Menschen

Solltest du beim ersten Date sagen, dass du psychische Probleme hast?

Fünf Menschen erzählen, wann sie es ihren potenziellen Partnern sagen – und wie die meisten darauf reagieren.

von Gwen van der Zwan; illustriert von Titia Hoogendoorn
25 Dezember 2019, 4:15am

Illustration: Titia Hoogendoorn

Ich habe das Exploding Head Syndrom. Kurz vor dem Einschlafen oder Aufwachen höre ich kurze, laute Geräusche. Dazu erlebe ich seit Langem wiederkehrende Panikattacken. Es ist schwer für mich, mit jemandem darüber zu sprechen, auf den ich stehe. Als ich einmal bei einem Typen übernachtete, begann ich mitten in der Nacht plötzlich, wie am Spieß zu schreien. Spätestens wenn so etwas passiert, bist du dem anderen eine Erklärung schuldig.

Andere psychische Probleme wie Depressionen, Zwangsstörungen oder Borderline-Persönlichkeitsstörungen können noch viel größere Auswirkungen auf das Beziehungsleben haben. Aber wann ist der beste Zeitpunkt, deinem potenziellen Partner oder Partnerin etwas zu sagen? Direkt beim ersten Date? Oder wartest du besser, bis du gar nicht mehr anders kannst?

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Merel, 33, hat eine manisch-depressive Störung

Ich spreche in der Regel beim zweiten Date über meine Störung. Dann sage ich so etwas wie: "Es ist wirklich schön mit dir, aber es gibt da etwas, das du wissen solltest."

Ich akzeptiere mich, wie ich bin, und ich möchte, dass sich jemand in mich verliebt – und nicht in etwas, das ich zu sein vorgebe. Es ist wichtig, schon früh offen und ehrlich miteinander zu sein. Nur so weiß ich, ob jemand auch mit mir in meinen manischen und depressiven Phasen klarkommt. Trotzdem will ich nicht direkt beim ersten Date darüber sprechen. Ich mag es, wenn mich jemand unvoreingenommen wahrnimmt. Und bei einem One-Night-Stand spielt es einfach keine Rolle.

Einmal wurde ich für ein knappes Jahr in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Wenn ich davon erzähle, reagieren die Leute manchmal schockiert. Eine manisch-depressive Störung an sich heißt noch nicht viel, aber wenn ich von meinen suizidalen Phasen erzähle oder von meinem Leben in einer psychiatrischen Anstalt, sind Menschen oft schockiert. Wenn ich merke, dass jemand gar nicht darauf klarkommt, heißt das in der Regel, dass das nichts mit uns wird. Dann beende ich die Sache einfach selbst.

Sebastiaan, 34, hat eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung und wiederkehrende depressive Episoden

Du kannst viel über meine psychischen Probleme im Internet erfahren. Ich bin in Informationsvideos über Suizid zu sehen und gebe manchmal Interviews zum Thema psychische Gesundheit. Ich will dabei helfen, das Tabu zu brechen. Du musst nur meinen Namen googeln und schon weißt du, was bei mir los ist.

Eine Frau, mit der ich was hatte, hat es so erfahren. Sie war ziemlich schockiert, was ich zu einem gewissen Teil verstehe. Es ist schon ein ziemlicher Brocken. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, es sofort ansprechen zu müssen. Du wirst sonst schnell in eine Schublade gesteckt. Ich finde, du solltest es tun, wenn der richtige Augenblick für dich gekommen ist. Das kann beim fünften Date sein oder beim zehnten.

Mir ist wichtig, dass ich jemandem vertrauen kann, bevor ich mich selbst angreifbar mache. Auf keinen Fall würde ich es beim ersten Date ansprechen. Dann könnte niemand mehr die anderen Aspekte meiner Persönlichkeit sehen, meine Freundlichkeit und meinen Sinn für Humor.

Manuela, 27, hat Autismus, eine Zwangsstörung und eine Essstörung

Abgesehen vom Autismus und den Zwangs- und Essstörungen wurden bei mir noch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, Depressionen, eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Störung und eine Sozialphobie diagnostiziert. Manchmal sage ich spaßeshalber, dass ich das Komplettpaket bin.

Ich habe große Probleme mit Unvorhersehbarem. Mein Tagesablauf kann sich nicht einfach so ändern, sonst würde ich mich ausklinken. Ich habe Wiederholungsroutinen beim Essen. Bevor ich esse, muss ich bestimmte Sachen tun – und ich muss immer zur gleichen Zeit essen, während ein bestimmtes Fernsehprogramm läuft. Ich esse nicht in der Öffentlichkeit. Wenn ich mich nicht an diese Regeln halte, fühle ich mich furchtbar.

Ich spreche immer beim ersten Date über meine psychischen Probleme. Nur meine Essstörung behalte ich für mich. Ich habe das Gefühl, dass Essstörungen noch tabuisierter sind als Zwangsstörungen. Bei Zwangsstörungen denken Menschen an penibel sortierte Kleidung, was eigentlich ganz nett klingt. Aber eine Essstörung kann als große Einschränkung des gemeinsamen Soziallebens wahrgenommen werden. Deswegen warte ich in der Regel lieber, bis mich jemand zum Essen einladen will. Dann habe ich keine andere Wahl, als es anzusprechen.

Ich war in zwei langen Beziehungen. Die letzte ist gerade nach zweieinhalb Jahren zu Ende gegangen. Wir haben uns über die Dating-App Happn kennengelernt, bei der ich mich seitdem wieder angemeldet habe. Für mich sind Dating-Apps besser, als auszugehen. Ich bin schnell überreizt.

Ich habe Typen kennengelernt, die nichts von mir wollten, weil ich ihnen gesagt habe, dass es für mich schwierig ist, mich außerhalb des Hauses zu treffen. Ich fand das ziemlich unhöflich. Aber obwohl die Leute manchmal fies reagieren, spreche ich die Probleme direkt beim ersten Date an. Wenn die andere Person damit nicht umgehen kann, dann funktioniert die Sache auf lange Sicht auch nicht.

Brenda, 37, hat Autismus und eine Essstörung

Mein Freund und ich sind seit zwei Jahren zusammen. Wir haben uns auf einer Datingseite kennengelernt. Bei unserem ersten Date habe ich ihm von meinen psychischen Problemen erzählt. Wir waren beide auf der Suche nach einer festen Beziehung. Er hatte es meiner Meinung nach verdient zu wissen, mit wem er abhängt.

Wenn du mit jemandem zusammen bist, musst du deine Diagnose nicht explizit erwähnen. Aber du kannst ansprechen, wie dein Verhalten die andere Person im Alltag betrifft. So habe ich das auch gemacht. Ich habe ihm erklärt, dass ich ein paar Pausen brauche, wenn wir mehrere Sachen an einem Tag geplant haben – oder dass ich mich manchmal nachmittags etwas hinlege. Wenn ich das nicht tue, bin ich überreizt und werde unruhig, esse nicht vernünftig und werde vielleicht sauer oder genervt.

Ich habe keine Angst, über meine besonderen Bedürfnisse zu reden. Außerdem wäre es nicht besonders praktikabel, wenn er nichts davon wissen würde. Mein Freund kennt meine Probleme mit Essen und behält sie im Hinterkopf. Wenn ich zum Beispiel viel zu tun habe, höre ich zu essen auf. Er erinnert mich dann daran, es doch zu tun, was gut für uns beide ist.

Maartje, 24, hat eine Posttraumatische Belastungsstörung

Ich habe meine Belastungsstörung infolge multipler traumatischer Erfahrungen entwickelt, dazu gehört auch Missbrauch im Kindesalter. Das spielt in meinen Liebesbeziehungen eine große Rolle, da ich ein sexuelles Trauma erlebt habe und Bindungsprobleme habe.

Ich bin seit mehr als zwei Jahren mit meinem Freund zusammen. Ich habe ihn im Urlaub in Frankreich kennengelernt. Er wusste damals schon ungefähr, was mit mir los war – ich gehe recht offen damit um und er hatte ein paar Sachen von anderen Leuten mitbekommen. Ich habe außerdem viele Narben an meinem Körper, die ich mir selbst zugefügt habe. Die sind schwer zu verstecken.

Ich habe ein bisschen damit gewartet, ihm vom sexuellen Missbrauch zu erzählen. Darauf reagieren nämlich nicht alle so gut. Ich habe einmal einen Typen kennengelernt, der dann zu mir meinte: "Das heißt also, dass ich dich nicht nach Hause zu meiner Familie bringen kann."

Als ich meinen aktuellen Freund kennenlernte, hatte ich schon aufgehört, mich selbst zu verletzen, und mir ging es insgesamt viel besser. Das hat es leichter gemacht, obwohl ich große Angst vor Ablehnung hatte. Zum Glück hat mich mein Freund nicht verurteilt.

Für mich ist es wichtig, über psychische Probleme zu reden, wenn ich mit jemandem zusammen bin. Es ist einfach ein Teil von mir – das Gleiche gilt für meine Vergangenheit. Gleichzeitig ist es weniger wichtig geworden, darüber zu sprechen, weil es mir viel besser geht. Eine Zeit lang hatte ich dissoziative Episoden. Mein Körper wurde plötzlich schlaff und ich fiel auf den Boden. Allein aus praktischen Gründen mussten die Leute wissen, was mit mir los war, sonst hätten sie wahrscheinlich unnötig einen Krankenwagen gerufen.

Wenn ich mit jemandem zusammen bin, will ich wissen, ob es irgendetwas gibt, das ich berücksichtigen sollte. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich beim ersten Date eine detaillierte Auflistung aller Diagnosen erwarte. Ich denke, jeder sollte tun, was ihm oder ihr am besten passt. Wenn es relevant ist, redest du darüber. Aber fühl dich zu nichts genötigt. Du bist viel mehr als deine psychischen Probleme.

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