Internet

Wie ehemalige Extremistinnen versuchen, junge Frauen vor dem IS zu schützen

Frauen werden für den Islamischen Staat immer wichtiger, der seine Rekrutinnen vor allem im Internet anwirbt. Verschiedene Organisationen wollen dies nun unterbinden—und die Terrormiliz mit ihren eigenen Waffen schlagen.

von Lara Whyte
21 November 2016, 8:00am

Illustration by Katherine Killeffer

Amira* wurde gegen Ende ihrer Teenagerjahre von der islamistischen Terrorgruppe IS rekrutiert. Das war vor zehn Jahren. „Ich wurde an der Universität radikalisiert. Sie haben meine Hoffnungen und meine Sehnsucht nach einer besseren Welt ausgenutzt", sagt sie.

Im Jahr 2014 hat der IS ein neues „Kalifat" ausgerufen. Seither wurden hunderte Mädchen und Frauen in die vom IS besetzten Gebiete in Syrien und im Irak gelockt. Der IS hat sogar eine eigene Abteilung nur für Frauen: die Al-Khanssaa-Brigade, die Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook nutzt, um junge Frauen aus der ganzen Welt zu rekrutieren. Genau das versucht Amira nun zu verhindern. Sie arbeitet als freiwillige Mitarbeiterin für ein Programm, das sich One to One nennt und sich über Facebook an Männer und Frauen wendet, die dabei sind radikalisiert zu werden.

„Die IS-Rekrutierer waren ziemlich clever und haben eine utopische Traumvorstellung verkauft", sagt sie. „Jetzt möchte ich andere davor warnen, nicht denselben Weg einzuschlagen. Ich will ihnen sagen, dass es vollkommen umsonst ist und dass sie bessere Optionen haben. Du bist weder durch deine Religion noch durch deinen Gott dazu verpflichtet."

Mehr lesen: „IS-Soldaten sind leichte Ziele"—die Frau, die loszog um den IS zu bekämpfen

One to One arbeitet daran, Menschen in den USA und in Großbritannien ausfindig zu machen, die besonders gefährdet sind, durch die Online-Indoktrinierung radikalisiert zu werden. Im nächsten Schritt versuchen ehemalige Extremisten wie Amira dann Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Sie ist nur einer der Frauen, die von der Kampagne aus dem Netzwerk Against Violent Extremism angeheuert wurde—einer Gruppe von insgesamt 309 ehemaligen Extremist_innen aus der ganzen Welt. Gemeinsam mit neun weiteren Mitgliedern des Netzwerks schickt sie Frauen, die offenbar im Kontakt mit dem IS stehen, anonyme Facebook-Nachrichten und versucht sie aufzuklären.

„Die Extremisten sind unglaublich gerissen und nutzen das Internet zu ihrem Vorteil. Dem konnten wir bisher nicht wirklich viel entgegensetzen. Also haben wir diese Lücke identifiziert und beginnen nun, sie langsam zu füllen", erklärt Moli Dow, Projektkoordinator am Institut für Strategischen Dialog—dem Londoner Thinktank, der hinter One to One steckt. Die Gruppe hat bisher insgesamt 154 Männer und Frauen ausfindig gemacht, die entweder Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen in den USA oder islamistischen Extremist_innen in Großbritannien hatten. Außerdem haben sie ehemalige Extremist_innen aus verschiedenen Gruppierungen angeheuert, um entsprechend auf die Leute zugehen zu können.

Die Kandidaten waren keine subtilen Unterstützer gewalttätiger Extremisten—wir sprechen hier von Leuten, die kurz davor waren zu kippen.

One to One wählt die Menschen, auf die das Programm zugeht, nach dem aus, was sie öffentlich teilen—wenn zum Beispiel auf Seiten verlinkt wird, die für Extremismus und extremistische Gruppen in den sozialen Netzwerken werben. „Wir verbringen sehr viel Zeit damit, die richtigen Kandidaten ausfindig zu machen", erklärt Dow. „Bei One to One zielen wir auf gewalttätige Extremisten ab. Ein Eingreifen ist dann angebracht, wenn sich jemand an der äußersten Grenze zu extremistischen Handlungen bewegt. Die Kandidaten waren keine subtilen Unterstützer gewalttätiger Extremisten—wir sprechen hier von Leuten, die kurz davor waren zu kippen."

Der IS versucht aktuell die durch die USA unterstützte Militäroffensive auf Mossul abzuwehren. Seit 2014 konnte die Terrororganisation schätzungsweise 30.000 Personen aus dem Ausland in den Irak und nach Syrien zu holen. Laut Martin Reardon, dem ehemaligen Leiter des Terrorist Screening Operations Center des FBI, machen Frauen „mehreren Schätzungen zufolge zehn Prozent der Personen aus", die in diese Regionen reisen, um sich dem IS anzuschließen.

Während die Zahl der ausländischen Kämpfer, die nach Syrien reisen, in diesem Jahr drastisch gesunken ist, hat die Zahl der Frauen, die ihr Zuhause verlassen, um sich dem IS anzuschließen, sogar zugenommen. „In den vergangenen 24 Monaten haben wir einen starken Anstieg von Frauen erlebt, die sich auf dem Weg [in die vom IS besetzten Gebiete] gemacht haben", sagt Dr. Erin Saltman, Gender- und Terrorismusexpertin am Institut für Strategischen Dialog. Saltman hat die Daten unzähliger weiblicher Auswanderer innerhalb des IS gesammelt und ausgewertet. „Während also die Welle der männlichen terroristischen Kämpfer aus dem Ausland ihren Höhepunkt erreicht hat, folgte eine zweite Welle von weiblichen Kämpfern. Das ging soweit, dass in einigen Ländern wie Frankreich Frauen schätzungsweise 40 Prozent der Rekrutierten ausmachten."

Folgt Broadly bei Facebook, Twitter und Instagram.

Frauen geraten jedoch nicht nur in das Visier von IS-Rekrutierern, sie spielen auch eine entscheidende Rolle bei der Organisation der Propagandamaschinerie. Ein Team aus Forschern, angeführt von Dr. Neil Johnson von der Universität von Miami, hat die Social-Media-Profile von 40.000 IS-Unterstützern analysiert und stellte dabei fest, dass hinter 16.000 dieser Profile Frauen steckten. Unter Berufung auf Open-Source-Informationen von VKontakte, einem sozialen Netzwerk aus Russland, das als Hotspot für dschihadistische Aktivitäten gilt, fand Johnson heraus, dass Frauen im IS weitaus mehr sind als passive Dschihadistenbräute und Cheerleader. In Wahrheit spielen viele von ihnen eine führende Schlüsselrolle die der Arbeit mit den Online-Netzwerke der Gruppe.

„Wie wir festgestellt haben, waren 40 Prozent der Personen in diesen Gruppen Frauen und die Posten, die sie innehatten, spielten eine besonders wichtige Rolle innerhalb des Netzwerkes", sagt Johnson. „Sie waren so eine Art Kleber—aus rein rechnerischer Sicht, würde das gesamte Netzwerk zusammenbrechen, wenn man die Posten, die sie einnehmen, streichen würde.

Johnsons Team stellte darüber hinaus auch fest, dass Gruppen mit weiblichen Mitgliedern im Netz länger unentdeckt bleiben. Das ist eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass Social-Media-Unternehmen verstärkt daran arbeiten, extremistische Inhalte zu löschen. Weibliche Dschihadisten schaffen es dennoch regelmäßig Online-Updates in den sozialen Medien zu posten oder private Kontakte zu Leuten im Netz aufzubauen, um sie dazu zu ermutigen nach Syrien zu reisen.

„Es ist gut für die Propaganda und gut für die Rekrutierung, wenn der Islamische Staat zeigen kann, dass er Leute aus der ganzen Welt versammelt", erklärt Reardon. „Ihre Rolle ist allerdings auch eher taktisch als praktisch, weil sie Leute brauchen, um einen Staat aufzubauen. Schließlich muss sich irgendwer um die Schulen kümmern. Außerdem brauchen sie Ärztinnen und Sanitäterinnen und andere Berufe."

Eine Frau mit Niqab am Ganges. Im IS sind die Frauen dazu verpflichtet, den Gesichtsschleier zu tragen. Foto: Abhishek Srivastava | Flickr | CC BY 2.0

Laut Reardon reisen immer weniger Männer nach Syrien und auch die Aussicht, einen Selbstmordanschlag zu verüben, hat unter den männlichen Rekruten einiges an Glanz verloren. Die Radikalisierungsprogramme, die Frauen zur Ausreise ermutigen, scheinen allerdings nach wie vor zu funktionieren. Johnsons Nachforschungen zufolge spielen Frauen eine sehr viel wichtigere Rolle bei den Rekrutierungsprogrammen als bisher angenommen. Außerdem stellen sie eine große Gefahr für andere Frauen dar: Im Laufe des Radikalisierungsprozesses verstricken sich Frauen sehr viel enger, was auch dazu führen kann, dass sie gegenseitig noch tiefer in den Extremismus ziehen.

Jüngere Mädchen scheinen für diese Form der Rekrutierung besonders anfällig zu sein. Im Jahr 2014 brachen drei 15, 16 beziehungsweise 17 Jahre alte Mädchen in Denver auf, um sich dem IS anzuschließen. Sie kamen allerdings nur bis nach Frankfurt. Die Analyse ihrer Social-Media-Profile zeigte, dass sie regelmäßigen Kontakt zu einer Reihe von hochrangigen Rekrutieren hatten. In Großbritannien verließen im Februar 2015 ebenfalls drei britische Schülerinnen im Alter von 15 bis 17 Jahren ihr Zuhause im Osten Londons, um in die vom IS besetzten Gebiete auszureisen. Die Polizei geht davon aus, dass dies das Ergebnis der Arbeit von Asqa Mahmood war—einer 21-jährigen schottischen Frau, die Ende 2013 nach Syrien gereist war und eine der erfolgreichsten Propagandistinnen der Terrororganisation wurde.

Das Programm One to One war bisher überraschend erfolgreich. „Wir haben mit Morddrohungen gerechnet. Wir haben wirklich negative Reaktionen erwartet", erklärt Dow. „Wir haben alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen für den Fall, dass uns eine unmittelbare Gefahr drohen würde. Bisher haben wir allerdings keine einzige Drohung und insgesamt auch nur zwei negative Reaktionen erhalten."

Von den Leuten, die sie online ausfindig gemacht haben, ließen sich 60 Prozent auf eine Unterhaltung mit den ehemaligen Extremisten ein. Ähnlich viele von ihnen gingen ein—wie Dow es nennt—„nachhaltiges Engagement" ein. Das heißt, dass mindestes fünf Nachrichten ausgetauscht wurden und sie eine „aussagekräftige Unterhaltung" geführt haben.

Wir erwarten nicht, dass wir die Denkweise eines Menschen innerhalb weniger Gespräche verändern können, aber wir versuchen Zweifel zu sähen.

Unter den ehemaligen Extremisten ist Amira die mit Abstand erfolgreichste, wenn er darum geht, den Kontakt herzustellen und aufrechtzuerhalten. Von den Mädchen und Frauen, die sie angeschrieben hat, haben ihre 90 Prozent geantwortet. Das ist die bei weitem höchste Reaktionsquote in der gesamten Gruppe. Sie muss zugegeben, dass sie sich mit einigen der jungen Mädchen und Frauen sehr verbunden fühlt, aber „mehr aus einem Gefühl der Verantwortung heraus". Sie versucht, sie dazu zu bringen, ihr und nicht den islamistischen Rekrutierern zu vertrauen—immer locker wirkend, aber auch unvoreingenommen und mitfühlend.

„Frauen, die eine sehr strikte und konservative Auslegung des Islams praktizieren, haben oft das Gefühl, nicht [nach Großbritannien] zu gehören", erklärt Amira. „Bei jungen Mädchen ist das oft Teil ihrer Identitätsfindungsphase. In ihren Augen ist es extrem aufregend, mit Freunden an einen unbekannten Ort zu ziehen, an dem sie ihre Religion frei praktizieren können und von jedem akzeptiert werden und die anderen genauso sind wie sie."

Amira sagt, dass sie auch ihre persönliche Erfahrung als Frau und ehemaliges Mitglied einer islamistischen Gruppe mit ihnen teilt. Sie war nach eigener Aussage überrascht, dass ihr die Mädchen, mit denen sie gesprochen hat, „sofort vertraut haben." Sie glaubt, dass das Programm deutlich macht, wie verwundbar junge Frauen im Netz sind. Gleichzeitig macht es aber auch deutlich, dass es möglich ist, den Strom von Frauen, die vom IS radikalisiert werden, einzudämmen und dass die Maßnahmen, die direkt auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind, dringend verstärkt werden müssen.

Mehr lesen: „Niemand redet mehr mit mir"—wenn deine Töchter zum IS überlaufen

„Wir müssen tun, was der IS tut—nur eben besser", meint Amira.

„Ehemalige" wie Amira, erklärt Dow, bieten weiblichen Rekruten eine spannende und wichtige Alternative zur IS-Propaganda. „Die Ehemaligen waren genau in der Gruppierung, von der [die neuen Rekruten] gerne ein Teil wären. Sie können ihnen sagen: ‚Ja, damals bin ich ausgereist um zu kämpfen.' Für sie ist das aufregend und ein Abenteuer, auf das sie sich freuen."

Im Moment ist geplant, das Programm anzupassen und mit Gruppen zu teilen, die in anderen Ländern tätig sind und dieselben Ziele haben. Das Ganze befindet sich derzeit allerdings noch in der Pilotphase. Die Arbeit ist und bleibt heikel und hängt letztendlich von einer sehr kleinen Gruppe von Spezialisten ab: ehemaligen weiblichen Extremisten, die bereit sind, für eine Anti-Radikalisierungskampagne zu arbeiten. Einfach zu finden sind diese Frauen natürlich nicht.

„Entradikalisierung ist ein Prozess, der Jahre dauern kann—ähnlich wie bei einer Sucht", erklärt Dow. „Wir erwarten nicht, dass wir die Denkweise eines Menschen innerhalb weniger Gespräche verändern können, aber wir versuchen Zweifel zu sähen—und das ist der erste Schritt auf ihrem Weg zurück."


*Name wurde geändert.