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Stanic – Die Kolumne

So hat mein Vater es geschafft, mich zur Feministin zu erziehen

Dabei ist das Wort nie gefallen.

von Alexandra Stanic
27 September 2019, 9:00am

Foto: bereitgestellt || Bearbeitung: VICE

Feministin, Gastarbeitertochter und VICE-Kolumnistin: Alexandra Stanić schreibt wöchentlich darüber, wie sie Politik, Rassismus und Sexismus erlebt.

Als ich meinen Vater vor ein paar Monaten fragte, wie es sich für ihn anfühlt, in Rente zu sein, füllten sich seine Augen mit Tränen. Mein Vater hat sein ganzes Leben schwere körperliche Arbeit verrichtet. Jetzt ist er 68. "Ich glaube, ich habe genug geleistet", antwortete er. "Ich will mich jetzt ausruhen."

Schon immer hat mein Vater mir ein völlig anderes Männerbild vermittelt, als es etwa Filme und Serien getan haben: Mein Vater schämt sich nicht für seine Tränen. Er kann Schwäche zeigen. Ich weiß, dass es gerade ihm als Gastarbeiter nicht leicht fällt, nicht mehr zu arbeiten. Wie denn auch? Er hat sich ein Leben lang über seine Leistung definiert. Österreich wollte in den 70er Jahren Arbeitskräfte, gekommen sind Menschen. Mein Vater war einer von ihnen: Er stammt aus armen Verhältnissen, musste seine Familie früh finanziell unterstützen. Im Winter teilte er sich mit seinen Geschwistern ein Bett und sie kuschelten sich aneinander, damit sie nicht froren. Auch in Österreich hat er in der ersten Zeit mit anderen Gastarbeitern auf engstem Raum zusammengelebt.

Ich habe durch meinen Vater auch selbst gelernt, Schwäche zu zeigen – und ich habe verstanden, wie viel Stärke es dafür braucht. Aber nicht nur das: Mein Vater hat mich zusammen mit meiner Mutter zur Feministin erzogen, ohne dass das Wort Feminismus in unserem Haushalt je gefallen ist.

Als in der Unterstufe ein neues Mädchen zu uns in die Klasse gekommen ist und von Mitschülern aufgrund ihrer mangelnden Deutschkenntnisse gemobbt wurde, hat mich mein Vater dazu ermuntert, für sie einzustehen. Ich habe von Kleinauf gelernt, was es heißt, solidarisch zu sein – das habe ich meinem Vater zu verdanken.

Mein Vater ist kein Patriarch

Ich hatte als Kind nicht nur eine tolle Mutter, mit der ich mich identifizieren konnte; auch mein Vater war emotional erreichbar. Das hat mir viel mitgegeben: Ich kann kommunizieren, wie ich mich fühle. Mein Vater verbarrikadiert sich nicht in einem emotionalen Panzer. Er rastet bei Fußballspielen nicht aus. Er kümmert sich um den Haushalt. Wichtige Entscheidungen trifft er nicht alleine, sondern zusammen mit meiner Mutter. Er ist kein Patriarch, anders als viele meiner Freundinnen habe ich mich nie davor gefürchtet, meinem Vater zu widersprechen.

Jedes Mal, wenn er mir auf Facebook schreibt, wie es mir geht, was ich mache, schreibt er mir auch, dass er mich liebt. Er merkt sofort, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Ich weiß nicht, wie viele Male ich vor ihm in Tränen ausgebrochen bin, weil er die richtigen Fragen gestellt hat. Er ist der Grund für mein gesundes Verhältnis zu Gefühlen und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Mein Vater ist eine Ausnahme, vielleicht sogar ein Gegengewicht zu der männerdominierten Welt, in der wir leben. Er hat mich nie angebrüllt, er hat mich nie geschlagen, er hat seine Emotionen nie tobend zum Ausdruck gebracht. Über Gefühle zu sprechen, das fällt den meisten Männern schwer und das obwohl Expertinnen (generisches Femininum, ihr wisst Bescheid) vor den Folgen warnen.

Wenn mein Vater lacht, vergesse ich all den Kummer dieser Welt für kurze Zeit; heute wie damals. Papas Haar ist ergraut, sein Lachen ist geblieben. Er nimmt das Leben nicht sonderlich ernst, obwohl es oft hart und ungerecht zu ihm war, spricht er von sich selbst immer als Glückspilz. Es fällt mir schwer, ihn altern zu sehen. Wo ist sein pechschwarzes Haar hin?

Meine politischen Werte habe ich meinem Vater zu verdanken

Politik interessiert mich nur deswegen, weil er mein Interesse schon in jungen Jahren geweckt hat. Als ich als Kind zum ersten Mal von der FPÖ gehört habe, dachte ich, das sei eine gute Partei, weil sie sich für die "Freiheit" von Menschen einsetzt. Mein Vater hat sich daraufhin mit mir zusammengesetzt und mir erklärt, welche Werte die FPÖ hat. Durch ihn habe ich verstanden, wie wichtig es ist, gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, Engagement zu zeigen und über den eigenen Tellerrand zu blicken. Noch bevor ich wahlberechtigt war, hat er mich bei jeder vorstehenden Wahl daran erinnert, wie wichtig es ist, sein Wahlrecht zu nutzen. Er hat mich politisiert.

Dabei hatte er nie die Möglichkeit, sich in dem Ausmaß weiterzubilden, in dem er es sich gewünscht hätte. Trotzdem zählt er mit Abstand zu den intelligentesten Menschen, die ich kenne. Ein belesener Gastarbeiter, der sowohl Marx als auch Mandela zitiert und mehrere Bücher nebeneinander liest. Manchmal liest er sie nicht zu Ende, weil er nicht möchte, dass das Buch aufhört. Mir wird dann schlagartig bewusst, wie viel von ihm in mir steckt: Auch ich zögere das Ende eines guten Buchs möglichst lange hinaus. Er hat mir beigebracht, dass ich die Antworten zu all meinen Fragen in Büchern finden kann und dass ich groß träumen soll.

"Alles, was Burschen können, kannst du auch"

Er war es, der mir gezeigt hat, wie ich die Holzhütte selber baue, nachdem mich die Nachbarsjungen ausgeschlossen hatten. "Alles, was Burschen können, kannst du auch", hat er mir damals mit auf den Weg gegeben. Er hat mich dazu ermuntert, mutig zu sein. Wenn ich auf einen Baum klettern wollte, hat er nicht gesagt, dass das nichts für Mädchen wäre. Er hat mich angespornt, nach dem höheren Ast zu greifen. Als ich mit ihm für den Führerschein geübt habe, hat er mir kein einziges Mal das Gefühl gegeben, ich könne als Frau schlechter Autofahren als Männer. Und er war es, der mir vorschlug, Journalistin zu werden.

Er war es auch, der mir klar gemacht hat, dass ich als Frau mit Migrationshintergrund mehr leisten muss, um erfolgreich zu sein. Dass Geld nicht alles ist, aber Geld Türen öffnet, die vielen Menschen aus armen Verhältnissen verwehrt bleiben. Ich bin, anders als viele Rechte behaupten, keine Männerhasserin. Aber ich weiß, dass man für eine gleichberechtigte Gesellschaft Missstände als solche erkennen muss. Wer Veränderung will, muss dahin gehen, wo es weh tut. Dabei ist es auch OK, von Zeit zu Zeit an diesen Missständen zu verzweifeln. Das weiß ich dank meinem Vater.

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