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Sex

Ein Aufkleber soll verhindern, dass Männer beim Orgasmus abspritzen

Jiftip soll Sex revolutionieren. Wir haben einen Urologen gefragt, was passieren kann, wenn du Sperma in deinem Penis einschließt.

von Rebecca Baden
16 August 2017, 9:10am

Bild: VICE

Wer sich vor Körperflüssigkeiten ekelt, hat es beim Sex schwer. Eigentlich lehrt uns die Body-Positivity-Bewegung, dass Körperausscheidungen natürlich sind. Recht hat sie. Andererseits: Es gibt schönere Momente, als nach dem Sex mit einer Hand zwischen den Oberschenkeln ins Badezimmer zu rennen, während Sperma durch die Finger rinnt. Die wenigsten Frauen freut der Moment, wenn sie morgens Sex hatten und zwei Stunden später, im Büro oder an der Uni, die ganze Soße zurück ins Höschen läuft. Und es gibt schönere Anblicke als die Matratze, auf der Blut- und Spermaflecken immer mehr an das Flecktarnmuster von Bundeswehruniformen erinnern.

Aus Spermaflecken ein Geschäftsmodell zu machen, versucht nun der Hersteller von Jiftip, einem Sticker für den Penis. Der Aufkleber aus Polyurethan soll die Eichel versiegeln und das Sperma in der Röhre halten. Die Kuppe wird einfach abgeklebt, das Sperma bleibt so lange im Penis, bis der Sticker abgezogen wird. Krustige Flecken auf der Bettwäsche gehören für immer der Vergangenheit an. Der Hersteller schreibt: "Fall in love with sex all over again. Like a virgin." Jiftip will nicht weniger, als Sex durch trockene Orgasmen zu revolutionieren. Allerdings auch nicht mehr: Schaut man sich die Website an, wirkt der Sticker wie ein Scherzartikel. Jiftip sei nicht für jeden etwas, so die Disclaimer, es handele sich dabei auf keinen Fall um eine Alternative für Kondome, und eigentlich biete es sich auch nur für diejenigen an, die Teil von "etwas Neuem" werden wollen. Im Grunde ist es ein Experiment: Wer von euch gibt acht Dollar aus, um sich die Röhre zuzukleben? Aber das Ganze wirft natürlich Fragen auf, denen wir uns höchstwissenschaftlich widmen wollen: Was passiert eigentlich mit dem aufgestauten Sperma? Und: Kann ein Penis explodieren?


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"Es ist eigentlich nicht gesundheitsschädigend, sein Sperma nicht abfließen zu lassen", erklärt der Urologe Volker Wittkamp, Autor des Buches Fit im Schritt. "Nach Operationen an der Prostata oder Medikamenteneinnahme kommt es manchmal vor, dass Männer beim Orgasmus nicht mehr zum Samenerguss kommen. Das nennt man 'trockener Orgasmus' oder 'retrograde Ejakulation'. Dabei fließt das Sperma zurück in die Blase und kommt beim Pinkeln später wieder raus. Ich kann mir vorstellen, dass es beim Aufkleber ähnlich ist."

Wer sein Sperma einschließe, müsse damit rechnen, dass es sich früher oder später doch einen Weg nach draußen sucht, so Wittkamp: "Im schlimmsten Fall entstehen Verstopfungen und Entzündungen im Samenkanal. Dass Männer ernsthafte Schäden oder sogar Tumore davontragen, kann ich mir aber nicht vorstellen."

Penis-Abklemmen hat jahrhundertealte Tradition

In der daoistischen Weltanschauung, einer chinesischen Philosophie, ist es seit Jahrhunderten Praxis, sich beim Orgasmus den Spritzkanal abzuklemmen. Mit dem Finger wird der Jen-Mo-Punkt zwischen Hodensack und Anus abgedrückt, und der Orgasmus bleibt trocken. Ein Kollege testet den Griff an sich aus: "Abklemmen funktioniert, aber sobald man loslässt, kommt trotzdem alles raus", sagt er, "und die Stelle, die abgedrückt wird, tut danach unangenehm weh."

Die Methode der Daoisten haben sich die Hersteller von Jiftip zum Vorbild genommen, als sie vor vier Jahren anfingen, ihr Produkt zu entwickeln. Der Sticker auf der Peniskuppe soll den Sex ebenfalls so lange "sauber" über die Bühne bringen, bis der Aufkleber wieder abgezogen wird – und das ohne den Abklemm-Schmerz. Das Sperma läuft nach Abziehen des Stickers aus dem Penis raus. So ganz ohne Schmerzen scheint es dann aber doch nicht zu funktionieren: "Was für eine Person sicher ist, kann für eine andere gefährlich sein", sagt der Erfinder zu VICE.

"Ich kann schon verstehen, dass Leute die Sauerei beim Sex verhindern wollen", sagt Urologe Volker Wittkamp, "aber wenn die Sticker einen kompletten Geschlechtsverkehr überstehen sollen – eine feuchte Angelegenheit – dann muss der Kleber schon stark sein. Wenn man ihn später von der Eichel abzieht, ist das sicher ein unangenehmes Gefühl. Davon abgesehen kann das zu Reizungen an der Kuppe führen und sogar etwas Haut mit abziehen."

Der Aufkleber schützt nicht vor Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften

Einen viel größeren Minuspunkt für das Produkt liefert der Hersteller übrigens gleich selbst: Jiftip schützt weder vor Schwangerschaften noch vor Geschlechtskrankheiten. Bis die Beta-Testphase vorbei ist und der Sticker ausreichend erforscht wurde, wird er nicht zur Verhütung weiterempfohlen, erklären die Macher von Jiftip auf Nachfrage von VICE.

Als Mittel zur Verhütung könnte Wittkamp sich den Sticker immerhin auch vorstellen – theoretisch. "Wenn der Aufkleber dicht ist, müsste er eigentlich auch vor Schwangerschaften schützen", sagt er. Wenn es um Geschlechtskrankheiten geht, warnt der Urologe allerdings vor einem falschen Gefühl der Sicherheit: "Geschlechtskrankheiten werden nicht nur durch Sperma übertragen, sondern auch durch kleine Verletzungen an der Haut im Intimbereich. Einen sicheren Schutz vor Geschlechtskrankheiten sehe ich bei dem Sticker also überhaupt nicht."

Wer Spermaflecken um jeden Preis verhindern wolle, so Wittkamp, solle lieber auf das Kondom zurückgreifen. Das schütze zumindest besser vor Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften.

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