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Die Geschichte von Jungfrauen in der Kunst

Von alten Mythologien über die Jungfrau Maria bis hin zu Britney Spears und Komödien wie ‚Superbad‘—Jungfräulichkeit war schon immer ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft.

von Lakeisha Goedluck
08 Juni 2016, 7:05am

Foto: Jorge Gonzalez | Flickr | CC BY-SA 2.0

Im Jahr 2002 beschrieb der Telegraph Britney Spears als „die vermeintlich keusche Königin der Popmusik." Der Beginn des neuen Jahrtausends war von Spekulationen darüber geprägt, ob die Sängerin nun tatsächlich eine Jungfrau oder—wie sie selbst andeutete—doch nicht so ‚unschuldig' war. PR-Taktik hin oder her, grundlegend war es den meisten dann aber doch ziemlich egal.

Die Darstellung von Jungfrauen in der Kunst war jedoch nicht immer so offen und akzeptiert. In der westlichen Kultur wurden jungfräuliche Frauen in der Literatur, in Gemälden, Skulpturen oder Filmen entweder idealisiert oder abgestraft—was oftmals in direkter Verbindung mit dem vorherrschenden gesellschaftlichen Denken steht. Wie Hanne Blank, Autorin des Buchs Jungfrau: Die unberührte Geschichte schreibt: „Wir leben in einer Kultur, in der uns immer noch das Verständnis für die Mehrdeutigkeit von Sexualität oder Moral fehlt—und bei Jungfräulichkeit geht es um beides."

Von der Mythologie bis zur Jungfrau Maria

In der alten griechischen Kultur wurde Jungfräulichkeit als eine der höchsten Tugenden betrachtet. So gibt es in der griechischen Mythologie drei jungfräuliche, olympische Göttinnen: Artemis, Athene und Hestia. Artemis soll dem Kinderkriegen abgeschworen haben, nachdem sie ihrer Mutter dabei geholfen hat, ihren Zwillingsbruder Apollon zur Welt zu bringen. Athene dagegen konnte Kinder „aus ihren Gedanken gebären." Für sie war die Vereinigung zweier Geister eine reinere Form der Liebe, als die körperliche Verbindung. Deshalb schenkte sie den sterblichen Männern, die sie liebte, halbgöttliche Kinder durch mentale Empfängnis.

Hestia wurde sowohl von Apollon als auch von Poseidon begehrt. Doch um einen Streit zu verhindern, wies sie beide zurück und verschrieb sich selbst dem jungfräulichen Leben. Alle drei Frauen erscheinen im Werk des Epikers Homer. Ihre römischen Äquivalente (Diana, Minerva und Vesta) erscheinen gleichzeitig in der Literatur von Ovid. Von der Jagd bis hin ihrer Weisheit—ihre Jungfräulichkeit machte sie unglaublich mächtig.

„Hestia voller Gnaden" aus dem 6. Jahrhundert nach Christus. Bild: Doktor Faustus | Wikimedia Commons | Public Domain

Auch spätere Zivilisationen verehrten die fiktionalen Göttinnen durch verschiedene Formen der Kunst. Im sechsten Jahrhundert nach Christus wurde in Ägypten ein Wandteppich angefertigt, der die Hestia Polyolbos, also die „Hestia voll der Gnaden" zeigt. Es gibt zudem auch zahlreiche Statuen zu Ehren von Athene wie die Athena Mattei im Louvre in Paris, ein römisches Replikat der griechischen Originalstatue, der Athene von Piräus, die aus dem vierten Jahrhundert vor Christus stammt.

Natürlich gibt es noch eine andere jungfräuliche Ikone, deren Abbild man in den Hallen des Louvre bewundern kann: Die Jungfrau Maria, unter anderem auch bekannt als „Heilige Maria", „Mutter Gottes" und „Heilige Jungfrau Maria". Bis ins 18. Jahrhundert war sie die mit Abstand am häufigsten dargestellte weibliche Figur der Kunst—vom mittelalterlichen Byzanz bis hin zu Leornado da Vincis Felsengrottenmadonna von 1486. Und auch heute hat ihr Bild noch einen großen Einfluss auf die Kunst. Maria ist ein Sinnbild der christlichen Religion und hat Mädchen wie auch Frauen seit jeher als unerschütterliches Rollenvorbild gedient—was auch erklärt, warum die westliche Welt im Laufe der Jahrhunderte so beschäftigt damit war, Abbildungen von ihr anzufertigen.

Die Felsengrottenmadonna. Bild: Trzesacz | Wikimedia Commons | Public Domain

Shakespeares unterwürfige, aber auch ziemlich unzüchtige Damen

Im 16. Jahrhundert beschäftigte sich Shakespeare eingehend mit der Vorstellung, Jungfräulichkeit sei eine gesegnete Eigenschaft. Seine weiblichen Charaktere führen uns vor, was es hieß, eine Jungfrau in der damaligen patriarchalen, englischen Gesellschaft zu sein. Ophelia in Hamlet repräsentiert wohl das Urbild einer unterwürfigen Frau: Sie gehorcht den Wünschen ihres Liebhaber und ihres Vaters, selbst wenn das bedeutet, dass sie irgendwann zwischen die Fronten gerät. Zudem rät ihr ihr Bruder Laertes, sich vor vorehelichem Sex zu hüten und warnt sie: „Es nagt der Wurm des Frühlings Kinder an / Zu oft noch, eh die Knospe sich erschließt." (Was so viel heißt wie: wenn eine Frau keine Jungfrau mehr ist, dann haben die Typen kein Interesse mehr an ihr.)

Gleichzeitig sind Shakespeares Jungfrauen aber auch ziemlich durchsetzungsfähig. Obwohl die 14-jährige Julia etwas später dann doch mit ihrem Geliebten Romeo im Bett landet, lässt sie ihn mit seinen Avancen zunächst abblitzen, indem sie geradeheraus fragt: „Und was für eine Befriedigung kannst du noch verlangen?"

Der Dramatiker hat auch Queen Elizabeth I. in ähnlicher Weise porträtiert. Nach ihrem Tod hält er in King Henry VIII eine Lobrede auf die Königin: „Doch sterben muß sie / Sie muß, die Heilgen wolln sie: doch als Jungfrau / Als fleckenlose Lilie senkt man sie / Hinab zur Erd, und alle Welt wird trauern." In ihrer Rolle als jungfräuliche Königin verbindet sie Reinheit mit Dominanz.

Ein Porträt von Queen Elizabeth I. aus dem 16. Jahrhundert. Bild: Buchraeumer | Wikimedia Commons | Public Domain

Jungfräuliche Eroberungen in der Filmgeschichte

Jungfräulichkeit und der Umstand, „sie zu verlieren" sind seit den 80ern immer wieder Thema von diversen Teenie-Kultfilmen. „Was die Regisseure dazu inspiriert, ist die Tatsache, dass die Jungfräulichkeit eine zentrale Rolle im Leben eines Teenagers spielt. Daher eignet sich das Thema sowohl für Dramen als auch für Komödien", erklärt uns der amerikanische Filmwissenschaftler Tim Shary. Ob in Larry Clarks knallhartem Klassiker Kids, in dem Telly mit Jungfrauen schläft, weil sie „sauber" sind, oder in der Geschichte um die verwirrende und provokante Beziehung des 48-jährigen Lester und der Schülerin Angela in American Beauty—weibliche Jungfrauen scheinen bis heute als „Beute", die es zu erlegen gilt, zu gelten.

Das steht in direktem Kontrast zur Darstellung männlicher Jungfräulichkeit (man muss nur mal an American Pie und Superbad denken). Wie Shary erklärt, „gibt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern, der durch unsere patriarchale Gesellschaft beeinflusst wird, z.B. sind Jungen angeblich öfter geil und Mädchen müssen immer unschuldig sein. Es werden kaum Mädchen gezeigt, die sexuelle Wünsche äußern—nicht einmal, wenn sie einen Freund haben wollen."

„Weil ihr Interesse angeblich allem voran der Romanze gilt, werden jungfräuliche Mädchen als moralisch rechtsschaffen betrachtet, selbst wenn man ihnen vorwirft, prüde zu sein. Jungfräuliche Jungen dagegen werden ab einem bestimmten Alter als unglücklich oder verzweifelt dargestellt."

Natürlich gibt es auch zu dieser Regel Ausnahmen. In Sophia Coppolas The Virgin Suicides (basierend auf dem gleichnamigen Buch von Jeffrey Eugenides) geht es um die Lisbon-Schwestern, die von ihren zutiefst religiösen Eltern unterdrückt werden und anfangen, eine Gruppe von High-School-Jungs zu bezirzen. Zwischen zweideutigem Zuzwinkern und dFüßeln unter dem Esstisch der Familie, schafft es eine der Schwestern, Lux (Kirsten Dunst), tatsächlich ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, in dem sie ihren Schwarm Trip (Josh Hartnett) verführt. Spoiler Alert: Der Film geht trotzdem nicht gut für sie aus. Die Protagonistin Joe (Charlotte Gainsbourg) in Lars von Triers Nymphomaniac stellt einen noch ungewöhnlicheren Filmcharakter dar: Nachdem sie ihre Jungfräulichkeit während einer enttäuschenden Begegnung mit Shia LaBoef in der Rolle von Jerôme verloren hat, führt sie ein zügelloses Leben voller Affären.

Die letzte Überlebende im Horrorfilm

Ein Klischee aus Horrorfilmen ist: Die Jungfrau überlebt immer. Seit Jamie Lee Curtis als Laurie Strode 1978 in dem ersten Film der Halloween-Reihe auftrat, lebt die Tradition, dass ein sexuell moralischer Charakter nicht ermordet wird, während seine promiskuitiven Freunde dagegen zu Dutzenden abgeschlachtet werden. In ihrem Buch Männer, Frauen und Kettensägen: Gender in modernen Horrorfilmen beschreibt Carol J. Clover die Figur der „letzten Überlebenden." Sie behauptet, dass das jungfräuliche Mädchen als moralisch unantastbar gilt, sodass sie nicht bestraft werden kann und somit am Ende die Einzige ist, die die Macht hat, den männlichen Killer zu besiegen.

Als 1996 Wes Cravens Scream rauskam, wurde die Logik allerdings umgekehrt: Neve Campbell spielt Sidney Prescott, eine jungfräuliche Schülerin von der High-School, die von einem maskierten Killer verfolgt wird. Irgendwann in der Mitte des Films verliert sie ihre Jungfräulichkeit an ihren Freund, der—wie sich herausstellt—einer der Mörder ist. Dennoch überlebt sie sämtliche Fortsetzungen.

2007 erschien der Film Teeth, in der zum ersten Mal die jungfräuliche Hauptperson alle das Fürchten lehrt. Dawn (Jess Weixler) ist eine unschuldige, christliche Teenagerin, die vom Schwarm der Schule missbraucht wird. Während dem Übergriff entdeckt die, dass ihre Vagina Zähne hat und beißt ihm seinen Penis ab—ein Schicksal, dass ab dann jedem Mann blüht, der versucht, ihr zu nahezukommen. Wie Shary es zusammenfasst, besitzt sie „die Fähigkeit, sexuelle Lust für sich selbst zu genießen und die Männer, die versuchen, sie sexuell zu verletzen, dauerhaft zu bestrafen."

Unfreiwillig komisch

Außerhalb des Horrorgenres dient Jungfräulichkeit oftmals als Lacher. In dem 1995 erschienen Teenie-Streifen Clueless wird Cher (Alicia Silverstone) dafür verspottet, dass sie eine „Jungfrau ist, die nicht fahren kann".

In dem 90er-Kultklassiker Eiskalte Engel tritt Selma Blair als ultra-naive Jungfrau Cecile auf. Kathryn (Sarah Michelle Gellar) und ihr Stiefbruder Sebastian (Ryan Phillipe) nutzen das wiederum aus, um Cecile zu verführen, was vor allem zu ziemlich albernen Situationen führt, wie der berühmt-berüchtigten lesbischen Kussszene oder der Szene, in der Sebastian sie „dort" küsst.

2010 spielte Emma Stone die Rolle der Olive Penderghast in der Komödie Einfach zu haben. Um einen Campingtrip mit ihrer besten Freundin und ihren Hippieeltern zu umgehen, lügt Olive und behauptet, ihre Jungfräulichkeit verloren zu haben. Ein streng gläubiges Christenmädchen aus ihrer High-School hört Olives Geschichte zufällig mit und schon kurz darauf spricht sich die Geschichte in der ganzen Schule herum. Die unerwartete Wendung ist, dass Olive ihren neuen Status als Schulschlampe annimmt und sich für eine kurze Zeit sogar daran bereichert, weil Jungs anfangen, ihr Geschenkkarten zu geben, damit sie so tut, als hätte sie mit ihnen geschlafen. So kehrt der Film das traditionelle Bild der demütigen Jungfrau humorvoll um.

Filme und Fernsehsendungen wie Jane the Virgin signalisieren eine Wende in der Art und Weise, wie Jungfräulichkeit in der modernen Kunst und Kultur dargestellt wird. Heutzutage wird innerhalb der Medien offen über Jungfräulichkeit diskutiert und eine gelassenere Herangehensweise an ein Thema gefördert, das historisch betrachtet eigentlich immer mit Ehrfurcht betrachtet wurde. Wie James Poniewozik in seiner Rezension zu Jane the Virgin in der Times schrieb: „Die Sendung stellt ihre Jungfräulichkeit zwar in den Vordergrund—immerhin ist es auch Teil des Titels—, stellt sie jedoch weder als Bürde noch als Grund für einen Kreuzzug dar." Was man von der anderen jungfräulichen Geburt, die wir jedes Jahr feiern, nicht so ganz behaupten kann.


Foto: Jorge Gonzalez | Flickr | CC BY-SA 2.0

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