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Rechtsextremismus

Wie ich als Kind jahrelang in Sommerlager von Neonazis gefahren bin

Dort haben sie versucht, die braune Elite für das Vierte Reich zu züchten.

Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein (rosa Kleid) im Jahr 2002 bei einem rechten Sommerlager in der Nähe von Bad Doberan | Fotos mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Heidi Benneckenstein engagierte sich in rechtsextremen Kameradschaften und der NPD, leugnete den Holocaust und feierte den Geburtstag von Adolf Hitler. Aufgewachsen in einer rechtsextremistischen Familie in der Nähe von München, fuhr sie als Kind regelmäßig in Ferienlager der Heimattreuen Deutschen Jugend. Dort brachten Rechte ihr völkische Ideologien bei und versuchten, sie zur neuen Nazi-Elite zu formen.

Dies ist ein Auszug aus Benneckensteins Buch "Ein deutsches Mädchen – Mein Leben in einer Neonazi-Familie".

Sobald mein Vater mich für alt genug hielt, wurde ich auf konspirative Ferienlager geschickt, die vom Bund Heimattreuer Jugend (BHJ) oder der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) ausgerichtet wurden. Der BHJ ist eine Nachfolgeorganisation der Wiking-Jugend, einer neonazistischen Kinder-und Jugendorganisation, nach dem Vorbild der Hitlerjugend gegründet und seit 1994 verboten.

Auf dem Programm standen Zeltlager, Fahrten und Feste, tatsächlich ging es aber um eine paramilitärische Ausbildung von Kindern. In Lagern der Wiking-Jugend, an denen rund 15.000 Kinder und Jugendliche teilgenommen haben sollen, wurden viele bekannte Neonazis ausgebildet, darunter der Liedermacher Frank Rennicke, den die NPD 2009 ins Rennen um das Bundespräsidentenamt schickte, und Gundolf Köhler, dem das Oktoberfest-Attentat von 1980 zur Last gelegt wird.

Der BHJ war eine abgeschwächte Variante der Wiking-Jugend, nicht ganz so radikal, aber durchaus mit einer völkisch-nationalen Ausrichtung. In der HDJ, einer Abspaltung des rechten Flügels des BHJ, ging es deutlich härter zur Sache. Der damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ließ sie 2009 verbieten, das Bundesverwaltungsgericht bestätigte die Entscheidung im Jahr darauf: Die HDJ habe "Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der früheren Hitlerjugend", sie sei der "Blut-und-Boden-Ideologie und der Rassenlehre der Nationalsozialisten" verhaftet und verbreite "antisemitische Thesen" – eine Einschätzung, die ich voll bestätigen kann.


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Während die Erwachsenen sich in Familien- und Freundeskreisen organisierten und in dem Gefühl schwelgten, einer konspirativen Elite anzugehören, trafen sich die Kinder zu Pfingstlagern und Sonnwendfeuern. Wir saßen am Lagerfeuer, sangen verbotene Lieder, marschierten kilometerweit durch Wälder und sprachen uns mit "Kamerad" und "Heil Dir" an. Wir wurden militärisch gedrillt und ideologisch geschult. Campiert wurde auf Zeltplätzen in Wäldern oder an unbesiedelten Küstenstreifen.

Abends hörten wir Vorträge über "Rassekunde", "die biologischen Grundlagen unserer Weltanschauung" oder "altgermanische Runenschrift", schauten den Nazi-Propaganda-Film "Der Ewige Jude" und lauschten den Versen des NS-Dichters Heinrich Anacker, zum Beispiel seinem Gedicht "Die Waage Europas", das von der ungleich beladenen Waage Europas handelt, die der Führer wieder ins Gleichgewicht bringt.

Die braune Elite für das Vierte Reich

Alle zusammen waren wir eine eingeschworene Gesinnungsgemeinschaft mit wenig Raum für Individualität. Wenn wir, was auch manchmal vorkam, nicht in Zelten, sondern in Jugendherbergen übernachteten, wurde größter Wert darauf gelegt, dass wir unsere Fahnen, Abzeichen und Gesangbücher versteckten, bevor die Putzfrauen anrückten. Als ich doch mal von einer am Arm festgehalten und gefragt wurde, welchem Verein wir eigentlich angehörten, antwortete ich: "Der Deutschen Katholischen Jugend."

Die Eltern der HDJ-Kinder waren keine armen Leute oder Kleinbürger. Viele waren Intellektuelle, Professoren, Zahnärzte, ein Haufen fanatischer Erwachsener, die ihrem Nachwuchs einbleuten, dass er die einzigartige Ehre besitze, in einer kranken Gesellschaft zu den wenigen Gesunden zu gehören.

Auf den ersten Blick waren die Lager wie Pfadfindertreffen organisiert, es ging scheinbar um das ehrliche Miteinander, um die Nähe zur Natur und Bewegung an der frischen Luft. Aber so war es ja nicht. Wer genauer hinsah, konnte erkennen, worum es wirklich ging: Wir sollten systematisch zu einer braunen Elite herangezüchtet werden, die am Tag der Machtübernahme das Führungspersonal des Vierten Reiches stellen sollte.

Ich war drei, als ich zum ersten Mal ein solches Zeltlager betrat, damals noch in Begleitung meiner Eltern. Mit fünf nahm ich das erste Mal allein beziehungsweise mit meinen Schwestern teil, mit acht war ich zum ersten Mal bei einem Lager im Ausland, genauer: in Polen – oder wie mein Vater sagte: Ostpreußen. Ich weiß noch, wie wir ein paar katholischen Pfadfindern die Fahne stahlen, sie zerschnitten und feierlich verbrannten.

Ich habe viele Einladungen aufgehoben, die alle paar Monate bei uns im Briefkasten lagen. Wenn ich sie heute durchlese, kann ich nicht fassen, wie man seine Kinder bei so einem Verein anmelden kann:

Heil Euch, Kameraden!

Die Tat ist wichtiger als der Ruhm, ist der Leitsatz dieses Fahrtenjahres (…) Ein ruhiges und sorgloses Spießerleben haben wir schon seit langem weit von uns gewiesen. Als kraftvolle Jugend wollen wir durch diese Zeit stürmen, Altes und Morsches niederreißen und an einer neuen Zukunft für unser Volk bauen. Das Pfingstlager, als unser größtes Gemeinschaftserlebnis, soll uns dazu rüsten und härten, als Gemeinschaft zusammenwachsen zu lassen und uns die Wege der Tat weisen.

Mitzubringen: Tornister, Affe oder Rucksack, Feldflasche, Kochgeschirr, Eßbesteck, Brotbeutel, Wasch-, Näh-, Schuhputzzeug, Schreibzeug, Liederbuch, Taschenlampe, Schlafsack, Isomatte, Sportzeug, Unterwäsche, Jungenschaftsjacke, Kompass.

Jungen: Grauhemd, Lederkoppel mit Koppelschloß, festes Schuhwerk, kurze und lange schwarze Hose, Volkstanzkleidung.

Mädchen: Weiße Bluse, blauer Rock, Schuhwerk, Volkstanzkleidung.

Die Teilnahme war Pflicht. Wenn Mitglieder fehlten oder sich nur unverbindlich blicken ließen, flatterten böse Briefe ins Haus, die ein für alle Mal klarmachten, dass die HDJ kein Freizeitverein, sondern eine Vereinigung war, der man sich mit Haut und Haaren verschrieb und ein Leben lang verpflichtet fühlte.

Wir sollten zu politisch denkenden Soldaten erzogen werden, zu intellektuellen Feinden der Multikulti-Gesellschaft, der Europäischen Union und der Bundesrepublik Deutschland. Der Tagesablauf war von morgens bis abends rigide durchstrukturiert. Zum Fahnenappell mussten wir auch bei eisiger Kälte 30 Minuten lang strammstehen. Süßigkeiten, MP3-Player und Handys waren verboten. Dafür sollten wir unsere Flöten und Gitarren mitbringen. Jeder unserer Schritte wurde überwacht und kontrolliert. Es herrschten militärische Härte und Disziplin, ein Klima der Angst und Unterdrückung. Unsere Zelte hießen "Führerbunker" oder "Germania". Schon am Eingang prangte ein Holzschild mit der Aufschrift "Der Heimat und dem Volke treu".

HDJ-Mitglieder sollten untereinander heiraten und so viele Kinder zeugen wie möglich

"Flink wie die Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl", hatte sich Adolf Hitler die Hitlerjugend gewünscht. Alles Weichliche sollte zerstört werden, stattdessen sollte die Jugend zu ihren Instinkten, ihrer Natur und zum nationalen Selbstbehauptungswillen zurückfinden.

70 Jahre danach hatte sich daran wenig geändert: Die männlichen Kameraden trugen ein Grauhemd oder die Jungenschaftsjacke, die weiblichen die sogenannte Mädelbluse mit langem Rock. Bunt war verboten, bunt war der Feind. Wir sollten alle gleich aussehen, einheitlich, ununterscheidbar. Eine geschlossene Gruppe, eine untrennbare Einheit, eine Nachwuchsarmee. Wir waren Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Talenten und Interessen, wurden aber wie eine gesichtslose Masse behandelt.

Die Autorin bei einem rechten Pfingstlager in der Röhn im Jahr 2002

"Wir suchen den Frischen und nicht den Blassen. Wir suchen den Kämpfer, der dem Feinde nie wich, wir geben uns selbst – und suchen dich!", heißt es in einem Werbevideo der HDJ. In den Einladungen zu den Lagern war von einer "krankhaften BRD-Gesellschaft" die Rede, in der "unsere Kultur in der Multikultur erstickt" werde.

Gegen Multikulti versuchte die HDJ mit Gemeinschaft und Familie vorzugehen. Ihre Mitglieder sollten unter sich bleiben, sich gegenseitig ehelichen, so viele Kinder wie möglich zeugen und generationenübergreifende Gemeinschaften bilden. Es ging nicht um eine Laune oder ein bisschen Spaß, sondern um einen Bund fürs Leben. Das Lebensbundkonzept sollte verhindern, dass Mitglieder nach Familiengründung der rechten Szene verloren gingen, und sicherstellen, dass die nächste Generation im Sinne der deutschen Volksgemeinschaft erzogen wurde. Der Plan ging auf. Die Ausstiegsquote unter HDJ-Mitglieder tendierte gegen Null. Viele von ihnen leben in Wohn- und Siedlungsgemeinschaften im ländlichen Raum und versuchen, ganze Landstriche unter ihren Einfluss und ihre Kontrolle zu bringen.

"Bei uns gibt es keine Schmerzen!"

Unsere Lagerführer waren zwischen 20 und 30, viele von ihnen studierten noch. Die einen nahmen ihren Auftrag, uns verantwortungsbewusst zu erziehen, ernst. Man spürte, dass es ihnen Freude bereitete, uns etwas beizubringen, auch wenn es fragwürdige Inhalte waren. Die anderen waren Sadisten: "Wie, du hast Bauchschmerzen?", hieß es dann, wenn sich sechsjährige Jungen auf der Isomatte krümmten. "Bei uns gibt es keine Schmerzen. Raus mit dir zum Frühsport!"

Natürlich waren sämtliche sportliche Aktivitäten im Lager kein zweckfreies Spiel, schon gar nicht sollten sie uns Spaß machen. Wie 70 Jahre zuvor sollten sie dazu beitragen, die Volksgemeinschaft und die Rasse zu stärken. Der Körper als Kriegs- und Revolutionsinstrument.

Die Atmosphäre in den Lagern war von Angst geprägt. Sie diente dazu, dass wir uns einer auserwählten Minderheit zugehörig fühlen konnten: Der Tag X, der Tag der Machtergreifung, rücke näher, und Kameraden seien immer auch Kampfgefährten, die sich im Notfall für uns opferten.

Ich erinnere mich noch genau an ein Lager in Görlitz zwischen Weihnachten und Silvester, es muss eines meiner ersten, vielleicht sogar mein erstes überhaupt gewesen sein, weil ich so überfordert und hilflos war. Die Fanfare ertönte, ich erschrak, war hellwach, sprang panisch aus dem Bett, es war Punkt sieben Uhr morgens. Jetzt musste alles ganz schnell gehen: Ich zog mich an und trabte im Laufschritt nach draußen in den Hof zur Morgengymnastik. Die Jungen mussten Liegestütze, wir Mädchen Kniebeuge machen. Anschließend ging es in den Waschraum und zum Frühstück, das jeden Morgen wieder aus Haferflocken mit Apfelmus bestand. Bevor wir essen durften, kam jeden Morgen einem von uns die Aufgabe zu, einen völkischen Sinnspruch vorzutragen.

Nach dem Frühstück mussten wir unsere Betten machen, uns der Größe nach aufstellen und strammstehen. Dann kam der Bundesführer mit ernster Miene, schritt die Reihen ab, überprüfte Schränke und Rucksäcke, schlug Decken zurück. Wer unsauber gearbeitet hatte, musste nachbessern. Erst nachdem alle Zimmer abgenommen waren, konnte die Morgenfeier beginnen: Hierzu versammelten wir uns wieder im Hof und gruppierten uns in Hufeisenform um den Fahnenmast, während zwei von uns die HDJ-Flagge hissten: ein rot loderndes Feuer auf schwarzweißem Hintergrund.

Jeden Moment konnte die Polizei kommen

Anschließend wurde der Tagesablauf verkündet: Mal besichtigten wir die nächstgelegene Stadt, mal gingen wir ins Freibad, ins Museum oder machten Geländespiele. Man konnte sich verschiedenen Arbeitsgruppen anschließen, die Mädchen nähten zum Beispiel Duftsäckchen oder sammelten Heilkräuter im Wald, die Jungen veranstalteten Boxturniere oder bauten Lagertürme. Es gab Erste-Hilfe-Kurse, Schnitzeljagden mit Nazisymbolen und Kreuzworträtsel, die eigens für uns konzipiert worden waren. So wurde eher keine Oper von Verdi, sondern der Führer des letzten Deutschen Reiches oder die Hauptstadt Schlesiens gesucht.

Weil ich keine Lust hatte, mit den Mädchen zu sticken, schloss ich mich meistens der Heimwerkergruppe an. Einmal sollten wir aus einem Stück Sperrholz die Deutschlandkarte sägen und in den Deutschlandfarben bemalen. Dass unter "Deutschland" das Deutschland in den Grenzen von 1937 und unter den Deutschlandfarben Schwarz, Weiß und Rot, also die Farben der Reichsflagge, verstanden wurden, fand ich nur logisch, denn so hatte ich es gelernt.

Die Autorin heute | Foto: imago | Reiner Zensen

Wir mussten ständig damit rechnen, in der Nacht geweckt zu werden, um innerhalb weniger Minuten unsere Zelte abzubrechen. Immer wieder wurden Gerüchte und Meldungen verbreitet, dass die Polizei auftauchen und das Lager räumen könnte. Es existierte sogar ein sorgsam ausgearbeiteter Evakuierungsplan, den wir regelmäßig durchspielten.

Eines Nachts wurden wir tatsächlich gegen Mitternacht geweckt. Die Betreuer schlüpften in unsere Zelte, rüttelten uns wach und flüsterten uns zu, dass wir ohne jeden Mucks in den Wald flüchten sollten – Polizei sei im Anmarsch, es gehe um jede Minute. Ich hatte schreckliche Angst. Draußen war es stockdunkel. Die Betreuer trieben uns in den Wald, überall hörte ich es rascheln und knacken, die Bäume standen dunkel und still, Kinder stolperten kreuz und quer durch die Nacht. Ich sah den Schein von Taschenlampen.

Das Ziel: die Kinder abhärten, die Angst in ihnen töten

Als wir zu einer Lichtung kamen, warteten die Betreuer auf uns, führten uns zu einem Pflock, der im Waldboden steckte, und richteten ihre Taschenlampen darauf. Es war weit und breit kein Polizist zusehen, dafür steckte auf dem Pflock ein blutiger Schweinekopf. Solche Aktionen dienten dazu, uns abzuhärten oder, wie es unser Bundesführer ausdrückte: die Angst in uns zu töten.

Wie die Hitlerjugend war auch die HDJ nach einem strengen Leistungs- und Ausleseprinzip organisiert, das von Hierarchien, Abzeichen und Prüfungen strukturiert wurde. Was für Typen das waren, die uns das Leben schwermachten, zeigt ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2010, also ein Jahr nach dem Verbot der HDJ. Damals wurden zwei HDJ-Kader wegen Volksverhetzung und Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen zu zwölf beziehungsweise 17 Monaten Gefängnis verurteilt. Einer von beiden behauptete laut Anklage während der Verhandlung, dass Schwarze den geringsten Intelligenzquotienten hätten, bezeichnete Juden als "langnasige Freunde" und warnte vor dem "Volkstod durch Erbkranke".

Ich war erst sechs, wusste aber genau, was ich Menschen, die nicht meine Eltern oder Geschwister waren, erzählen konnte, weil ich es genoss, ein Geheimnis zu teilen. Ein Teufelskreis. Wenn wir in der Schule gefragt wurden, wo wir die Sommerferien verbracht hatten, antwortete ich jedes Mal, dass ich in einem Pfadfinderlager gewesen war.

"Es lohnt sich nur zu leben für etwas, wofür sich auch zu sterben lohnt."

Die HDJ hatte sogar eine eigene Zeitschrift. Sie hieß Funkenflug, erschien viermal im Jahr und berichtete über die Vereinsarbeit genauso wie über Angehörige der Waffen-SS oder NS-Ikonen. In einem Artikel, der die HDJ neuen Lesern näherbringen sollte, wurde unsere Weltanschauung mit folgendem Aphorismus beschrieben: "Es lohnt sich nur zu leben für etwas, wofür sich auch zu sterben lohnt."

Viele HDJ-Mitglieder, die mit mir an Lagern teilgenommen hatten, machten später Karriere in der NPD oder der Kameradschaftsszene. Tino Müller zum Beispiel saß jahrelang für die NPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, wo er unter anderem gegen "Negerbanden" agitierte und sich für eine "mobile Sondereinheit zur Aufklärung der Ausländerkriminalität" einsetzte. Der frühere HDJ-Mann David Petereit war ebenfalls NPD-Landtagsabgeordneter und Herausgeber des Neonazi-Fanzines Der Weisse Wolf, in dem bereits 2002, also neun Jahre vor ihrer Enttarnung, der Terrorzelle NSU gedankt wurde.

Es sind diese Männer, die die rechte Szene in Deutschland am Leben halten. Sie engagieren sich in Parteien oder Kameradschaften, kaufen Bauernhöfe, von denen aus sie als Öko-Bauern und Tierschützer getarnt Proteste gegen Asylunterkünfte organisieren oder als völkische Siedler versuchen, ländliche Regionen nach und nach zu besetzen.

Noch heute gibt es nationalsozialistische Kinder- und Jugendlager

Als die HDJ 2009 offiziell verboten wurde, dauerte es nur ein paar Monate, bis ehemalige Mitglieder verkündeten: "Unsere Kinder werden weiterhin in den Familien national erzogen und dementsprechend ganz privat und intensiv geschult." Und so gibt es auch sieben Jahre nach dem Ende der HDJ noch nationalsozialistische Kinder- und Jugendlager. Sie heißen anders und werden von anderen Organisationen ausgerichtet, die Ideologie ist dieselbe.

Niemand soll glauben, dass eine Ideologie wie der völkische Nationalismus ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen ist. Im Gegenteil, viel wahrscheinlicher ist, dass es in Deutschland immer noch mehrere Tausend Kinder gibt, die in Familien aufwachsen, die sich dem nationalsozialistischen Erbe verpflichtet fühlen. Kinder, die selbstverständlich mit Waffen, Gewalt, Nazi-Devotionalien und Liedern der Hitlerjugend aufwachsen und so zum Teil einer Kampfgemeinschaft werden, die sich hinter einer bürgerlichen Fassade versteckt. Sie tragen nordische Namen wie Reinhild oder Kriemhild, Thor oder Siegfried.

Die rechtsradikale Szene in Deutschland ist nicht groß, aber straff organisiert und perfekt vernetzt. Jeder kennt jeden. Und vom scheinbar harmlosen Zeltlager bis zu den Gräueltaten des Nationalsozialistischen Untergrunds sind es nur ein paar Schritte.

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