Gefängnis

In der Schweiz streiken gerade 50 Häftlinge für ein Sex-Zimmer

Fast jeder dritte Insasse in diesem Knast bei Bern verweigert die Arbeit.

VICE Staff

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Foto von pixabay

50 von 180 Häftlingen eines Gefängnisses in der Schweiz befinden sich seit vergangener Woche im Streik. Sie fordern: höhere Löhne, besseres Essen – und ein Zimmer, in dem sie Sex mit ihren Frauen oder Freundinnen haben können.

"Es ist ein Privatzimmer notwendig, weil viele Beziehungen kaputtgehen, weil das Sexualleben fehlt", erklärten die Insassen in einem dreiseitigen Papier, das der Schweizer Boulevardzeitung Blick vorliegt. "Viele würden gern eine Familie gründen, bevor sie und ihre Partnerin zu alt werden", so die Häftlinge weiter.

Bis ihre Forderungen erfüllt würden, wollten sie nun nicht mehr arbeiten. In dem Gefängnis in Thorberg, nahe der Schweizer Hauptstadt Bern, gibt es unter anderem eine Polsterei, eine Buchbinderei und eine Weberei. Auch in der Küche oder der Wäscherei arbeiten die Häftlinge normalerweise. Strafgefangene sind in der Schweiz – genau wie in Deutschland – per Strafgesetzbuch zur Arbeit verpflichtet. Der Monatslohn liegt im Gefängnis in Thorberg bei 320 Franken, das sind etwa 275 Euro. Solange sie streiken, bekommen die Häftlinge aber kein Geld.

Nur wenige Länder gewähren ihren Gefängnisinsassen ein generelles Recht auf Sex. In Deutschland lehnte zum Beispiel das Oberlandesgericht Frankfurt 1991 eine entsprechende Klage eines hessischen Untersuchungshäftlings ab. Die Ausübung des Geschlechtsverkehrs, so die Urteilsbegründung, gefährde Ordnung und Sicherheit im Gefängnis. Man dürfe die Häftlinge mit ihren Partnerinnen nicht alleine lassen, weil dann Drogen oder andere Gegenstände ausgetauscht werden könnten. Dass der Sex von einer Aufsichtsperson überwacht wird, sei wiederum keinem der Beteiligten zuzumuten.

Deutlich liberaler geht es zum Beispiel in kanadischen Knästen zu. Dort stehen jedem Häftling alle zwei Monate 72 Stunden an "privatem Familienbesuch" zu. Mittlerweile dürfen sich Gefangene in Deutschland immerhin schriftlich um die Möglichkeit für intimen Besuch bewerben. Mehrere Gefängnisse haben bereits sogenannte Liebeszellen eingerichtet. In einer von ihnen kam es 2010 allerdings zur Tragödie. In Remscheid ermordete ein 50-jähriger Häftling seine Freundin in einem solchen "Langzeitbesucherraum", wie die Zellen offiziell heißen.

Geht es nach der Europäischen Menschenrechtskonvention, sind die streikenden Gefangenen in der Schweiz mit ihrer Forderung nach Sex im Recht. Die EMRK fordert, es müsse Gefangenen generell erlaubt sein, zwischenmenschliche Kontakte aufrechtzuerhalten. Und dazu gehöre ganz konkret auch sexueller Kontakt.

Viele Schweizer Gefängnisse bieten solche Räume bereits in unterschiedlichen Formen an: In Pöschwies, der größten geschlossenen Vollzugsanstalt der Schweiz, dürfen Gefangene alle zehn Wochen ein Zimmer mit Kochnische und Sofa für fünf Stunden reservieren. Die Strafanstalt in Lugano stellt ihnen sogar ein kleines, überwachtes Häuschen in einem Wald zur Verfügung.

Die Forderungen der streikenden Häftlinge in Thorberg nehme man ernst, teilte der dortige Gefängnisdirektor am Montag mit. Bis Ende der Woche wolle er "eine erste Stellungnahme gegenüber den Gefangenen abgeben".

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