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“Wir sind nicht gleich, aber wir sind eins“: Warum wir gegen Trump demonstrieren

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Women's Marches von Sidney bis Berlin erzählen, wieso es genau jetzt wichtig ist zu rebellieren.
23.1.17
Foto: imago | IPON

Über eine Millionen Menschen demonstrierten am Samstag in den Vereinigten Staaten, um für Frauenrechte und Geschlechtergleichheit einzutreten – was den Women's March zum größten Protest nach dem Antritt eines neuen Präsidenten in der Geschichte der USA macht. (Egal, was Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway behauptet, das ist ein unverkennbarer Fakt, nicht die „alternative Wahrheit", die das Team des Präsidenten gerne kommuniziert.) Die Frauen und Männer, die zu diesem historischen Ereignis beigetragen haben, waren allerdings nicht allein.

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Der Protestmarsch mag ursprünglich vielleicht nur für Washington DC geplant gewesen sein, Ableger des Women's March fanden aber in nahezu jeder Zeitzone statt. In 75 Ländern auf allen Teilen des Globus fanden Solidaritätsveranstaltungen statt, was die Aktion zu einem 24-stündigen Protest gegen Unterdrückung und Diskriminierung machte. Organisatoren schätzen, dass global rund 4,6 Millionen Menschen an den Women's Marches teilgenommen haben. Laut USA Today soll es sich um mehr als 2,5 Millionen Menschen weltweit gehandelt haben.

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Wir waren in sechs verschiedenen Ländern bei den Protestmärschen dabei und haben mit den Leuten gesprochen, die auf die Straße gegangen sind, um ihre Schwestern in Amerika zu unterstützen.

BERLIN

Fotos und Interviews von Maansi Jain

Christine (links) aus Irvine, Kalifornien, USA
Ich finde Trumps Haltung gegenüber den Rechten von Menschen mit Behinderung und die Kürzungen, die er machen wird, nicht in Ordnung. Außerdem bin ich schwanger, was mir wirklich umso wütender macht, weil ich mich auf Obamacare verlassen habe und weiß, dass sich auch viele meiner Freunde darauf verlassen. Es wird jetzt vermutlich alles ganz schnell gehen und das ist äußerst beängstigend.

Birgit, 58, aus Berlin, Deutschland
An die Frauen: Ihr seid nicht allein und das Problem existiert auch nicht nur in den Staaten. Ich kämpfe seit 40 Jahren für die Rechte von Frauen und gehe dafür auf die Straße. Wir dürfen weder ihm noch irgendwem sonst erlauben, dass wir [mit unseren Rechten] einen Schritt zurück machen. Wir sind schon so weit gekommen und wollen noch weiter voran kommen. Sexismus ist auch ohne Donald Trump ein Problem. Er macht ihn nur salonfähig.

Abeni aus Santa Ana, USA
Ich lebe hier und arbeite als Physikerin in einem überwiegend männerdominierten Beruf. Ich möchte den Frauen in Amerika sagen: Ihr schafft das. Wir müssen nur zusammenstehen und einander unterstützen. Diese Demonstration zeigt, dass sie die Unterstützung aus allen Ecken der Welt haben. Die meisten Deutschen hassen Trump und sie sagen mir das meist unmittelbar, nachdem ich ihnen erzähle, dass ich Amerikanerin bin. Wir werden die gläserne Decke zum Einsturz bringen. Sie hat bereits ziemlich viele Risse bekommen – von Hillary und von Michelle und allen anderen vor uns. Das ist nur ein kleiner Rückschlag und wir werden auch dieses Problem lösen.

Firna, 22, aus Indonesien
Es ist eine sehr schwierige Zeit. Ich glaube, dass es wichtig ist, zusammenzustehen. Der Zusammenhalt ist wichtiger als unsere Unterschiede. Wir stehen hinter den [amerikanischen Frauen], egal woher wir kommen. Sie stehen in diesem Kampf gegen Hass und die Behauptungen von Trump zwar an der Front, aber wir stehen hinter ihnen.

TORONTO

Interviews von Sarah Hagi, Fotos von Jake Kivanç

Kate aus Guelph, Kanada
Es hat sehr viel Apathie geherrscht und ich glaube, jeder ist gerade einfach nur fassungslos darüber, wie Rassismus und Frauenfeindlichkeit, von denen wir gedacht haben, dass es sie so gar nicht mehr gibt, in den USA ans Licht kommen. Wir sind hier, um uns dagegen aufzulehnen, deshalb habe ich auch meine Familie mitgebracht. Ich möchte meinen Söhnen zeigen, dass es eine bessere Welt geben kann. Ich bin hier, um für Gleichberechtigung, Liebe und einen friedlichen und netten Umgang miteinander einzutreten. [Ungleichheit] gibt es überall und die Wahl von Trump hat sie offen gelegt. Das ist mein erster Protestmarsch und ich hatte das Gefühl, dass es in meiner Verantwortung liegt, hier mitzulaufen.

Zack aus Toronto, Kanada
Ich bin hier, weil es meiner Meinung nach wichtig ist, zumindest Trudeau gegenüber zu kommunizieren, dass wir uns gegen die Entwicklung in den Staaten auflehnen sollten. Ich bin aus vielen Gründen hier, aber keinem spezifischen. [Die konservatischen kanadischen Politiker Kelly Leitch und Kevin O'Leary] machen mir Sorgen, aber ich hoffe, dass unser Wahlverfahren, das anders ist als der Amerikaner, uns vor so einem Ergebnis schützt.

Grrrl Justice Toronto
Es ist wichtig, dass wir Kanadier verstehen, dass die Probleme, um die es bei dem Marsch in Washington geht, nichts neues sind. Diese sozialen Ungerechtigkeiten bestehen seit Hunderten von Jahren. Als Grrrrl Justice sind wir hier, um über immer noch existenten Rassismus, Sexismus, Kolonialismus und Ableismus zu sprechen – all diese Unterdrückungsmechanismen haben miteinander zu tun und beeinflussen das Leben von Frauen. Die Art von Rhetorik, die wir aus den USA hören, gibt es auch bei uns in Kanada und schlägt sich auf verschiedene Arten wieder. Unser Premierminister hat gerade erst ohne die Einwilligung der indigenen Bevölkerung mehrere Pipeline-Deals unterzeichnet.

Mary (links) aus Toronto, Kanada
Ich halte es für wichtig, dass wir heute alle als Frauen hier sind. Wir sind hier, um gegen Trump und Menschen, die sich wie er verhalten, zu kämpfen. Menschen, die Frauen nicht respektieren wollen – egal auf welche Art und Weise. Ich trommle heute auch und die Gruppe, mit der ich das tue, engagiert bei allem, was mit sozialer Gerechtigkeit zu tun hat. Ich bin auch hier, um Black Lives Matter zu unterstützen. Wir wehren uns gegen jede Form von Unterdrückung.

AMSTERDAM

Interviews von Aysha van Gorp, Fotos von Frederieke van der Molen

Mees und Paloma, 16, aus Amsterdam, Niederlande
Mees: Ich hoffe wirklich, dass unsere Welt in der Zukunft ein Ort wird, an dem meine Kinder in Frieden und ohne Angst aufwachsen können. Hoffentlich fangen die Menschen wieder an, sich gegenseitig zu lieben und verbreiten Liebe an jede lebende Kreatur auf dieser Erde, statt Hass. Die Leute müssen einfach begreifen, dass es unserem Planeten nicht gut geht und wir wirklich etwas deswegen unternehmen müssen.

Paloma: Da stimme ich dir zu. Ich bin die Art von Person, die zu Demonstrationen geht, weil sie möchte, dass ihre Stimme gehört wird. Insbesondere in dieser Welt, wo die Regierung die ganze Macht hat, möchte ich, dass sich das ändert. Die Menschen müssen sich Gedanken darüber machen, was in dieser Welt passiert und wie wir unsere Stimme dazu nutzen können, um etwas zu ändern. Deswegen laufe ich hier mit.

Linda, 21, aus Breda, Niederlande
Ich bin eine Jugendsprecherin für CHOICE for Youth and Sexuality, eine Organisation, die sich für die Jugend und sexuelle Gesundheit auf der ganzen Welt einsetzt. Der Hauptgrund, aus dem ich hier bin, ist allerdings, dass unsere Welt immer rassistischer wird. Ich bin eine schwarze Muslimin. Ich marschiere für die Minderheiten, weil jeder es verdient, respektiert zu werden. Ich hoffe, dass wir durch diese weltweiten Proteste gehört werden und jede Minderheit den Respekt bekommt, den sie verdient. Und ja, es gibt Menschen wie Trump oder [den rechten niederländischen Politiker Geert] Wilders, über die wir uns Sorgen machen sollten – aber wir dürfen trotzdem nicht vergessen, dass jeder das Recht hat, die Person zu sein, die sie sein möchte. Wir sind nicht gleich, aber wir sind eins.

Nina, 26, aus Amsterdam, Niederlande
Im vergangenen Jahr hatte ich das Gefühl, dass es zwischen den Leuten sehr polarisiert und sehr viel Negativität herrscht. Das ist etwas, was ich für diese Welt nicht möchte, deswegen bin ich hier mit meinem positiven Schild und meiner positiven Ausstrahlung [Meine größte Angst ist], dass die Verbindung zwischen den Menschen wegen all dem Hass auf der Welt verschwindet und sie gegeneinander aufgebracht werden. Dass es kein Verständnis mehr füreinander gibt.

LONDON

Emily, 18
Ich glaube an die Demokratie – auch wenn das Ergebnis der Wahlen wirklich beschissen war. Ich glaube aber auch, dass wir nicht einfach rumstehen und zusehen können, wie so etwas passiert. [Die Wahl von Donald Trump ist] wirklich traurig. Er ist schrecklich und tragisch. Es ist, als würde man einem Land dabei zusehen, wie es sich selbst zugrunde richtet. Sie brauchen unsere Unterstützung. Wir mussten die Vagina [das Geschäftsviertel in der] Oxford Street entlang tragen und sind auf wirklich positive Reaktionen gestoßen. Wir hatten nur zwei Leute, die gesagt haben: "Das gehört sich nicht" oder "Haut ab." Aber naja, egal!

Chrystal, 21, aus Washington DC, USA
[Meine Botschaft an die Amerikaner wäre]: Steht über der Engstirnigkeit. Es ist leicht, dem Hass zu folgen, aber man muss sich selbst immer daran erinnern, dass es da draußen auch gute Menschen gibt und dass im Grunde alle Menschen von Natur aus gut sind – nur das Schlechte, das ihnen zustößt, lässt sie schlecht werden.

John, 80, aus London, Großbritannien
Meine Mutter wurde 1896 geboren. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet. Sie hat für andere gearbeitet und auf Kinder aufgepasst. Sie war kein besonders glücklicher Mensch und auch unglücklich verheiratet. Wenn ich mich heute umsehe und meine Schwestern ansehe, dann glaube ich, dass sie schon sehr viel mehr Rechte haben, aber wir haben dennoch noch einen weiten Weg vor uns. Es gibt nach wie vor ganz grundlegende Fragen hinsichtlich der Rechte und der Bezahlung von Frauen. Es gibt noch immer eine unwahrscheinliche Diskrepanz. Ich meine, sieh dich um und schau dir deine eigene Familie an: Wer macht die ganze unbezahlte Arbeit, wie auf die Kinder aufzupassen und das Haus zu putzen? Von wem wird erwartet, dass er immer emotionale Unterstützung leistet? Wer trägt all diese Bürden?

Anabel, 25, aus Bristol, Großbritannien
Wir werden die Europäische Union verlassen und ich glaube, dass das eine der letzten Gelegenheiten sein wird, um unsere Sorgen darüber zum Ausdruck zu bringen, in welche Richtung sich die Welt im Moment bewegt. Ich bin hier, weil ich einen amerikanischen Freund habe, der hier lebt und wir zeigen wollen, dass wir die Menschen in den USA unterstützen und dass wir hinter ihnen stehen werden. Ich glaube [die britische Premierministerin Theresa] May wird die EU verlassen und eine besondere Beziehung mit Trump anstreben. Deswegen sind wir hier, um zu sagen: "„May: Wir werden nicht aufgeben, wir werden das nicht einfach so geschehen lassen."

SYDNEY

Fotos und Interviews von Sean Foster

Belle, 39, mit ihren Töchtern, Misha und Elsie aus Syndey, Australien
Die Geburt meiner Töchter und das Muttersein hat mir wirklich die Augen geöffnet. Ich bin mir der Bedeutung von Frauenrechten sehr viel bewusster geworden. In meinen Augen sind Menschenrechte und Umweltfragen eng miteinander verbunden. Wir müssen zusammenstehen, um zu zeigen, in was für einer Welt wir leben wollen – und als Mutter von zwei Mädchen geht es für mich auch darum, wilde, starke und überzeugte Frauen zu erziehen, die ihre Meinung und ihre Visionen zum Ausdruck bringen können.

Latch, 35, aus Brisbane, Australien
Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Veränderung wird nicht über Nacht geschehen: Häusliche Gewalt und andere Probleme werden nicht mit einem Mal aufhören. Jeden noch so kleinen Schritt, den wir auf globaler Ebene tun können, hilft. Alles ist besser, als zu Hause zu sitzen, fernzusehen und darüber nachzudenken, wie gern du etwas tun würdest. Frauen in Amerika, bleibt stark! Macht euch keine Sorgen über die Wahlergebnisse und alles, was passiert ist. Wir sind mächtiger, als wir es uns bewusst sind.

Paige aus Santa Monica, USA
Auf der einen Seite meines Schilds steht: "Pussy grabs back!" Auf der anderen Seite steht: "Resist!" Das sagt schon alles. Ich glaube, wir müssen uns hinstellen und etwas tun – auch wenn es nur kleine Ziele sind. Ich kann mich sogar vor Skype setzen und Senatoren in den USA anrufen. Das ist sehr viel einfacher, als man denkt. […] Die Menschen und auch Australien sind eingeschlafen, aber jetzt wird es Zeit für uns aufzuwachen und etwas zu tun. Wir können etwas verändern. Jede Medaille hat zwei Seiten. Man kann in den USA mit Trump und den Protesten und all dem bereits sehen, dass etwas passiert. Steht zusammen, leistet Widerstand und liebt euch.

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Titelfoto: imago | IPON