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Netflix: 'To All the Boys I've Loved Before' zeigt, wie progressiv Teenies heute lieben

Intakte Freundschaften, Menschen, die einander verzeihen, und pubertierende Jungs, die sich nicht vollkommen toxisch verhalten: Ein Liebesbrief an den neuen Kultfilm.

von Yasmina Banaszczuk
06 September 2018, 6:35am

Foto: Screenshot | Netflix, Bearbeitung: VICE

Die 16-jährige Lara Jean Covey hat Liebesbriefe geschrieben: fünf, um genau zu sein. Doch nicht, um sie tatsächlich auserkorenen Jungs zu geben und ihnen so ihre Liebe zu gestehen. Lara Jean wollte ihre hoffnungslose Verliebtheit über die Jahre hinweg immer wieder auf Papier bannen. Das ist der Ausgangspunkt des Netflix-Films "To All the Boys I've Loved Before" mit Lana Condor in der Hauptrolle der Lara Jean. Der Film, der innerhalb weniger Wochen Kultstatus erreichte, zeigt realistische, klischeefreie Teenie-Liebe – und berührt Menschen jeglichen Alters.

Denn wer war noch nie unglücklich verliebt und hat einen alten Liebesbrief in der Schublade oder als Entwurf gespeichert? Statt sie abzuschicken, bewahrt auch Lara Jean ihre Briefe gut versteckt in einer Schachtel ihrer verstorbenen Mutter auf. Das ist wichtig, denn unter den Nicht-Empfängern befindet sich auch der Freund ihrer Schwester Margot (Janel Parrish), und der darf auf keinen Fall von ihren Gefühlen erfahren. Aber es wäre keine RomCom, wenn die Briefe nicht doch ihren Weg zu den fünf jungen Männern finden würden. Davon erfährt Lara Jean ausgerechnet vom Mädchenschwarm Peter Kavinsky (Noah Centineo). Auch Peter hatte Lara Jean einen Brief geschrieben. Zeit, in Ohnmacht zu fallen.

In meiner Twitter-Timeline entdecke ich seit Tagen Memes und Liebesbekundungen zu dem neuen Kultfilm. Erwachsene Frauen und Männer sind verliebt in den Charakter Peter, der Schauspieler dahinter, Noah Centineo, avancierte innerhalb von Tagen zum Schwarm einer ganzen Generation. To All the Boys I've Loved Before beruht auf dem gleichnamigen Roman von Jenny Han und ist der späte Sommerhit des Jahres. Und das vollkommen zu Recht: Der Film ist Liebeskomödie, Teendrama und Coming-of-Age-Stück gleichermaßen. Doch anders als die Kultfilme Twilight und Eiskalte Engel der Teenie-Generationen der 2000er und der 90er Jahre, kommt das Werk ganz ohne toxische Verhaltensweisen der Hauptfiguren aus. To All the Boys I've Loved Before zeigt, wie ein Liebesfilm für Teenies richtig geht. Endlich! Und für alle, die jetzt noch nicht überzeugt sind, habe ich hier drei Thesen aufgeschrieben:

(Wer gänzlich ungespoilert bleiben möchte, möge jetzt aufhören zu lesen)


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1. Das Leben als Jugendliche ist dramatisch genug, auch ohne absurde Wendungen

Obwohl Lara Jean eine Einzelgängerin mit nur einer besten Freundin ist und im Laufe des Films emotional einiges durchmacht, hat sie zu Hause ein gesundes Umfeld. Bei der 16-Jährigen geht nichts ohne den täglichen Austausch mit ihren beiden Schwestern: Da ist einmal Margot, die zu Beginn des Films nach Schottland zieht, um dort zu studieren, und die jüngere Kitty (Anna Cathcart), die sich zwar frühreif aber altersgerecht verhält. Belastet wird das Verhältnis der Schwestern von der Enthüllung von Lara Jeans Gefühlen für Josh Sanderson (Israel Broussard). Josh ist ihr ehemals bester Freund, der dann jedoch der feste Freund ihrer Schwester Margot geworden ist. Aus Angst, die große Schwester könne ihre Gefühle entdecken und sie dafür hassen, vermeidet sie wochenlang Skype-Gespräche mit ihr und beginnt sogar eine Fake-Beziehung mit einem der anderen Empfänger der Liebesbriefe, Peter. Und obwohl Lara Jean Redebedarf hat wie noch nie, zieht sie sich immer weiter zurück. Eine Reaktion, die wohl viele nachvollziehen können – und die den Spannungsbogen für eine dramatische Wendung aufbaut.

Natürlich kommt es im Laufe des Films immer wieder dazu, dass Geheimnisse gelüftet werden und gut behütete Gefühle mehr Frischluft abbekommen, als geplant. Doch das Schöne an To All the Boys I've Loved Before ist gerade, dass dramatische Wendungen aus anderen Liebesfilmen, die oft genug in schulischem Desaster, großflächigem Mobbing oder sogar dem Tod enden, hier lediglich die Story vorantreiben, anstatt sie überzudramatisieren. Weder verstößt ihre Familie Lara Jean, als diese zur Eigenbrötlerin wird, noch wird sie über Nacht zum Schul-Star, als sie die Fake-Beziehung mit dem beliebten Sportler Peter anfängt. Alle Reaktionen halten sich stets im realistischen Rahmen, werden nicht überdramatisiert und sind trotzdem spannend – und bringen so die Handlung viel näher an die Zuschauenden heran als herkömmliche RomComs.

2. Die Charaktere sind fehlbar, zeigen aber, wie man sich seinen Fehlern stellen kann

Mehr noch: Die Charaktere handeln geradezu vorbildlich. Zwar haben alle ihre Macken, machen Fehler und enttäuschen einander – aber gleichzeitig wird sich verziehen, sich gegenseitig unterstützt und (ganz wichtig) sich geliebt. Peter und Lara Jean haben eine liebevolle Dynamik, in der sie offen und (weitestgehend) ehrlich miteinander umgehen. Als irgendwann das Gerücht in ihrer Schule die Runde macht, die beiden hätten miteinander geschlafen, spricht Peter sogar ein öffentliches Machtwort: Wer Lara Jean weiter als Schlampe bezeichnet, bekomme es mit ihm zu tun. Und Schwester Margot schreibt in einem genialen Einfall Instagram wegen Kinderpornografie an und sorgt so dafür, dass heimliche Aufnahmen der minderjährigen Lara Jean in Unterwäsche vom sozialen Netzwerk verschwinden. Reale Dramen, mit durchaus realistischen und klugen Lösungen.

Besonders Peters Ansage hallt nach. Dass minderjährigen Mädchen Nacktbilder gestohlen und sie öffentlich für ihre Sexualität geshamt werden, ist leider keine Seltenheit mehr, Peters Ansage daher eine wichtige Message. Wo in anderen Liebesdramen die Frauen stets sich selbst überlassen bleiben und sich mit Charme und viel Glück zurück ins Herz ihres Auserkorenen und der Schule manipulieren müssen, beendet in To All the Boys I've Loved Before der beliebte Sportler das Getratsche mit einer einzigen bestimmenden Ansage. Sich für eine junge Frau einsetzen, selbst wenn diese nicht deine Freundin ist, ist leider noch immer nicht selbstverständlich: kein Wunder, dass das halbe Internet auf Peter Kavinsky steht.

3. Alle haben Ecken und Kanten – und alle sind liebenswert

Auch die Nebencharaktere fallen durch angenehm komplexes Handeln auf. Sei Lara Jeans Vater, Dr. Dan Covey, der von der pubertierenden Tochter zwar überfordert ist, aber dennoch genau hinsieht, zuhört, und im entscheidenden Moment als Vater da ist. Oder Lara Jeans beste Freundin Chris (Madeleine Arthur), die sich statt Eifersuchtsanfall über Lara Jeans neues enges Verhältnis mit einigen der beliebtesten Schüler der Schule ganz ehrlich für sie freut und sie unterstützt. Oder eben Josh, der über die Gefühle seiner ehemals besten Freundin vollends verwirrt ist, aber versucht, die Freundschaft irgendwie zu retten – oder zumindest weiterzuentwickeln.

Am besten aber ist Lara Jean selbst. Sie ist mal lustig, mal ernst, mal selbstbewusst, mal eingeschüchtert; kurz: komplex. Nach dem Weggang von Margot weiß sie, dass es an ihr liegt, die Familie zusammenzuhalten (eines der wenigen Klischees, das sich der Film gönnt) – aber gleichzeitig hört sie deshalb nicht auf, sie selbst zu sein. Weder ist sie ein überzogen starker Charakter, noch hat sie vollkommen absurde Macken. Die Laster, die sie hat, werden jedoch den ganzen Film lang immer wieder aufgegriffen und reaktiviert. Ja, sie hat Fehler. Ja, sie hat Makel. Ja, das ist okay. Sie kann trotzdem geliebt werden, und zwar ohne sich verbiegen oder verändern zu müssen. Dass ihr größtes Hindernis zu einem erfüllten Liebesleben die eigene tief verwurzelte Angst ist, verlassen zu werden, krönt den Charakter noch zusätzlich. Ängste, die Menschen auch mit Mitte 20, Mitte 30 oder Mitte 40 begleiten können. Ängste, denen sie sich nur selbst stellen können.

Fazit

Das alles macht To All the Boys I've Loved Before so relatable und schön – egal, wie alt man ist. Und wenn eine ganze Generation nun mit diesem Kultfilm aufwächst, lernt sie vielleicht, wie wichtig Ehrlichkeit, Vertrauen und Mut in allen zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Das macht Mut. Mir und vielen jungen und nicht mehr ganz so jungen Zuschauerinnen und Zuschauern.

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