Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Jonathan Rentschler

Skaten bis zum bitteren Ende: Fotos aus dem legendären LOVE Park in Philadelphia

Nach Jahrzehnten wurde das Skate-Mekka der Ostküste geschlossen. Der Fotograf Jonathan Rentschler zeigt uns Aufnahmen aus einer besonderen Ära.

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Jan. 20 2018, 12:07pm

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Jonathan Rentschler

Eigentlich heißt der berühmte Platz in Philadelphia John F. Kennedy Plaza, aber alle nennen ihn nur "LOVE Park", nach der ikonischen Skulptur von Robert Indiana, die dort steht. Irgendwann in den 1980ern entdeckten Skater die Plaza mit ihren vielen Ebenen. Street-Skater grindeten, sprangen und rollten über mehrere Dekaden durch die modernistische Architektur des legendären Parks – bis dort im Februar 2016 die Bauarbeiten anfingen. Aktuell ist der Park deshalb geschlossen. Bei der angestrebten Renovierung hat die Stadt vor allem die bei den Skatern beliebten Areale demoliert. Noch davor schoss der Fotograf Jonathan Rentschler die Bilder für seinen ersten Band LOVE (erschienen bei Paradigm Publishing).

Die Reise zum Untergang des LOVE Park nachzuvollziehen, ist faszinierend und tragisch zugleich. Die frühe Ära war geprägt von der klaren East-Coast-Ästhetik von Ricky Oyola und der Sub-Zero-Crew, später dominierten technische Überflieger wie Stevie Williams und Josh Kalis, und in den 2000ern gab es eine Phase, in der Skaten im Park komplett verboten war. In den vergangenen fünf Jahren hatte sich eine neue Generation von Skatern im LOVE Park eingefunden. Es ist diese jüngste Phase, inklusive der Demolierungen, die der langjährige Park-Besucher Rentschler für seinen Fotoband dokumentiert hat. VICE hat mit dem Fotografen darüber gesprochen, was den LOVE Park so besonders machte.

VICE: In deinen Fotos sehe ich Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Gesellschaftsschichten. Sie skaten, filmen, hängen ab. Was bedeutet das Ende des LOVE Parks für Philadelphia?
Jonathan Rentschler: Der Park war einzigartig. In den USA und dem Rest der Welt geht in puncto Rassismus viel Scheiße vor sich, aber im LOVE scherte sich niemand um so was. Wir waren alle zusammen dort, es war eine echte Gemeinschaft. Ich denke, der Stadt war nie klar, wie wichtig dieser Ort war. Es ist wirklich schade, vor allem für viele der Jugendlichen, die dort hingingen. Das waren echte Stadtkinder, viele von ihnen aus zerrütteten Familien, und Skateboarden war für sie ein Weg, dem ganzen Schlechten zu entkommen. Die Stadt hat nicht verstanden, welches Potential dieser Park hatte.

Kam es dort häufiger zu Konflikten?
Im LOVE gab es regelmäßig Kämpfe. Meist unter den Obdachlosen, und da kann ich nur mutmaßen, dass es um Drogen oder Territorien ging, oder dass sie einfach berauscht waren. Wenn die Skater sich mal gezofft haben, dann hauptsächlich, weil jemand die Klappe zu weit aufgerissen hat, oder weil ein Board davongeschossen ist und jemanden erwischt hat. Einmal kam eine Hochzeitsgesellschaft von betrunkenen Bro-Typen in den LOVE, um vor der Skulptur Fotos zu schießen. Ich bin mir nicht sicher, was der Auslöser war, aber es kam zu einer richtigen Massenschlägerei zwischen den Skatern und der ganzen Hochzeitsgesellschaft. Das war ein wilder Anblick.

Kannst du mir etwas über den Alltag der Drogendealer erzählen, die sich im LOVE Park aufhielten?
Die meisten Dealer dort verkauften hartes Zeug und hatten es auf die Obdachlosen abgesehen. Klar, es gab auch solche, die einfach nur Gras verkauften, aber größtenteils waren das gefährliche Leute. Die Polizei hat sie völlig ignoriert, weil sie mehr daran interessiert war, Skater zu jagen. In meinen ganzen Jahren im Park habe ich kein einziges Mal gesehen, wie ein Dealer verhaftet wird. Das mit den Dealern ließ ein wenig nach, als es synthetisches Marihuana gab. Weil es billig und legal war, wurde es unter Obdachlosen sehr beliebt. Ich habe noch nie gesehen, wie so viele Leute den Verstand verlieren und eine Überdosis haben. Das kam damals jeden Tag vor.

Wie reagierten die Menschen, als du anfingst, den LOVE Park zu dokumentieren?
Ich war zu diesem Zeitpunkt schon so lange dort – ich war ein bisschen älter als die meisten Leute, die dort abhingen, und sie waren so an mich gewöhnt, dass sie einfach erwarteten, mich und meine Kamera dort zu sehen. Es war so normal, dass sie meist nicht mal merkten, wenn ich sie fotografierte, außer vielleicht, es war was wirklich Abgefahrenes im Gange. Nach ein paar Jahren wurden die Leute aber neugierig, was ich mit den Bildern vorhatte. Sie fragten mich: "Oh, machst du einen Blog oder so was?" Sie konnten gar nicht sehen, wie wichtig all das ist – wobei ich natürlich schon glaube, dass sie den Park als wichtig empfanden. Aber daraus ein Buch zu machen, war für mich eine sehr große Sache.

Erzähl mir etwas über Edmund Bacon, der die Vision für den LOVE Park hatte.
Er hatte diese Idee schon während seines Architekturstudiums in den 1930ern, aber konnte sie erst 1965 umsetzen, als er schon Stadtplaner von Philadelphia war. Als die Plaza im Laufe der Zeit zum weltberühmten Skate-Spot wurde, entwickelte sich Bacon auf seine alten Tage noch zum Skate-Befürworter. Ihm war klar, wie wichtig sein Werk für die Jugendkultur war, und wie Skaten die Plaza in etwas verwandelt hatte, das weit über seine ursprüngliche Vision hinausging. Das hat der Stadtrat nie begriffen. Als der schließlich beschloss, Skaten zu verbieten und den LOVE zu renovieren, kämpfte Bacon dagegen an. Er protestierte, indem er vor den Augen der Polizei durch den LOVE Park skatete. Bacon war zu diesem Zeitpunkt schon in seinen 90ern, das war also echte Leidenschaft.

In deinen Fotos von den Demolierungen sieht man noch einen Haufen Skater zusammen in der Kälte sitzen. Warum hat der Park sie selbst nach der Zerstörung der Skate-Bereiche noch angezogen?
Der LOVE hat in unseren Leben so eine wichtige Rolle gespielt, dass niemand ihn loslassen wollte, als sie anfingen, Teile des Parks und schließlich den ganzen Park zu sperren. Niemand wollte gehen. Am Ende haben die Leute Wege gefunden, bis zum bitteren Ende dort zu skaten. Deswegen heißt das Video von der Sabotage-Crew auch Till It's Dirt, weil wir geskatet sind, bis da buchstäblich nur noch Erde war. Ich denke, das zeigt, wie sehr die Skater-Community an diesem Park hing.

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