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Eine Alternative zu Google Maps zeigt, wo Leute gelitten und geliebt haben

Bei 'Queering the Map' kannst auch du Erinnerungen eintragen, die dein Leben verändert haben – egal ob in Berlin oder Augsburg.

von Sarah Burke
17 April 2018, 6:30am

Screenshot: queeringthemap.com || Foto: imago | Westend61

In einer alternativen Version von Google Maps, sieht die Welt nicht nur anders aus – mit pinken statt grauen Gebäudekästchen. Sie eröffnet auch komplett neue Horizonte: Statt orangefarbenen Pfeilen, die auf Geschäfte verweisen, zeigen schwarze Pins die einzigartigen und besonderen Erfahrungen, die Teile der LGBTQ-Community an diesen Orten gemacht haben.

Vor etwas mehr als einem Jahr startete Lucas LaRochelle das Online-Kunstprojekt Queering the Map. LaRochelles Arbeit dreht sich um die Themen "Queer-Theorie, queere Körper und Technologie sowie Raum und Architektur". Die Idee zu dem Projekt entstand auf dem Heimweg, beim Anblick eines vertrauten Baums. Dort hatte nicht nur LaRochelles erste feste Beziehung begonnen, der Baum wurde auch Zeuge schwieriger Beziehungsgespräche. Im Vorbeiradeln kamen nicht nur Gefühle zu den Erinnerungen hoch, sondern auch Gedanken darüber, wie die Erinnerungen LaRochelles Identität geformt hatten. LaRochelle wurde klar, dass der Baum eine Art emotionaler Wegweiser war. Er markierte einen Abschnitt in der Entwicklung von LaRochelles Queerness, somit war er ein "queer space" geworden.

LaRochelle wollte herausfinden, ob andere Menschen ebenfalls Erinnerungen und Gefühle zu Orten in sich tragen, die ihre Identität entscheidend mitgeformt hatten. "Ich wollte wissen, wie andere Leute Queerness erleben", sagt LaRochelle. "Meine Queerness wurzelt in meiner Identität und meiner sozialen Stellung, das wollte ich erweitern."

Mit Hilfe eines Technikers der Concordia University in Montreal, verwandelte LaRochelle eine digitale Weltkarte in einen interaktiven Atlas queerer Erfahrungen. Um ihn mitzuformen, musst du nur einen Ort wählen, einen Marker setzen und kurz beschreiben, was für ein Erlebnis du an dem Ort hattest. Die Marker auf der Karte zeigen, wo Beziehungen ihren Anfang nahmen, wo Menschen einander verpasst haben, oder Orte, an denen jemandem die eigene Identität klarwurde. Auch die ehemaligen Adressen von Aktivistengruppen sind verzeichnet – oft haben steigende Mietpreise sie aus den Innenstädten vertrieben.


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Eine Zeit lang hatte die Karte LaRochelle zufolge nur um die 600 Marker, doch vergangenen Februar ging das Projekt viral, inzwischen sind es mehr als 6.500. Nicht alle davon sind positiv: Homophobe Trolle posteten Beleidigungen und Pro-Trump-Einträge, weswegen LaRochelle die Karte vorübergehend offline nahm. Daraufhin meldeten sich Freiwillige, die anboten, ein Moderatoren-Team zu bilden und unliebsame Einträge zu löschen. Neben offensichtlichen Troll-Beiträgen zahlen dazu Erinnerungen, in denen vollständige Namen vorkommen. Die Weltkarte konnte wieder online gehen.

Das Projekt setzt ehemaligen LGBTQ-Versammlungsorten ein Denkmal, erinnert aber auch daran, dass Queerness nicht nur an Orte geknüpft ist, über denen eine Regenbogenflagge hängt. "Ich habe mich in den Ort verliebt, den wir gemeinsam besucht haben, und in dich. Ich hoffe, ich bin bald mutig genug, es dir zu sagen", steht neben dem Kapellenplatz in Rothenburg ob der Tauber. Über ein Wohnhaus in der Weserstraße in Berlin-Neukölln schrieb jemand: "Habe zum ersten Mal mein eigenes Make-up gemacht." LaRochelle ist es wichtig, dass alle Einträge vollkommen anonym bleiben. Deswegen lädt die Karte beim Neustart immer in Montreal, anstatt die Koordinaten der Person abzugreifen, die die Seite nutzt. Wer seine Stadt finden möchte, muss rauszoomen, die Weltkarte verschieben und anschließend wieder reinzoomen.

Die meisten Einträge gibt es in Großstädten wie Berlin oder Frankfurt, aber auch in kleinen Orten wie dem oberfränkischen Speichersdorf finden sich Pins | Screenshot: queeringthemap.com

Ich scrolle mich durch mein altes Viertel. Am Ende eines Blocks, wo ich mal gewohnt habe, ist ein Marker. An einer Kreuzung zwischen einem leerstehenden Grundstück, einem bewachten Wohngebäude und einigen heruntergekommenen Reihenhäusern, steht die Botschaft: "Hier habe ich mich in dich verliebt. Deine Hände und dein Haar und dein Lächeln und das Funkeln in deinen Augen."

Ein paar Blocks weiter zeigt ein Marker vor einem unscheinbaren Lagerhaus die Location eines DIY-Queer-Raves, auf den ich früher ging. Dort steht: "Mit Abstand eine der denkwürdigsten Nächte meines Lebens. Wir haben uns nicht mal geküsst. Ich habe den Drink fallen lassen, den du mir gekauft hattest, und dann gingen wir ins Diner. Ich war so glücklich, an deiner Seite zu sein, mit dir zu tanzen. Ich weiß nicht, ob es von deiner Seite Liebe war oder jemals sein wird, aber von mir war es das und wird es für immer sein ..."
Ich denke an meine ehemaligen Nachbarn und die vielen Menschen, mit denen ich mir die Tanzfläche geteilt habe. Ich sehe vor mir, wie ihre ganz persönlichen Queer Maps überlappen und ein weit verzweigtes Netzwerk bilden, das Zeit und Raum umfasst.

"Ich finde das Projekt unter anderem deshalb so spannend, weil es um Beziehungen geht. Es dreht sich viel um Gemeinschaft, und Erfahrungen mit einer Person oder einer Gruppe von Menschen", sagt LaRochelle. "Die Karte soll wieder zu Kollektivität und Gemeinschaftlichkeit führen – dazu, dass wir uns um andere Menschen kümmern."

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