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"Pussy, Arsch und Titten" – Was hat es eigentlich mit Reggaeton auf sich?

Spätestens seit "Despacito" ist Reggaeton überall. Aber was hat es mit dem Genre auf sich? Und ist es wirklich so sexistisch?

Lateinamerikanische Musik schafft es immer wieder, die weltweiten Charts-Listen zu stürmen – Pitbull ist schließlich auch "Mr. Worldwide" und nicht "Mr. Latin America". Während manche Menschen mit Latino-Musik Feiern, Tanzen und sogenannte Lebensfreude in Verbindung brachten, hat sich spätestens nach dem nervigen Sommerhit "Despacito" das Image unserer Salsa-tanzenden Freunde verschlechtert. Betonung auf "spätestens", denn viele konnten mit dem übertriebenen Herumgehampel schon von Beginn an nichts anfangen.

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"Despacito" gehört zur Musikrichtung Reggaeton. Seit den 90ern existiert das Genre, das von Spanisch sprechenden YouTube-Nutzern oft liebevoll als "pura mierda" – also "reinste Scheiße" – bezeichnet wird. Diejenigen unter euch, die mit dieser Musik weniger vertraut sind als Spanisch sprechende YouTube-Nutzer können sich mit diesem Text einen Überblick holen.



Der musikalische Aspekt

Egal welches Reggaeton-Lied ihr euch anhören werdet: Durch den typischen, exotischen Dembow-Rhythmus werdet ihr in euren Gedanken sofort auf einer Strandparty in Puerto Rico landen – ob ihr die mögt, ist natürlich eine andere Frage. Wenn man es sich dann aber genauer anhört merkt man, dass auch die Amerikaner ihre Finger im Spiel hatten – wie so oft. Man findet neben Elementen von Reggae und Dancehall auch Spuren von HipHop, denn auch wenn die Texte meist auf Spanisch sind, ähnelt ihr Aufbau dem von Rap.

Founding Father soll ein Typ gewesen sein, den man "El General" nennt. Der Panamaer war einer der ersten Künstler, der die spanische Sprache in die Genres Reggae und Dancehall einführte und trug somit zur Entwicklung der Musikrichtung "Reggae en Español" bei - dem Vorreiter von Reggaeton. In den 2000ern wurde der HipHop-Einfluss durch Künstler wie Tego Calderón, Don Omar oder Daddy Yankee noch größer und Reggaeton erreichte erstmals eine globale Reichweite.

Mittlerweile ist der Reggaeton-Rhythmus so beliebt, dass auch amerikanische Musiker wie Justin Bieber ihn aufgegriffen haben ("Sorry"). Manche sind von den immer wiederkehrenden Beats auch so gebrainwashed, dass sie die Beats in ihren Songs versehentlich einbauen – wie zum Beispiel Dave Grohl im Lied "Run". Wie er in einem Interview mit MEDIUM erklärt, dachte er, dass er einen völlig neuen Rhythmus entdeckt hätte, bis ihn jemand darauf hinwies, dass es Reggaeton sei. Falls ihr Reggaeton also bis jetzt noch nicht gekannt habt – keine Sorge, ihr seid nicht allein.

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Die Texte und Themen

Jetzt kommen wir zu dem Teil, für den Reggaeton wohl am häufigsten kritisiert wird – die Texte. Sex, Feiern, Tanzen, Liebe und nochmal Sex ist eine ziemlich gute Zusammenfassung der Themenvielfalt. Einmal habe ich mich mit einem Venezolaner über das Tanzen zu Reggaeton unterhalten. Als ich ihn fragte, wie das so ist, war seine Antwort: "Es más o menos como sexo", also dass es mehr oder weniger wie Sex sei.

Ja, so offen kann die lateinamerikanische Mentalität sein – oder notgeil, wie man es nimmt. Die Texte? Die sind teilweise unaushaltbar. Frauen wird mitgeteilt, dass sie gefälligst gut auszusehen haben und Männern wird das "richtige Aufreißen" von Frauen eingetrichtert und, dass eine Frau besonders dann angemacht werden sollte, wenn sie bereits vergeben ist oder wenn sie nichts von dir will. "Picky" von Joey Montana ist hierfür ein gutes Beispiel.

Dieses Macho-Gehabe ist in den Köpfen der meisten Latinos tief verwurzelt und obwohl es keine Rechtfertigung ist, darf man nicht vergessen, dass wir hier von einer völlig anderen Kultur sprechen. Oder vielleicht ist sie doch nicht so anders? Man kann Reggaeton auch mit österreichischer Musik vergleichen – zumindest mit Schlagermusik. Auch wenn Hansi Hinterseer und Co. nicht explizit über Sex reden, behandeln ihre Lieder eigentlich auch eher weniger die tiefgründigen, wichtigen Themen, sondern eher das Übliche - Feiern, Saufen und die Liebe. Außerdem stecken hinter vielen Schlager-Texten die versautesten Botschaften überhaupt.

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"Sieben Sünden" von Marc Pircher und DJ Ötzi ist im Grunde nur die österreichische Version von "Despacito", wenn ihr mal genauer auf den Text hört, zum Beispiel "Deja que te diga cosas al oído" oder wie Marc Pircher es formuliert "Und ich flüster dir was in dein Ohr".
Und auch das immer wiederkehrende Thema der Hände – ihr wisst schon, arriba, abajo, izquierda, derecha – wurde in Österreich durch "Die Hände zum Himmel" schon von mehreren MusikerInnen adaptiert. Ganz abgesehen vom Lied "Lieschen, Lieschen" von den Alpenrammerln, das im Grunde auch nur "puro sexo" ist. Wer Österreich jemals wieder als konservativ bezeichnen sollte, dem sollte auch mal gesagt werden, dass es eine österreichische Musikgruppe mit dem Namen "Die Alpenrammler" gibt.

Das Problem mit dem Sexismus

Generell kann man sagen, dass das Spektrum der Liedtexte, wie in jedem Genre sehr groß ist. Die Liedtexte reichen von unschuldigen Liebesbekenntnissen bis hin zu abnormalen Beschimpfungen gegenüber Frauen. Genau diese negativen Beispiele sind dann der Grund dafür, dass Kampagnen wie "Usa la razón" entstehen, die mit ihren provokanten Bildern die Realität von Reggaeton verdeutlichen wollen. Hier ein paar der extremsten Texte:

"A ella le gusta que le den duro y se la coman. Y es que yo quiero la combi completa ¡Qué! chocha, culo y teta"

"Sie mag es, wenn sie es ihr hart geben und sie lecken. Und ich möchte die komplette Kombi - Pussy, Arsch und Titten."

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Daddy Yankee – "En la cama"

"Si sigues en esta actitud voy a violarte, hey que comienzo contigo y te acuso de violar la ley así que no te pongas alsadita yo sé que a ti te gusta porque estás sudadita"

"Wenn du so weiter machst mit deinem Benehmen, dann werd ich dich verletzen (auch: vergewaltigen), was fang ich an mit dir, ich beschuldige dich wegen Gesetzesverletzung, sodass du dich nicht betrinkst Ich weiß dass es dir gefällt, denn du bist ganz feucht."

Jiggy Drama "Contra la pared"

"Agárrala, pégala, azótala"

Nimm sie, klammer sie fest, peitsch sie aus

Trébol Clan – "Agárrala"

Frauen gibt es in der Szene wenig. Ein Beispiel wäre Ivy Queen, die sich mit ihren feministischen Texten besonders hervorhebt. Auch Shakira möchte beispielsweise mit ihrem Hit "Chantaje" die Frauenwelt pushen, indem sie über eine Beziehung singt, in der sie das Sagen hat. Neben diesen und anderen Sängerinnen gibt es aber auch jene, die sich diese sexistischen Texte als Lebensvorlage nehmen. Becky G singt in ihrem Lied "Mayores" darüber, dass ihr Ältere gefallen und dass es ihr gefällt, wenn sie wie eine Dame behandelt wird – auch wenn sie darauf vergisst, wenn sie dann mit jemanden im Bett landet.

Maluma hat einmal folgendes in einem Interview gesagt: "Es gibt viel sexistischere Musik als Reggaeton, aber darüber sagt niemand etwas." Ob es in anderen Musikrichtungen ärgere Texte gibt als die oben erwähnten, weiß ich nicht, aber grundsätzlich ist an der Aussage schon etwas Wahres dran. Auch in anderen Musikrichtungen gibt es Texte und Videos, die diskriminierend gegenüber Frauen sind und das sollten wir nicht vergessen – das heißt aber noch lange nicht, dass man nicht über den Sexismus in Reggaeton sprechen muss.

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Dann redet er weiter und sagt: "Das Problem ist, dass Urban Artists die Dinge beim Namen nennen. Was sie ausdrücken ist nicht ihre Meinung, sondern die Realität." Ok Maluma, Sexismus ist die bittere Realität, schön dass du darüber singen willst – ABER DANN BITTE NICHT SO, ALS WÄRE ES VÖLLIG NORMAL UND VOLLKOMMEN OK! Und das gilt übrigens für alle Musiker da draußen – für Reggaeton- und andere Urban-Artists, für Schlager-Sänger, Jazz-Sänger, Opern-Sänger, was auch immer.

Aber zurück zu den Latinos. Andere lateinamerikanische Genres schaffen es auch, ohne Sexismus auszukommen. Lange war ihre Musik ein einziges Shoutout an das Tanzen und die Liebe und das genau in dieser Reihenfolge. Ok, ich bin mir sicher, dass ich Sexismus auch in älteren Liedern finden würde, wenn ich nur intensiver recherchieren und lange genug Texte mit meinem B2-Level-Spanisch übersetzen würde, aber zumindest gab es dieses Problem nicht in dem Ausmaß wie mit Reggaeton. Warum muss man sich also gerade heutzutage an solchen Themen bedienen? Ich bin mir sicher, da gibt es andere "Realitäten" über die man singen kann, mis amores.

Die Musiker selbst

Kommen wir zu denjenigen, die diese Musik in die große weite Welt hinaustragen – den Sängern. Um euch die Natur der Reggaeton-Interpreten am besten näher zu bringen, möchte ich ein Paradebeispiel zur Hand nehmen – Maluma. Maluma ist sozusagen der Justin Bieber des Reggaetons. Nicht nur mit seiner Musik, sondern auch mit seinem Aussehen versetzt er 16-jährige Mädchen in derartiges Kreischen, dass man wahrscheinlich von seinem Konzert eine Erinnerung der ganz besonderen Art mitnehmen kann: einen Tinitus.

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Seine Songs beginnt er immer – damit auch jeder weiß, wer für die nächsten drei Minuten singen wird – mit den Worten "Maluma Baby". Diese zwei Worte, die er geradezu stöhnt, wirken so trainiert und perfektioniert, dass man nur vermuten kann, wie oft am Tag er sich selbst mit diesen Worten im Spiegel begrüßt.

Falls ihr Maluma auch so geil findet, wie er sich selbst, oder wie die 16-jährigen kreischenden Mädchen – was übrigens kein Grund zum Schämen sein sollte, denn er sieht echt verdammt gut aus – dann könnt ihr euch gerne die ganzen YouTube-Videos ansehen, wo er Mädels auf die Bühne holt und sie einfach mal so vor allen Konzertbesuchern küsst. Und ich rede jetzt nicht von einem süßen Bussi.

Sein neuester Hit heißt "Corazon" und im Text besingt er, dass ihm das Herz gebrochen wurde. Oh. Aber das sei kein Problem meint er, denn: "Jetzt kann ich jedes kleine Stück an eine Andere verschenken". Ich glaube, ihr versteht schön langsam, was es mit Reggaeton auf sich hat.

Hier noch eine Spotify-Playlist mit den Klassikern des Reggaetons:

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