Der Noisey City-Guide

Frauenarzt und Taktloss haben uns ihr (West)-Berlin gezeigt

"Wir waren so frei von Faschismus, Sexismus, irgendwelchen Vorurteilen über Religion oder sonst was ... Wir waren Punker." – Der ultimative Stadtrundgang mit Frauenarzt & Taktloss.

von Nina Damsch
26 Mai 2017, 8:12am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

In unserer neuen Reihe "Der Noisey City-Guide" nehmen wir euch mit auf eine Stadtführung der besonderen Art. Denn einfach einen Stadtplan kaufen und sich in einen Touri-Bus setzen, das kann ja jeder. Bei unserer Stadtführung holen wir uns ganz besondere Experten ins Boot, die euch zeigen, wie ihre Heimatstadt wirklich tickt: Musiker.

Statt die bekannten Sehenswürdigkeiten und Attraktionen abzuklappern, zeigen unsere berühmten Stadtführer die Orte, die für sie die Stadt ausmachen. Ihre Stadt. Das können Orte sein, die für den Musiker oder die Bandgeschichte wichtig waren, der Ort, an dem der erste Song geschrieben wurde oder das Viertel, in dem man aufgewachsen ist. Oder aber auch einfach der Imbiss, bei dem es wirklich den besten Döner gibt. Auf diese Art lernt ihr bei unserem digitalen Rundgang nicht nur die altbekannten Städte ganz neu kennen, sondern macht zeitgleich einen Rundgang durch die Vergangenheit, Gegenwart – und vielleicht auch Zukunft – eurer Lieblingsmusiker. Denn wie schon Drake sagte: "All I care about is money and the City that I'm from."


Auch aus Berlin und auch musikalisch (fast) allen überlegen: Das Produzenten-Team KitschKrieg


In unserer ersten Ausgabe hat uns Maxwell von der 187 Strassenbande sein Hamburg gezeigt. Da aber aus Berliner Battlerap-Perspektive Hamburg der Feind ist, ist es nun durchaus angebracht, euch in der heutigen Ausgabe dorthin mitzunehmen, wo Rap cool wurde und bis heute cool geblieben ist: Westberlin, Biatch.

Und wer könnte uns da besser durch die Hauptstadt führen, als Frauenarzt und Taktloss, die heute dazu auch noch musikalisch vereint mit ihrem Kollabo-Album Gott Restdeutschland und der Welt zeigen, wo auf dem Globus der Battlerap-Hammer vergraben liegt. Viel Spaß.

Erste Station: Easydoesit-Headquater

Als erste Station unserer Stadttour bringt uns Frauenarzt in die heiligen Hallen des Easydoesit-Büros – Enstehungsort solch schöner Videos wie dem zu "Zieh dein Shirt aus", "Keine Wissenschaft/KKF" oder der zuletzt releasten Videos aus dem Gott-Album "Ich schwöre", "Jemand muss es tun" oder "Egal was du sagst".

"Eigentlich betrifft dieser Stop mehr mich als Taktloss", erklärt Frauenarzt. Mit verschränkten Armen steht er vor einem Konferenzraum, die schwarze Sonnenbrille, das schwarze Shirt und die tief ins Gesicht gezogene schwarze Cap heben sich von dem mit hellem Holz verkleideten Zimmer ab. Dr. Sex sieht sehr erhaben aus. Im Hintergrund lugen ein paar überdimensionale Brüste aus einem Regal, daneben das Bild eines wunderschönen Pferdehinterns, inklusive 3-D-Pferdeschwanz. Insgesamt wohl ein recht stimmiger Eindruck dessen, wofür die Produktionsfirma Easydoesit steht.

"Bei meinem Label Proletik sind Sebi und Chehad von Easydoesit integriert. Deswegen halten wir alle Besprechungen zu Visuellem, Graphischen, also Videobesprechungen, Cover-Designs, Logos etc. immer hier ab." Was er so an der Arbeit mit Easydoesit schätzt? "Ich mag vor allem die Arbeit mit Chehad", antwortet Frauenarzt, während er gedankenverloren am Nippel der Kunsttitte rumfummelt. Außerdem sind wir alle Berliner! Sie verstehen mich, ich verstehe sie, wir leben das hier."

Taktloss betritt das Büro. Es werden Busfahrergrüße (anerkennendes Kopfnicken) verteilt, teilweise auch Hände geschüttelt. Bevor wir unsere erste Station verlassen, deckt sich Frauenarzt noch mit ein paar T-Shirts ein und ich nutze die Gelegenheit, die Plastiktitten anzuprobieren, die übrigens aus dem "Ich Schwöre"-Video stammen. Sie fühlen sich warm, weich und hart zugleich an (Brustgewebe weich, Nippel hart). Ein sehr aufregendes Gefühl. Das Easydoesit-Gefühl? "Auf jeden", antwortet Arzt.

Zweite Station: Ticketverkauf Koka 36

Es geht raus in die brüllend heißen Straßen Berlin Kreuzbergs. Touristengruppen, Schul-schwänzende Teenager und die erwachsenen Versionen davon ("Ich hab da so ein Projekt") schieben sich auf dem Bürgersteig aneinander vorbei, mit ekelhaft guter Laune. Sogar Taktloss lässt sich zu einem Scherz über das One Truth-Piece hinreißen, vor dem sich gerade eine Touristengruppe um die 40 schart und über Streetart aufklären lässt. Selbstverständlich ist das hier nicht Taktloss' erster Halt, sondern der Ticketverkaufsladen Koka 36 einige Meter weiter. Ein Urgesteinsort der Oranienstraße.

"Immer wenn James Brown, Prince, Michael Jackson oder Tupac in der Stadt sind, kauf' ich hier meine Tickets", erklärt Taktloss, unauffällig neben einem Plakat stehend, das sein kommendes Konzert am 10.06 im Astra in Berlin ankündigt. Plötzlich kommt ein aufgeregter Mann aus dem Laden nach draußen gewuselt und erklärt Taktloss, dass "seine Fans scheiße sind". Offenbar bedienen sie sich gerne an den ausgehängten Plakaten. Er pflaumt ihn an, ihm neue Plakate zu geben. Taktloss keift undeutlich etwas zurück, wobei er immer wieder die Worte "24 Stunden" wiederholt (jedoch mit einem Lächeln im Gesicht). Er erklärt sich bereit, Peter – wie der aufgeregte Mann heißt – zwei Plakate zu geben, von denen er praktischerweise ein paar unter dem Arm gerollt dabei hat. Peter ist damit aber nicht zufrieden. "Gib mal lieber mehr, wenn die wiederkommen und Plakate wollen". "Die sollen zum Konzert kommen und da Plakate kaufen", entgegnet Taktloss. Peter akzeptiert zwei Plakate mit einem "Na gut, Chef" und alle sind mehr oder weniger so glücklich, wie es ihr Grundgemütszustand erlaubt.

Wir erklären Peter, dass er der erste Tourstop von Taktloss' Berlin-Führung ist, worauf er mit "alles andere wäre auch unverschämt" antwortet und die anschließende Frage, ob Taktloss denn ein gern gesehener Gast in seinem Laden ist, mit "Nee, gar nicht" beantwortet. "Er darf nur hier draußen stehen und meckern." Die beiden lächeln sich zu.

Seit 1989 gibt es den Laden schon und ungefähr genau so lange ist auch Peter schon hier – wobei wir das nicht genau sagen können, denn auf die Frage, ob er schon genauso lang hier arbeitet, antwortet er mit, "Seh ick etwa so aus?" Taktloss vertreibt seine Tickets ausschließlich über Koka 36 und ist laut Peters Aussage einer der wenigen Künstler, die noch regelmäßig persönlich vorbeikommen. "Wir sind einer der wenigen, die hier noch seit Anbeginn existieren. Wir kämpfen noch gegen die großen Monopolisten! Die Oranienstraße verändert sich. Was war das früher schön!", brüllt Peter gegen den Motorenlärm eines vorbeifahrenden BMWs an, woraufhin Taktloss antwortet: "Aber alles ändert sich. Entweder man geht mit der Zeit oder man geht weg". Wir gehen weiter zum nächsten Stop.

Dritte Station: Pizzy's by Moin

Jeder gute Reiseführer braucht Essensempfehlungen, also führt uns Taktloss zu Pizzy's. Wir nehmen auf den glühend heißen Bänken draußen Platz, die in Wechselwirkung mit meinen Oberschenkeln jede Wasserrutsche wie ein ausgetrocknetes Stück Sandpapier aussehen lassen würden und unterhalten uns über Konzerte. An ihr allererstes Konzert können sich weder Taktloss, noch Frauenarzt erinnern, dafür aber umso besser an zwei gemeinsame Shows, als Taktloss Frauenarzt als Backup-Rapper dabei hatte.

"Eine Parallele von uns beiden ist ja, dass wir beide keine Backup-Rapper haben", beginnt Frauenarzt zu erzählen. "Zwei Mal hat er [Taktloss, Anm. d. R.] mich jedoch mitgenommen und das hab' ich auch direkt total verkackt. Das eine Mal war ich stinkbesoffen und habe dann angefangen, eine Rede zu halten. Das andere Mal konnte ich keine Zeile mitrappen. Ich kannte die Songs schon. Nur irgendwie war mir nicht bewusst, dass ich die hätte auswendig lernen müssen. Dann habe ich nur so von hinten gehypt." Beide lachen.

"Was war das für 'ne Rede? Erinnerst du dich noch?", fragt Taktloss, was Frauenarzt erstmal absichtlich ignoriert. Auf mein Nachfragen, ob er sich denn nun erinnert, antwortet er, "Irgendwas ganz schlimmes. Irgendein Wirrwarr über die Musikindustrie", bevor Taktloss hastig einhakt: "Es war jedenfalls so, dass der Veranstalter, der das Konzert organisiert hat und außerdem auch das Splash! gemacht hat, daraufhin sagte: 'Nie wieder Taktloss'." Beide lachen. "Diese Veranstalter haben einfach keinen Humor. Die waren schockiert, die wussten gar nicht, was los ist. Die haben uns einfach nicht verstanden, die Idioten", erklärt Taktloss.

Frauenarzt pflichtet ihm bei: "Das war dieses Westberlin-Ding. Wir waren zu der Zeit einfach mega sick. Bogy hat das letztens ganz gut ausgedrückt. Wir waren so frei von Faschismus, Sexismus, irgendwelchen Vorurteilen über Religion oder sonst was, dass wir einfach alles gemacht haben, ohne zu überlegen, wie das jetzt rüberkommen könnte. Wir waren Punker." Jedenfalls war's das dann erstmal mit dem ganzen Backup-Rapper-Kram. Vermutlich besser so.

Vierte Station: Taggen4Life Shop

Weiter geht es zur Kosmetik und Fußpflege, denn Hygiene spielt eine wichtige Rolle in Frauenarzts Leben. Spaß, Späßle. Taggen4Life markiert die nächste Station unserer Stadtführung. Ein Laden im Herzen Tempelhofs, der selbige von Sprühern höher schlagen lässt und ein Stück HipHop-Geschichte ist. "Cente [Frauenarzt] kam damals hier vorbei, da sind wir noch zur Schule gegangen", erzählt mir der Ladeninhaber. "Hat damals gefragt, ob ich auch bei BC mitmachen will. Das war mir aber alles zu stressig. Ich hatte keine Lust auf Stress, wie die Jungs. Ich glaube mein genauer Wortlaut war damals: 'Nee lass mal, ich trink lieber meine Milch an der Hall und chill mit meinen Kanaken.'" Beide lachen herzlich.

"Wir wollten damals eine Riesen-Crew werden und haben an allen Ecken versucht, Leute, die was drauf haben, reinzuholen", erklärt Frauenarzt. "Das haben wir dann auch 'ne Zeit lang geschafft, wir waren damals so an die 200 Mann bei BC – und auch Frauen!" Wie man sich so ein BC-Vorstellungsgespräch wohl vorzustellen hat? "Das war richtig mit Probe!", erklärt Frauenarzt beflissen. "Die mussten an vier, fünf ausgewählten Orten, die wir ausgesucht haben, Action machen; ein Monster-Bombing da, dort dies und dann noch einen Train. So war das damals."

Fünfte Station: Das Proletik-Headquater

Ja, in der Proletik-Label-Zentrale sieht es so aus, wie ihr es euch vorstellt: Leicht bekleidete Frauen (siehe Bild oben), schickes Studio und jede Menge goldene- und Platin-Platten an den Wänden. Sogar einen eigenen Teich inklusive Sandstrand und märchenhafter Hintergrundgeschichte gibt es. "Der Teich wurde für die Hochzeit von Blümchen angelegt." Ja, die Blümchen. "Dem Mann, den sie geheiratet hat, gehört das alles hier. Sie wollte an einem Strand heiraten, also hat er ihr einen gebaut, inklusive Badeteich. Wir haben auch damals auf der Hochzeit gespielt, Manny Marc und ich." Eine schöne Geschichte und fast so passend, wie die des vorherigen Studios in der Germaniastraße. "Das war früher ein Puff, bevor wir da eingezogen sind. Wir haben da alte Gummis gefunden, Pässe von Prostituierten, die die in den Blumenkästen stecken gelassen hatten". Vom Puff zum Privatstrand – die Proletik-Transformation.

Hier ist auch das Gott-Album entstanden, "in einer Art Trance-Zustand", wie Frauenarzt erzählt. "Kennst du das, wenn du irgendwann an so 'nen toten Punkt gelangst? Beim Gott-Album haben wir das echt radikal gemacht. Auch wenn wir inzwischen lieber tagsüber aufnehmen – wir haben inzwischen ja auch ein paar Jahre auf dem Buckel – saßen wir fast immer bis in die frühen Morgenstunden dran. Wenn du dann diesen toten Punkt überschritten hast, dann hast du so 'ne Art Rausch. Wenn du das kreativ im Studio zu nutzen weißt, dann kommen da manchmal die lustigsten und verrücktesten Sachen bei raus. Das hört man dem Album auch an. So diese sunny Side und dann dieses grimige, was du nur nachts machst, wenn du völlig verballert bist." Und so schufen Frauenarzt und Taktloss auch Gott. Und wenn man Arzt so in seinem schwarzen Chefsessel mit den goldenen Platten an der Wand um die Wette strahlen sieht, dann kann man wohl jetzt schon sagen: Und sie sahen, dass es gut war.


***
Gott von Frauenarzt und Taktloss ist ab dem 25. Mai 2017 überall erhältlich. Ihr könnt das Album HIER oder HIER käuflich erkaufen.

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