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Drogen

"Ich kaufe Drogen von den Armen in Rio und liefere sie an die Reichen"

Ein Drogenkurier erzählt von seinem Alltag in einer der gefährlichsten Metropolen der Welt.

von Niko Vorobyov
27 Oktober 2019, 4:45am

Illustration: Koji Yamamoto

Der 28-jährige Rodrigo ist ein "Flugzeug". So nennt man in Rio de Janeiro die Leute, die in den Favelas Kokain und Marihuana kaufen und dann an die Kunden aus der Mittelschicht ausliefern. Abseits der Traumstrände und der Christus-Statue herrscht in den Slums von Rio ein ständiger Krieg zwischen den Drogengangs, der Polizei und skrupellosen Milizen. Rodrigo, der hier seinen richtigen Namen aus offensichtlichen Gründen nicht lesen will, arbeitet für eine Gang namens Comando Vermelho und erzählt uns von seinem Alltag als Drogenkurier.

VICE: Hey Rodrigo, was genau verkaufst du?
Rodrigo: Ich verkaufe gar nichts, ich liefere nur. Ich bin ein Flugzeug. Das bedeutet: Du triffst dich mit mir oder rufst mich an, gibst mir die Kohle, und dann hole ich das Zeug aus den Favelas.

Ich kann Koks für 30, 40 oder 50 Real [zwischen 7 und 11 Euro] das Tütchen besorgen. Auch Marihuana, Crack und Ecstasy sind kein Problem. Das Weed hier in Brasilien ist aber scheiße. Meistens kommt es aus Paraguay. Freunde bekommen bei mir einen Sonderpreis, Fremde zahlen mehr. Pro Deal mache ich um die 10 bis 15 Real [zwischen 2 und 5 Euro] Kommission.


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Wie lange lieferst du schon Drogen und wie bist du dazu gekommen?
Der Drogenhandel gehört in den Favelas quasi zum Alltag. Und ich wurde da hineingeboren, mein Opa, mein Onkel und meine Mutter haben alle Drogen verkauft. Meine Mutter hat drei Menschen erschossen und musste ins Gefängnis. Sie kennt Fernandinho Beira-Mar, den Kopf der Comando Vermelho. Früher habe ich aber nie was angerührt. Erst mit 22 fragten mich meine Freunde aus Tijuca, einem typischen Mittelschicht-Viertel in Rio, ob ich ihnen was besorgen kann. Sie würden mich auch bezahlen.

Viele Leute haben Angst, dass sie in den Favelas ausgeraubt werden. Manchmal passiert das auch. Dann gibt es aber noch ein anderes Problem: Wenn ein Weißer Typ aus der Mittelschicht aus den Favelas kommt und da offensichtlich nicht hingehört, dann weiß die Polizei direkt Bescheid: Der hat Drogen gekauft. Deshalb werde ich für meine Lieferungen so gut bezahlt.

In den Favelas gibt es viele soziale Probleme. Arme Schwarze wie ich sind da fast schon gezwungen, solche Jobs zu machen. Ich habe das Ganze nie als kriminell angesehen.

Wie muss man sich die Favelas vorstellen?
Ich lebe hier gerne. Jeder kennt jeden, jeder respektiert jeden, selbst die Kriminellen. Man darf halt bloß keinen Ärger machen: Wer die Regeln bricht, wird bestraft. Man darf hier ohne Erlaubnis zum Beispiel niemanden beklauen oder erschießen. Als Strafe bekommt man dann manchmal eine Kugel durch die Hand oder den Fuß.

Mein Freund Antonio arbeitet für die gleiche Gang, aber an einem anderen Ort. Das ist wie ein Franchise-Unternehmen: In einer Gegend gibt es drei oder vier Quellen, die zwar für die gleiche Gang arbeiten, aber dennoch Konkurrenten sind.

"Manche Kunden kotzen mich wirklich an. Die reden mit mir, als sei ich nichts wert."

Was machst du, wenn du nicht als Flugzeug unterwegs bist?
Dann putze ich die Schuhe der reichen Weißen in Copacabana.

Wie denkst du über die Reichen, die in ihren Villen sitzen, während du Kopf und Kragen riskierst, damit sie ihre Drogen bekommen?
Ich habe viele verschiedene Kunden. Manche kotzen mich wirklich an. Die reden mit mir, als sei ich nichts wert. Und für die ist Geld das Wichtigste auf der Welt. Bei denen will ich manchmal einfach nur alles kaputt schlagen! Andere Kunden sind aber richtig gute Freunde geworden. Zum Beispiel der 70-Jährige, der in seinem ganzen Leben noch kein einziges Bier getrunken hat, aber immer mit mir kifft.

Hattest du schon mal Ärger mit der Polizei?
Einmal wurden ein Kunde und ich angehalten, da mussten wir so tun, als seien wir ein schwules Pärchen. Und ja, ich musste schon oft mit auf die Wache. Passiert ist mir da nie was. Hier in Rio musst du die Beamten nur fragen, wie viel Geld sie wollen. Eigentlich kommt das immer darauf an, wie viele Drogen du bei dir hast – bei nur einem Beutel reichen oft 300 bis 500 Real [zwischen 65 und 110 Euro]. Inzwischen behandeln mich die Polizisten schon richtig freundlich. Ich wurde sogar schon gefragt, ob ich was für sie besorgen kann!

Unser neuer Präsident Jair Bolsonaro und sein Freund Wilson Witzel, der aktuelle Gouverneur des Bundesstaats Rio de Janeiro, haben jedoch einen Krieg gegen die Drogen gestartet. Jetzt schießt die Polizei von Helikoptern aus auf Verdächtige. Dabei sitzen die wahren Verbrecher in Ipanema oder Leblon, den reichen Strandvierteln.

"Wenn dir dein Leben lieb ist, hältst du dich aus Vierteln fern, in denen andere Gangs das Sagen haben."

Und wie sieht es mit rivalisierenden Gangs aus?
Es gibt gewisse Gegenden, in die ich lieber nicht gehe. In Rio gibt es zwei große Kartelle: Comando Vermelho und Terceiro Comando. Die Milizen machen noch zusätzliche Probleme. Wenn dir dein Leben lieb ist, hältst du dich aus Vierteln fern, in denen andere Gangs das Sagen haben.

Wie lange willst du diesen Job noch machen?
Meine Frau ist jetzt im sechsten Monat schwanger. Eigentlich will ich nur einen sicheren Job, damit ich für meine Frau und meinen Sohn sorgen kann.

Einmal habe ich auf der Polizeiwache einen Beamten getroffen, der mich schon kannte. Er fragte mich: "Warum machst du nicht was anderes mit deinem Leben? Hast du irgendein Talent?" Ich erzählte ihm, dass ich gerne zeichne, zum Beispiel Menschen und Landschaften. Da holte er mir Stift und Papier und sagte, dass ich ihm was zeichnen soll. Als ich fertig war, schaute er sich mein Bild an und meinte: "Das ist ganz gut. Und du hast noch Zeit, du kannst noch viel üben."

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