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Hauptsache "unbefleckt": Das gefährliche Geschäft mit Jungfernhäutchen

Die Hymenalrekonstruktion soll Frauen ermöglichen, jungfräulich in die Ehe zu gehen. Der Eingriff ist nicht nur für die Patientinnen ein Risiko, sondern auch für die behandelnden Ärzte.

von Franziska Knupper
28 Februar 2017, 10:15am

Photo by Unsplash via Pexels

"Die Frauen tun mir immer sehr leid. Sie stehen unter einem immensen Druck von Seiten der männlichen Familienmitglieder und haben Angst, verstoßen oder im schlimmsten Fall Opfer von schwerer körperlicher Gewalt bis hin zum Mord zu werden." Frau Dr. Walter* macht eine Pause. Seit mehreren Jahren nimmt die Fachärztin für plastische und ästhetische Chirurgie Patientinnen an, meist junge Frauen muslimischen Glaubens, die sich eine Wiederherstellung des Jungfernhäutchens wünschten. (Jungfräulichkeit genießt im Islam hohes Ansehen, der Koran verbietet außerehelichen Geschlechtsverkehr in Sure 17.) Auf Gegenliebe stößt sie damit nicht überall, Drohungen gehören zum Alltag. Deswegen möchte sich die Ärztin nicht unter ihrem richtigen Namen zum Thema äußern.

Eigentlich gehört der Eingriff gar nicht in ihr Repertoire, sagt Walter, und natürlich sei eine solche Operation medizinisch alles andere als notwendig. Doch die Familie erwartet den Blutfleck auf dem Laken in der Hochzeitsnacht. Die Betroffenen stehen meist kurz vor der Heirat, haben jedoch vorher Sex gehabt. Manche kommen sogar in Begleitung des Freundes, erinnert sich die Chirurgin. Das Paar steckt dann gemeinsam in der Klemme. Natürlich könne man sich auch einfach mit einer Nadel in den Finger piksen, überlegt die Ärztin, "aber irgendwie wünschen sie sich wohl, die Sache 'richtig' zu machen".

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Die sogenannte Hymenalrekonstruktion, wie sich der Eingriff im Fachjargon nennt, kann ambulant durchgeführt werden und dauert gerade mal eine halbe Stunde. Wenn möglich werden Reste des Hymens für die Operation eingesetzt. Es wächst dann sehr schnell nach und beinhaltet sogar Blutgefäße, die dann auch die gewünschte Blutung beim "ersten" Geschlechtsverkehr nach sich ziehen können. Das ist jedoch nicht garantiert: Das Hymen ist eine dünne Membran, die die Öffnung der Vagina teilweise verschließt. Aber eben nur teilweise. Und auch das variiert von Frau zu Frau.

Es gibt Frauen, die trotz ihrem ersten Mal noch ein Hymen besitzen. Und auch Frauen mit gerissenem Hymen, die noch nie Sex hatten. Die Vorstellung, dass es wie ein 'Tor den Eingang' blockiert und der Mann es durchstoßen muss, ist falsch und Überbleibsel einer patriarchalischen Vorstellung des Sexualaktes. Das Hymen muss nicht zwangsläufig beim Geschlechtsverkehr einreißen und daher muss es auch trotz Rekonstruktion niemals zu einer Blutung kommen.

Laut einer Datenerhebung durch Profamilia aus dem Jahre 2013 blutet etwa die Hälfte der Frauen beim ersten Geschlechtsverkehr nicht. Es handle sich um einen lang weitergegebene Mythos rund um das Thema der Jungfräulichkeit, schreibt die Organisation in ihrer Stellungnahme. "ÄrztInnen, die mit dem Anliegen einer Hymenalrekonstruktion konfrontiert werden, geraten in den Konflikt, einerseits die Frauen einem unnötigen Eingriff auszusetzen und zur Aufrechterhaltung von Mythen und frauenfeindlichen Haltungen beizutragen, andererseits aber damit schwerwiegende negative Konsequenzen für die Frau vermeiden zu können." Die meisten Patientinnen befürchten, dass sie aus der Familie ausgestoßen würden, wenn ihre sexuelle Vergangenheit bekannt würde, bestätigt auch Walter. Das sei der Grund gewesen, warum sie solche Operationen akzeptiere. Wenn die Frau geschützt werden müsse, sei der Eingriff medizinisch vertretbar. Ihr Lohn ist die Dankbarkeit ihrer Patientinnen.

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Weniger dankbar zeigen sich hingegen häufig ihre Familien. "Manchmal ruft ein aufgebrachter Bruder oder Cousin an und will wissen, was los ist. Auch wir begeben uns damit in Gefahr". Ihre Kolleg_innen und sie haben Angst bekommen und auch "die Mädchen kommunizieren mit mir über mehrere Geheimnummern. Sie kommen auf Umwegen zu uns". Der Druck sowohl auf Seiten der Ärzte als auch der Betroffenen ist immens. Im Rahmen einer Studie der Niederländischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie gaben mehr als zwölf Prozent der Frauen an, sie befürchteten einen "Ehrenmord" und rund sechs Prozent erzählten von einem Suizidversuch infolge der verlorenen Jungfräulichkeit. Dabei muss man betonen, dass ein volles Drittel aller Betroffenen ihre Jungfräulichkeit nicht einvernehmlich, sondern durch Vergewaltigung und Nötigung verloren hatte.

Von 2007 bis 2009 wurden an zwei Amsterdamer Kliniken 82 Frauen, die sich eine Hymenrekonstruktion wünschten, während des gesamten Prozesses begleitet. Ziel war es, einen Leitfaden zu etablieren, der Ärzten bei der Vorgehensweise in solchen Fällen hilft. Er sieht ganze vier Sitzungen vor, bevor die Operation durchgeführt werde. Grund dafür ist, dass mehr als die Hälfte der Studienteilnehmerinnen keinerlei Wissen über die weiblichen Geschlechtsorgane und falsche Vorstellungen über das Hymen hatten. Darunter auch die weitverbreitete Vorstellung, dass es eine Membran sei, die die Vagina komplett verschließt. Ein Grund für die Angst: der Mann könne "spüren", ob die Frau noch Jungfrau sei oder nicht.

Dass jungen Frauen in einer derart schwierigen Lage geholfen werden muss, ist für beteiligte Ärzte klar. Die Lösung muss allerdings nicht zwingend ein medizinischer Eingriff sein. Im Rahmen der Studie wurde den Frauen beispielsweise die Möglichkeit offeriert, willentlich die Muskeln des Beckenbodens anzuspannen, um "Enge" zu erzeugen. Sie erhielten außerdem das Angebot, ein Röhrchen mit eigenem ungerinnbar gemachten Blut zu bekommen, das sie heimlich auf das Laken tröpfeln können. Weitere Optionen sind eine durch Pilleneinnahme terminierte Blutung oder ein Vaginalzäpfchen, das roten Farbstoff enthält und vor dem Geschlechtsverkehr in die Vagina eingeführt wird.

Foto: Internet Archice Book Images | Flickr | No known copyright restrictions

Das funktioniert allerdings nicht immer. Da einigen Frauen eine Untersuchung der Jungfräulichkeit bei einem Arzt oder einem Angehörigen im Herkunftsland angedroht wird, wünschen sich manche ein sogenanntes "Jungfräulichkeitszertifikat" erzählt Dr. Walter. Dr. Michael P. Lux von der Frauenklinik in Erlangen kann davon ein Lied singen: "Einmal stand nachts eine ganze Hochzeitsgesellschaft vor mir auf dem Krankenhausflur und wollte, dass ich ihnen durch eine Untersuchung bestätige, dass die Braut noch Jungfrau ist", erinnert sich der leitende Oberarzt der Gynäkologie. "Ich habe die Frau dann mit in mein Behandlungszimmer genommen, alle anderen Angehörigen nach draußen geschickt und mich einfach kurz mit ihr unterhalten. Nach fünf Minuten Gespräch habe ich verkündet, dass die Tochter noch Jungfrau sei". Dass er als Arzt gar nicht zweifelsfrei feststellen kann, ob eine Frau noch Jungfrau ist oder nicht, spielte in dem Moment keine Rolle. Er wolle sich in solche Dinge nicht einmischen, betont Lux, aber in dem Moment sei seine Aufgabe als Arzt einfach gewesen, das Mädchen vor möglichen Gefahren zu schützen.

Man müsse sich jedoch leider auch selbst schützen, findet Frau Dr. Walter. Deswegen weiß sie noch nicht, wie lange sie die Mädchen noch annehmen wird. Die Nachfrage und die Verzweiflung sind groß. Medizinische Internetforen sind voll von Hilfesuchenden, die entweder nach Zertifikaten für die Schwiegereltern fragen oder einen diskreten Chirurgen suchen. Ärzte können auf diesem Weg anonym mit den Betroffenen in Kontakt treten. Dr. Walters Patientinnen haben damals ihren Weg in die Praxis durch eine Sozialarbeiterin aus Somalia gefunden, die selbst in Behandlung bei Walter war. Sie war Opfer der Genitalbeschneidung in ihrem Heimatland und hatte sich in der Praxis einer Rekonstruktion der Genitalien unterzogen. Gerade in den letzten Jahren seien es immer mehr Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern gewesen, die sich eine solche Behandlung wünschten. Dr. Walter behandelt sie stets auf ehrenamtlicher Basis.

Das gilt jedoch nicht für alle Anbieter in der Branche. Betroffenen müssen außerdem aufpassen, dass sie nicht an die falschen Ärzte geraten. Profamilia warnt davor, dass besonders Privatpraxen, die Patientinnen aus Profitgründen annehmen, mehrere Tausend Euro pro Operation verlangen und gar nicht erst versuchen, den Betroffenen von der Operation abzuraten. Jeder medizinische Eingriff habe Risiken, erinnert auch Dr Lux. Vernarbungen, Empfindungseinschränkungen, Infektionen und Verwachsungen können alle durch eine nicht sachgerechte Operation verursacht werden. In den Schleimhäuten im Genitalbereich enden so viele sensible Nerven wie in kaum einer anderen Körperzone. Außerdem gibt es für die Rekonstruktion des Jungfernhäutchens noch kein verbindliches Operationsverfahren. Bisher lernen sich die Ärzte gegenseitig an.

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Laut Lux sollten Patientinnen daher unbedingt darauf achten, dass sie sich von einem Facharzt oder von einem plastischen Chirurgen mit nachweisbarer Erfahrung behandeln lassen. Da die Berufsbezeichnung des Schönheitschirurgen in Deutschland nicht geschützt ist, kann sich jeder Arzt ohne fachliche Expertise diesen Titel auf das Klingelschild schreiben. Der niederländische Leitfaden sieht deshalb vor, einen operativen Eingriff bis zum letzten Moment zu vermeiden. Mit Aufklärung könne man viele Verzweifelte überzeugen, dass es andere Wege gibt.

Vielleicht sollte man außerdem daran erinnern, dass selbst die erste Gefährtin des Propheten Mohammeds keine Jungfrau, sondern eine verwitwete Frau war.


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