Anzeige
Tech

Der 8chan-Gründer will seine Hetzseite löschen lassen – aber das ist fast unmöglich

Keine 30 Minuten vor der Tat hatte der mutmaßliche Attentäter von El Paso ein "Manifest" auf der Plattform veröffentlicht.

von Theresa Locker
05 August 2019, 2:14pm

Bild: 8chan-Logo: Wikipedia
Macbook: imago images / Ulrich Roth | Montage: Vice 

Passiert etwas Schreckliches, hängt wahrscheinlich das Forum 8chan mit drin. So auch am Samstag: Keine dreißig Minuten, bevor der mutmaßliche Attentäter von El Paso zwanzig Menschen in einem Einkaufszentrum tötete, hat er ein hasserfülltes "Manifest" auf der Plattform 8chan veröffentlicht – und dort viel Applaus für seine abgründigen Gedanken bekommen.

Auch der Attentäter von Christchurch sowie der Synagogen-Schütze von Poway hatten 8chan in diesem Jahr genutzt, um Rechtfertigungen für ihre Verbrechen zu verbreiten. Nun fordert der Gründer der Seite selbst, 8chan abzuschalten – doch dass sein Vorstoß Erfolg haben wird, ist unwahrscheinlich.

"Schaltet die Seite ab!"

Dass 8chan zu den toxischsten und finstersten Ecken des Internets gehört, wurde schon 2014 deutlich. Damals gewann die Seite massiv an Zulauf, denn das ähnlich unregulierte Forum 4chan fing plötzlich an, seine User doch zu regulieren. Admins begannen, Morddrohungen und Beleidigungen im Zuge einer antifeministischen Hasskampagne gegen eine Programmiererin zu löschen – ein Phänomen, das als "Gamergate" bekannt wurde.

8chan wurde 2013 von Fredrick Brennan als eine Art 4chan auf Koks gegründet – mit dem Ziel, ein Hafen für unbegrenzte freie Meinungsäußerung zu sein. Heute ist 8chan tatsächlich ein Forum fast ohne Moderation. Es gibt keine Nutzerkonten und kaum Regeln. Alle Posts sind anonym. In den größtenteils unregulierten Threads werden Massaker glorifiziert, Opferzahlen werden zynisch als "high score" bezeichnet, die Täter als Helden verehrt. Die Grenzen zwischen um Aufmerksamkeit buhlenden Internet-Trollen und überzeugten Faschisten verschwimmen komplett.

Vor einem Jahr hat Brennan den Betrieb des Projekts an den US-Unternehmer Jim Watkins abgegeben, der das Board aus den Philippinen betreibt. Nach dem El Paso-Attentat forderte Brennan am Wochenende in einem Interview mit der New York Times sogar selbst: "Schaltet die Seite ab!" Doch das Monster, das er schuf, weil ihm der Board-Vorgänger 4chan zu harmlos und langweilig erschien, wird er nun nicht mehr los.

Denn der neue Betreiber Jim Watkins hat eine eindeutig laxe Einstellung gegenüber Nazis: "Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Weiße Rassisten hier ihre Meinung äußern", sagte er 2016 dem Online-Magazin Fusion.

Technologieunternehmen versuchen, die Seite zu stoppen – mit mäßigem Erfolg

Immerhin: Das El Paso-Attentat war Grund genug für einen der wichtigsten Unterstützer 8chans, der Seite endgültig ihren Dienst zu verweigern. Heute zog Matthew Prince, der CEO des Anonymisierungsdienstes Cloudflare, einen Schlussstrich: In einem Blogpost begründet Prince seine Entscheidung, den Vertrag zu beenden, der das Forum vor Hacking-Attacken schützt und online hält. "8chan hat sich immer wieder als Jauchegrube des Hasses bewiesen", schreibt Matthew Prince. "Die Entscheidung fällt uns nicht leicht, aber wir ziehen eine Grenze bei Plattformen, die erwiesenermaßen Tragödien inspirieren und als gesetzlos angelegt sind."

Nur wenige Minuten, nachdem der Sicherheitsdienstleister Cloudflare angekündigt hatte, seinen Support einzustellen, war das Board tatsächlich nicht mehr erreichbar. Aber dabei blieb es nicht lange.

Der Fall zeigt, welche umstrittene Rolle Anonymitäts-Dienstleister wie Cloudflare im Internet erfüllen. Von einem solchen Schutz, der Seiten vor Hacking-Attacken schützt, profitieren aktuell auch Online-Drogenshops, IS-Propagandaseiten und Schwarzmärkte für gestohlene Kreditkartendaten. In der Vergangenheit jedoch stellte Cloudflare seine Dienste für Extremisten auf öffentlichen Druck ein, zuletzt für das US-Nazimagazin Daily Stormer.

Bei der rechtsextremen Online-Zeitung Daily Stormer hatte die Entscheidung von Cloudflare aber nur einen kurzfristigen Effekt. Denn als Cloudflare sich abwandte, bot sich sofort ein Konkurrent als Sicherheitsdienstleister an.

Wie die Recherche-Website ProPublica berichtet, sprang das Startup Bitmitigate gerne für das Nazimagazin ein. "Ich finde, Leute sollten das Recht bekommen, ihre Idee auszudrücken", beschrieb der Bitmitigate-CEO seine Motivation zur Unterstützung einer Naziseite gegenüber ProPublica, "und ich will außerdem meinen Service bekannt machen".

Der Daily Stormer ist nach wie vor online – und verbreitet ungezügelten Hass, Verschwörungstheorien und antisemitisches Gedankengut.

Und auch 8chan kündigte heute nach ein paar Offline-Stunden an, ab sofort zu Bitmitigate zu wechseln. "Es wird noch ein paar Minuten lang Ausfälle geben, während wir umziehen", schreibt der 8chan-Admin auf Twitter. Bitmitigate brüstet sich damit, "Ermittlungen den Experten zu überlassen und unseren Service nicht einzustellen, bis ein Gericht uns in letzter Instanz dazu zwingt." Drei Tage nach dem El Paso-Attentat und wenige Stunden nach der Auflösung des DDoS-Schutzes ist 8chan wieder komplett erreichbar.

Der Cloudflare-CEO hatte diese Entwicklung sogar vorausgesehen. "Hiermit haben wir unser Problem gelöst", heißt es in seinem Blogpost, "aber nicht das des Internets."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.