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Menschen haben uns ihr schreckliches erstes Tattoo erklärt

Darunter fanden sich Weisheiten wie: "Ich wollte ein Motiv, das mir für den Rest meines Lebens Freude bereitet. Also entschied ich mich für eine Vulva."

von Iris Hoekstra
16 Dezember 2017, 7:13am

Merlijn und sein Ziggy-Stardust-Tattoo | Foto: bereitgestellt von Merlijn

Man bekommt im Leben oft eine zweite Chance. Auf das erste Tattoo trifft das leider nicht zu. Du kannst dich lediglich herausreden – zu jung, zu viel Alkohol, keine Ahnung und so weiter. Zwar besteht die Möglichkeit, das Ganze entweder weglasern oder überstechen zu lassen, aber auch das kann in die Hose gehen. Im schlimmsten Fall bleibt dir die Erinnerung an deine unüberlegte Entscheidung ein Leben lang.

Damit ich verstehe, was Menschen zu solchen Entscheidungen treibt, haben mir Freunde und Kollegen ihre schreckliche erste Tätowierung erklärt – betrunkene Tätowierer, abgelaufene Tinte und schlecht gezeichnete Genitalien inklusive.

Merlijn, 19

Foto: bereitgestellt von Merlijn

VICE: Wie genau ist das mit deinem Nippel passiert?
Merlijn: Mein erstes Tattoo wurde durch David Bowie und meinen alten Spitznamen "Thunder Tits" inspiriert. Einige meiner Freunde spielten damals in einer Band und hatten einen Song über eine Superheldin, die Blitze aus ihren Brüsten schießen konnte. Während eines Auftritts schlüpfte ich mal in die Rolle dieser Superheldin und bekam so den Spitznamen verpasst.

Ein paar Monate später entschied ich mich dazu, David Bowies berühmten Donnerblitz auf meine Brust tätowieren zu lassen – mit meinem Nippel an der Stelle seines Auges. Ein Kollege erklärte sich bereit, mit einer geliehen Tattoo-Maschine ans Werk zu gehen. Im Gegenzug verlangte er nur zwei Sixpacks Bier und eine Flasche Wodka.


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Wie lief das Tätowieren ab?
Wir trafen uns bei dem Typen, dem die Tattoo-Maschine gehörte. Zuallererst stellten wir fest, dass die rote Tinte abgelaufen war. Deswegen verzögerte sich das Ganze um drei Stunden, weil der Kollege erstmal ans andere Ende der Stadt fahren musste, um neue Farbe zu besorgen. Ich wurde derweilen immer nervöser und versuchte, mich mit dem mitgebrachten Wodka zu beruhigen.

Als die Nadel endlich surrte, wurde mir schnell klar, dass mein gewünschtes Motiv an dieser Körperstelle für einen Tattoo-Neuling doch recht heftig war. Weil die Schmerzen zu stark wurden, brachen wir nach der Hälfte ab. Das Ganze ist jetzt schon eineinhalb Jahre her, aber ich bin immer noch nicht dazu gekommen, die Tätowierung fertigstellen zu lassen.

Bereust du dein erstes Tattoo?
Keine Ahnung. Ich fand danach heraus, dass der Blitz erst die dritte Tätowierung war, die mein Kollege je gestochen hat ... Außerdem hatte er die Nacht davor wohl durchgemacht.

Hast du aus dieser Erfahrung etwas gelernt?
Nicht wirklich. Kurz darauf hat mir ein Kumpel in DIY-Manier eine Zahnbürste auf meine Wade gestochen. Zum Glück hat ein professioneller Tätowierer dieses Tattoo zumindest ein wenig richten können.

Megan, 24

Foto: bereitgestellt von Megan

VICE: Das sieht echt nicht gut aus.
Megan: Ich weiß. Könnte auch von einem Dreijährigen stammen, der mit einem Kugelschreiber auf meinen Rippen ausgerastet ist, oder?

Wie kam es dazu?
Ich arbeite gerade in einer Bar in Laos. Meine Kollegen und ich wollten uns das Logo der Bar stechen lassen. Wir zogen Streichhölzer, um zu schauen, wer als erstes ran muss. Ich verlor natürlich. Weil Tattoos in Laos illegal sind, zogen wir das Ganze in einer zwielichtigen Bar durch. Ich war total nervös, der Tätowierer gab mir zur Beruhigung viel Whisky und ein paar Kurze. Ich war also rotzevoll, als er anfing – und mir fiel gar nicht auf, dass auch er schon gut einen sitzen hatte. Als meine Kollegen danach das Tattoo sahen, wollte plötzlich keiner mehr. Ergo: Ich bin jetzt die Einzige mit diesem hässlichen Etwas.

Warst du da nicht sauer auf deine Kollegen?
Nicht wirklich. Ich hätte wahrscheinlich genauso reagiert. Zuerst habe ich das Ganze schon bereut, aber inzwischen finde ich es ziemlich witzig. Ist ja eine schöne Erinnerung an meine Zeit hier in Laos.

Manon, 28

Foto: bereitgestellt von Manon

VICE: Wer ist Henk?
Manon: Mein Ex-Freund.

Interessant. Bitte erzähl ein bisschen mehr.
Ich war 18 und seit ungefähr vier Monaten mit Henk zusammen, als ich mit Freundinnen in den Urlaub flog. Natürlich vermisste ich ihn total und heulte jedes Mal, wenn wir telefonierten. An einem der Strände befand sich ein Tattoo-Studio und ich reihte mich in die ganzen 18-Jährigen ein, die sich dort ihre erste Tätowierung stechen ließen. Weil ich Henk damals für die Liebe meines Lebens hielt, entschied ich mich für seinen Namen als Motiv. Keine meiner Freundinnen versuchte, mich aufzuhalten.

Wie denkst du heute über das Tattoo?
Ich war fast vier Jahre lang glücklich mit Henk zusammen und wir gingen auch im Guten auseinander. Ich ärgere mich jetzt nicht, wenn ich das Tattoo sehe, aber ein bisschen Reue ist da schon – ich meine, da steht "Henk" auf meinem Fuß. Zum Glück scheint hier in den Niederlanden nur dreimal im Jahr die Sonne, deswegen bekommen es andere Leute kaum zu Gesicht.

Jonna, 21

Foto: bereitgestellt von Jonna

VICE: Wie kam es zu deinem ersten Tattoo?
Jonna: Ich war 19 und studierte Design. Für ein Projekt sollten wir ein Wandbild für ein Theater entwerfen. Wir projizierten unsere Zeichnung an eine Wand und als ich davor stand, befand sich dieser kleine Sketch eben genau auf meinem Rücken. Einer meiner Freunde zeichnete das Ganze schnell mit einem Stift nach und schlug später vor, dass ich mir das doch tätowieren lassen solle.

Wie haben die Mitarbeiter des Tattoo-Studios reagiert?
Zuerst lachten sie und dachten, ich wolle sie verarschen. Deswegen musste ich auch im Voraus bezahlen. Diese Reaktion fand ich ziemlich scheiße. Ich diskutierte dann auch mit ihnen darüber, dass Kunst nicht immer ästhetisch sein muss.

Bereust du die Tätowierung?
Nein, ich finde sie immer noch cool. Wer sagt denn, dass Tattoos immer schön sein müssen? Inzwischen gibt es sogar einen dazugehörigen Instagram-Account, weil meine künstlerischen Freunde – und auf Partys manchmal sogar Fremde – Zeug um mein Tattoo herum malen.

Nicole, 16

Foto: bereitgestellt von Nicole

VICE: Was ist da denn passiert?
Nicole:
Vor gut einem Jahr hatte ein Tätowierer einen Facebook-Contest laufen, bei dem man ein Tattoo für nur 25 Euro gewinnen konnte. Eine meiner Freundinnen gewann und ich fragte den Typen, ob ich eine Tätowierung zum gleichen Preis bekommen könnte. Er willigte ein.

Wie ging es dann weiter?
Normalerweise arbeitet der Typ in einem normalen Studio, aber uns tätowierte er bei sich zu Hause. Einen Ausweis musste ich nicht vorzeigen. Er ging wohl einfach davon aus, ich sei älter. Meine Freundin war zuerst dran und ihre Tätowierung ging klar. Deswegen war ich guter Dinge. Als er mit meinem Tattoo halb fertig war, meinte er aber: "Huch, das habe ich jetzt ein bisschen versaut." Er wollte es dann noch irgendwie geradebiegen, indem er die Buchstaben und das Motiv etwas dicker machte.

Warst du damals mit dem Ergebnis zufrieden?
Zu Hause dachte ich wirklich, dass das Tattoo eigentlich ganz OK aussehe – abgesehen von einigen Schnitzern wie dem komischen "i". Irgendwann werde ich es bestimmt richten lassen.

Martijn, 19

Foto: bereitgestellt von Martijn

VICE: Was genau ist das da auf deiner Wade?
Martijn: Bei einer Hausparty hatte ein Typ mal seine Tätowiermaschine dabei. Ich dachte mir: "Ein kostenloses Tattoo? Auf gehts!" Ich wollte ein Motiv, das mir für den Rest meines Lebens Freude bereitet. Also entschied ich mich für eine Vulva.

Wer hat die Vorlage gezeichnet?
Ich holte mir ein Blatt Papier und ließ alle Partygäste zeichnen. Meine einzige Vorgabe: Die Schamlippen mussten so groß wie möglich sein. Letztendlich musste ich mich zwischen meiner eigenen Zeichnung und der einer Freundin entscheiden. Nachdem ich mich mit meinen Schwestern per SMS beraten hatte, fiel meine Wahl auf die Zeichnung der Freundin.

Bereust du das Tattoo?
Nein, mir war ja von Anfang an bewusst, dass da keine gute Tätowierung bei rumkommen würde. Ich kann auch heute noch darüber lachen. Und das ist alles, was zählt. Die meisten Leute erkennen sowieso erst, dass es sich um eine Vulva handelt, wenn ich es ihnen sage. Und falls ich das Ganze jemals bereuen sollte, kann ich ja immer noch irgendein Insekt draus machen lassen.

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