" bereits bezahlt haben, lässt sich nicht sagen. In seinen Instagram-Stories postet das Unternehmen eine Handvoll versandfertiger Umschläge. Die von Jessica Czakon angekündigte Maßnahme, Rezepte zwecks Kostenübernahme per Skype ausstellen zu lassen, findet sich bis heute nicht auf der Website.

Das Labor Berlin, dessen Dokumente "Medi.Lab" offensichtlich ohne Einwilligung kopiert hat, prüft derzeit rechtliche Schritte.

Update vom 31.03.2020, 15.05 Uhr: Nach unserer Recherche hat Spiegel Online (Paywall) ebenfalls kritisch über Medi.Lab berichtet, ihnen liegt ein Testkit vor. Das Testkit soll an das Labor Berlin zurückgesendet werden. Das Labor Berlin bestreitet eine Zusammenarbeit.

Update vom 01.04.2020, 10.30 Uhr: Einen Tag nach Erscheinen unserer Artikels hat uns Bild doch noch ein schriftliches Statement geschickt, das allerdings nur auf einen Teil unserer Konfrontation eingeht. Darin weist ein Sprecher zurück, Bild habe das Testkit empfohlen. Die Moderatorin habe die Aussagen von Czakon "für unsere Zuschauer verständlich und anschaulich erläutert". Auf die meisten unserer Fragen haben wir allerdings keine Antwort erhalten, wie zum Beispiel auf die wichtige Frage, wie Bild redaktionell die Seriosität des Angebots überprüft hat.

Über das Coronavirus Sars-Cov-2, die Krankheit Covid-19 und entsprechende Tests: Achte darauf, dich bei allen Fragen zu Corona auf seriöse Informationen zu verlassen, die das Robert-Koch-Institut (RKI) und die jeweiligen Gesundheitsämter veröffentlichen.

Hier findest du weitere Informationen rund um den Corona-Test.

Hier ist eine Liste mit allen Laboren, die den Test in Deutschland durchführen.

Wenn du befürchtest, dich infiziert zu haben, isoliere dich zu Hause und kläre mit dem Gesundheitsamt oder über den ärztlichen Bereitschaftsnotdienst (Tel 116 117) ab, ob und wann du getestet werden kannst.

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