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institutioneller Rassismus

Wer sich noch immer nicht sicher ist, ob er das N-Wort mitrappen sollte, möge bitte dieses Video ansehen

"Nicht jedes Wort gehört jedem." Ta-Nehisi Coates ist Sohn eines Black-Panther-Aktivisten und allgemein sehr klug. Er schafft es, in nur fünf Minuten eine der großen HipHop-Debatten 2017 zu klären.

von Nina Damsch und Noisey Staff
13 November 2017, 4:11pm

Screenshot von YouTube aus dem Video "Ta-Nehisi Coates on words that don't belong to everyone | We Were Eight Years In Power Book Tour" von Random House

HipHop wird zunehmend selbstreflektierender – oder wie unsere US-amerikanischen Mitmenschen es nennen: "woke". Das ist erstmal etwas Gutes. Debatten über Sexismus, Ungleichheit und Rassismus sind notwendig, egal in welchem kulturellen Feld. Wie diese Debatten häufig geführt werden und an welchem Punkt wir bislang angelangt sind, ist eine andere Sache. Deutschrap befindet sich da im Moment eher noch in der Phase, wo zum zweiten Mal der "Snooze"-Knopf gedrückt wurde und man noch ein bisschen weiterdöst.

Fakt ist aber, dass Diskussionen Umdenken anregen, selbst wenn sie unter anderem in Form des zehnten offenen Briefes von Oliver Marquart stattfinden. Eines dieser großen Themen war in diesem Jahr (sowohl hier, als auch in den USA), ob weiße Personen mitrappen dürfen, wenn in Liedern "N****" gesagt wird. Und auch: Darf man als Rapper in einem eigenen Text dieses Wort zitieren, wenn es ein Eigenname ist? Diese Frage hat dieses Jahr in DCVDNS' Fall große Wellen geschlagen.

Viele offene Briefe (manche mehr, manche weniger schlau) wurden zu diesem "Skandal" ausgetauscht. Und wie bei vielen emotional extrem aufgeladenen Debatten brachten die meist nichts als mal mehr, mal weniger amüsante Facebook-Kommentare. Wir persönlich halten uns mit einem weiteren white-splaining Artikel zurück und zeigen euch lieber dieses Video, in dem ein viel kompetenterer Redner sich des Themas annimmt.

Ta-Nehisi Paul Coates ist Bestseller-Autor, Journalist, Sohn eines ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und Dozent an diversen Universitäten. Wer damals über Dave Chapelles Skit lachte, der darf sich auch bei Ta-Nehisi Paul Coates bedanken. Mit einem Artikel in der amerikanischen Zeitung The Atlantic machte er Chapelles Forderung, Reparationszahlungen an die Nachfahren von Sklaven zu leisten, einem breitem Publikum erst bekannt.

Coates ist gerade unterwegs, um sein jüngstes Buch "We Were Eight Years In Power" zu promoten, dabei machte er unter anderem Halt in der Evanston High School in Illinois. Dort bat ihn eine weiße Schülerin um Rat, die vor Kurzem ein von der Schule genehmigtes Konzert von Lil Uzi Vert besucht hatte. "Es wurde eine Email an alle Schüler geschickt, die das Konzert besucht haben. Darin wurden sie darauf hingewiesen, dass sie nicht das Recht haben, dieses Wort zu benutzen, was ich zu 100 Prozent unterstütze. Was denken Sie, sollte man ... Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn ich höre, dass meine Freunde dieses Wort in Songs mitrappen."

Es kommt es auf das Verhältnis der betreffenden Personen an, das bestimmt, welches Wording im Umgang miteinander in Ordnung ist und welches unangebracht.

In den folgenden vier Minuten erklärt Coates unaufgeregt und unkompliziert, wie seiner Meinung nach mit diesem Thema umzugehen sei. "Worte haben ohne Kontext keine Bedeutung", beginnt er seine Argumentation und führt einige Bespiele an, um sein Grundverständnis des menschlichen Zusammenlebens zu klären. So komme es auf das Verhältnis der betreffenden Personen an, das bestimmt, welches Wording im Umgang miteinander in Ordnung ist und welches unangebracht. "Meine Frau sagt zu ihrer Freundin das Wort 'Bitch'. Ich mache da nicht mit. Ich kann das nicht machen. Und noch wichtiger: Ich verspüre auch nicht das Bedürfnis, das zu tun." Das Gleiche gelte beispielsweise für das Wort 'Schwuchtel', das manche Mitglieder der LGBT-Community untereinander benutzen. "Ich werde dieses Wort nicht benutzen, weil das nicht mein Verhältnis zur LGBT-Community ist. Und damit bin ich auch OK."


VICE-Video: Der Alltag und die Motive der US-Antifa:


Die Grundfrage der Problematik, dass nicht alle Wörter jedem gehören, formuliert Coates so: "Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Wenn wir es akzeptieren und sogar als normal empfinden, dass nur gewisse Menschengruppen untereinander auf ironische Art und Weise Wörter verwenden dürfen, die herabwürdigend sind, warum ist das bei schwarzen Menschen dann so ein großes Händeringen? [...] Warum haben so viele weiße Menschen Probleme damit, allgemeine Verhaltensregeln unter Menschen auch bei Schwarze anzuwenden?"

"Wenn man in diesem Land weiß ist, wird dir beigebracht, dass dir alles gehört. Man denkt, man hat das Recht, alles zu machen."

Nachdem er weiter ausführt, mit welcher Doppelmoral schwarze Probleme immer wieder behandelt werden, gibt Coates eine mögliche Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage: "Wenn man in diesem Land weiß ist, wird dir beigebracht, dass dir alles gehört. Man denkt, man hat das Recht, alles zu machen. Das liegt nicht an der Hautfarbe oder den Haaren, sondern weil diese Kultur das lehrt. [...] Und dann kommt dieses Wort, bei dem du auch noch das Gefühl hast, du hättest es erfunden und plötzlich sagt dir jemand, wie du das Wort zu benutzen hast, das du selbst erfunden hast. [...] 'Ich habe jetzt Unannehmlichkeiten, wenn ich den Song anmache und nicht mitsingen darf? Warum darf ich da jetzt nicht mitsingen?'"

Schließlich führt Coates eine eigene interessante Theorie an, die uns so bisher in dieser Debatte noch nicht begegnet ist. "Ich denke, die Erfahrung, HipHop-Fan zu sein und das Wort "N****" nicht benutzen zu dürfen, ist tatsächlich sehr aufschlussreich. Sie gibt nur einen ganz kleinen Einblick, was es bedeutet, schwarz zu sein. Denn schwarz sein bedeutet, durch die Welt zu laufen und Leuten dabei zuzusehen, wie sie Dinge tun, die du nicht tun kannst, bei denen du nicht mitmachen darfst. Davon, das N-Wort nicht zu sagen, kann man also sogar einiges lernen."

Nochmal: Seht euch das gesamte Video an. Und dann kommentiert, wenn ihr's nicht lassen könnt. Ist ja schließlich für einen größeren Zweck.

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