wichtige fragen

Fragen, die die Operation an einem ein Meter langen Penis aufwirft

Horace Owiti Opiyo fühlt sich nach seiner Penisverkleinerung endlich "frei" – viele Männer scheinen die Entscheidung trotzdem nicht nachvollziehen zu können.

von Lisa Ludwig
07 November 2017, 2:50pm

Bild: VICE Media (Statue: Sailko | Wikimedia | CC BY 3.0)

Vor Kurzem legte sich ein Mann unters Messer, um sich seinen ein Meter langen und fünf Kilo schweren Penis verkleinern zu lassen. Horace Owiti Opiyo litt an Elephantiasis, einer Krankheit, bei der sich Gewebsflüssigkeit in Teilen der Lymphgefäße staut. Die betroffenen Regionen schwellen dramatisch an und können – wie im Fall von Opiyo – das Leben der Erkrankten erheblich einschränken. Der 20-Jährige aus Kibigori in Kenia schmiss die Schule, weil er von seinen Klassenkameraden gemobbt wurde, war durch sein gewaltiges Genital allerdings auch nicht in der Lage, einer richtigen Arbeit nachzugehen. Erst durch den Facebook-Post eines Nachbarn fand sich schließlich ein Arzt, der ihm durch eine Operation die Chance auf ein normales Leben ermöglichen konnte.

Die offensichtliche Dramatik eines Lebens mit abnorm großem Penis hielt viele trotzdem nicht davon ab, sich mit klassischen "Höhö, ganz schön dicke Eier"-Kommentaren unter einem Video-Beitrag auf YouTube über Opiyos Schicksal lustig zu machen. Unangemessen? Klar! Überraschend? Leider nicht so richtig. Wir haben da deswegen noch ein paar Fragen an die Leute, die sich nichts Lustigeres (und Besseres) vorstellen können, als einen gigantischen Penis zu haben.


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Wieso sind wir so besessen von großen Penissen?

Es gibt viele Dinge, die Pornografie zu Unrecht unterstellt werden. Dass sie im Alleingang dafür verantwortlich ist, dass viele von uns Single bleiben, zum Beispiel. Auch dass unsere Gesellschaft unrealistischen Körperidealen nacheifert, dürfte weniger mit Pornhub, MyDirtyHobby und anderen Pornoanbietern zu tun haben, als damit, was uns von Medien und Industrie als "normal" vermittelt wird. An einer Sache hat die Pornoindustrie aber ganz eindeutig mitgeschraubt: der Faszination am großen Glied.

Die Dokumentation über Rocco Siffredi, einen der größten Porno-Stars unserer Zeit, verwendet ihre ersten Einstellungen darauf, sein beeindruckendes Gemächt in ganzer Pracht zu zeigen. Und auch in anderen Bereichen der Popkultur gelten große Penisse für viele als ultimatives Zeichen von Männlichkeit. Was auch bedeutet: Wer da nicht mithalten kann oder vielleicht sogar unter dem Durchschnitt liegt, gilt als weniger männlich. Deswegen nutzen Rapper Penisgrößen wahlweise als Mittel der Selbstüberhöhung oder um ihre Gegner zu denunzieren. Und auch in Filmen wird vor allem dann gerne über Genitalien gesprochen, wenn sie die Eigenschaften eines Charakters deutlicher machen sollen. (Großer Penis: wagemutig, selbstbewusst, Frauenheld. Kleiner Penis: unsicher, schwach, Blender.)

Wenn diese stumpfe Sicht auf Genitalien und ihre Optik doch so offensichtlich wenig bis gar nichts mit der Realität zu tun hat – warum lachen wir dann immer noch über Mikropenisse, und nicht über Männer, die ungefragt mit dem angeblichen Umfang ihres besten Stücks angeben?

Warum genau sollte sich irgendjemand einen Ein-Meter-Penis wünschen?

In einem Videobeitrag von Barcroft TV wird deutlich: Horace Owiti Opiyo ist wegen seines Penis ein Jahrzehnt lang durch die Hölle gegangen. Was im Alter von zehn Jahren noch wie ein ganz normaler Mückenstich aussah, entpuppte sich schließlich als bakterielle Infektion, die sein Genital dramatisch anschwellen ließ und ihm die alltäglichsten Dinge verwehrte. Selbst vollständig bekleidet konnte er den Blicken anderer nicht entgehen und an ein normales Sexleben war sowieso nicht zu denken. Warum also bekommt man bei so vielen Kommentierenden das Gefühl, dass "Ein-Meter-Penis" im ersten Moment gar nicht mal so abschreckend klingt?

Wie stellen sich diese Leute das vor? Und vielleicht viel wichtiger: Wen wollen sie damit penetrieren? Eine Katzen-Kratzbaum-Rolle?

Wie geht man mit einem so großen Penis im Alltag um?

Opiyos Fall zeigt, dass ein krankhaft vergrößerter Penis einen nicht zu einem Typen macht, der regelmäßig von seinen Kumpels gefeiert wird und im Club alle Mädels abschleppt. Stattdessen wurde er gemobbt, sozial isoliert und war erst ab dem Zeitpunkt wieder richtig frei, an dem sein Genital bei einer Operation auf Normalgröße geschrumpft wurde. Das mag den Leuten, die sich gegenseitig ironisch unter den Artikeln über die Geschichte des Kenianers verlinkten, entgangen sein. Tatsächlich wird es kaum eine Situation geben, in der ein derart großer Penis nicht im Weg ist. Kann man damit normal auf der Seite schlafen oder nur auf dem Rücken? Passt man damit in einen Flugzeugsitz? Passen einem Hosen? Und wird man eigentlich ohnmächtig, wenn man eine Erektion bekommt, weil sämtliches im Körper vorhandenes Blut plötzlich in den Penis fließt?

Träumen diese Menschen allen Ernstes davon, wie sie ihr überproportioniertes bestes Stück in einer Schubkarre vor sich herfahren und rufen: "Seht! Dies ist mein Penis! Er ist sehr, sehr groß! Kann mich jetzt bitte endlich jemand lieben?" Wollen sie ihrem Penis ein Gesicht malen, Klamotten schneidern und eine zweite Karriere als Bauchredner beginnen, weil ein normales Arbeitsleben für sie leider nicht mehr möglich sein wird? Elephantiasis ist eine ernstzunehmende Krankheit, keine Allmachtsfantasie für Spätpubertierende.

Werden Männer jetzt endlich verstehen, dass größer nicht immer besser ist?

Die Angst, im Schritt nicht genug mitzubringen, um eine Frau angemessen befriedigen zu können, scheint Männer seit Anbeginn der Zeit umzutreiben – oder zumindest seitdem man Briefe an Dr. Sommer und die Bravo schreiben kann. Dass mehr Fleisch im Intimbereich aber nicht zwingend mehr Lust bereitet, dürfte jeder wissen, der bei besagter Bravo nicht nur die klemmigen Teenager-Fragen, sondern auch die Antworten gelesen hat. Oder all jene Personen, die nach einem One-Night-Stand für mehrere Tage nicht mehr richtig laufen konnten und auch abgesehen davon nicht viel glücklicher waren.

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