Der Gender Pay Gap macht Frauen nicht nur arm, sondern auch krank

Laut aktuellen Forschungsergebnissen gibt es einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Angststörungen, Depressionen und der nach wie vor vorherrschenden Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz.

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29 März 2017, 10:00am

Photo by Michela Ravasio via Stocksy

Wenn sich dein Arbeitsweg am Morgen besonders schwer anfühlt, könnte das nicht nur an der allgemeinen kapitalistischen Tristesse liegen. Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass die wirtschaftliche Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz spürbare Folgen für ihre psychische und körperliche Gesundheit haben kann. Geschlechtsspezifische Lohnunterschiede schaden also nicht nur deinem Geldbeutel, sondern auch deiner Gesundheit.

Die sogenannte geschlechtsspezifische Lohnlücke oder auch Gender Pay Gap ist eine gut dokumentierte Tragödie von Industrienationen. Statistiken aus Europa, Australien und den USA haben bereits gezeigt, dass die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen in Vollzeitbeschäftigung zwischen 13 und 23 Prozent ausmachen können. In Deutschland ist der durchschnittliche Bruttoverdienst von Frauen aktuell 21 Prozent niedriger als der von Männern, wie das Statistische Bundesamt vor Kurzem zum Equal Pay Day bekannt gab. Dieser Unterschied ist nicht nur die Folge der eigenen, individuellen Berufswahl und der jeweilig gewählten Branche. Auch mit ähnlicher Qualifikation im selben Berufszweig verdienen Frauen weniger.

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Gleichzeitig gibt es immer mehr Studien, die die körperliche und psychische Gesundheit von Männern und Frauen gegenüberstellen und dabei feststellen, dass Frauen bei diesem Vergleich deutlich schlechter abschneiden. Beispielsweise leiden Frauen in Deutschland im Vergleich zu Männern mehr als doppelt so oft unter Angststörungen. Dasselbe gilt auch für Frauen in England und Australien. Welchen Einfluss wirtschaftliche Faktoren auf das Erkrankungsrisiko haben, wurde über Jahrzehnte hinweg unterschätzt. Aktuelle Untersuchungen zeigen nun allerdings, dass der Lohn durchaus eine der grundlegenden Erkrankungsursachen darstellt.

Eine der ersten Untersuchungen hierzu erschien 2016. Damals stellte eine Studie der Columbia University fest, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Angststörung zu erkranken, bei Frauen, die weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen, 2,5-mal höher war. Bisherige Studien haben sich nur mit den Folgen geschlechtsspezifischer Diskriminierung wie Mobbing, sexueller Belästigung oder sexistischer Vetternwirschaft beschäftigt. Die Forscher der Columbia wollten allerdings noch einen Schritt weitergehen und versuchten, die psychischen Folgen ökonomischer Diskriminierung untersuchen – und zwar des geschlechtsspezifischen Lohnunterschieds.

Jonathan Platt vom Institut für Epidemiologie der Columbia University sagt, dass es im Berufsleben noch immer konkrete Formen von geschlechtsspezifischer Diskriminierung gibt – auch wenn Gesetzgeber und Politik scheinbar alles daran setzen, um gegen Sexismus am Arbeitsplatz vorzugehen: "Es geht dabei um strukturelle Faktoren, die so eng mit dem institutionellen Kern der Arbeitswelt verwoben sind, dass selbst Betroffene nur selten erkennen, dass sie diskriminierend werden."

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Im Rahmen seiner Studie hat Platt mehr als 20.000 berufstätige Erwachsene in den USA befragt. Alle Probanden waren zwischen 30 und 65 Jahre alt und arbeiteten in ganz unterschiedlichen Branchen. Die Forscher vermuteten, dass Frauen, die von Lohnunterschieden betroffen sind, negative Arbeitserfahrungen wie eine verpasste Beförderung im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen stärker auf sich selbst beziehen und mit ihrer minderwertigen Arbeitsleistung begründen würden, anstatt darin die Folge systematischer Geschlechterdiskriminierung zu sehen. Zudem nahmen die Forscher auch an, dass eine solche Reaktion die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, dass Frauen an Depressionen und Angststörungen erkranken.

Sie hatten recht. "Wir konnten zeigen, dass das Risiko, unter einer schwerwiegenden Depression oder einer generalisierten Angststörung zu erkranken, im Vergleich zu Männern deutlich höher war, wenn Frauen weniger verdienten als ihr männliches Pendant", sagt Platt. Die Ergebnisse machten aber auch deutlich, dass das Erkrankungsrisiko merklich reduziert war, wenn das Einkommen einer Frau höher war als das ihres männlichen Pendants.

Auch andere Studien konnte einen Zusammenhang zwischen dem (schlechteren) Gesundheitszustand von Frauen und den Ursachen des Gender-Pay-Gap herstellen. Zu diesen Ursachen zählen unter anderem die Diskriminierung von Müttern, die in den Beruf zurückkehren wollen, der hohe Frauenanteil in schlecht bezahlten Branchen und der überwiegende Männeranteil in Führungspositionen.

Foto: Kaboompics | Pexels | CC0

Eine aktuelle australische Studie konnte zeigen, dass "Unterbeschäftigung" in direktem Zusammenhang mit einer Verschlechterung der psychischen Gesundheit steht und vor allem Frauen betrifft. Hinzu kommt, dass Frauen und junge Mütter viel mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes kam zu dem Ergebnis, dass Frauen zwei Drittel ihrer Arbeit unbezahlt machen; bei Männern betraf das weniger als die Hälfte ihrer geleisteten Arbeit. Insgesamt arbeiteten Frauen mit rund 45,5 Stunden etwa eine Stunde mehr als Männer.

Die geringere Erwerbsfähigkeit hat allerdings auch zur Folge, dass Frauen eine geringere finanzielle Sicherheit haben. Das wiederum erhöht das Risiko, unter stressbedingten gesundheitlichen Störungen zu erkranken. Das gilt aber längst nicht nur für Frauen in Industrienationen: Forscher der Weltgesundheitsorganisation haben festgestellt, dass Einkommensungleichheit auch unter Frauen in Entwicklungsländern einer der Hauptrisikofaktoren für Depressionen und Angststörungen darstellt – vor allem in Ländern, in denen die Arbeitnehmerschaft infolge der Globalisierung grundlegend umstrukturiert wurde.

Die Ursachen geschlechtsspezifischer Lohnunterschiede sind sehr vielfältig und komplex, doch die Folgen sind ziemlich eindeutig: mehr Armut und mehr Diskriminierung ergibt mehr gesundheitliche Probleme. Doch was kann man tun, wenn man diesen Zusammenhang erkannt hat?

Zunächst müssten die grundlegenden Ursachen von geschlechtsspezifischen Lohnunterschieden beseitigt werden. Allerdings ist der Nachholbedarf in Deutschland noch extrem hoch: Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes lag Deutschland 2015 mit einer relativ konstanten Lohnlücke von 22 Prozent deutlich über dem Durchschnitt der Europäischen Union (16 Prozent). Im Vergleich zum Rest von Europa schnitten nur Estland (23 Prozent) und die Tschechische Republik (27 Prozent) schlechter ab. Aktivisten fordern daher schon seit Langem grundlegende Veränderungen. Sam Smethers von der Fawcett Society erklärt, dass Arbeitgeber viel stärker zur Verantwortung gezogen werden müssten. Eine besonders wirkungsvolle Maßnahme wäre ihrer Meinung nach eine Berichtspflicht über geschlechtsspezifische Lohnunterschiede in Unternehmen.

"Wir müssen aber auch sicherstellen, dass eine Nichteinhaltung einschneidende Konsequenzen hat", sagt sie. "Wenn wir es nicht schaffen, die Betreuungsaufgaben zwischen Männern und Frauen besser zu verteilen, werden wir die Lohnunterschiede wahrscheinlich trotzdem nie ausgleichen können." Außerdem spiele es eine entscheidende Rolle, dass wir die Arbeit, die überwiegend von Frauen übernommen würde, nicht wertschätzen könnten.

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Genau wie die Fawcett Society betonen auch Platt und sein Forscherteam, dass wir den Wert und die Bezahlung von geschlechtsspezifischen Arbeiten überdenken sollten, wenn Frauen von der zusätzliche Belastung durch den Arbeitsmarkt befreit werden. Neben Reformen für mehr Flexibilität und Lohntransparenz am Arbeitsplatz sollten wir auch über unsere Definition von "Arbeit" nachdenken.

"Wir können das Problem nur lösen, wenn wir uns die Gründe für diese institutionelle Diskriminierung ansehen und uns dazu verpflichten, Frauen für ihre Arbeit genauso zu entlohnen wie Männer", sagt Platt. "Das bedeutet allerdings nicht nur, dass wir Frauen und Männern mit derselben Qualifikation im selben Job denselben Lohn zahlen sollten. Es heißt auch, dass wir wertschätzen sollten, dass Frauen genauso viel arbeiten wie Männer – nur eben in anderen Bereichen."


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