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Die sächsische Polizei hat wegen Luftballons eine Razzia durchgeführt

Weil Deutschlandfans zur WM mit Wasserbomben beworfen wurden, geht die Leipziger Polizei bei einem Linken in den Großeinsatz.

von Aiko Kempen
15 August 2018, 11:28am

Symbolfoto bestehend aus: Absperrung: imago | Becker & Bredel || Ballone: Max Pixel | CC0

Kurz nach sieben Uhr morgens klopft jemand an der Wohnungstür. Danach geht alles sehr schnell. Innerhalb weniger Sekunden stehen etwa 15 Beamte samt Bereitschaftspolizei in der Leipziger Wohnung. Ein Beamter der Kriminalpolizei überreicht den richterlichen Durchsuchungsbescheid und sagt, dass es besser sei, ab jetzt keine hektischen Bewegungen mehr zu machen, ruhig zu bleiben und sich kooperativ zu verhalten. Währenddessen reihen sich an der Straße vor dem Haus mehrere Polizeiautos und Mannschaftswagen aneinander. So schildert der Bewohner der Wohnung die Geschehnisse vom 26. Juli gegenüber VICE. Mehrere Nachbarn sprechen von einem "Großeinsatz" – und was die Beamten gesucht haben, ist ziemlich bizarr.

Von außen betrachtet wirkt die Aktion, als wäre die Leipziger Polizei gegen Terroristen oder Organisierte Kriminalität vorgegangen. Doch im Durchsuchungsbescheid, der VICE vorliegt, steht ein ganz anderer Grund: Die Beamten suchen demnach an diesem Tag neben zwei Kleidungsstücken außerdem "Wasserbomben", "Verpackungsmaterial von Wasserbomben" und "Kaufbelege bzw. Unterlagen zum Kauf bzw. zur Bestellung von Wasserbomben". Auch Computer, elektronische Speichermedien und Handys sollen sichergestellt werden, um zu prüfen, ob sich darauf Nachweise über einen Onlinekauf von Wasserbomben finden. Und ja, wir reden in diesem Fall tatsächlich von handelsüblichen Luftballons, die sich mit Wasser füllen lassen, und nicht von Sprengsätzen, mit denen die Alliierten im Zweiten Weltkrieg Nazi-U-Boote versenkt haben. Trotzdem sollen die Wasserbomben bei etwas verwendet worden sein, das die Polizei wie eine Art Anschlag schildert.


Auch bei VICE: Diese Londoner Anarchisten besetzen leerstehende Luxushäuser


Am Abend des 17. Juni nach einem WM-Vorrundenspiel sollen mehrere Personen solche Wasserbomben aus der Spielzeugabteilung zusammen mit einigen rohen Eiern geworfen haben – in Richtung von Deutschlandfans, die sich im Gemeinschaftsraum eines "Luxus-Studentenwohnheims" das Fußballspiel angesehen hatten. Darüber hinaus "spritzte einer der Mittäter Bier aus einer Bierflasche in Richtung der Zeugen", heißt es in der offiziellen Schilderung des Tathergangs im Durchsuchungsbescheid. Zudem sollen die mutmaßlichen Täter "scheiß Deutschland" oder "Deutschland ist scheiße" gerufen haben. Eine der Bewohnerinnen erlitt durch einen Treffer mit einem Wasserballon "kurzzeitig Schmerzen", ob weitere Personen getroffen wurden, ist nicht bekannt. Die damalige Polizeimeldung zu dem Vorfall trug den schlichten Titel "Fußballparty gestört" und wirkte nicht unbedingt so, als hätte hier jemand eine langfristig geplante, konspirative politische Straftat durchgezogen. Trotzdem ermitteln die Behörden inzwischen wegen "gemeinschaftlicher gefährliche Körperverletzung in Tateinheit mit Hausfriedensbruch und tätlicher Beleidigung" – und marschierten mit einem Großaufgebot bei dem Beschuldigten in der Leipziger Wohnung ein. Wir haben bei der Polizei Leipzig nachgefragt, ob es wirklich so viele Beamte brauchte, um Wasserbombenwerfer zu überführen.

Beschuldigter vermutet Ermittlungen gegen linke Szene hinter dem Einsatz

Man habe eben die richterliche Durchsuchungsanordnung umsetzen müssen, sagt ein Sprecher der Polizei Leipzig gegenüber VICE. Die Bereitschaftspolizei habe man aus Gründen der Eigensicherung hinzugezogen und um die Tür notfalls gewaltsam öffnen zu können, sollte der Verdacht entstehen, dass jemand Beweismittel vernichten wolle. Wie viele Beamte genau eingesetzt waren, konnte der Sprecher nicht sagen – der Einsatz der Bereitschaftspolizei sei nicht dokumentiert worden. Mit anderen Worten: Die Polizei war in Mannschaftsstärke angetreten, damit ein mutmaßlicher Wasserbombenwerfer die Beamten nicht angreift und keine Kassenbelege verschwinden lässt? Fast.

Denn dem Beschuldigten wird nicht einmal vorgeworfen, etwas geschmissen zu haben. Stattdessen soll er Wasserbomben an andere Personen gereicht haben. Deshalb ermittle die Polizei gegen ihn als Mittäter, sagte der Sprecher.

Dass es bei dem Einsatz tatsächlich um wassergefüllte Luftballons ging, glaubt der Bewohner der durchsuchten Wohnung allerdings nicht. Obwohl deren Gefahrenpotential laut seiner Schilderung gegenüber VICE bei der Durchsuchung noch einmal thematisiert wurde: "Einer der Polizisten meinte noch, mit Wasserbomben fange es an, aber es seien ja auch schon Steine beim Justizminister durchs Kinderzimmerfenster geflogen." Das ist eine eigentümliche Begründung: Für diesen Angriff auf die Wohnung des sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow wurde im September 2017 ein einschlägig bekannter rechter Hooligan verurteilt, der es vermutlich auf den damaligen Sitz eines linkes Modelabels in der Nachbarwohnung abgesehen und sich schlicht im Fenster geirrt hatte.

Der Hausbewohner vermutet einen anderen Grund für das massive Durchgreifen der Leipziger Polizei. Er gehöre zur aktiven Fanszene des Regionalligisten BSG Chemie Leipzig und sei während des Einsatzes auch von Beamten darauf angesprochen worden. Die linke Ultra-Szene um den Verein steht seit Jahren im Fokus der sächsischen Ermittlungsbehörden. Erst kürzlich wurde nach der Einstellung eines Verfahrens bekannt, dass die Behörden zum wiederholten Male zahlreiche Fans des Vereins abgehört hatten. Da bei der aktuellen Hausdurchsuchung alle Computer, Handys, mobile Festplatten und USB-Sticks sichergestellt wurden, geht man in der Ultra-Szene davon aus, dass es den Ermittlern vorrangig darum gegangen sei, weitere Einblicke in linke Strukturen zu erhalten. Die Wasserbomben wären dann nur ein Vorwand gewesen, um an die Daten zu kommen. Mit entsprechenden Vorwürfen konfrontiert vermeidet der Polizeisprecher ein eindeutiges Dementi und antwortet auf schriftliche Nachfrage, er werde sich hüten, "zum aktuellen Ermittlungsverfahren gegen den Beschuldigten bejahende/verneinende Auskünfte bezüglich eventueller Strukturermittlungen" abzugeben.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass sich die sächsische Polizei im linkspolitischen Spektrum besonders tatkräftig zeigt. Und das obwohl die immer wieder beklagte Personalnot laut Hagen Husgen, dem sächsischen Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), bereits dazu geführt habe, dass die Polizei ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen könne und allein in Sachsen Zehntausende Straftaten unaufgeklärt blieben. Erst Ende Juli kritisierte der Landtagsabgeordnete der Linken, Marco Böhme, dass die Polizei mit ihrem neuen Einsatzpanzer "Survivor R" vor einem friedlichen Klima-Workshop patrouilliere. Die Polizei begründete dies mit notwendigen Übungsfahrten, die zufällig zeitgleich im angrenzenden Braunkohletagebau stattfinden sollten. Im Herbst letzten Jahres wurden die 350 Teilnehmer einer Anti-Neonazi-Demo in der sächsischen Kleinstadt Wurzen von schwerbewaffneten SEK-Beamten begleitet. Einer dieser Beamten trug dabei ein bei Neonazis beliebtes Symbol auf seiner Uniform.

Wasserbomben – sowohl kleine Luftballons als auch Kriegswaffen – wurden bei dem Einsatz übrigens nicht gefunden. Auch Bier oder Eier wurden nicht sichergestellt. Sie fanden sich allerdings auch nicht im Durchsuchungsbescheid.

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