Chefket im Interview: "Ich wurde gefragt, warum meine Landsleute so aggressiv sind"
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Chefket im Interview: "Ich wurde gefragt, warum meine Landsleute so aggressiv sind"

Was macht es mit einem Künstler, wenn er permanent auf seine Herkunft angesprochen wird? Wir haben mit Chefket über seine Kämpfe gesprochen – und Musik, die ihn zum Weinen bringt.
14.8.18

Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) heißt das neue Album von Rapper Chefket. "Rapper Chefket findet Özil-Debatte unverständlich", titelten etwa der Bayerische Rundfunk und Focus Online Anfang August. Vorangegangen war ein Interview in einer Lokalzeitung, in dem er zu Rassismus, zu #MeTwo und eben zur Özil-Debatte befragt wurde. Irgendwann ging es auch um Musik, aber die stand nicht im Vordergrund.

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Was macht es mit einem Künstler, wenn er permanent auf seine Herkunft angesprochen wird und welche Kämpfe sind das, die Chefket ausfechten muss, bevor mit Alles Liebe der Utopiezustand eintritt? Wir haben mit ihm über seine Kämpfe, über Vorurteile, die ihm in Deutschland begegnen und über Musik, die ihn zum Weinen bringt, gesprochen.

Noisey: Wie wichtig ist dir Fußball?
Chefket: Ich habe selber zehn Jahre gespielt, als ich jünger war. Dann habe ich aber mit Skaten begonnen und Fußball wurde uninteressanter.

Wie fühlt es sich für dich als Musiker jetzt an, permanent auf den Fußballer Mesut Özil und die dazugehörige Rassismus-Debatte angesprochen zu werden, anstatt auf deine Musik?
Es ist faszinierend, dass davon ausgegangen wird, dass ich dazu eine Meinung habe. Jemand macht etwas und plötzlich sollen alle Menschen mit denselben Wurzeln etwas dazu zu sagen haben. Das ist einerseits verständlich, weil die Reaktionen nach dem Statement von Özil so heftig waren und von einer vermeintlichen Spaltung der Gesellschaft gesprochen wurde. Ich habe in Kreuzberg aber zum Glück trotzdem keine Türken gesehen, die plötzlich Deutsche nicht mehr mochten oder andersrum.

Was macht es mit dir, wenn von dir aufgrund deiner türkischen Wurzeln zu Debatten um Mesut Özil oder Erdogan eine Meinung eingefordert wird?
Ich will nicht der Kulturinformant sein, nur weil jemand zu faul ist, sich Wissen anzulesen. Es gibt aber auch Freunde, die interessiert fragen. Denen versuche ich, eine Antwort zu geben, sage, dass ich mit dem konkreten Fall nichts zu tun habe, versuche aber trotzdem, ihnen das zu erklären. Vielleicht haben sie so einen anderen Zugang zum Thema gefunden. Ich verweigere also nicht generell die Aussage, muss aber auch nicht permanent Position beziehen oder jemanden verteidigen. Ich finde, wir sollten nicht übereinander reden, sondern miteinander. Geht raus, quatscht jemanden an, geht reisen, esst mal was, was ihr noch nie gegessen habt. Das führt auch zu gegenseitigem Verständnis.

Du als Künstler setzt den Hörern erst mal Musik vor. Ist das trotzdem auch "miteinander reden"?
Bevor ich nicht ausgesprochen habe, ist das schwierig. Mein Vorteil ist, dass ich nicht unterbrochen werden kann. Ich kann auf der Bühne stehen, vor 10.000 Leuten etwas sagen, vielleicht hören 9.000 Leute zu und danach könnten wir darüber diskutieren. Erst mal ist es aber ein Monolog.

Hast du mit Musik begonnen, weil du so auch mal ausreden konntest?
Tatsächlich war es sogar ein Hauptgrund dafür, mit dem Texteschreiben anzufangen. Ich brauchte Raum, um mich mitzuteilen. In der Schule war ich der einzige Deutsche mit türkischen Eltern. Ich wurde dann ständig gefragt, warum meine "Landsleute" so oder so drauf seien.

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Was wurdest du denn konkret gefragt?
Ich wurde gefragt, warum meine Landsleute so aggressiv sind und ähnlich polemische Sachen. Das hat schon in der fünften oder sechsten Klasse angefangen. Ich wusste nie, was ich dazu sagen soll. Auch dann nicht, wenn mich Lehrer als Türkeispezialisten bezeichnet haben. Irgendwann habe ich mir ganz viel zum Thema angelesen, um überhaupt antworten zu können. Ich kenne die Türkei ja nur von Urlauben. Mit 16 habe ich dann einen Song namens "Döner" geschrieben. Darin gab es folgende Line: "Wir klauen nicht euer Land / Wir machen es nur schöner / Das Einzige, was ihr von Türken kennt – ist Döner".

Damals habe ich gemerkt, wie groß die Macht der Worte ist und dass ich in Texten über alles reden kann, ohne unterbrochen zu werden. Aber nach der Identitaeter EP [ erschien 2013, Anm. d. Red.] wollte ich gar nicht mehr über Identität und meine Wurzeln sprechen. Auf dem letzten Album kam das Thema nur noch in einem Song vor. Wenn jemand Türke sagt, dann sehe ich vor allem diejenigen aus der Türkei. Ich sehe mich als Deutschen, der gut Türkisch kann und wollte mich nicht permanent damit auseinandersetzen.

Auf deinem neuen Album gibt es mit "Gel Keyfim Gel" sogar einen Track mit türkischer Hook. "Fremd" behandelt außerdem dein Fremdheitsgefühl in Deutschland. Woher kam deine Motivation dazu, dich doch wieder mit Identität und der Muttersprache auseinanderzusetzen?
Ich habe gemerkt, dass sehr viele türkische Slangworte im HipHop oder über Twitter von Leuten verwendet werden, die gar nicht Türkisch sprechen. Oft sind die Wörter negativ behaftet, sind Schimpfwörter oder haben was mit Drogen oder Kriminellen zu tun. Ich fand es schade, dass positive Parolen wie "Gel Keyfim Gel" niemand kennt. Wenn du #gelkeyfimgel bei Instagram eingibst, siehst du Leute, die das Leben genießen oder süße Katzen. Für mich erschöpft sich die deutsche Sprache manchmal auch einfach, vieles wurde schon gesagt. Deswegen nutze ich gerne türkische Wörter.


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Deutsche nutzen arabische oder türkische Wörter wie "haram" oder "cüs" als coolen Slang. Aber wenn Muttersprachler die Wörter im Alltag nutzen, werden sie teilweise als asozial oder als Indikator für mangelnde Deutschkenntnisse wahrgenommen. Was hältst du davon?
Im Bezug auf kulturelle Aneignung ist das ähnlich wie wenn jemand Indianerfedern trägt und nicht weiß, was das bedeutet. Wenn man mit Leuten aus der Kultur zu tun hat und sich auskennt, dann ist es was anderes, als wenn man sich einfach ein Wort herauspickt und es nutzt. Ich finde es witzig, dass Türkisch in die Jugendsprache einfließt, aber diejenigen, die es nutzten, sollten schon wissen, was es bedeutet. Ich glaube, oft ist das nicht der Fall. Ich sehe die Gefahr bei allen, die denken: "Ich nehme mir alles Coole von den Kanaks, stehe da aber drüber und die Leute, von denen es kommt, interessieren mich nicht." Ich finde es auch problematisch, wenn Wörter wie "Amina Koyim" übernommen werden. In der Türkei könntest du das gar nicht sagen. Es ist auch total unhöflich, wenn du auf dem Markt einkaufst, den Preis genannt bekommst und "cüs" sagst. Man muss mit solchen Wörtern vorsichtig sein, sonst bekommt man aufs Maul.

Auf dem Album sprichst du nicht nur über Fremdheitsgefühle in Deutschland. Auf "Strobo", sprichst du den Koks-Konsum in der deutschen Rapszene an und kritisierst Playback-Rapshows. Fühlst du dich fremd in der Szene?
Ich habe ja schon immer was anderes gemacht und bin nicht den Trends gefolgt. Als ich 2009 "Einerseits Andererseits" aufgenommen habe, waren Aggro Berlin noch relevant. Damals haben mich Leute gefragt, ob ich meine Musik nicht selbst ein bisschen schwul finden würde. Diese Frage kam relativ oft, weil ich nicht gebrüllt habe, nicht aggressiv war, aber dafür angeblich zu weich war. So habe ich mich immerhin von den anderen abgehoben. Ich fühle mich in dem bestätigt, was ich damals gemacht habe, denn jetzt singen alle. Die neuen musikalischen Trends spielen mir in die Karten.

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Du hast dich dem Zeitgeist also angenähert, beziehungsweise hat er sich dir angenähert.
Ich bin ja ein riesiger Musikfan und es wäre komisch, den aktuellen Kram zu ignorieren. Sicher werde ich davon auch beeinflusst. Aber was den Inhalt angeht, bin ich immer auf meiner Linie gewesen. Ich will, dass alle Alben irgendwann zusammenhängen.

Du hast A Tribe Called Quest mal als einen deiner ersten Berührungspunkte mit HipHop bezeichnet. Deine ersten Releases klingen noch sehr danach. Letztes Jahr erschien "Chefbaus" mit Samy Deluxe – da experimentiert ihr mit Autotune und Trap-Sounds. Auch Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) hat jetzt einen sehr modernen Sound. Ist das ein Bruch mit alten Einflüssen?
Ich finde es lustig, dass die Alben so wahrgenommen werden. Das ist alles Musik und die Musik ist Mittel zum Zweck für meine Texte. Wenn ich mit Samy im Studio sitze und wir Lust auf eine Trap-EP haben, dann machen wir die. Wenn ich Lust auf ein Reggae-Album habe, dann mache ich das. Das hat nichts mit einer generellen Entwicklung meiner Musik zu tun.

Aber mit einer Phase?
Nein, das auch nicht. Die Releases hängen ja alle zusammen. Ich schreibe jetzt gerade an meinem kommenden Mixtape Schlechter Tag. Darauf sind auch wieder BoomBap-Beats, nur etwas trauriger, etwas französischer. Das passiert aber alles gleichzeitig: Produktionen mit Farhot, BenDMA, The Krauts oder eigene Beats. Die Genre-Einflüsse überschneiden sich. Aber bei einem Album ist es vergleichbar mit einer Ausstellung, die in eine bestimmte Richtung geht. Zusammenpassende Arbeiten werden einem Titel untergeordnet. Bei mir heißt die Ausstellung dann eben "Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)". Aber ich durchlebe keine Phase, in der ich nur Boombap produziere oder nur Soul.

Trotzdem noch mal die Frage: Fühlst du dich wohl in der Szene?
Es gibt ein paar Leute, mit denen ich auf einer Welle bin: Max Herre oder Samy Deluxe zum Beispiel. Ich glaube, wir erwecken auf eine andere Art als andere Künstler Gefühle bei den Leuten. Ich habe bei Festivals gesehen, wie krass alle bei SXTN abgehen, wie permanent Leute ohnmächtig wurden. Das ist verrückt. Aktuell bauen viele Rapper ihre Shows als Riesenparty auf. Es ist gut, dass es so was gibt. Aber es gibt auch Musik, bei der alle dastehen und Tränen in den Augen haben. Es ist krass, wenn du dazu in der Lage bist, Leute mit deiner Musik zum Weinen zu bringst. Da will ich eher hin. Ich mag es, wenn Shows sich entwickeln und immer krasser werden. Aber ich habe keinen Respekt vor Playback-Rappern, die denken, sie wären die krassesten Rapper. Die Attitude geht dann nicht mit dem einher, was die wirklich können.

Zu welcher Musik musstest du denn das letzte Mal weinen?
Zu einem Song aus dem Soundtrack des Films Startup. Mir fällt der Name aber gerade nicht ein. Beim Hurricane Festival habe ich letztens einen Text gerappt, nur begleitet vom Piano. Plötzlich kamen die neun Jahre hoch, in denen ich den Song schon gespielt habe und ich musste weinen. Meine Stimme ist dann weggebrochen. Ich habe im Nachhinein die Aufnahmen davon gesehen und man hat es nicht gescheckt. Es klang, als hätte ich was im Hals. [ lacht]

Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes) erscheint am 17. August. Ihr könnt es euch hier vorbestellen.

Johann ist auch auf Twitter: @monodefekt

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