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Schwule und Lesben erzählen, warum sie bei homophoben Angriffen nicht zur Polizei gehen

"'Du bist schwul, du bist Scheiße', hat er immer und immer wiederholt."

Anna Neifer

Anna Neifer

Safir aus Frankreich

Du freibiergesichtige Kotzkrücke! Man muss kein Genie sein, um jemanden zu beleidigen, ohne gleichzeitig eine Minderheit zu diskriminieren. Für Leute, denen das trotzdem nicht gelingt, hatten wir hier schon mal eine Hilfsanleitung verfasst. Doch manche machen trotzdem weiter und diskriminieren andere Menschen – zum Beispiel wegen ihrer Sexualität. Wir wollten mit Betroffenen sprechen und haben einen Aufruf bei Facebook gestartet.

Die Nachrichten, die uns erreichten, erzählen, was Schwule und Lesben in Deutschland alles aushalten müssen. In den Antworten und Kommentaren zu unseren Posts geht es um üble Beleidigungen, manchmal gepaart mit Rassismus. Teilweise schreiben sie von körperlichen Angriffen.

Die Bundesregierung hat bis Juli in diesem Jahr 27 Prozent mehr homo- und transphobe Straftaten erfasst als im ersten Halbjahr 2016, so der Spiegel. Die Aussagen stützen sich auf die Antwort des Bundesinnenministeriums an die Grünen. Die Hasskriminalität nimmt zu, steht daraufhin bei Spiegel Online.

Weil die Behörden mehr Angriffe zählen, heißt das nicht automatisch, dass es nun viel mehr Straftaten gegen Queere gibt. Möglicherweise haben mehr Menschen homo- und transphobe Straftaten angezeigt, merkt der Spiegel an. Diese wichtige Einordnung fehlt bei einer Reihe von anderen Medien und verzerrt den Blick auf die Problematik. Statistiken können am Ende nur einen Ausschnitt zeigen.


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Das Anti-Gewalt-Projekt Maneo dokumentiert Angriffe gegen Queere. Obwohl auch Maneo mehr Fälle registrierte, geht der Leiter Bastian Finke gegenüber der Berliner Zeitung davon aus, dass ein Großteil der homophoben Übergriffe erst gar nicht zur Anzeige kommt.

Warum ist das so?

Wir haben mit sieben Schwulen und Lesben gesprochen, die uns von ihren Erlebnissen berichtet haben. Teilweise wollen sie ihre Geschichte erzählen, aber aus Angst vor Anfeindungen ihre Identität wahren.

Eli, 26, aus Kolumbien: "Vier Männer haben uns gegen eine Glas-Vitrine geschubst."

Eli aus Kolumbien

VICE: Hast du einen homophoben Angriff erlebt?
Eli: Ich war nachts mit meinem Freund am Kottbusser Tor in Berlin. In einem Laden haben wir uns Burger bestellt. Wir haben direkt bezahlt und sind vorne am Glas-Tresen geblieben. Mein Freund und ich haben zusammen gelacht. Da hat uns eine Gruppe arabisch aussehender Männer heftig gegen den Tresen geschubst. Zwei davon haben meinem Freund in den Rücken geschlagen. Bei dem Gerangel hat es in der Vitrine laut gekracht und die Männer sind abgehauen.

Bist du sicher, das es ein homophober Angriff war?
Ja, die Männer haben uns vorher beobachtet. Wir haben nicht rumgemacht, aber wir haben sehr nahe zusammen gestanden und sind zärtlich miteinander umgegangen.

Ist niemand eingeschritten?
Nein. Die Mitarbeiter im Laden haben uns sogar angeschrien und wollten für die Vitrine 50 Euro von uns haben. Ich war total sauer und wir haben nicht gezahlt.

Bist du nicht zur Polizei gegangen?
Ich war schockiert und ich habe nicht daran gedacht, zur Polizei zu gehen. Es war 1 Uhr morgens und was hätte die Polizei schon machen können? Wir haben weder Fotos noch Namen von den Männern.

Safir, 26, aus Frankreich: "'Du bist schwul, du bist Scheiße', hat er immer und immer wiederholt."

Safir aus Frankreich

VICE: Was für einen Angriff musstest du erleben?
Safir: Ich bin mit einer Freundin in der S-Bahn gefahren, als ein Mann neben ihr immer näher und näher kam und ihr auf das Handy geglotzt hat. Ich habe ihn dann gefragt, was er da macht. Er hat dann angefangen, immer den einen Satz zu wiederholen: "Du bist schwul, du bist Scheiße."

Weshalb ist er davon ausgegangen, dass du schwul sein könntest?
Ich denke, es lag an meiner Kleidung. Ich habe an dem Tag Hotpants getragen, sehr knappe, heiße Hotpants.

Was ist dann passiert?
Meine Freundin war total angepisst und wollte sich wegsetzen. Ich wollte aber aus Prinzip nicht weggehen. Wir waren erleichtert, als er irgendwann ausgestiegen ist.

Hast du überlegt, zur Polizei zu gehen?
Zur Polizei gehen wollte ich nicht. Er schien schon genug Probleme zu haben, wer sitzt sonst nachmittags betrunken in der Bahn und beleidigt grundlos Fremde?

Simon, 21, aus NRW: "Miguel und ich haben uns geküsst, als er Sand auf uns geworfen hat."

Simon aus NRW

VICE: Hast du einen homophoben Angriff erlebt?
Simon: Vor etwa drei Wochen war ich am Rheinufer in Bonn-Beuel. Da ist so eine Art Sandstrand am Rhein. Mein Freund Miguel aus Mexiko hatte Geburtstag. Wir haben ein Picknick gemacht mit Essen, Wein, Kuchen etc. Die ganze Zeit hat uns ein Paar angestarrt, aber wir haben das ignoriert. Als die dann gegangen sind, hat der Mann Sand in seinen Schuh getan. Im vorbeigehen hat er dann Sand auf mich und Miguel geworfen.

Warum bist du sicher, das es ein homophober Angriff war?
Miguel und ich haben uns geküsst, als er den Sand nach uns geworfen hat. Alles war voll mit Sand, auch das Essen. Wir waren einfach zu geschockt, um irgendwas zu tun.

Wie haben andere Leute drum herum reagiert?
Da waren etwa zehn Leute um uns herum, keiner hat etwas gemacht.

Seid ihr zur Polizei gegangen?
Wir sind nicht zur Polizei gegangen, weil ich mir gedacht habe, dass es am Ende sowieso nichts bringen würde.

Lina, 28, aus NRW: "Wir sind geflohen, weil wir keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit so einem Spinner hatten."

Lina aus NRW

VICE: Was hast du erlebt?
Lina: Ich war mit meiner Freundin händchenhaltend auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt unterwegs, als ein Mann uns mit "ihr Kacklesben" beschimpft hat.

Warum hat er das gemacht?
Einfach so. Dann meinte er noch, wir seien widernatürlich. Statt hier händchenhaltend rumzulaufen, sollten wir uns lieber einen Mann suchen. Der Typ glaubte wirklich, mit diesen Aussagen im Recht zu sein.

Was habt ihr gemacht?
Wir sind dann einfach schnell weggegangen, quasi vor dem geflohen, weil wir keine Lust auf eine Auseinandersetzung mit so einem Spinner hatten – und ein bisschen Schiss hatten wir auch.

Bist du zur Polizei zu gegangen?
Klar, diese übergriffige Beschimpfung hätten wir anzeigen können. Aber in der Situation war es uns wichtiger, von dem Typen wegzukommen.

Giuseppe, 35, aus Italien: "Er meinte, ich solle lieber mit jemandem 'wie mir' zusammen wohnen."

Giuseppe aus Italien

VICE: Wie hast du Homophobie erlebt?
Giuseppe: Ich habe mir in Berlin eine WG angeschaut, irgendwann hat mich der Typ gefragt, ob ich homosexuell bin. Ich habe ihm gesagt, das es mir hier nicht um Sex, sondern um ein Zimmer geht. Irgendwann habe ich ihm dann gesagt, dass ich schwul bin. Ich habe damit kein Problem.

Was war dann?
Er meinte, ich solle lieber mit jemandem "wie mir" zusammen wohnen. Ich war ziemlich wütend und habe klar gemacht, dass ich nicht mit einer homophoben Person zusammenleben werde.

Bist du zur Polizei gegangen?
Ich hätte ihn dafür anzeigen können, das ist homophob und rassistisch, aber ich war einfach nur sauer. Ich wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Benny, 25, aus NRW: "Meine Befürchtung ist, dass vermeintlich kleinere homophobe Übergriffe eher belächelt werden, weil es kein geschultes Personal dafür gibt."

Benny aus NRW

VICE: Hast du einen homophoben Angriff erlebt?
Benny: Ich war mit ein paar Freunden in Köln unterwegs, zum Feiern. Wir waren am Hauptbahnhof und wollten eine U-Bahn erwischen. Auf der Gegenseite der Rolltreppe fuhr eine Gruppe Männer, die uns einfach angespuckt hat.

Bist du dir sicher, dass es ein homophober Angriff war?
Es ist schon wahrscheinlich, dass die uns als schwul wahrgenommen haben, das weiß ich aber nicht mit Sicherheit. Die Rolltreppen fuhren weiter, wir waren total überrumpelt, konnten gar nicht reagieren.

Hast du Anzeige erstattet?
Wenn es so schnell geht, schießt einem nicht direkt eine Anzeige durch den Kopf. Und wenn ich das jetzt weiterdenke: Hätten wir das gemacht, kann ich mir gut vorstellen, dass die Polizei uns nicht ernst genommen hätte. Meine Befürchtung ist, dass vermeintlich kleinere homophobe Übergriffe belächelt werden, weil es kein geschultes Personal dafür gibt. Ich würde mir auch komisch vorkommen, jedes "Schwuchtel", das ich schon gehört habe, anzuzeigen. Aber das Wort setzt eben eine ganze Personengruppe, eine Minderheit, herab. Es ist schon was anderes, als wenn man als "Idiot" oder "Arschloch" bezeichnet wird.

Mitarbeit: Lea Albring

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