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Reisen

Leute erzählen ihre Reise-Horrorstorys

Aufwachen in der falschen Stadt, vollgepisstes Gepäck und Entführungen. Manchmal ist der Weg absolut nicht das Ziel.

von Caroline Thompson
07 März 2018, 7:03am

Foto: Getty Images

Der Mensch neigt ja dazu, das Reisen zu verklären. Niemand will wahrhaben, dass man die wertvollen 26 Urlaubstage und das Ersparte gerade vergeudet hat. Die Realität sieht aber so aus: Mal kehrt der Flieger um, weil jemand seine Verdauung nicht im Griff hat, mal entpuppt sich die Mitfahrgelegenheit als potentieller Serienmörder, oder man muss seinen geliebten Therapiehamster im Klo runterspülen. Da wir uns verpflichtet fühlen, die Wahrheit hinter #holidayfun und #sunsetmadness aufzuzeigen, haben wir Freunde und Kollegen gebeten, ihre schrecklichsten Reise-Erlebnisse zu teilen.

Volles Rohr

Vor 15 Jahren fuhr ich mit dem Fernbus von New York City nach Toronto – eine Elf-Stunden-Fahrt. Die Toiletten in solchen Bussen sind bekanntlich widerlich. Ich hatte in diesem Bus schon ein paar Blicke auf die Klokabine geworfen, und die schlechte Beleuchtung und die dreckigen Edelstahlflächen erzeugten Silent Hill-Vibes.

Natürlich musste ich irgendwann pinkeln, aber wollte auf keinen Fall da rein. Also verkniff ich es mir, so lange wie ich konnte. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich ging zur Toilette und schloss die Tür, nur um festzustellen, dass das Licht nicht funktionierte. Damals gab es noch keine Smartphones mit Taschenlampe, die Kabine hatte kein Fenster, also stand ich im Dunkeln. Ich beschloss, ins Waschbecken zu pinkeln – die Kloschüssel war sehr hoch, und blind dorthin zu zielen, hätte für alle nach mir nur noch mehr Silent Hill-Feeling bedeutet.

Weil ich es mir so lange verkniffen hatte, pinkelte ich auch unfassbar lange. Nach einem Strahl, der gefühlt 90 Minuten anhielt, wusch ich mir die Hände und öffnete die Tür.

Fast alle Fahrgäste starrten mich an. Ich sah zurück in die Toilette: Das Waschbecken war nirgends angeschlossen. Wo ein Abflussrohr hätte sein sollen, war nur ein Loch, das Richtung Boden zeigte. Der gesamte Inhalt meiner übervollen Blase war unter der Klotür ausgetreten und war den Bus entlanggeschwappt, hatte unterwegs Füße und Taschen befeuchtet.

Ich huschte schnell auf meinen Platz zurück und stellte mich den Rest der Fahrt schlafend. Ich weiß nicht, ob den Leuten klar war, dass es Urin war. Aber wenn du 2003 von New York nach Toronto gefahren bist und bei deiner Ankunft eine feuchte Tasche hattest: Es tut mir leid. –Jamie, 32


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Höhenrausch

Vor ein paar Jahren war ich im Urlaub in Los Angeles – ich wohne in New York. L.A. war toll. Ich ging an die Strandpromenade, betrank mich in der Sonne und hing mit Freunden ab. Doch dann war es Zeit für meinen Nachtflug zurück nach New York.

Am folgenden Tag hatte ich ein wichtiges Meeting bei der Arbeit, das ich auf keinen Fall verpassen durfte. Also war ich zeitig am Flughafen. Die Zeit bis zum Flug überbrückte ich an der Flughafenbar. Dort lernte ich den Drummer einer Punkband kennen, mit dem ich trank. Bald hatten wir uns zusammen völlig zerstört.

Es stellte sich raus, dass wir sogar im selben Flug nebeneinander saßen. Der Drummer schlug vor, während des Flugs weiterzutrinken, und ich gab keine Widerworte. Immerhin flogen wir über die gesamten USA; ich rechnete fest damit, bis New York wieder halbwegs nüchtern zu sein. Als ich aufwachte, war es dunkel, ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Der Flieger verlor extrem schnell an Höhe. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich überzeugt, gleich sterben zu müssen. Der Drummer schlief noch, ich hoffte auf seelischen Beistand und stupste ihn wach. Und dann spürten wir die Landung.

"Sind wir schon in New York?", fragte er.

"Keinen blassen Schimmer", sagte ich.

Wir waren nicht in New York, sondern in Chicago. Das Flugzeug hatte wegen eines Sauerstofflecks notlanden müssen. Ich umarmte acht Stunden lang am Flughafen von Chicago eine Kloschüssel – und verpasste natürlich mein Meeting. –Alex, 27

Nahtoderfahrung mit Souvenirs

2013 flog ich von Boston nach Baltimore. Meine 18 Monate alte Tochter war im renommierten Kinderkrankenhaus von Boston operiert worden. Im Flugzeug fiel mir eine Gruppe auf, die anscheinend zusammengehörte. Sie trugen alle das Gleiche und sahen aus wie Techniker einer Kabelfirma.

Gegen Ende des Flugs wurde meine kleine Tochter sehr, sehr krank. Sie hatte ja gerade erst die OP überstanden, und die Flughöhe führte dazu, dass sie zu wenig Sauerstoff bekam. Sie verfärbte sich schon blau-lila, ich bekam Panik. Zum Glück saß eine Krankenpflegerin neben mir, die sofort anfing, die Vitalparameter der Kleinen zu messen. Wir besprachen gerade, wie wir die Crew am besten auf das Problem aufmerksam machen sollten. Da stand einer vom Kabelfirma-Team auf und stellte sich vor die Passagiere, ein Kamerateam im Schlepptau. Er redete über die Bordlautsprecher zu den Passagieren, die anderen verteilten Gratis-iPads an alle. Das ganze Ding war ein Marketing-Gag. In dem Chaos war es unmöglich, eine Flugbegleitung zu uns zu rufen. Ich bekam drei iPads, für mich und für meine beiden Kinder – und wurde dabei gefilmt, wie ich völlig entgeistert das Tablet hochhalte, die Gedanken bei meinem halb erstickenden Baby.

Nach dem ganzen Trara konnten wir endlich die Crew auf uns aufmerksam machen. Wenige Minuten später waren wir gelandet, ein Krankenwagen wartete schon auf dem Rollfeld. Die Leute von der "Kabelfirma" – sie verkauften eigentlich Satellitenfernsehen – fühlten sich schrecklich und waren sehr nett zu uns. Sie brachten meiner Tochter ein Kuscheltier, als sie von Sanitätern umgeben auf der Trage lag. Ich habe noch nie so viel Glück im Unglück gehabt. –Hilary, 41

Verbrecher-Smalltalk

Zum Studieren war ich weit von zu Hause weggezogen – ungefähr acht bis zehn Stunden mit dem Fernbus. Einmal fuhr ich vom Familienbesuch nach Hause und alle Plätze bis auf einen waren schon besetzt. Also setzte ich mich hinten, bei der Toilette, neben einen Mann und seinen kleinen Sohn. Der Vater wirkte völlig erschöpft und der Vierjährige war ebenfalls müde und sehr quengelig. Sie seien seit drei Tagen mit dem Bus unterwegs, sagte mir der Vater, der Sohn sei furchtbar schlecht gelaunt. Das konnte niemandem im Bus entgehen – wenn der Junge nicht quer über meinem und dem Schoß seines Vaters schlief, dann schrie er. Alle wirkten genervt von den beiden, aber mir taten sie leid. Aus unserem Gespräch schloss ich, dass der Vater finanzielle Schwierigkeiten hatte, aber er wirkte wie jemand, der sein Kind wirklich liebt und nur das Beste für es will.

Etwa nach der Hälfte der Fahrt hielten wir an, um Passagiere zusteigen zu lassen. Ich rannte raus, um auf die Toilette zu gehen und mir einen Snack zu kaufen. Als ich nach einer Viertelstunde wiederkam, sah ich, wie Polizisten meinen schluchzenden Sitznachbarn in Handschellen abführten. Ein Beamter trug den schlafenden Jungen aus dem Bus. Es stellte sich heraus, dass der Typ seinen Sohn entführt hatte, nachdem bei der Scheidung seine Frau das Sorgerecht bekommen hatte. Ich weiß nicht, wie die Polizei den Mann ausfindig gemacht hatte – vermutlich lief eine Fahndung übers Fernsehen, sodass ein Passagier ihn erkannt und die Polizei informiert hatte. Ich war sehr verstört, weil ich stundenlang ganz entspannt mit einem Kindesentführer geplaudert hatte. –Jacob, 24

Bombenstimmung

Ich hatte in Kalifornien meinen Junggesellinnenabschied gefeiert und flog zurück in meine Heimat, Minnesota. Am Flughafen winkte das Sicherheitspersonal mich beiseite, um eine meiner Taschen genauer zu kontrollieren. Aus irgendeinem Grund hielt ich es für eine gute Idee zu sagen: "Vorsicht beim Öffnen, die könnte explodieren!" [Anm. d. Red.: So etwas führt zu Polizeieinsätzen, Flugausfällen und womöglich zu Festnahmen. Lass das.]

Die Frau von der Flughafensicherheit starrte mich daraufhin so böse an, dass ich sofort in Tränen ausbrach und mich wortreich entschuldigte. Sie führte mich in ein separates Zimmer und hielt einen kleinen Vortrag darüber, dass ich am Flughafen aufpassen müsse, was ich sage. Bei der Kofferkontrolle fanden die Sicherheitsleute eine Wasserpistole in Penisform, einen 20er-Pack Penis-Strohhalme, Mardi-Gras-Perlenketten und einen Penis-Kopfschmuck – alles Scherzgeschenke von meinem Junggesellinnenabschied. Das Flughafenpersonal hat bestimmt auch eine Anekdote über die dumme Party-Gans, die Terrorismusgefahr witzig fand. –Lauren, 28

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