Anzeige
oktoberfest

Wir haben Paare auf dem Oktoberfest-Kotzhügel nach ihren Liebesgeschichten gefragt

"Der Platz hier ist romantisch – wenn man die kotzenden und pissenden Männer ausblendet."

von VICE Staff
05 Oktober 2018, 9:00am

Malik und Anne (links) hatten schon vor den Wiesn ein Date an diesem Ort | Alle Fotos: VICE

Bis auf zwei Wochen im Jahr gehört der Platz vor der achtzehn Meter hohen Bavaria-Statue zu den entspanntesten Orten Münchens: Longboarder driften die Rampe daneben hinunter, Tinder-Dates befummeln sich, Raver lassen die After-Hour mit Blick in den Sonnenaufgang ausklingen. Und dann gibt es die zweieinhalb Wochen, in denen die Wiese vor der Bavaria nur noch der "der Kotzhügel" heißt.

Die breiteste Straße der Festwiese führt die Oktoberfest-Besucher dorthin. Je näher sie ihm kommen, desto stärker nimmt der Geruch von gebrannten Mandeln ab und der von Pisse zu. Immer mehr schwankende Betrunkene weisen einem den richtigen Weg zum Kotzhügel.

Es ist Samstagabend am zweiten Wiesn-Wochenende, das auch als "Italiener-Wochenende" bekannt ist, zu dem Tausende Touristen mit Bussen anreisen. Einer dieser Touristen boxt einen anderen um, während ein Vollgekotzter ein ganzes Hendl verdrückt. Ein langhaariger Mann – Typ Surferboy – klettert auf eine der Säulen vor den Stufen der Bavaria. Lasziv schwingt er mit seinen Hüften und knöpft dabei sein Hemd langsam auf. Zuschauer grölen und pfeifen, als wäre er der Hauptact auf der Pornomesse Venus. Er springt die mehr als vier Meter hinunter auf den Asphalt und knickt mit dem Fuß um. Sanitäter, die vor wenigen Minuten noch einen Bewusstlosen behandelten, nehmen ihn auf einer Trage mit. Daneben auf der Wiese fallen Menschen übereinander her, als hätten sie nach Jahren des Zölibats endlich ihre Keuschheitsgürtel abgenommen.

Denn auf dem Kotzhügel werden Körperflüssigkeiten nicht nur abgesondert, sie werden auch ausgetauscht. VICE hat vier Liebesgeschichten an diesem denkwürdigen Ort gefunden.

Anne, 22, und Malik, 23 – Studentin und Student aus München

Anne: "Wir haben uns hier verabredet, weil wir hier schon mal ein Date im Sommer hatten, als die Bauarbeiter die Gerüste für die Wiesn-Zelte aufgebaut haben. Es war ein ziemlich heißer Tag, der Abend noch lauwarm. Wir saßen hier und weinten zusammen, weil Malik mir vom Krieg in Syrien erzählte. Er erzählte mir von seiner Familie, von seiner Flucht nach Deutschland und der schweren Zeit ohne Perspektiven. Ich fand ihn so beeindruckend, dass ich ihn küssen musste. Danach gingen wir zusammen nach Hause, tranken Tee und verbrachten die Nacht miteinander. Alle in meiner Westender-Wohngemeinschaft lieben ihn.


Auch auf VICE: Auf ein Bier mit Schwester Doris


Wir haben uns seitdem nicht mehr gesehen, weil Malik eine Zeit lang in Tübingen war. Er kümmerte sich um seinen Bruder, der ins Krankenhaus musste. Zwei Monate sind fast vergangen. Das ist seitdem unser erstes Treffen und es fühlt sich wie damals an.

Er ist noch nicht lange in München, deswegen wollte ich ihm das Oktoberfest zeigen. Später werden wir noch mit der Achterbahn 'Wilde Maus' fahren, mit dem Autoscooter, eine Ochsenfetzensemmel essen, zu 'Viva Bavaria' im Bierzelt schunkeln und zum Schluss Riesenrad fahren. Ich hoffe, ihm wird es gefallen. Wir starten hier, weil man von der Bavaria aus den besten Überblick über die Festwiese hat. Der Platz hier ist romantisch – wenn man die kotzenden und pissenden Männer ausblendet."

Sahra, 84, und Johannes, 83 – Rentnerin und Rentner aus München

"Ich erinnere mich an ihren überforderten Blick, wie sie nach Hilfe suchte, weil sie den Trubel im Bierzelt nicht gewöhnt war. Ihr Parfüm blieb mir in der Nase hängen"

Johannes: "Ich war noch ein junger Maschinenbau-Student, als ich 1974 Sarah im Augustiner-Zelt sah. Bevor das zweite Semester begann, wollten meine Kommilitonen und ich ein letztes Mal die lernfreie Zeit genießen. Deswegen gingen wir wie jedes Jahr zusammen auf die Wiesn ins Bierzelt.

Plötzlich stand sie vor mir und fragte mich in gebrochenem Deutsch, wo sie sich die Hände waschen könnte. Ich erinnere mich an ihren überforderten Blick, wie sie nach Hilfe suchte, weil sie den Trubel im Bierzelt nicht gewöhnt war. Ihr Parfüm blieb mir in der Nase hängen. So einen Geruch kannte ich nicht. Sie sagte, sie sei aus Isfahan, aus dem Iran und als Austauschstudentin da. Aber sie würde Deutschland bald verlassen, weil ihr Semester schon lange zu Ende wäre. Sie schüttelte mir noch die Hand und verschwand in der Menge.

Als ich wieder zurück am Tisch bei meinen Freunden saß, ärgerte ich mich darüber, nicht nach ihrer Telefonnummer gefragt zu haben. Die nächste Stunde war ich abwesend und konnte mich nicht mehr konzentrieren. Ihre dunklen Augen ließen mich nicht los. Meine Studienkollegen ermutigten mich, ich solle sie suchen. Eine halbe Stunde fand ich sie nicht, bis sie mir wieder vor mir stand. Sie sagte, sie hätte gesehen, wie ich nach etwas suche und wollte mir nun helfen.

Wir gingen zusammen aus dem Bierzelt und schlenderten durch die Festwiese bis zu den Stufen der Bavaria. Dort versprachen wir uns, dass wir uns wiedersehen. Wir schrieben uns Briefe, die alle bis heute noch zu Hause liegen. Zum iranischen Neujahrsfest besuchte ich Sarah im Iran für ganze drei Monate. Dort beschlossen wir zu heiraten. 44 Jahre sind nun vergangen und wir sitzen wieder hier, wo wir uns das Versprechen gaben. All die Besoffenen können uns den Moment von damals nicht kaputt machen."

Marie, 16, und nicht mehr Joel, 17 – Schülerin und Schüler aus München

"Irgendwann suchte ich meinen Freund und fand ihn mit einer fremden, hässlichen, alten Frau. Sie knutschten"

Marie: "Gerade noch war ich in einer Beziehung mit dem tollsten Menschen meiner Schule. Jetzt nicht mehr, weil ich ihn erwischt habe, wie er fremdknutschte. Deswegen kann ich nicht aufhören zu weinen, ich musste mich einfach irgendwo hinsetzen. Das ist reiner Zufall, dass ich am Kotzhügel gelandet bin.

Fast meine ganze Klasse tauchte heute Morgen in Dirndl und Lederhose zum Matheunterricht auf. Das hatten wir einen Tag davor so ausgemacht. Nachdem die Schule aus war, gingen wir alle zusammen auf das Oktoberfest. Wir haben uns während der Sommerferien sechs Wochen lang nicht gesehen. Wir freuten uns darüber, dass wir alle wieder zusammen sind. In unserer Klasse mag jeder jeden, bei uns gibt es keine Cliquen. Das Lustige ist eigentlich: Fast jeder war mit jedem zusammen oder hat mit jedem geknutscht. Mein Freund ist in derselben Klasse wie ich. Auf der Vorbereitungsfahrt für die Kollegstufe sind wir zusammengekommen.

Anfangs war es im Bierzelt total lustig. Ich startete langsam, ich teilte mir mit einer Freundin ein Radler. Irgendwann spielte die Band und wir tanzten und tranken immer schneller. Aber als die Jungs alle besoffen waren, hatten sie nur noch Augen für die Mädls an den Nebentischen. Irgendwann suchte ich meinen Freund und fand ihn mit einer fremden, hässlichen, alten Frau. Sie knutschten. Und ich lief weg. Zum Glück lief mir eine Freundin aus der Klasse nach. Ich weiß nicht, was passieren wird, wenn ich zurück ins Zelt gehe."

Hannes, 35 und Rainer, 31 – Architekt und Kellner

Hannes: "Rainer und ich haben uns vor vier Stunden im Bräurosl kennengelernt. Jeder weiß, wer zur Wiesn Spaß haben will, geht ins das Bierzelt. Eigentlich war ich schlecht gelaunt, meine Projekte liefen in der Arbeit nicht optimal und mein Chef stresst mich immer mehr. Ich wollte zu Hause bleiben und netflixen. Aber meine Freunde zwangen mich, auf die Wiesn zu gehen.

Wie es halt so ist, lockert die erste Maß auf. Rainer stand plötzlich neben mir auf der Bank, ich saß zu dem Zeitpunkt noch griesgrämig darauf. Er fragte, ob ich zum Einschlafen hergekommen sei oder zum Feiern. Ich winkte ihn weg, er solle mich in Ruhe lassen. Daraufhin antwortete er, ich solle meine Probleme für ein paar Stunden zu Hause lassen. Und wenn der gute Rat nichts helfen würde, würde er mir eine neue Maß bestellen.

Irgendwie kriegte er mich damit. Ich umarmte ihn und er hob mich mit einem Hieb nach oben. So schnell konnte ich gar nicht denken, da war ich schon am Tanzen. Mehr als vier Maß schaffe ich aber nicht. Ich war schon ziemlich betrunken. Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen, aber Rainer folgte mir. Er sagte, an der Bavaria könne man sich am besten ausruhen.

Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist. Vielleicht nur eine Freundschaft. Vielleicht auch mehr. Wenn es mir wieder besser geht, werden wir wieder zurück zu unseren Freunden ins Bräurosl. Danach wird der Abend zeigen, was noch zwischen uns passiert."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.