Festivals 2017

Ich habe auf einem Festival beim Twerk-Workshop mitgemacht und mein Arschfett gefühlt

"Die Camper, die neben dem Twerk-Feld eine Jury bilden, bieten mir ein Trichter-Bier an. Und ich bin für nichts in diesem Moment dankbarer."

von Christoph Schattleitner
21 August 2017, 11:14am

Dieser Artikel stammt von unseren Kollegen aus der Wiener Redaktion.

Alle Fotos von Christopher Glanzl

"Am besten siehst du aus, wenn du dich nicht bewegst", hat ein Freund mal wohlwollend zu mir gesagt. Und nein, das war nicht bei einem Fototermin, bei dem es darum ging, ruhig da zu sitzen. Es war nach eine meiner – wie ich finde – fantastischen Tanzeinlagen.

Die Videoaufnahmen meines Abiballs, ein Trostpreis für die schlechteste Einlage bei einem Singstar-Contest, eine von mir fast zerbrochene Flöte in der Volksschule – um mein begrenztes Taktgefühl und musikalisches Talent weiter zu illustrieren, reicht ein kurzer Blick in meine Vergangenheit. Ich bin wahrscheinlich der Einzige in der Redaktion, der noch nie gefragt worden ist, ob er bei der VICE Party, bei der es wirklich um nichts geht, auflegen will.

Es ist OK. Ich bin nicht beleidigt, neidisch oder traurig. Wenn die Situation so etwas wie Können oder Ästhetik vorsieht, überlasse ich lieber anderen den Vortritt. Wenn es aber sozial erlaubt ist, den Bären steppen und die Sau rauszulassen, kenne ich wenig Schamgefühl – auch, wenn das nicht alle von mir erwarten.


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Der erste "Twerk-Workshop" (Warum heißt dieses Teil nicht Twerk-Shop?) auf dem Frequency 2017 war der perfekte Anlass. "Es ist noch zu früh für Bier", sage ich unserem Fotografen, eine Stunde bevor das mittägliche Twerken los gehen sollte. Er, der seinen Job nun einmal sehr gut versteht, bringt Schnaps.

Ich gehöre trotzdem der eher nüchternen Fraktion der Twerker an. "Twörk", steht auf der Brust derer, die kein Shirt mitbrachten und anfangs wohl eher ironisch mitmachen wollen. Aber nichts da.

Die Twörk-Leiter Elena Sofie Sterlini und Petra Prinz vom Wiener Ti:Kju - Twerk Dance Studio heizen dermaßen ein, dass wirklich jeder von Anfang an mit voller Sache dabei ist. Der Grundschritt: Breitbeinig in die Knie gehen. Dann schnell hochgehen und die Knie zueinander bewegen. Und Boom: durch die Bewegung wackelt das Arschfett.

Oder sollte es zumindest. Die Technik ist nicht ganz einfach, dafür umso anstrengender. Innerhalb von wenigen Minuten schwitze ich schlimmer als beim Hobby-Fußball. Die Camper, die neben dem Twerk-Feld eine Jury bilden und mit Nummern von 1 bis 10 unsere Einlagen bewerten, bieten mir ein Trichter-Bier an. Und ich bin für nichts in diesem Moment dankbarer.

Es werden drei Leute auf die Bühne gebeten und ich weiß, was das bedeutet. "Gut, dass du freiwillig gegangen bist. Wir hätten dich nämlich sowieso rausgeholt", scherzt Elena danach. Die Menge gröllt, nebenan raspeln die Zuseher mit dem Zaun. Wir geben alles.

Ohne Pause geht es weiter. Der nächste Song. Der nächste Schritt: tief, hoch, Knie zusammen, linkes Bein nach vorn, Arsch seitlich fallen lassen. Irgendsowas. Ich komme überhaupt nicht mit. "Und jetzt ganz schnell", ruft Petra, der Beat setzt ein. "Vergesst nicht zu lachen", grinst Elena, die wirklich andauernd grinst.

Ich sehe aus wie ein Wrack. Lachen geht nur, wenn ich wie ein Hund die Zunge raushängen lasse. Ich habe überall Schweißflecken. Meine verschweißte Brille versuche ich mit dem T-Shirt zu putzen. Sie wird noch dreckiger. Das Wax in meinen Haaren kann offenbar schmelzen.

Müsste ich nicht noch Stunden im Pressezentrum sitzen und mit seriösen Journalisten Bier trinken, würde ich mich sofort in das nach Pisse stinkende Plantschbecken am Rande der Bühne fallen lassen. Ich entscheide mich für einen grausigen Energy-Drink, der verteilt wird und stelle mich atemlos in den Halbschatten.

Ich blicke in ausschließlich schmerzverkrampfte, aber zutiefst erfreute Gesichter. Die Stimmung ist unglaublich gut. Das toppt so ziemlich jeden Wavebreaker-Dance, in dem ich bisher war. Wir starten eine Freestyle-Session und ich steige wieder ein. Der Bär darf steppen, wie er will. Und wir alle tun es. "Ich sehe Booties wackeln", lacht Elena.

Nach gefühlt drei Stunden (In Wirklichkeit: 50 Minuten) sind wir zeitlich und körperlich fertig. Das war die bisher energiegeladenste Einheit, sagen Elena und Petra, die diese Twerk-Shops seit 2015 in Österreich veranstalten. Ein Festival biete die perfekte Atmosphäre, um diesen Sport auszuüben. Und mit dem zunehmenden Interesse würden viele Vorurteile abgebaut werden. "Ich kann bei einem Setting wie diesen null erotischen Kontext erkennen", sagt Elena. Auch die Gaffer und Body-Shamer würden mit der Zeit weniger werden. Der Sportart gehe es derzeit eben so "ähnlich wie Pole-Dancing früher".

Dass Twerking, eine in den 1980ern in New Orleans von der HipHop-Form "Bounce" geprägte Kultur mit Verbindung zur afrikanischen Diaspora, in Österreich überhaupt bekannt und Fuß fasste, liegt wohl an Miley Cyrus. Diese warf mit ihrer "kulturellen Aneignung" des Tanzes 2013 die Frage auf, wann man eine Kultur "schätzt" und ab wann man sie "stiehlt". Elena und Petra waren mit dieser Kritik bisher nicht konfrontiert, finden aber, dass es beim Tanzen um etwas anderes geht.

"Jeder soll sich in seinem Körper wohl fühlen", sagt Elena, die von einer Teilnehmerin erzählt, die das ganze Jahr nicht in kurzen Hosen in den Kurs kam, um ihre Beine zu verstecken. Am Ende habe sie nicht nur den Workshop in kurzen Hosen mitgemacht, sondern sei damit auch nach Hause gegangen.

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